Möchte man dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Fukuyama Glauben schenken, nahm die Geschichte 1989 ihr Ende. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Auflösung der verhärteten Fronten des Kalten Kriegs konnte sich schließlich ein politischer Systemtyp durchsetzen: Der Kampf zweier konkurrierender Staats- und Gesellschaftsentwürfe fiel deutlich zugunsten demokratischer Prinzipien aus. Sowohl der Faschismus Mitte des 20. Jahrhunderts als auch der Kommunismus erwiesen sich nach Fukuyama als nicht durchsetzungsfähig.
Die Entwicklung der darauffolgenden Jahre und Jahrzehnte schien Fukuyama Recht zu geben. Der Demokratie wird ein Siegeszug bescheinigt, der sich bereits bis zu einer „Dritten Welle“ der Demokratisierung ausgeweitet hat. Gestützt wird diese Entwicklung durch internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen, durch Entwicklungsgelder, Nichtregierungsorganisationen (NROs), Medien und Nationalregierungen. In jüngster Zeit scheint die Demokratieentwicklung enger als je zuvor mit Globalisierungsprozessen verknüpft zu sein. Im Rahmen des Arabischen Frühlings entfalten grenzüberschreitende Kommunikation und Kooperation besonders deutlich ihre Wirkung. Die politischen Umbrüche hin zur Demokratie in vielen arabischen Staaten begrenzen sich längst nicht mehr auf den nationalstaatlichen Rahmen, sondern stehen in Interaktion mit Akteuren weltweit.
In starkem Kontrast hierzu stehen Befürchtungen um das Ende der Demokratie. Eine erodierende Steuerbasis, sinkende Wahlbeteiligung, die Ohnmacht politischer Entscheidungsträger angesichts der Komplexität und Unberechenbarkeit der Globalisierung oder die Macht transnationaler Unternehmen werden für eine Krise der Demokratie verantwortlich gemacht. Da sowohl Demokratie als auch Globalisierung von hoher Bedeutung für Gesellschaften und politische Akteure sind, stellt sich die Frage nach deren Beziehung.
Grundsätzliches Ziel dieser Arbeit ist es, den hier skizzierten Konflikt der widersprüchlichen Argumente hinsichtlich des Zusammenhangs von Globalisierung und Demokratie näher zu beleuchten. Dazu sollen in den Kapiteln zwei und drei die beiden höchst kontrovers diskutierten Begrifflichkeiten „Demokratie“ und „Globalisierung“ analysiert werden [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Spezifikation des Demokratiebegriffs
2.1. Definitionen des Demokratiebegriffs
2.2. Grundlagen der Indexkonstruktion
2.2.1. Motivation zur Indexkonstruktion
2.2.2. Hürden der Indexkonstruktion
2.3. Beispiele geläufiger Demokratieindizes
3. Spezifikation des Globalisierungsbegriffs
3.1. Definitionen des Globalisierungsbegriffs
3.2. Operationalisierung des Globalisierungsbegriffs
4. Die Beziehung zwischen Demokratie und Globalisierung
4.1. Diskussion theoretischer Argumente
4.1.1. Argumente eines positiven Zusammenhangs
4.1.2. Argumente eines negativen Zusammenhangs
4.1.3. Zwischenfazit
4.2. Quantitativer Ansatz
5. Ergebnisinterpretation
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Arbeit ist es, den Konflikt widersprüchlicher Argumente bezüglich des Zusammenhangs von Globalisierung und Demokratie systematisch zu untersuchen und sowohl theoretisch als auch quantitativ zu beleuchten.
- Analyse und Differenzierung der Begriffe Demokratie und Globalisierung.
- Diskussion theoretischer Argumente für positive und negative Wechselwirkungen.
- Methodische Auseinandersetzung mit der Indexkonstruktion und Operationalisierung.
- Kritische Würdigung quantitativer Studien zum Zusammenhang beider Größen.
Auszug aus dem Buch
4.1.1. Argumente eines positiven Zusammenhangs
Einen ersten Hinweis auf einen positiven Zusammenhang zwischen Globalisierung und Demokratie liefert die zeitliche Koinzidenz in der Entwicklung beider Konstrukte.125 Die Tatsache, dass sowohl Demokratie als auch Globalisierung in den letzten Jahrzehnten zugenommen haben, führt zu der These, dass Globalisierung die Entstehung staatlicher demokratischer Systeme fördert. So stellt beispielsweise Weiffen126 fest:
„Es liegt nahe, dass Internationalisierung, wirtschaftliche Verflechtung und die Entstehung inter-, trans- und supranationaler Regelungsmechanismen in Weltwirtschaft und Weltpolitik auch eine wechselseitige Beeinflussung der Nationalstaaten im Hinblick auf ihre Staatsform zur Folge haben.“
Unstrittig ist, dass die Anzahl demokratischer Systeme im 20. und 21. Jahrhundert zugenommen hat (Abbildung 3).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsfrage ein und erläutert die Relevanz der Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Globalisierungsprozessen und demokratischen Entwicklungen.
2. Spezifikation des Demokratiebegriffs: Dieses Kapitel definiert Demokratie, untersucht die Herausforderungen der Indexkonstruktion und stellt gängige Indizes wie Freedom House, Polity und den Demokratieindex von Vanhanen vor.
3. Spezifikation des Globalisierungsbegriffs: Hier werden Definitionen von Globalisierung diskutiert sowie deren Operationalisierung durch Indizes wie den KOF-Index und den Maastricht Globalisierungsindex kritisch hinterfragt.
4. Die Beziehung zwischen Demokratie und Globalisierung: Das Kernkapitel diskutiert theoretische Pro- und Contra-Argumente für einen Zusammenhang und gibt einen Überblick über quantitative Studien, die diese Beziehung empirisch untersuchen.
5. Ergebnisinterpretation: Dieses Kapitel interpretiert die widersprüchlichen Befunde der Forschung und führt sie auf methodische Unterschiede, subjektive Entscheidungen und die Komplexität der Untersuchungsgegenstände zurück.
6. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, betont die Notwendigkeit methodischer Transparenz und gibt einen Ausblick auf die Bedeutung zukünftiger Forschungsarbeiten.
Schlüsselwörter
Globalisierung, Demokratie, Demokratisierung, Indexkonstruktion, Operationalisierung, KOF-Index, Polity-Index, Freedom House, Wirtschaftssoziologie, Politikwissenschaft, Wohlfahrtsstaat, Transnationale Unternehmen, Regressionsanalyse, Korrelation, Souveränität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die wissenschaftlich umstrittene Beziehung zwischen Globalisierung und Demokratie, um zu klären, ob Globalisierung demokratische Prozesse fördert oder behindert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Begriffsbestimmung von Demokratie und Globalisierung, die methodische Messbarkeit beider Konzepte durch Indizes sowie die theoretische und empirische Analyse ihrer Wechselwirkungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Konflikt widersprüchlicher Argumente zum Zusammenhang von Globalisierung und Demokratie durch eine systematische Analyse der Forschungslage zu beleuchten und einzuordnen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturbasierte Analyse theoretischer Argumente sowie eine komparative Zusammenstellung und Auswertung quantitativer empirischer Studien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Spezifikation der Begriffe, die Diskussion theoretischer Argumente (positiv/negativ) sowie die Vorstellung und kritische Einordnung quantitativer Ansätze und Studien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Globalisierung, Demokratie, Messbarkeit, Indexkonstruktion, politischer Gestaltungswille und Transnationalisierung.
Warum ist die Wahl eines Demokratieindex so problematisch?
Die Messung ist problematisch, da die Indexbildung auf vielen subjektiven Entscheidungen des Forschers basiert, wie der Auswahl der Indikatoren und deren Gewichtung, was die Vergleichbarkeit der Ergebnisse beeinflussen kann.
Was besagt die „race to the bottom“-These?
Diese These besagt, dass Globalisierung Staaten zu einem Wettbewerb um Standortvorteile zwingt, was zu einem Abbau von Sozialstandards, Steuereinnahmen und letztlich zu einem Machtverlust demokratischer Institutionen führen soll.
Konnte die Arbeit einen eindeutigen Zusammenhang nachweisen?
Nein, die Arbeit stellt fest, dass die Forschungsergebnisse widersprüchlich sind; ein pauschaler positiver oder negativer Zusammenhang lässt sich nicht generalisieren, da er stark vom Kontext und der methodischen Herangehensweise abhängt.
- Citation du texte
- Dennis Giebeler (Auteur), 2015, Demokratie und Globalisierung. Analyse einer umstrittenen Beziehung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298568