Kasusschwankungen bei der Negation im Russischen. Eine Korpusanalyse zu zwei Parametern nach Timberlake


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zusammenfassung des Aufsatzes „Hierarchies in the genitive of negation“ von Alan Timberlake (1986)

3 Korpusanalyse zu ausgewählten Kriterien
3.1 Auswahl
3.2 Korpus-Suche
3.3 Ergebnisse

4 Schlussfolgerung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Russischen treten Schwankungen beim Kasusgebrauch des negierten Objektes zwischen dem Genitiv und Akkusativ auf (Gladrow 1998:56). Über die Schwankungen des Kasusgebrauchs wurden in der russischen Linguistik mehrere Theorien aufgestellt. In der Grammatik der Negation von Alfred Nozsicska werden drei Theorien zusammengefasst und daraus eine Erklärung entwickelt (Nozsicska 1988:317-405). Padučeva erklärt, dass die Kasusschwankungen beim direkten Objekt, sowie auch der Kasus von Genitivobjekten, von semantischen Merkmalen des Verbes und der Existenz oder der Sichtbereich des Objektes abhängen (Padučeva 2006:40). Alan Timberlake stellt 1986 eine Hierarchie auf, die zeigen sollte, nach welchen Parametern welcher Kasus gebraucht wird. Dieser Aufsatz wird im nächsten Kapitel zusammengefasst. Danach werden zwei Parameter aus Timberlakeʼs Hierarchie ausgesucht und mithilfe des Nationalen Korpus der russischen Sprache überprüft, ob Timberlake’s Vermutungen der Genitivverwendung bei der Negation richtig seien.

2 Zusammenfassung des Aufsatzes „Hierarchies in the genitive of negation“ von Alan Timberlake (1986)

In Jahr 1986 wurde ein Aufsatz von Alan Timberlake über die möglichen Kasusverwendungen bei der Negation im Russischen veröffentlicht. Der Autor versuchte die Verbindung bei den herausgearbeiteten lexikalischen, semantischen, syntaktischen, grammatischen und stilistischen Parametern mit der Funktion der Genitivanwendung bei direkten Objekten von transitiven Verben darzustellen und diese in Hierarchien einzuordnen (Timberlake 1986:338). Timberlake betrachtete jeden Parameter, um einen Kontext für höhere/geringere Wahrscheinlichkeit der Genitiv- bzw. Akkusativanwendung bei der Negation zu ermitteln (Timberlake 1986:338). Der Autor sagt, dass die Genetivanwendung im Russischen relativ eingeschränkt ist und im Prozess des Verlustes ist. Aus diesem Grund wird die Genitivverwendung durch diese Hierarchien bestimmt, um einen semantischen Unterschied des Inhaltes hervorzuheben.

Um die Akzeptanz der Sätze mit der Genitiv- und Akkusativanwendung bei der Negation darzustellen, wird im Text eine gestufte Bewertung vorgenommen (mehr dazu in Timberlake 1986:338f.). Der Autor sagt, dass er die Beispiele von muttersprachlichen Sprechern aus den alltäglichen Situationen verwendet, weil sie die aktuellere Genitivanwendung bei der Negation eher zeigen, als literarische Beispiele (Timberlake 1986:339). Aus welchem Korpus oder welcher Sammlung die Beispiele stammen und wie alt sie sind, erwähnt der Autor nicht.

Der Autor teilt die Parameter in zwei Hierarchie auf: Substantiv-Hierarchie und stilistische Hierarchie (Timberlake 1986:339). Die Substantiv-Hierarchie wird wiederrum in Partizipanten- und Ereignishierarchie und morphologische Hierarchie gliedert, die nach bestimmten Merkmalen des Partizipanten, des Verbs oder der Deklinationsklassen unterteilt werden. In dieser Arbeit wird nur die Partizipanten-Hierarchie detailliert dargestellt, weil die vorgenommene Korpusanalyse auf diese aufgebaut werden soll.

Partizipanten-Hierarchie

Timberlake betrachtet bei der Partizipanten-Hierarchie den Individualisationsgrad des Objektes. Je mehr das Objekt individualisiert ist, desto weniger kann es mit dem Genitiv bei der Negation auftreten und wird mit dem Akkusativ gebraucht (Tim-berlake 1986:339). Die Eigennamen sind vollständiger individualisiert als die Gattungsnamen (Appellativa), deswegen können sie nicht mit dem Genitiv bei der Negation verwenden werden (Timberlake 1986:339ff.)[1].

Die konkreten Substantive sind insgesamt eher individualisiert wie die abstrakten Substantive. Deswegen werden konkrete Substantive mit dem Akkusativ verwendet. Die abstrakten Substantive beziehen sich auf Konzepte, die schon von Natur aus nicht individualisiert werden können, wie z. B. sovet ʻRatʼ (Timberlake 1986:340). Aus diesem Grund werden sie häufiger mit dem Genitiv gebraucht.

Als nächster Parameter wird der Partitiv des Objektes betrachtet. Die zählbaren Objekte/Gegenstände werden als individualisierte Einheiten behandelt. Deshalb werden sie bei der Negation mit dem Akkusativ angewendet (Timberlake 1986:341). Die Genitivanwendung wird als nicht ungrammatisch vom Autor markiert. Die Substantive, die eine Substanz oder Masse ausdrücken, können nicht gezählt und deswegen mit dem Genitiv bei der Negation gebraucht werden (Timberlake 1986:341). Der Akkusativ wird aber bei diesen Substantiven als eine akzeptable Anwendung gekennzeichnet (Timberlake 1986:341).

Bei dem nächsten Parameter „Belebtheit“ sagt der Autor, dass die belebten Substantive mehr individualisiert sind als die unbelebten (Timberlake 1986:341). Deshalb kommen die belebten Substantive mit geringerer Wahrscheinlichkeit mit dem Genitiv bei der Negation vor. Da die unbelebten Substantive weniger individualisiert sind, treten sie mehr mit dem Genitiv bei der Negation auf (Timberlake 1986:341f.).

Als nächster Parameter beim Objekt spielt der Numerus eine Rolle. Die singularischen Substantive sind mehr individualisiert, als diejenigen, die im Plural stehen (Timberlake 1986:342). Aus diesem Grund bevorzugen die Substantive im Singular den Akkusativ bei der Negation. Die Substantive im Plural können entweder mit dem Genitiv oder dem Akkusativ verwenden werden (Timberlake 1986:342). Dazu schreibt Timberlake, dass die Kasusauswahl bei den singularischen oder pluralischen Substantiven von der Definiertheit beeinflusst werden kann. Der Akkusativ sowohl im Singular als auch im Plural, wird verwendet, um etwas Definiertes auszudrücken (Timberlake 1986:342). Die Substantive, die indefinit sind, werden mit höherer Wahrscheinlichkeit im Genitiv vorkommen. Wenn also die Substantive im Singular etwas Indefinites ausdrücken sollen, kann auch der Genitiv akzeptiert werden (Timberlake 1986:342f.).

Der nächste Parameter, der einen Einfluss auf die Kasus bei den negierten Sätzen nimmt, ist die emphatische Negation. Wenn die Negation mit Ausdrücken wie nikakoj ʻ(gar) keinerʼ, ni odin ʻkein einzigerʼ oder ni ʻkeinʼ hervorgehoben wird, dann kann der Genitiv verwendet werden, weil die Substantive unmöglich individualisiert werden können (Timberlake 1986:343). Bei den Substantiven, die keine emphatische Negation haben, wird der Genitiv nicht als ungrammatisch verstanden, aber auch nicht als akzeptabler markiert (Timberlake 1986:343).

Im nächsten Punkt unterscheiden sich die negierten Sätze durch ein topikalisiertes Objekt. Hierzu kann man einen Widerspruch der Argumentation Timberlakes sehen. Der Autor behauptet, dass die topikalisierten Sätze mehr thematisiert und dadurch mehr syntaktisch individualisiert sind (Timberlake 1986:343). Aber sie werden mit dem Genitiv verwendet, obwohl der Genitiv als Marker für nicht individualisierte Substantive gebraucht wird. Es könnte daran liegen, dass das Beispiel hierfür mit einer emphatischen Negation steht und deswegen mit dem Genitiv vorkommt, weil diese gar keine Möglichkeit zur Individualisation zulässt.

Im letzten Parameter der Partizipanten-Hierarchie geht es darum, dass die Substantive mit einem Adjektiv (pronominal oder possessiv) oder einer Präpositionalphrase expliziter und damit eher individualisiert sind (Timberlake 1986:344). Aus diesem Grund werden diese mit dem Akkusativ bei der Negation benutzt. Die nicht modifizierten bleiben unspezifischer und treten deswegen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit mit dem Genitiv auf (Timberlake 1986:344).

Timberlake sagt, dass er versucht hat, die Parameter in eine Hierarchie einzuordnen, bestimmte dabei aber nicht, welcher Parameter die größte Gewichtung hat. Dies macht es schwieriger, seine Beispiele nachzuvollziehen. In den Beispielen kommen auch manchmal mehrere Parameter vor, z. B. beim Parameter „Belebtheit“ enthalten die Beispiele auch zwei andere Parameter: „emphatische Negation“ und „Topik“. Da die emphatische Negation keine Individualisation zulässt, kann man nicht sicher sagen, ob im Beispiel * Nikakuju mašinu ja ne vižu! Kein:Akk Auto:Akk ich nicht sehe - ʻich sehe kein Auto!ʼ (Timberlake 1986:341) der Akkusativ wegen der Unbelebtheit des Objekts nicht akzeptiert wird oder wegen der emphatischen Negation. In manchen Beispielen, die die nicht akzeptierte Genitivanwendung zeigen sollten, kann man nicht ohne weiteren Kontext bestimmen, ob es sich um den Genitiv Singular Femininum oder Akkusativ Plural Femininum handelt, wie im Beispiel für die emphatische Negation:

? Ja ne čitaju gazety.

Ich nicht lese Zeitung: Gen. Sg.

ʻIch lese keine Zeitung.ʼ

Ja ne čitaju gazety.

Ich nicht lese Zeitung: Akk. Pl.

ʻIch lese keine Zeitungen.ʼ

Wie auch schon beim Parameter „Topikalisiertes Objekt“ erwähnt wurde, widerspricht sich der Autor, indem er sagt, dass das Objekt durch die Topikalisierung eher individualisiert wird. Trotzdem gilt der Genitiv bei den Sätzen als grammatisch richtig statt des erwarteten Akkusativs.

Da im Aufsatz von Timberlake mehrere Ungenauigkeiten festgestellt werden konnten und man nicht weiß, woher er die Beispiele entnommen hat, soll im nächsten Kapitel eine Korpusanalyse zu zwei Parametern durchgeführt werden.

3 Korpusanalyse zu ausgewählten Kriterien

In dem Aufsatz von Timberlake stellt der Autor die Parameter auf, mithilfe derer man die Wahrscheinlichkeit der Kasusanwendung bei der Negation im Russischen voraussagen kann. Wie schon erwähnt wurde, stellt der Autor keine Hierarchien der Kriterien da und benennt von den aufgelisteten Kriterien nicht, welche einen größeren Einfluss auf die Kasusauswahl bei der Negation haben. In diesem Kapitel wird der Einfluss von zwei Parametern mithilfe des Nationalkorpus (http://www.ruscorpora.ru/ 15.03.2014-02.04.2014) der russischen Sprache überprüft, ob die Vermutungen für die Wahrscheinlichkeit der Kasusauswahl von Timberlake stimmen.

3.1 Auswahl

Die zwei Parameter werden aus der Partizipanten-Hierarchie ausgewählt: „Numerus“ und „empathische Negation“. Der Numerus wird z. B. in der Grammatik der russischen Sprache (2001) gar nicht erwähnt, da er auch einen Einfluss auf die Kasusauswahl bei der Negation haben kann (Kirschbaum 2001:717). Padučeva betrachtet nur die Eigenschaften des Objekts, wie Partitiv (Padučeva 2006:26) und den Individualisationsgrad zwischen den Eigennamen und Gattungsnamen und keine weiteren Objektparameter, die von Timberlake aufgelistet werden (Padučeva 2006:32f.).

Die emphatische Negation wird in Kirschbaum (2001:717) auch als Merkmal für die Genitivbevorzugung bei der Negation angegeben. Aber da die emphatische Negation bei Timberlake auch bei Merkmalen wie Fokus und Belebtheit verwendet wird, kann man nicht genau sagen, welcher Parameter die Kasusauswahl mehr bei der Negation beeinflusst hat. Aus diesem Grund wird die emphatische Negation bei der Korpussuche mit belebten und unbelebten Substantiven getrennt untersucht. Als Beispiele für die emphatische Negation werden die Ausdrücke verwendet, die bei Timberlake im Aufsatz genannt werden: nikakoj ʻkeinerʼ, ni odin ʻkein/keinerʼ und Partikel ni ʻnichtʼ. Kirschbaum beschränkt sich nicht nur auf diese drei Ausdrücke, sondern sagt, dass der Genitiv auch dann bevorzugt wird, „wenn die Verneinung durch Wörter mit dem Präfix […] ni verstärkt wird“, wie z. B. nikto ʻkeiner/niemandʼ (Kirschbaum 2001:717).

[...]


[1] Mehr zu den Beispielen, die als Nachweis angegeben sind, in Timberlake 1986:339ff..

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Kasusschwankungen bei der Negation im Russischen. Eine Korpusanalyse zu zwei Parametern nach Timberlake
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Slavische Philologie)
Veranstaltung
Kasussysteme und Kasusmarkierung
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V298634
ISBN (eBook)
9783656949398
ISBN (Buch)
9783656949404
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die sprachliche Fehler wurden in der Arbeit korrigiert.
Schlagworte
Genitiv bei der Negation im Russischen, Akkusativ bei der Negation im Russischen
Arbeit zitieren
Viktoria Popsuy-Johannsen (Autor), 2014, Kasusschwankungen bei der Negation im Russischen. Eine Korpusanalyse zu zwei Parametern nach Timberlake, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298634

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