Werturteilskompetenz im Geschichtsunterricht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
16 Seiten, Note: 1,0
Lena Lindemann (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bedeutung der Menschenrechtserklärung in der Französischen Revolution vom 26. August 1789 in der Unterrichtseinheit „Die Französische Revolution“, Klasse 7b (Hauptschule)
2.1. Sachanalyse
2.2. Tabellarischer Unterrichtsverlauf für den 21.02.2012
2.3. Reflexion der Unterrichtsstunde am 21.02.2012

3. Die Hinrichtung König Ludwigs XVI. – Der Wandel von der konstitutionellen Monarchie zur Republik in der Unterrichtseinheit: „Die Französische Revolution“, Klasse 7a (Hauptschule)
3.1. Sachanalyse
3.2. Tabellarischer Unterrichtsverlauf für den 13.03.2012
3.3 Reflexion der Unterrichtsstunde am 13.03.2012

4. „Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder“ – Die Zeit der Schreckensherrschaft unter den Jakobinern in der Unterrichtseinheit: „Die Französische Revolution“, Klasse 7b (Hauptschule)
4.1. Sachanalyse
4.2. Tabellarischer Unterrichtsverlauf für den 06.03.2012
4.3. Reflexion der Unterrichtsstunde am 06.03.2012

5. Beobachtung zum Thema: „Das Krisenjahr 1923“- Didaktische Reduktion im Geschichtsunterricht
5.1. Sachanalyse: Die Weimarer Republik - Das Krisenjahr 1923
5.2. „Das Krisenjahr 1923“: Umsetzung der Thematik im Geschichtsunterricht
5.3. „Das Krisenjahr 1923“: Didaktische Analyse
5.4. Bewertung: Die didaktische Reduktion

6. Auswertung des Fachpraktikums

1. Einleitung

Das sechswöchige Fachpraktikum fand an der Geschwister-Scholl-Schule in Vechta statt. Die Geschwister-Scholl-Schule ist eine Haupt-, Real- und Oberschule. Insgesamt werden hier 572 Schülerinnen und Schüler ausgebildet, die aus den umliegenden, überwiegend ländlichen Ortschaften wie beispielsweise Sage, Huntlosen, Döhlen, Steinloge und Haschenbrok kommen. Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler verteilt sich auf insgesamt 25 Klassen, davon acht Hauptschulklassen, vierzehn Realschulklassen und drei Oberschulklassen, wobei hier anzumerken ist, dass lediglich die 5. Klassen als Oberschulklassen unterrichtet werden.[1] Die Schülerzahl pro Klasse variiert zwischen zirka 16 und 32 Schülerinnen und Schülern im Schuljahr 2011/2012. Die Schülerinnen und Schüler werden von insgesamt 47 Lehrkräften unterrichtet. Zudem unterstützt eine Sozialpädagogin Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer im Schulalltag durch Sprechstunden, Gewaltpräventionstraining und Prävention als Reaktion auf Fehlverhalten der Schülerinnen und Schüler. Im Wesentlichen unterstützt die sozialpädagogische Mitarbeiterin jedoch die Hauptschülerinnen und Hauptschüler hinsichtlich ihrer Ausbildungsfähigkeit.[2]

Das Leitbild der Geschwister-Scholl-Schule lautet: „Eine Schule zum Lernen und Wohlfühlen – weil DU es wert bist“. Nach diesem Grundsatz wird das Schulprofil der Geschwister-Scholl-Schule in drei Teilbereiche untergliedert („Unser Menschenbild“, „Unser Handeln“, „Unser Ziel“). Das Menschenbild der Schule bezieht sich vor allem auf die Vielfalt der Kulturen, die als Bereicherung und gleichzeitig als Herausforderung und Chance für die Entwicklung jedes Einzelnen angesehen wird. Das Anliegen der Schule ist es daher, die Möglichkeiten, die sich aus dieser Verschiedenheit ergeben, zu nutzen und eigene Wertvorstellungen zu reflektieren. Dabei wird auf gegenseitige Unterstützung und Hilfsbereitschaft Wert gelegt. Das Kollegium der Geschwister-Scholl-Schule will den Zusammenhang von sozialer Herkunft und schulischem Erfolg entkoppeln und ist bemüht, sozial schwache Kinder und Jugendliche sowie Migranten und Migrantinnen durch unterschiedliche Fördermaßnahmen, wie die Sprachlernklasse und Gewaltpräventionstraining zu integrieren. Das Handeln, nach welchem das Schulleben der Geschwister-Scholl-Schule ausgerichtet ist, stellt den Schüler in den Mittelpunkt, der lernen soll, sein Leben selbst zu gestalten und demokratische Verantwortung zu übernehmen. Aus diesem Grund steht nicht allein der Erwerb kognitiver Fähigkeiten und Fertigkeiten im Zentrum des Unterrichtsgeschehens, sondern darüber hinaus die emotionale und kreative Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Das Ziel, das diesem Schulprofil zugrunde liegt, besteht darin, ein ökologisches, gesundheitsbewusstes und soziales Verhalten zu stärken. Der Bereich der Gesundheitsförderung umfasst unter anderem Angebote wie Informationen zum Thema AIDS in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt, Suchtprävention und ein gesundes, gemeinsames Frühstück in den 5. und 6. Klassen. Im Bereich der Umweltbildung gibt es zum Beispiel die „Aktion saubere Schule“, bei der jede Klasse für eine Woche im Wechsel über das Jahr verteilt nach der 5./6. Stunde das Erdgeschoss der Schule reinigt. Hierbei führen die Klassenlehrer die Aufsicht und reichen den „Ordnungsdienstzettel“ an die nächste Klasse weiter. Die Schülerinnen und Schüler sollen dazu erzogen werden, dass in der „einen Welt“ die Prinzipien der Menschenrechte, der Ressourcengerechtigkeit, der gerechten Teilhabe, der Fairness und Naturverträglichkeit Gültigkeit haben.[3] Nach diesem Grundsatz des nachhaltigen Lernens lebt und handelt die Geschwister-Scholl-Schule.

In meinem sechswöchigen Fachpraktikum habe ich in zwei 7. Hauptschulklassen die Unterrichtseinheit „Französische Revolution“ unterrichtet. In der Klasse 7a waren insgesamt 18 Schülerinnen und Schüler, davon 11 Jungen und 7 Mädchen. Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund betrug ungefähr 50 Prozent. Die Klasse kann im Allgemeinen als sehr lebhaft beschrieben werden, wobei sich diese Lebhaftigkeit zumeist nicht auf das Unterrichtsthema bezog. Das soziale Miteinander in dieser Klasse war geprägt durch einen weitestgehend respektlosen Umgang miteinander, der sich darin manifestierte, dass die Schülerinnen und Schüler einander nicht aussprechen ließen, den Unterricht durch Zwischenrufe störten und sich oft gegenseitig ins Wort fielen. Dementsprechend war auch das Arbeitsverhalten dieser Klasse nicht besonders gut. Dies äußert sich dadurch, dass einige Schülerinnen und Schüler ihre Unterrichtsmaterialien nicht dabei hatten, Hausaufgaben nur selten erledigt wurden und vereinzelt die Arbeit im Unterricht gänzlich verweigert wurde.

In der Klasse 7b waren insgesamt 17 Schülerinnen und Schüler, davon neun weiblich und acht männlich. Der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund betrug hier zirka 75 Prozent. Auch diese Klasse kann als lebhaft eingeschätzt werden, wobei sich die Aktivitäten der Schülerinnen und Schüler zumeist auf das Unterrichtsthema bezogen. Das Arbeits- und Sozialverhalten der Schülerinnen und Schüler der Klasse 7b ist deutlich positiver zu bewerten. Es herrschte ein respektvoller Umgang miteinander, die Schülerinnen und Schüler hörten einander zu und störten den Unterricht insgesamt seltener als die der Klasse 7a. Das Leistungsniveau dieser beiden Klassen ist als niedrig einzustufen, was sich besonders in der Leseleistung, dem Textverständnis und den Transferleistungen äußerte.

2. Die Bedeutung der Menschenrechtserklärung in der Französischen Revolution vom 26. August 1789 in der Unterrichtseinheit „Die Französische Revolution“, Klasse 7b (Hauptschule)

Die Französische Revolution ist in der Sekundarstufe I nach den curricularen Vorgaben für Niedersachsen in der Jahrgangsstufe 7/8 vorgesehen. Die Schülerinnen und Schüler sollen im Rahmen dieser Unterrichtseinheit erkennen, dass als Folge von Unterdrückung durch ein absolutistisches System, die Menschen nach politischer Teilhabe auf der Basis von Gewaltenteilung und Menschenrechten streben. Darüber hinaus sollen die Schülerinnen und Schüler die Einsicht gewinnen, dass ungerechte Lebensverhältnisse unterschiedliche Formen von Gewalt hervorrufen können.[4]

Der Unterrichtsgegenstand wurde zunächst über die Voraussetzungen, die zum Ausbruch der Französischen Revolution führten, bearbeitet. Dabei lernten die Schülerinnen und Schüler den kostspieligen Lebenswandel Ludwigs XIV. kennen sowie die Lebensweise am königlichen Hof in Versailles. Im Anschluss daran wurde die Ständegesellschaft behandelt und festgestellt, dass die Mehrheit der französischen Bevölkerung unter schlechten Verhältnissen lebte, aber dennoch für die meisten Steuern und Abgaben aufkommen musste, während das wohlhabendere Bürgertum durch Privilegien von diesen Lasten größtenteils befreit war. Mithilfe dieser Vorkenntnisse wurden die weiteren Schritte auf dem Weg zur Französischen Revolution wie die Einberufung der Generalstände zur Behebung der Finanzkrise, die Nationalversammlung und der Ballhausschwur thematisiert. Mit dem Sturm auf die Bastille wurde erarbeitet, dass sich die Bevölkerung von Paris erstmals mit Gewalt gegen den König erhob und der Sturm auf die Bastille den Beginn der Französischen Revolution markiert.[5] Als weitere Entwicklung der aufständischen Ereignisse wurde die Revolution der Bauern behandelt, die als Ergebnis die Abschaffung der adligen Vorrechte bewirkte.

2.1. Sachanalyse

Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789 fand im Kontext der Bauernrevolution statt. Die Bauern forderten eine Abschaffung der adligen Vorrechte. Die Nationalversammlung sah sich unter dem Druck der Bauernaufstände gezwungen, einzuschreiten und Rechte zu schaffen, die sich gegen die adligen Privilegien richteten. Durch das zum Teil äußerst gewalttätige Vorgehen der Bauern gegen ihre adligen Grundherren, gelangte die Nationalversammlung zu dem Entschluss, dass es für das französische Volk allgemeingültige Rechte, gänzlich ohne Privilegien geben muss. Darüber hinaus sollte mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der künftigen Verfassung ein Grundsatz vorangestellt werden, der eine Abkehr von dem monarchischen Absolutismus und der Ständegesellschaft forciert.[6]

Die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte ist in den Kontext der Aufklärung einzubinden und wurde des Weiterem von der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung beeinflusst. Hier gab es bereits 1776 eine Menschenrechtserklärung in den Virginia Bill of Rights.[7] Der französische Vizepräsident der Nationalversammlung und Kommandant der französischen Nationalgarde, Marie Joseph Marquis de Lafayette, stand aufgrund seiner Amerikareise 1777 unter dem Einfluss der amerikanischen Rechtsgleichheit und der „vernünftigen“ Revolution. Nach dem Vorbild der amerikanischen Menschenrechte wollte er nun auch in Frankreich derartige Rechte in einem Gesetzestext verankert wissen.[8]

Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in Frankreich steht insofern auch im Kontext der Aufklärung, als dass die Aufklärung von einem emanzipatorischen Menschenbild ausgeht. Der Mensch solle sich seines eigenen Verstandes bedienen, denn nur so könne er sich aus seiner „selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien“[9]. Sowohl in der Amerikanischen als auch in der Französischen Revolution wurden die Gedanken der Aufklärung durch die Menschenrechtserklärung und die Gewaltenteilung politisch umgesetzt.

Inhaltlich setzte die französische Menschenrechtserklärung als erstes Kernprinzip fest, dass alle Menschen von Geburt an frei seien und die gleichen Rechte hätten. Daher müsse das geschriebene Recht für alle Menschen ohne Unterschied des Standes oder Vermögens gelten.[10] In Artikel zwei heißt es weiter, dass die Erhaltung dieser „unveräußerlichen und natürlichen Menschenrechte“[11] das Ziel einer jeden politischen Vereinigung sei. In Artikel drei der französischen Menschenrechtserklärung wird festgehalten, dass die Souveränität des Staates bei der Nation, also dem Volke liege. Die Artikel vier bis sechs und sieben bis neun regeln zum Einen Gleichheitsfragen und zum Anderen strafrechtliche Verfolgungen und Verhaftungsfragen. Ein weiterer wichtiger Artikel in der Menschen- und Bürgerrechtserklärung ist der Artikel zehn, der die Meinungsfreiheit und die Toleranz anderer Religionen betrifft. Der darauffolgende Artikel steht mit diesem in unmittelbarem Zusammenhang, denn Artikel elf besagt, dass die eigene Meinung öffentlich kund getan werden dürfe. Die Artikel zwölf bis fünfzehn treffen Regelungen zu den Steuerzahlungen und Steuerbewilligungen. Artikel sechzehn setzt fest, dass eine Gesellschaft, in der diese Menschenrechte nicht gesichert würden und in welcher keine Gewaltenteilung herrsche, keine Verfassung haben könne. Der letzte Artikel der französischen Menschen- und Bürgerrechtserklärung bezieht sich auf Regelungen des Eigentums, das niemandem genommen werden dürfe. [12]

Bei genauerer Betrachtung dieser Menschen- und Bürgerrechtserklärung wird deutlich, dass einerseits postuliert wird, dass diese Rechte für alle Menschen, unabhängig ihres Standes und Vermögens gelten, andererseits werden jedoch Unterscheidungen zwischen „Menschen“ und „Männern“ sowie „Staatsbürgern“ vorgenommen. Das bedeutet, dass Theorie und Praxis nicht übereinstimmen, denn zum Einen ist das Kernelement der französischen Menschen- und Bürgerrechtserklärung, dass alle Menschen frei und gleich an Rechten seien, zum Anderen besitzen aber nur Männer ein Recht auf Eigentum und Zugang zu öffentlichen Ämtern. Darüber hinaus waren es lediglich die „Staatsbürger“, die an der Entscheidungsfindung über Gesetze und Steuern beteiligt wurden. Des Weiteren wurde die soziale Frage in der Menschen- und Bürgerrechtserklärung nicht geklärt. Das bedeutet, dass die Armut der Landbevölkerung und die ökonomische Abhängigkeit sowie die Sklavenhaltung in den französischen Kolonien in den neu erklärten Rechten nicht berücksichtigt wurden.[13] Dies hatte zur Folge, dass Pariser Marktfrauen, denen sich alsbald eine große Gruppe Männer anschloss, aus Protest gegen überteuerte Brotpreise nach Versailles zogen, um vom König und von der Nationalversammlung eine bessere Lebensmittelversorgung zu verlangen. Unter dem Druck dieser Proteste zog der König in das Stadtschloss der Tuilerien um; die Nationalversammlung zog ab November 1789 in die Reithalle des königlichen Palastes.[14] Es zeigt sich also, dass durch die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte die gesellschaftlichen Missstände nicht gänzlich aufgehoben wurden und es immer noch Bevölkerungsgruppen gab, die anderen gegenüber privilegiert waren. Der Grundsatz, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich und frei an Rechten seien, kann also nur für einige Teile der Bevölkerung als gegeben angesehen werden. Dennoch darf die Bedeutung der französischen Menschenrechtserklärung sowohl für Frankreich als auch für Gesamteuropa nicht verkannt werden. Frankreich war das erste europäische Land, das die Ideen und Gedanken der Aufklärung in Europa umsetzte. Die Menschen- und Bürgerrechtserklärung wurde somit zu einem Gründungsdokument für den europäischen Liberalismus. Bereits in diesem Dokument, das zum Ende des 18. Jahrhunderts entstanden ist, lassen sich die Prinzipien der europäischen Verfassungstradition des 19. und 20. Jahrhunderts wiederfinden.[15]

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte durch die Nationalversammlung die Ständegesellschaft faktisch aufgehoben wurde und eine Unterscheidung der Menschen nach Herkunft, Vermögen und Stand nicht mehr existent war. Prinzipiell wurden alle Bürger der französischen Bevölkerung auf dieselbe Stufe gestellt und es gab keine wohlhabende Minderheit mehr, die die verarmte Mehrheit regierte. Allerdings ist dies nur unter Vorbehalt festzustellen, da bereits aufgezeigt wurde, dass die Menschen- und Bürgerrechte eben nicht als allgemeingültige Rechte für jeden Menschen in Frankreich Geltung hatten. Dennoch hat die französische Menschenrechtserklärung die Revolution weiter vorangetrieben und den Weg für die Einschränkung der monarchischen Macht geebnet, da bereits hier die Volkssouveränität sowie die Gewaltenteilung festgehalten wurden. Das bedeutet, dass der Umwandlung des Staates eine Umwandlung der Gesellschaft vorausging, auf welche sich die Verfassung im Anschluss gründen sollte.[16]

2.2. Tabellarischer Unterrichtsverlauf für den 21.02.2012

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3. Reflexion der Unterrichtsstunde am 21.02.2012

Der oben aufgeführte Verlaufsplan wurde in der Unterrichtsstunde nicht vollends eingehalten, dennoch wurde das Stundenziel erreicht. Der Einstieg mithilfe der Karikatur wurde von den Schülerinnen und Schülern gut angenommen. Über das reine Beschreiben der Darstellung hinaus waren die Schülerinnen und Schüler durch gezielte Fragen seitens der Lehrkraft in der Lage, die Karikatur zu deuten. Dadurch, dass die Schülerinnen und Schüler die „Gegenkarikatur“ im Unterricht bereits beschrieben und gedeutet haben und innerhalb der Unterrichtseinheit immer wieder auf diese zurückgegriffen wurde, konnten sie bei der zum Einstieg gezeigten Darstellung die veränderte Situation deuten und darüber hinaus benennen, wie es zu dieser veränderten Situation gekommen ist, bei welcher Adel und Klerus den 3. Stand tragen. Mit diesem Einstieg wurde also zum Einen auf das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler zurückgegriffen, zum Anderen wurde daran angeknüpft, indem ich in der Hinführung die Frage stellte, weshalb der 3. Stand überhaupt für seine Rechte kämpfen musste.[17] Dem Bildeinsatz zu Beginn der Stunde kamen sowohl eine Repräsentativ- als auch eine Interpretationsfunktion zu. Die Karikatur bildete einerseits die Angehörigen der drei Stände „realitätsnah“ ab und trug andererseits über die Deutung zu einem besseren Verständnis der veränderten Situation bei.[18] Nachdem die Schülerinnen und Schüler an dieser Stelle kurz die Benachteiligung des 3. Standes gegenüber den privilegierten ersten beiden Ständen wiederholten, erklärte ich ihnen, dass es in einer Gesellschaft, in der für alle Menschen die gleichen Rechte gelten, keine derartige Benachteiligung geben kann. Nach der Abschaffung der adligen Vorrechte, kam es im revolutionären Frankreich zur Erklärung der Menschenrechte, die für alle Menschen die gleichen Rechte garantieren sollten. Das Thema der Stunde wurde an die Tafel geschrieben. Ich schrieb das Thema an die Außenseite der Tafel, was sich im Nachhinein als ungünstig herausstellte, da ich das Thema gleichzeitig als Überschrift für das in der Auswertungsphase zu erstellende Tafelbild verwenden wollte.

Die Erstellung eines Arbeitsblattes erwies sich deshalb als sinnvoll, weil das Geschichtsbuch der Schülerinnen und Schüler dieses Thema nur peripher am Ende der Unterrichtssequenz behandelt und nicht als eigenständiges Thema aufbereitet wird. Durch das Arbeitsblatt haben die Schülerinnen und Schüler die wichtigsten Menschenrechte in ihrer Mappe und können gegebenenfalls darauf zurückgreifen. Bevor ich das Arbeitsblatt ausgeteilt habe, habe ich den Schülerinnen und Schülern das Arbeitsblatt gezeigt und erläutert, wie sie es bearbeiten sollen. Um sicher zu gehen, dass der Arbeitsauftrag verstanden wurde, habe ich diesen von den Schülerinnen und Schülern wiederholen lassen. Als sich ein Schüler meldete und es versuchen wollte, habe ich ihn nach kurzer Zeit unterbrochen, als ich merkte, dass der Arbeitsauftrag nicht sofort korrekt wiederholt werden konnte. An dieser Stelle hätte ich mich in mehr Geduld üben müssen. Die Bearbeitung des Arbeitsblattes in Partnerarbeit hat gut funktioniert. Einige Schülerinnen und Schüler, die Verständnisschwierigkeiten hatten, wurden durch kurze Beispiele und Erklärungen von mir unterstützt. Nachdem ich mich versicherte, dass nahezu alle Schülerinnen und Schüler das Arbeitsblatt beendet haben, habe ich die Arbeitsphase beendet und die Auswertung an der Tafel begonnen. Hier hat sich gezeigt, dass die Schülerinnen und Schüler die zentralen Aussagen der Menschenrechtserklärung verstanden haben und sie die einzelnen Artikel verkürzt, zum Teil nur durch einen zentralen Begriff, benennen konnten. Allerdings habe ich es hier versäumt, bei dem Artikel elf den Begriff „Pressefreiheit“ zu ergänzen und habe dort lediglich den Begriff „Meinungsfreiheit“ stehen lassen, welcher nicht als falsch zu werten ist, aber dennoch ein wichtiges Merkmal vorenthält. Nachdem alle Artikel einzeln besprochen und in verkürzter Fassung an der Tafel festgehalten wurden, stellte ich bereits fest, dass die Vertiefung wie auch der Transfer in dieser Stunde nicht mehr zu schaffen waren. Laut meines Artikulationsschemas sollten die Schülerinnen und Schüler erst nach der Vertiefung das Tafelbild abschreiben. Ich habe sowohl die Vertiefung wie auch den Transfer mit dem Gegenwartsbezug auslassen müssen, um die Ergebnisse in dieser Stunde sichern zu können. Ich fragte die Schülerinnen und Schüler zum Abschluss der Stunde, mit einem Rückverweis auf die eingangs besprochene Karikatur, was die Erklärung der Menschenrechte für die drei Stände Klerus, Adel und 3. Stand bedeutete. Durch Bezugnahme auf die Karikatur in der Sicherungsphase mussten die Schülerinnen und Schüler das gerade Gelernte rekapitulieren und anwenden.[19] Nachdem die Schülerinnen und Schüler mündlich feststellen konnten, dass die Menschen in Frankreich nun im Prinzip die gleichen Rechte hatten und es keinen Unterschied nach Ständen mehr gab, diktierte ich den Schülerinnen und Schülern die Ergebnisse, die ich am Ende der Stunde eigentlich an der Tafel ergänzen wollte. Ich habe, obwohl ich von meinem Verlaufsplan abweichen musste, dennoch mein Stundenziel erreicht. Die Schülerinnen und Schüler haben einen Überblick über die wichtigsten Artikel aus der Menschenrechtserklärung bekommen und konnten dessen Inhalte in eigenen Worten erklären, was bedeutet, dass die Aussagen der einzelnen Artikel verstanden wurden. Darüber hinaus haben die Schülerinnen und Schüler erkannt, dass sich durch die Erklärung der Menschenrechte ein Wandel in der französischen Gesellschaft vollzogen hat.

Abschließend ist festzuhalten, dass ich die Vertiefung und auch den Transfer mit einem Gegenwartsbezug geschafft hätte, wenn ich das Arbeitsblatt kürzer gestaltet hätte. Es hätte beispielsweise auf den Artikel elf beziehungsweise zehn verzichtet werden können, denn diese beziehen sich jeweils auf die freie Meinungsäußerung/ Pressefreiheit. Eventuell hätten diese Artikel auch zusammengefasst und gekürzt werden können. Dadurch, dass die Sicherung vorgezogen werden musste, ist es mir auch nicht mehr gelungen, die Schülerinnen und Schüler das Tafelbild abschreiben zu lassen. Dieses konnte zu Beginn der zweiten Stunden nachgeholt werden. Der Gegenwartsbezug, in dem herausgestellt werden sollte, dass die Menschenrechte seit der Französischen Revolution stetig weiterentwickelt wurden und an Bedeutung nahezu in der ganzen Welt zugenommen haben, es aber dennoch Menschenrechtsverletzungen in vielen Ländern der Welt gibt, konnte an einer anderen Stelle der Unterrichtseinheit ebenfalls eingebracht werden.[20]

Alles in allem, reflektiere ich mich hinsichtlich des Umgangs mit den Schülerinnen und Schülern in dieser Stunde, ist abschließend zu sagen, dass ich an einigen Stellen deutlicher darauf hätte hinweisen müssen, dass eine Äußerung inhaltlich falsch ist. Ich habe dies lediglich dem betroffenen Schüler nonverbal verständlich gemacht, es aber nicht für alle anderen Schülerinnen und Schüler deutlich gesagt.

Zum Anfang der Stunde habe ich darüber hinaus zunächst wenig Blickkontakt mit den Schülerinnen und Schülern gehalten, was sich im Verlauf der Stunde aber besserte und auf eine gewisse Nervosität in dieser Situation des Unterrichtsbesuches zurückzuführen war.

Die Aufgabenstellung wie auch der hauptsächlich frontal geleitete Unterricht erschien mir als angemessen, da die Schülerinnen und Schüler in dieser Klasse im Durchschnitt eher leistungsschwach sind und das eigenständige Arbeiten beziehungsweise das Arbeiten in Gruppen in der Vergangenheit nicht trainiert wurde. Der Arbeitsformenwechsel hin zu der Partnerarbeit erschien vorteilhaft, denn dadurch konnten sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig beraten und unterstützen und gleichzeitig wurden die sozialen Beziehungen der Schülerinnen und Schüler untereinander gefördert.[21]

In der Klasse 7a habe ich diese Thematik ebenfalls behandelt und das Arbeitsblatt gekürzt. Es hat sich gezeigt, dass dadurch Zeit eingespart werden konnte und es gelungen ist, sowohl das Tafelbild abschreiben zu lassen als auch die Ergebnisse in der Sicherungsphase an der Tafel zu ergänzen. Darüber hinaus konnte mit den Schülerinnen und Schülern kurz auf die Aktualität der Menschenrechte eingegangen werden.

3. Die Hinrichtung König Ludwigs XVI. – Der Wandel von der konstitutionellen Monarchie zur Republik in der Unterrichtseinheit: „Die Französische Revolution“, Klasse 7a (Hauptschule)

In der Unterrichtseinheit zur Französischen Revolution haben die Schülerinnen und Schüler der Hauptschulklassen 7a und 7b bereits die gesellschaftlichen Grundlagen der Ständegesellschaft kennengelernt wie auch die sozialen und ökonomischen Missstände, die damit einhergingen. Sie kennen die Entwicklungen in Frankreich, die letztendlich mit dem Sturm auf die Bastille in den Ausbruch der Revolution mündeten. Des Weiteren wissen sie, inwiefern sich innerhalb der französischen Gesellschaft, unter anderem durch die Bauernaufstände und die damit verbundene Abschaffung der adligen Vorrechte, ein Wandel vollzogen hat. Laut den niedersächsischen curricularen Vorgaben für die Hauptschule sollen die Schülerinnen und Schüler verstehen, dass die Menschen durch Unterdrückung in einem absolutistischen Herrschaftssystem nach politischer Mitbestimmung auf der Grundlage von Menschenrechten und Gewaltenteilung streben.[22] Dadurch, dass sowohl die Erklärung der Menschenrechte als auch der Kontext, in dem diese entstanden sind, bearbeitet wurden, kann dieses Wissen bei den Schülerinnen und Schülern vorausgesetzt werden. Darüber hinaus wurde in beiden Klassen die Verfassung des Jahres 1791 behandelt, die dem Prinzip der Gewaltenteilung gerecht wird und die Macht des Monarchen erheblich einschränkt. In diesem Zusammenhang wurden die einzelnen Gewalten mit ihren Funktionen und Vertretern besprochen. Als Ergebnis dieser Verfassung wurde festgehalten, dass die Machtbefugnisse Ludwigs XVI. deutlich beschnitten wurden und Frankreich dadurch zu einer konstitutionellen Monarchie wurde. Die Schülerinnen und Schüler verfügen also über die Grundlagen, die wichtig sind, um den Wandel von der konstitutionellen Monarchie zur Republik zu verstehen.

[...]


[1] http://www.gssvechta.de/ (25.03.2012).

[2] http://www.gssvechta.de/ (25.03.2012).

[3] http://www.gssvechta.de/ (25.03.2012).

[4] Niedersächsisches Kultusministerium (Hrsg.): Kerncurriculum für die Hauptschule 2008. S. 12. In: http://db2.nibis.de/1db/cuvo/datei/kc_rs_gesch_08_nibis.pdf (17.03.2012).

[5] Schulin, Revolution, S. 73.

[6] Schulin, Revolution, S. 81.

[7] Ebd.

[8] Römmelt, Stefan W.: Lafayette, M.J., in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/598/ (26.03.2012).

[9] Vgl. Kant, Beantwortung, S. 20.

[10] Fahrmeir, Revolutionen, S. 50.

[11] Vgl. Schulin, Revolution, S. 83.

[12] Schulin, Revolution, S. 83f..

[13] Fahrmeir, Revolutionen, S. 51.

[14] Thamer, Revolution, S. 39.

[15] Thamer, Revolution, S. 39.

[16] Schulin, Revolution, S. 85.

[17] Sauer, Geschichte, S. 107.

[18] Bergmann/ Schneider, Bild, S. 237.

[19] Gies, Geschichtsunterricht, S. 242.

[20] Sauer, Geschichte, S. 92.

[21] Wiater, Unterrichten, S. 230.

[22] Niedersächsisches Kultusministerium (Hrsg.): Kerncurriculum für die Hauptschule 2008. S. 12. In: http://db2.nibis.de/1db/cuvo/datei/kc_rs_gesch_08_nibis.pdf (27.03.2012).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Werturteilskompetenz im Geschichtsunterricht
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta  (Institut für Geistes- und Kulturwissenschaften Abteilung für Kulturgeschichte und vergleichende Landesforschung)
Veranstaltung
GSM-1.1: Ausgewählte didaktische Aspekte des kompetenzorientierten Geschichtsunterrichts
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V298787
ISBN (eBook)
9783656957577
ISBN (Buch)
9783656957584
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
werturteilskompetenz, geschichtsunterricht
Arbeit zitieren
Lena Lindemann (Autor), 2013, Werturteilskompetenz im Geschichtsunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298787

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Werturteilskompetenz im Geschichtsunterricht


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden