Wilhelm Schmid. Das Memento Mori als Lebenskunst

Wenn du lernst, wie man stirbt, dann lernst du, wie man lebt


Hausarbeit, 2012

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

3. Vom Leben mit dem Tod

4. Die Verdrängung des Todes

5. Der Tod kommt an deine Grenze

6. Das Memento Mori als Lebenskunstführung

7. Die individuelle Freiheit angesichts des Todes

8. Zu lernen wie man stirbt um zu leben

9. Vom Mitsterben mit anderen

10. Das „gute Sterben“

11. Verfügbarkeit über den eigenen Tod

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Weitere Quellen

1. Einleitung

Die meisten Menschen treibt die Angst vor dem Sterben um. Davor haben sie mehr Angst als vor dem Tod als Endgültigkeit. Der Tod gilt als größte und letzte Kränkung der Menschheit, er ist das Negativste am Leben. Eine ganz andere Sichtweise vertritt Wilhelm Schmid in seinem Buch „Philosophie der Lebenskunst“ in dem Kapitel „Äußerste Sorge: Vom Leben mit dem Tod“. Wir sollten lernen, den Tod nicht als unseren Todfeind zu betrachten, sagt Schmid: „Nur was irgendwann aufhört, ist auch schön und kostbar.[1]

In dieser Hausarbeit über „Das Memento Mori als Lebenskunst“, geht es darum herauszufinden, was der Tod in dem Leben eines Menschen bedeutet, warum ihm solch eine Macht zugeschrieben wird, welche nicht selten als überwältigende Angst wahrgenommen wird. Unterschiedliche Meinungen werden aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und interpretiert. Wie wird der Tod in anderen Kulturen verstanden? Es wird beschrieben, wie in der heutigen Hast der Zeit die Gesellschaft mit dem Tod lebt. Kritisch wird auf die Tatsache eingegangen, dass der Tod in unserer Gesellschaft entmenschlicht, zum Verwaltungsakt degradiert wird und einem somit nicht mehr die Möglichkeit bietet, aus ihm zu lernen. Konflikte über die Definition des Begriffs der Euthanasie sowie die Auseinandersetzung mit der Sterbehilfe werden angeschnitten. Fragen über positive Erfahrungen mit dem Tod werden aufgeworfen. Was bedeutet es, mit jemandem mitzusterben, und welche Bedeutung kann eine solche Erfahrung für ein Leben haben? Und welche besondere Beziehung haben eigentlich alte Menschen zu Neugeborenen?

Die Hauptgrundlage für diese Arbeit bildet das Buch von Wilhelm Schmid „Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung“ (1998), darin das Kapitel: „Äußerste Sorge: Vom Leben mit dem Tod“. Veranschaulicht werden Schmids Beschreibungen durch Zitate aus der Sterbebiografie von Mitch Albom, „Dienstags bei Morrie“. Durch die lebensnahen, ungeschminkten Gespräche zwischen dem todkranken Professor Morrie Schwartz und seinem ehemaligen Studenten Mitch Albom wird das Thema des Todes in den Alltag geholt. Weiter verwendet wird der Text von Klaus Feldmann „ Tod und Gesellschaft. Sozialwissenschaftliche Thanatologie im Überblick“.

2. Biografie

Wilhelm Schmid wurde 1953 in Billenhausen in Bayerisch-Schwaben geboren. Er studierte Philosophie und Geschichte in Berlin (FU), Paris (Sorbonne) und Tübingen. Sein Studium schloss er mit einer Doktorarbeit über Michel Foucault ab.[2]

Er übernahm Lehraufträge an der Universität Leipzig, der Technischen Universität Berlin, der Pädagogischen Hochschule Erfurt und der Universität Jena. 1997 habilitierte er sich in Erfurt mit seiner Arbeit „Grundlegung zu einer Philosophie der Lebenskunst“.[3] Viele Jahre lang war er als Gastdozent in Riga (Lettland) und Tiflis (Georgien) sowie als „philosophischer Seelsorger“ an einem Krankenhaus in Affoltern am Albis bei Zürich tätig.[4]

Wilhelm Schmid lebt seit 1980 als freier Philosoph in Berlin. Er lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt.[5] Wilhelm Schmid ist verheiratet und hat vier Kinder.[6]

2012 gewann er den Philosophiepreis für besondere Verdienste bei der Vermittlung von Philosophie.[7]

3. Vom Leben mit dem Tod

In der modernen Zeit werden Schmerz und Tod negiert. Schmid sieht dafür unseren Umgang mit der Zeit als verantwortlichen Faktor: „Die Kultur der Zeit kann nicht mit dem messerscharfen Schnitt in der Zeit leben, den der Tod darstellt, denn er zerstört jede fortschreitende Bewegung […]“ [8]. Der Tod eines Menschen bedeutet den Stillstand der Zeit. Nicht nur durch den Verstorbenen wird deutlich, dass die Zeit endlich ist; auch der Zeuge des Todes befindet sich in einer „Zeit“ außerhalb der Zeit.[9] Da Zeit und Zeitgewinn in unserer Kultur enorm wichtig sind, stört der Tod. Er wird ignoriert, verdrängt und bürokratisch verwaltet. Eine Kultur, in der Zeit eine hohe Wichtigkeit hat, leidet am meisten am Tod. Die Überwindung des Todes wäre „die Aufhebung des Glaubens an die vergehende Zeit […]“ [10], dies würde wiederum den Tod dieser Kultur bedeuten.[11] Doch was bedeutet Zeit heute? In der postmodernen Gesellschaft schreitet die Zeit gefühlsmäßig immer schneller fort, der Fortschritt findet in immer kürzerer Zeit statt. Der Tod setzt dieser zielgerichteten Entwicklung ein Ende.

Eine völlig andere Sichtweise auf den Tod haben Kulturen, in welcher Zeit einen geringeren Stellenwert hat bzw. zyklisch wiederkehrt. Der Tod ist hier Bestandteil dieser Zyklen. Menschen dieser Kulturen sehen daher keinen Grund, den Tod vom Leben auszugrenzen.[12]

Dem Tod ist eine Identität fremd, man kann nicht genau sagen, was er ist. Die Identitätslosigkeit ist so zu verstehen, dass der Tod in Erfahrungen lebt, die mit ihm gemacht werden. Der Tod besteht aus den Vorstellungen, die seiner Existenz Nahrung geben. Die Sprache verleiht ihm Ausdruck, die bildende Kunst stellt ihn dar, die Musik mach ihn hörbar. Jeder kann dem Tod eine eigene Identität verleihen, ihn neu interpretieren.[13]

Die „Geschichte vom Tod als Lebensform ist längst geschrieben“ [14], doch Schmid ist der Meinung, dass diese Geschichte weiter geschrieben werden kann, sobald der Tod als Teil des Lebens wahrgenommen wird. Durch die unumgängliche Konfrontation mit dem Tod z.B. durch Aids ist dies möglich. Diese Krankheit trifft vor allem Menschen, die früh aus dem Leben gerissen werden, und ihre Angehörigen. Hier tritt der Tod wieder für breite Gesellschaftsschichten unmittelbar ins Leben ein.[15]

4. Die Verdrängung des Todes

Der Tod ist für den Menschen etwas Unbegreifliches. Diese Unbegreiflichkeit zeigt sich an dem Leichnam selbst. Er ist noch im Raum und doch schon gegangen, das Lebenswerk ist abgeschlossen mit dem Tod.[16]

Die Angst vor den Toten findet sich in den Riten verschiedener Kulturen. Ein fester Bestandteil dieser Riten war zum Beispiel der Glaube an eine Wiederkehr der Toten. So war die Totenwache dazu da, auf die Leichen aufzupassen, um dem Toten eine Rückkehr ins Leben zu erschweren. Auch die Leichenverbrennung oder Einsargung haben ihren ursprünglichen Charakter in der magischen Abwehr der Toten.[17]

Laut Schmid gibt die Kultur der Moderne vor, den Tod nicht zu kennen. Damit lässt sie den Sterbenden mit seinem Schicksal alleine.[18] In der modernen Gesellschaft, in der das Individuum oft schon vor seinem physischen Tod aus dem gesellschaftlichen Geschehen ausgeschlossen ist, ist die soziale Erschütterung auch entsprechend geringer. Durch die Bürokratisierung und Individualisierung beginnt das soziale Sterben des Individuums lange vor dem physischen Tod.[19] „Eine andere Moderne könnte eine andere Kultur des Lebens mit dem Tod sein[20], sagt Schmid. Er möchte damit nicht einen Rückschritt zu prämodernen Umgangsweisen postulieren. Er fordert eine Haltung, welche zum einen den Sterbenden vor Einsamkeit bewahrt und zum anderen den Mitsterbenden davor, den Tod fliehen zu müssen.[21] Denn „Wer Angst hat, stirbt jeden Tag. Wer keine Angst hat stirbt nur einmal[22].

In der Industriegesellschaft werden die Traditionen im Umgang mit dem Tod durch medizinische und rechtliche Maßnahmen ersetzt. Eine Veränderung der Todes- und Trauerrituale im 20. Jahrhundert ist deutlich. Untersuchungen von Kephart belegen, dass z.B. Leichenverbrennungen zunehmen und dass die letzte Zeit, welche die Angehörigen mit dem Leichnam verbringen, also der Übergang vom Tod zum Begräbnis, immer kürzer wird.[23]

Ein weiterer Gedanke erklärt die Verdrängung des Todes in unserer heutigen Gesellschaft. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich zum Ziel gesetzt hat, Gerechtigkeit zu schaffen. So soll die Schule „Chancengerechtigkeit“ herstellen: Wer mehr leistet, soll mehr verdienen (meritokratisch). Der Tod aber ist niemals gerecht: er tritt zu früh ein oder zu spät, er ist willkürlich und nimmt keine Rücksicht darauf, wer ihn „verdient“ hat. Wir fordern soziale Gleichheit. Da passt die Willkür des Todes nicht hinein.

Durch den bürokratischen Umgang mit dem Tod in der heutigen Gesellschaft und der damit einhergehenden Leere erwacht aber auch das Bedürfnis, ihm neue Form zu geben. Die „Lebensform“ des Todes wird individuell von den Sterbenden und ihren Begleitern gestaltet.[24] Dies macht sich z.B. in der Zunahme von Friedwaldbestattungen bemerkbar.

[...]


[1] Vgl. Mathias Schreiber, Susanne Weingarten. Spiegel-Gespräch mit Wilhelm Schmid: „ Der Tod macht das Leben klarer “

[2] Vgl. lebenskunstphilosophie.de, Wilhelm Schmid

[3] Vgl. wikipedia.org, WilhelmSchmid

[4] Vgl. lebenskunstphilosophie.de, Wilhelm Schmid

[5] Vgl. suhrkamp.de. Autoren. WilhelmSchmid

[6] Vgl. wikipedia.org. Wilhelm Schmid

[7] Vgl. lebenskunstphilosophie.de, Wilhelm Schmid

[8] Schmid, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, S. 348

[9] Vgl. Schmid, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, S. 349

[10] Schmid, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, S. 349

[11] Vgl. Schmid, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, S. 349

[12] Vgl. Schmid, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, S. 349

[13] Vgl. Schmid, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, S. 349

[14] Aus Wilhelm Schmids: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, S. 349. Philippe Ariès, Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, München 1976

[15] Vgl. Schmid, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, S. 349

[16] Vgl. Schmid, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, S. 350-351

[17] Vgl. Feldmann, Klaus: Tod und Gesellschaft. Sozialwissenschaftliche Thanatologie im Ü berblick. S. 13

[18] Vgl. Schmid, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, S 354

[19] Vgl. Feldmann, Klaus: Tod und Gesellschaft. Sozialwissenschaftliche Thanatologie im Ü berblick. S. 16-17

[20] Schmid, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, S. 354

[21] Vgl. Schmid, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung S. 354

[22] Paolo Borsellino, italienischer Richter und „Mafia-Jäger“

[23] Vgl. Feldmann, Klaus: Tod und Gesellschaft. Sozialwissenschaftliche Thanatologie im Ü berblick, S. 16

[24] Vgl. Schmid, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, S. 349

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Wilhelm Schmid. Das Memento Mori als Lebenskunst
Untertitel
Wenn du lernst, wie man stirbt, dann lernst du, wie man lebt
Hochschule
ecosign/Akademie für Gestaltung
Veranstaltung
Philosophische Entwicklung
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V298562
ISBN (eBook)
9783656951360
ISBN (Buch)
9783656951377
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wilhelm Schmid, Tod, Lebenskunst, Mitsterben
Arbeit zitieren
Milena Wälder (Autor:in), 2012, Wilhelm Schmid. Das Memento Mori als Lebenskunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298562

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