Die ethische Frage mit dem „post-souveränen“ Subjektbegriff bei Judith Butler


Essay, 2015
7 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Kein Ich ohne Du

„Wir sind alle verletzlich. Ist das die Quelle der Moral?“ Diese Frage stellt sich ein Artikel der Zeit in der Rubrik Philosophie ihrer Online-Ausgabe in Bezug auf Judith Butlers „Kritik der ethischen Gewalt“. Tatsächlich spielen Verletzbarkeit und die Anerkennung dieser Verletzbarkeit in der ethischen Frage Judith Butlers eine entscheidende Rolle. Indem Butler einen Subjektbergriff zugrunde legt, der sich vor allem durch eben jene Verletzbarkeit und die gegenseitige Abhängigkeit konstituiert, ist es ihr möglich, die „ethische Frage“ von einem gänzlich neuen Standpunkt aus zu beantworten den man jedoch durchaus als „dauerhaft problematisch“ beschreiben kann.

Doch wie stehen Butlers Ethik und der von ihr eingeführte Subjektbegriff genau in Zusammenhang? Inwiefern kann ihr Ansatz als „dauerhaft problematisch“ bezeichnet werden und ist die „ethische Frage“ mit einem solchen Ansatz überhaupt zu beantworten?

Wenn es gilt die ethische Frage „was soll ich tun?“ (Butler 2007, S.8) beantworten zu wollen, so kommt es Butler zunächst weniger auf das „was“ an. Viel wichtiger ist es ihr zu folge, sich erst einmal auf das „ich“ zu konzentrieren und nach den Bedingungen und Formen dessen zu fragen, was die Entstehung eines solchen „Ichs“ überhaupt erstermöglichen (vgl. Villa 2012, S.122). Im Starken Kontrast zu einer Gerechtigkeitsethik, welche die Rolle des Selbst als eine autonome und souveräne Position darstellt, von der aus Entscheidungen anhand moralischer Prinzipien getroffen werden können, nimmt Butler an, dass „das Subjekt so verfasst ist, dass es sich selbst immer – bis zu einem gewissen Grad jedenfalls undurchschaubar, unbekannt bleibt“ (Butler 2007, S.10). Das „Ich“, so Butler, darf also keinesfalls als etwas verstanden werden, das als „Ich“ in die Welt kommt, autonom durch diese Welt schreitet und sie als eben jenes unveränderbare „Ich“ wieder verlässt. Das „Ich“ ist eben nicht a priori gegeben, sondern es wird gebildet, geformt und ihm liegt ein Entstehungsprozess zugrunde, der wiederum selbst ohne Anfang und Ende ist. Jede Person wird gebildet und bildet sich immer neu in einem fortlaufenden Prozess, der vom Subjekt selbst jedoch nie gänzlich durchschaut werden kann (vgl. Villa 2012, S.122).

Diese Figur des „post-souveränen Subjekts“ ist grundlegend auf andere angewiesen. Es ist anderen Subjekten ausgesetzt, insofern es immer erst subjektiviert werden muss – und zwar mittels Adressierung oder Anrufung durch andere.

Man kann also sagen, dass Subjekte nicht einfach sind. Vielmehr werden sie ständig und immer wieder neu performativ hervorgebracht. Dies geschieht durch Anrufung: Wir können „nicht existieren […] ohne den Anderen anzusprechen und von ihm angesprochen zu werden (Butler 2007, S. 45f.). So macht es durchaus einen Unterschied, ob wir als Studentin, Professorin, Mäuschen, Polizist oder kleiner Lausbub angesprochen werden, denn durch Anrufung und Annahme der Adressierung konstituiert sich unser Selbst. Wir werden angerufen, noch bevor wir überhaupt in der Lage sind uns selbst als „Ich“ zu bezeichnen. Wir konstituieren uns also bereits, bevor wir fähig sind, aktiv Teil dessen zu werden, was uns ausmacht. Mit der fundamentalen Abhängigkeit von anderen beschreibt Butler allerdings mehr als die bloße Anrufung. Wir sind als Subjekte auch immer schon in ein System von Normen und Werten eingebunden, das uns vorausgeht und uns mit konstituiert. „Diese Normen sind Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die […] ihr eigenes Gewicht hat und die aufgrund ihrer komplexen Geschichtlichkeit das jeweilige Ich übersteigt“ (Villa 2012, S.126). Wir werden in eine Gesellschaft geboren, die bereits festgelegt hat, welche Subjekte, welche Adressierungen als intelligibel, als denkbar und lebbar gelten und welche nicht.

Von hier aus den Weg zur ethischen Frage „was soll ich tun?“ zurückzugehen erscheint im ersten Moment schwierig. Wie soll ein Subjekt, dem jede Autonomie abgesprochen wurde, das sich in hohem Maße in einem Abhängigkeitsverhältnis mit anderen und der Anrufung durch andere befindet und welches sich selbst nie zur Gänze fassen kann, wie soll ein solches Subjekt Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen? Wie soll es jemals ethisch korrekt darüber entscheiden „was es tun soll“?

Die Einführung eines post-souveränen Subjekts bringt jedoch keineswegs die Entbindung jeglicher Verantwortung für das eigene Handeln mit sich. Es muss allerdings immer mitberücksichtigt werden, dass zunächst die gesellschaftlichen Konstellationen und Bedingungen des eigenen Handelns und der eigenen Identität ausgelotet und kritisch hinterfragt werden müssen, um in einem ethischen Sinne für sich selbst Rechenschaft ablegen zu können (vgl. Villa 2012, S.128 f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Die ethische Frage mit dem „post-souveränen“ Subjektbegriff bei Judith Butler
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Gendergraphien VI
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
7
Katalognummer
V298785
ISBN (eBook)
9783656952671
ISBN (Buch)
9783656952688
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frage, subjektbegriff, judith, butler
Arbeit zitieren
Judith Kronschnabl (Autor), 2015, Die ethische Frage mit dem „post-souveränen“ Subjektbegriff bei Judith Butler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298785

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