Über den Arbeitskampf des Tae-Il Chun

Die Bewegungen bis Juli 1987


Fachbuch, 2015
94 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Teil I
1. Tae-Il Chuns Selbstverbrennung am 13. November 1970
2. Tae-Il Chuns Lebenslauf
3. Die ΒΑΒΟ- und SAMDONG-Arbeiterschaften
4. Verbrennung von Arbeitsgesetzen als Demonstration gegen Arbeitsbedingungen

Teil II
1. Die Arbeiterbewegung um 1970
2. Die Arbeiterbewegungen in der Periode ab 1980
Schlussfolgerungen

Anhang:
Tae-Il Chuns „Testament"
Literatur

Einleitung

Nach einer Statistik des IMF betrug das GDP Südkoreas im Jahr 2014 1449,5 Milliarden US- Dollar (an 13. Stelle weltweit), pro Person 28.739 US-Dollar (an 29. Stelle weltweit). Die großen koreanischen Firmen wie Samsung oder LG bie­ten den etablierten westlichen Firmen auf den Weltmärkten Paroli. Als Beispiel dafür mag der Kampf zwischen Samsung und Apple um Patent- und Designrechte für Smartphones gelten. Auch auf kulturellem Gebiet ist Südkorea inzwischen ein Schwergewicht. Koreanische TV Dramen und auch koreanische Popmusik (Stichwort K-Pop) sind nicht nur in Asien beliebt. Diese kulturelle Bewegung wird unter dem Begriff Korean Wave (Hanryue) zusammengefasst. Doch hinter dieser äußerlichen Fassade des Erfolgs verbirgt sich eine Vielzahl an Problemen, die in der koreani­schen Öffentlichkeit nicht thematisiert werden. Fragen wie, welche Opfer wurden von welchen Bevölkerungskreisen erbracht, um die beispiellose wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen? Ha­ben die Teile der Bevölkerung, die die meisten Opfer gebracht haben, in der Folge des wirtschaft­lichen Aufschwungs auch adäquaten Anteil am geschaffenen Wohlstand erfahren? Wenn nicht, was wurde unternommen, um das Ungleichge­wicht zu beseitigen bzw. was sollte in dieser Sa­che unternommen werden.

Wird nach dem Grund tur das südkoreanische Wirtschaftswachstum gefragt, wird zumeist als Grund die Wirtschaftsentwicklung durch die fünf­jährigen Rahmenpläne seit I960 genannt. Diese Art der Entwicklung wurde unter Präsident Jung- Hee Park eingeführt. Der Erfolg wurde auch als „Wunder am Han Fluss“ bezeichnet, der die Hauptstadt Seoul in einen nördlichen und südli­chen Teil trennt. Trotz dieser positiven gesamt­wirtschaftlichen Entwicklung über Jahrzehnte sindjedoch die sozialen Probleme infolge der un­gleichmäßigen Verteilung der Früchte des Wachs­tums geblieben: Auf der einen Seite genießt eine kleine Gruppe der Koreaner einen, auch im Maß­stab der etablierten Industrienationen, beachtli­chen Reichtum. Auf der anderen Seite leidet die überwiegende Zahl der Koreaner unter der Un­gleichheit der Vermögensverteilung. Eine Mittel­standschicht fehlt fast vollständig. Diese Gesell­schaftsstrukturen haben im Laufe der Jahre auch den Arbeitsmarkt geformt. Im Rahmen der soge­nannten Regierungspolitik der „Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt“ , die seit den 90er Jahren ver­stärkt betont wird, gab es keinen Platz für die so­zial Schwachen. Sie zeugte von völliger Un­kenntnis oder Ignoranz der realen Bedingungen. Als Faustformel für die weltweite Verteilung des

Reichtums mag dienen das 1% der Bevölkerung über 99%[1] des gesamten Vermögens verfügen. Dies trifft auch auf Korea zu, als eine Folge der Umverteilung im Zuge des in den 60er Jahren be­gonnenen Wirtschaftswachstums. Diese unglei­che Verteilung strahlt bis in den koreanischen Jus­tizapparat aus. Eine Art Gewohnheitsprinzip be­sagt: Wer Geld hat, geht nicht ins Gefängnis, auch bei Vorliegen einer schweren Straftat. Das bedeu­tet auch, wer kein Geld hat, bekommt auch für leichte Straftaten eher eine Gefängnisstrafe. „Geld ist Alles“ ist im Unterbewusstsein der Koreaner präsent.

Schon in den 60er Jahren griff unter den Arbei­tern Unzufriedenheit über die mangelnde Teilhabe am neu entstehenden Wohlstand um sich. Es kam jedoch noch nicht zu einer kollektiven Bündelung und Äußerung des Protestes. Dies geschah erst in den 70er Jahren. Ausgangspunkt der Arbeiterbe­wegung der 70er und 80er Jahre war der Selbst­mord des Schneiders TAE-IL CHUN. Seine letz­ten Worte „Mein Tod soll nicht umsonst sein“, entzündeten die Proteste, denen sich auch die Stu­dentenbewegung anschloss. TAE-IL CHUN starb am 13. November 1970 im Alter von 22 Jahren an den Folgen seiner Selbstverbrennung. Er hatte als Schneider auf dem traditionellen Pyounghwa Markt gearbeitet. Auf dem Weg zu seinem Selbstopfer schrie er unter anderem: „Das Arbeits­gesetz muss eingehalten werden!“

Das Schicksal des Schneiders TAE-IL CHUN war vielen ein Dorn im Auge, aber auch eine schwere Bürde für die koreanische Arbeiterbewe­gung. Er hat bei den meisten Arbeitern die Hoff­nung auf ein besseres Leben geweckt. In den 60er und 70er Jahren besaßen sie keine Kenntnisse der Arbeitsgesetzgebung und wussten nicht, wie ein Arbeitskampf zu führen war. TAE-IL CHUN war wie ein Signalfeuer für die Arbeiter.

Dieses Buch analysiert den koreanischen Ar­beitsmarkt, ausgehend von den Vorgängen um TAE-IL CHUN, dessen Freitod die Arbeiterbewe­gung der 70er und 80er Jahre entfacht hat. Die zentrale Fragestellung lautet: Wie hat sein Bei­spiel den Arbeitsmarkt geprägt und was ist sein Vermächtnis?

Teil I

TAE-IL CHUN

Der erste Teil der Arbeit behandelt die Person TAE-IL CHUN und die Hintergründe seiner Selbstverbrennung. Zunächst wird untersucht, wie sein Interesse für die Arbeiterbewegung entstan­den ist Aus seinem Lebensweg heraus wird dann sein Opfer vom 13. November 1973 analysiert. Es wird die Frage diskutiert, ob die Tat aus individu­ellen Gründen erfolgte oder auf sozialen und politischen Gegebenheiten gründete.

1. TAE-IL CHUNS SELBSTVERBREN­NUNG AM 13. NOVEMBER 1970

„Die Selbstverbrennung des Tae-Il Chun am 13, November 1970“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Seite 7 der Tageszeitung Kyunghyang vom 14. November 1970

„Ein Schneider des traditionellen Pyounghwa- Marktes hat sich aus Protest gegen die schlech- ten Arbeitsbedingungen selbst verbrannt und ist an den Folgen im Krankenhaus gestorben “

„Am Nachmittag des 13. gegen 14 Uhr hat sich der Schneider Tae-Il Chun ( Wohnsitz in Seoul ,Ssang- mundong 208 Sengbukgu) bei einer geselligen Zu­sammenkunft an der Vorderseite des traditionellen Pyounghwa Marktes in Uljiro 6, Junggu Seoul, mit Benzin zu verbrennen versucht. Er ist im National Medical Center des katholischen Krankenhaus gegen 22 Uhr gestorben. Er wollte Arbeitsgesetze verbren­nen. Als er davon abgehalten wurde, hat er sich gleich selbst angezündet..“

Am 13. November 1970 gegen 14 Uhr haben sich ca. 500 Arbeiter vor der Kukmin-Bank am Pyounghwa- Markt[2] versammelt. Die Mitglieder der SAM- DONGHAE haben sich auf dem Flur im 3. Stock ei­nes in Sichtweite befindlichen Gebäudes vor der Polizei versteckt und beobachten die Situation drau­ßen aufmerksam. TAE-IL CHUN ist unter ihnen. Mit einem Transparent auf dem steht „Wir sind keine Maschinen“ wollen er und seine Mitstreiter aus dem Gebäude auf die Straße gehen. Aber schon im Trep­penhaus werden sie von der Polizei aufgehalten, das Transparent wird zerrissen. Die Gruppe muss sich wieder ins Gebäude zurückziehen. Etwa 10 Minuten später kommt Tae-Il Chun alleine auf die Straße In Händen hält er ein Arbeitsrechtsbuch. Flammen be­ginnen, an seinem ganzen Körper aufzulodern. So rennt er Richtung Kukmin-Bank, wo die anderen Ar­beiter stehen und schreit auf dem Weg:

„Das Gesetz zum Arbeitsstandard muss eingehalten werden“

„ Wir sind keine Maschinen!“

„Der Sonntag muss arbeitsfrei sein!“

„Man darf die Arbeiter nicht unmenschlich behan­deln!“

Danach ist er hingefallen und hat aus allem Kräften geschrien: „Mein Tod soll nicht umsonst sein!“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine Selbstverbrennung ist zutiefst anormal und un­vorstellbar im normalen Alltagsleben. Trotzdem ist es am 13. November 1970 in Seoul passiert. Allen Ko­reaner sollte sich die Frage nach dem warum stellen.

Für die eine emotionsfreie Untersuchung des Vor­gangs bietet sich das journalistische Vorgehen an, die 6 W-Fragen zu stellen:

1. Was geschah?

Ein Mann hat sich selbst verbrannt.

2. Wer ist beteiligt?

Chun Tae-Il

3. Wo geschah es?

Auf dem traditionellen Pyounghwa-Markt in Seoul.

4. Wann geschah es?

Am 13. November 1970.

5. Wie geschah es?

Die Person ist mit lodernden Flammen auf der Kleidung aus einem Gebäude gekommen.

6. Warum geschah es?

Die Person verlangte die Einhaltung der Arbeitsgesetze.

2. TAE-IL CHUNS LEBENSLAUF

Wer war TAE-IL CHUN?

Was sind die Hintergründe seiner Selbstverbrennung?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tae-Il Chun: Tae-Il Chun Stiftung (http://www.chuntaeil.org)

TAE-IL CHUN wurde am 26. August 1948 in Daegu/Südkorea geboren und ist am 13.November 1970 in Seoul gestorben. Ab dem Jahr I960 besuchte er die Namdaemun Grundschule im Herzen von Seoul und wechselte im Jahr 1963 auf die Höhere Zi­vilschule Chongok in Daegu. Den Besuch der höhe­ren Schule musste er aber abbrechen. Er wuchs bei seinen Eltern zusammen mit 2 Schwestern und einem Bruder auf. Als Beruf ist Schneider eingetragen.

Wer war TAE-IL CHUN?

TAE-IL CHUN wuchs unter ärmlichen Verhältnissen auf. Die Familie konnte sich seinen Besuch der höhe­ren Schule nur kurz finanziell erlauben. Im Jahr 1964 nahm er eine Anstellung als Aushilfe bei einem Be­kleidungshersteller auf dem Pyounghwa Markt an. 1965 wurde er mit 17 Jahren Nähmaschinenhelfer bei Samilsa. Im Jahr 1966 wechselte er als Nähmaschi­nenbediener zu Tongilsa und wurde 1967 Schneider bei Hanmisa.

Woher kam sein Interesse für die Arbeiterbewegung und wann fing es an?

Im Jahr 1965 kam TAE-IL CHUN als Nähmaschi­nenhelfer mit jungen Arbeiterrinnen zusammen und beobachtete ihre schwierigen Arbeitsbedingungen wie niedrige Löhne, schlecht eingerichtete Ar­beitsplätze und ein Übermaß an Arbeit. Dieses Milieu erwies sich als Nährboden für seinen Kampfgeist. Besonders prägte ihn das Erlebnis, als eine Arbeite­rin, die wegen Überarbeit eine Lungenentzündung als Arbeitskrankheit erlitt, einfach entlassen wurde. Weil er sich ihr die Kranke einsetzte, wurde auch er ent­lassen. Das war im Sommer 1966.

Im 17. August 1966 wurde er dann als Schneider­gehilfe bei Hanmisa angestellt und am Ende des Jah­res selbst zum Schneider befördert. Sein Vorgänger war nach Streit mit dem Chef entlassen worden.

Die Position eines Schneiders hatte große Bedeu­tung für TAE-IL CHUN. Er glaubte, so anderen Ar­beitern helfen zu können. Seitdem er die wahre Lage der Arbeiter auf dem Pyounghwa Markt vor Augen hatte, überlegte er, wie sich die Situation der sozialen schwachen Arbeiter verbessern ließe. Um anderen helfen zu können, benötigte er eine angemessene Po­sition. Das war die Position Schneiders.

Schneider war in der Hierarchie derjenige, der für die Arbeiter mit dem Chef den Lohn aushandelte, und auch ein Mitspracherecht bei der Festlegung der sonstigen Arbeitsbedingungen besaß. Aber die meis­ten Schneider stellten sich nicht auf die Seite der Arbeiter sondern vertraten die Interessen der Arbeit­geber TAE-IL CHUN hatte die Wichtigkeit dieser Po­sition erkannt und bewusst mit der Absicht ange­strebt, die Arbeiter gegenüber dem Arbeitgeber zu unterstützen.

Im Jahr 1968 bekam er durch Zufall das Gesetz zum Arbeitsstandard in die Hände, das zum Schutz der Arbeiter erlassen worden war. Nachdem er den Gesetzestext einschließlich der Kommentare mehr­mals gelesen hatte, erkannte TAE-IL CHUN, dass die reale Situation der Arbeiter nicht den Minimalforde­rungen genügte, die das Gesetz garantierte. Um diese Situation zu verbessern und dem Gesetz Geltung zu verschaffen, gründete er im Juni 1969 einen Zusam­menschluss Betroffener, die BABO-Arbeiterschaft. Diese Organisation gilt als die erste Arbeiterbewe­gung auf dem Pyounghwa Markt. Mit dieser Grün­dung wollte TAE-IL CHUN die anderen Arbeiter über den Inhalt des Arbeitsgesetzes aufklären und die Kluft zwischen den realen Arbeitsbedingungen und der Intention des Gesetzes verringern.

3. DIE ΒΑΒΟ- UND SAMDONG-AR- BEITERSCHAFTEN

Die BABO-Arbeiterschaft (=Dummeleute-Arbeiter- schaft) wurde im Jahr 1968 von TAE-IL CHUN ge­gründet. Im Juni 1969 hielt die Organisation ihre Gründungsversammlung in einem chinesischen Restaurant in der Nähe der Duksu-Mittelschule im Zentrum von Seoul ab. Das Ziel der Arbeiterschafts war die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen. Es ist überliefert, dass TAE-IL CHUN den Namen BABO aufbrachte. Der Vorschlag wurde ohne Ge­genstimmen angenommen.

Wie kam TAE-IL CHUN auf den Gedanken, eine sol­che Bezeichnung zu wählen?

Der Name selbst drückt schon Protest aus, Protest ge­gen die eigene Behandlung. Die meisten Arbeiter wurden von ihrem Arbeitgeber als Dummköpfe ange­sehen und auch entsprechend behandelt und ausge­beutet. Obwohl ihnen von Rechts wegen eine menschliche Behandlung zusteht, werden sie von der überwiegenden Zahl der Arbeitgeber wie Maschinen behandelt, ungerecht und sogar misshandelt. Trotz dieser erniedrigenden Bedingungen erhebt kaum je­mand der Betroffenen seine Stimme gegen diese Missstände. Aus diesem Grunde bezeichnet er die Ar­beiter selbstkritisch als Dummköpfe. Die Bezeich­ nung soll sie aufrütteln und zugleich motivieren, ge­gen das ihnen täglich widerfahrende Unrecht zu kämpfen und die Bezeichnung dadurch hinter sich zu lassen.

TAE-IL CHUN wurde in der ersten Sitzung zum Vor­sitzenden der BABO Arbeiterschaft gewählt. Er leg­te folgenden Leitfaden für die Tätigkeit seiner Ar­beiterschaft vor[3]:

1. Wir kämpfen für die 30.000 Arbeiter des Py- ounghwa Marktes, dass ihre Arbeitsbedingun­gen den Vorschriften des Arbeitsgesetzes an­geglichen werden. Das Gesetz sieht einen Regelarbeitstag von 8 Stunden pro Tag und die Sonntagspause vor. Aber entgegen den gesetzlichen Regelungen verlangen die Arbeitgeber tägliche Arbeitszei­ten von 14 oder sogar 15 Stunden pro Tag, Arbeit bis spät in die Nacht und Sonntagsar­beit. Solche gesetzeswidrigen Zustände müs­sen unbedingt korrigiert werden.

Ein Beispiel: Es gibt Aushilfen, die gerade von der Grundschule gekommen sind. Sie können wegen der langen Arbeitszeiten keine Ausbil­dung mehr machen und leiden wegen der Ar­beitsbedingungen an vielen Krankheiten. Sie befinden sich noch in der Wachstumsperiode, leiden aber unter Wachstumsstörungen, da sie monatelang kein Sonne zu sehen bekommen.

2. Um die Ziele zu erreichen, müssen wir eine starke BABO-Organisation aufbauen.

Die Organisation ist die einzige Stütze für die­jenigen, die kein Geld besitzen und keine Aus­bildung absolviert haben. Diese Organisation soll durch ihre Ziele und die Vermittlung der Kenntnis über das Arbeitsgesetz die Arbeiter­bewegung stabilisieren. Die Organisation soll durch die Werbung neuer Mitglieder ausge­weitet werden. Als Verbindungsglied zwischen den Mitgliedern soll ein Büro eröffnet werden. Es ist beabsichtigt, dieses Büro später zu einer Arbeitergewerkschaft zu entwickeln.

3. Wir müssen die Arbeitsbedingungen untersu­chen: Es gibt einen zuständigen Beamten des Arbeitsamtes, um die Einhaltung des Arbeits­gesetzes zu beobachten. Die Arbeitsbedingun­gen auf dem Pyounghwa Markt sollen unter­sucht werden und die Ergebnisse den Auf­sichtsbeamten vorgelegt werden, mit dem Ziel, Verbesserungen zu erzwingen. 4 ber die Forderungen der Arbeiter nicht mehr leichthin zurückweisen.

Die erste Arbeiterbewegung auf dem Pyoung- hwa Markt, durch jüngere Arbeiter unter Füh­rung von TAE-IL CHUN gegründet, arbeitete nicht zufriedenstellend. Gründe dafür, gab es viele, wie Schwierigkeiten bei der Versamm­lung der Mitglieder, Spott und Hohn von An­deren, Betrug durch Arbeitsamt, Aufsichtsbe­amte, negative Presseberichte sowie der Wunsch seiner Familie, zum Lebensunterhalt beizutragen. Für TAE-IL CHUN war es eine große Belastung, wenn andere Arbeiter sich über sein Engagement für bessere Arbeitsbe­dingungen lustig machten. Nachdem er sich selbst aus Protest gegen die ungerechten Ar­beitsbedingungen geopfert hatte, haben die an­deren Schneider ihn nach seinem Tod kriti­siert: ,,Obwohl er tot ist, gibt es keine Ände­rung. Sein Opfer war unsinnig.“5

Es sollte nicht übersehen werden, das TAE-IL CHUNs Selbstopfer, das im wirklichen Sinne den Arbeitern gewidmet war, im Gegensatz zu der Meinung eben dieser Arbeiter stand. TAE-IL CHUN hat damals über diese Situati­on an einen guten Bekannten in einem Brief geschrieben: „...ich leide so sehr darunter, wenn man sich über mich lustig macht. Das ist ziemlich brutalfür mich...“ 6 Dieser Satz lässt uns seinen seelischen Schmerz fühlen.

Letztendlich hatte sein Arbeitskampf gegen die Un­gerechtigkeit mit der gegründeten BABO-Arbeiter- schaft keinen Erfolg. Demzufolge konnte er nicht mehr auf dem Pyounghwa Markt arbeiten. Naturge­mäß wollten die meisten Arbeitgeber keine Arbeiter haben, die andere Arbeiter gegen sie aufhetzen. Da­her musste er lange Zeit harte körperliche Arbeit, wie auf Baustellen, verrichten.

Während er ohne feste Arbeit anstrengende Aus­hilfsarbeiten verrichten musste, verfestigte sich sein Entschluss, sich auch weiterhin für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf dem Pyounghwa Markt einzusetzen. Im September 1970 tauchte TAE-IL CHUN mit diesem Entschluss wieder auf dem Py­ounghwa Markt auf. Er konnte dort wieder als Schneider arbeiten, weil er in Vergessenheit geraten war. Er hatte sich zwischenzeitlich unauffällig ver­halten und auch mehrfach den Arbeitgeber gewech­selt. Seine erste Aktion nach der Rückkehr war die Gründung der SAMDONG-Arbeiterschaft. Das war am 16. September 1970.

Die SAMDONG-Arbeiterschaft stellte keine neue Organisation dar. Sie ging faktisch aus der Umbenen­nung der BABO-Arbeiterschaft hervor. Die Ziele der SAMDONG-Arbeiterschaft waren: Schutz der min­derjährigen Arbeiter und Verbesserung der allgemei­nen Arbeitsbedingungen durch gemeinsames Han­deln. Die illegalen und unmenschlichen Arbeitsbe­dingungen des Pyounghwa Marktes sollten offen gelegt und bekämpft werden.

Als erste Aktion wurde eine Untersuchung der wahren Sachlage auf dem Pyounghwa Markt durch­geführt. Aufgrund dieser Untersuchung wurde am 6. Oktober 1970 eine „Bittschrift zur Verbesserungen der Arbeitsbedingungen für die Arbeiter in den Be­kleidungsverarbeitungsbetrieben des Pyounghwa Marktes“ an den Arbeitsamt gerichtet. Der genaue Inhalt der Bittschrift lautete7: 126 Arbeitern des Py­ounghwa Marktes wurden befragt. Davon arbeiteten 120 Arbeiter (95%) 14 bis 16 Stunden pro Tag. 96 Arbeiter ( 77%) litten unter Bronchitis oder Lungen­tuberkulose. 102 Arbeiter (81%) hatten Schwierigkei­ten beim Essen wegen neurologisch bedingter Ga- stroenteropathie. Die meisten der Befragten gaben an, sie könnten ihre Augen bei hellem Licht nur unter Beschwerden öffnen. Auch litten sie unter Ophthal­mie mit Augenschleim. Die vorgeschriebenen Unter­suchungen des Gesundheitszustandes wurden äußerst mangelhaft durchgeführt. Zumeist wurde die Prüfung des Gesundheitszustandes durch gewissenlose Ärzte nur auf dem Papier bescheinigt, Röntgenaufnahmen wurden ohne Film gemacht.

Über diese erste Aktion der SAMDONG-Arbeiter- schaft wurde am 7. Oktober 1970 beispielsweise in der KUNGHANG-Zeitung berichtet.

[...]


[1] Http://blog.naver.com/sree9999/220245204760

[2] Der PYOUNGHWA Markt ist ein Markt für Bekleidungsgroßhandel und Textilfertigung im Bezirk DONGDAEMUN sowie am Fluss COUNGGAE in Seoul. In der Anfangszeit haben Flüchtlingen aus Nordkorea dort US- Uniformen eingefärbt und verkauft. Nach dem Krieg ging daraus am Fluss COUNGGAE ein großer Straßenmarkt hervor. Ca. 60% der Verkäufer stammten aus Nordkorea. Während der Wirtschaftswachstumsperiode in den 70er Jahren entstanden viele kleine Betriebe, die mit billigen Arbeitskräften betrieben wurden.

[3] Im Jahr 1995 wurde überdas Wirken vonTae-ll Chunein Kinofilm gedreht. Hauptpersonen des Films sind Tae-Il Chun und ein Student, der vom Staat wegen seiner Mitarbeit in der Studentenbewegungen verfolgt wird. Der Film schildert die sozialen Probleme Koreas realistisch.

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Über den Arbeitskampf des Tae-Il Chun
Untertitel
Die Bewegungen bis Juli 1987
Autor
Jahr
2015
Seiten
94
Katalognummer
V298567
ISBN (eBook)
9783656959946
ISBN (Buch)
9783656959953
Dateigröße
1166 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitsrecht, Arbeitskampf, Korea, TAE-IL CHUN, Arbeiterbewegung
Arbeit zitieren
Miae Park (Autor), 2015, Über den Arbeitskampf des Tae-Il Chun, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298567

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