The King Putteth His Trust In The Lord. Politische Rhetorik in Georg Friedrich Händels "Dettinger Te Deum" und "Anthem"


Essay, 2015
16 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Dettinger Te Deum Ein prekärer Fall von Musik und Politik

3. Händel, ein englischer Patriot?

4. Redegewalt statt Subtilität: Die ersten vier Takte als Programm

5. Die Einbettung des Königs
5.1 Der König im Te Deum
5.2 Der Text des Anthem - eine Bibelbearbeitung „ ad usum delphini “ ?

6. Aufführungen und Wirkung

Anhang:

Literaturverzeichnis

Einleitung

Diese Schrift befasst sich mit der Frage nach rhetorischen Mitteln zu politischen Endzwecken in Georg Friedrichs Werken „ Te Dem for the Victory of Dettingen “ und den zum gleichen Anlass komponierten Anthems.

Diverse Kunstwerke sind im politischen Kontext entstanden oder gar in Auftrag gegeben worden. Ein typischer Fall sind die Werke zu den Siegesfeiern wichtiger Schlachten. Von Andrea Gabrielis „Asia felice“ bis zu Tschaikovskys „Ouverture 1812“ verdanken wir viele Auftragswerke dem Willen der Sieger, ihren Triumph musikalisch verwerten und sich so im Kulturgut ihrer Nation verewigen zu lassen.

So auch das „Te Deum for the Victory of Dettingen“ von Georg Friedrich Händel, das mich seit jeher besonders fasziniert. Grund genug also, genau zu betrachten welche politischen Ziele Händel und sein Auftraggeber, der damalige englische König George II., mit diesem Stück verfolgten und wie sie es umsetzten. Ich werde aufzeigen, dass es sich beim Dettinger Te Deum keinesfalls nur um einen industriös ausgeführten Auftrag handelt, sondern dass Händel geschickt mit rhetorischen Mitteln für seinen Monarchen aktiv Partei ergriff. Ins Zentrum rücke ich dabei die rhetorische Frage und Antwort „And why? Because the king putteth his trust in the Lord“, die Händel and den Schluss der Siegesfeier stellte. Die spannendsten Aussagen zum Dettinger Te Deum und seinen politischen Implikationen fand ich, etwas überrascht, bei Autoren des 19. Jahrhunderts. Damals war die „Weltgeschichte Englands“ noch in voller Fahrt, das Imperium dehnte sich noch immer über den ganzen Erdball weiter aus (vgl. Osterhammel 2012). Die britischen Musikwissenschaftler und Historiker jener Zeit hatten wohl zu Händel nicht die abgekühlte Distanz, mit der wir heute behaftet sind.

Das Interesse der Forschung an diesem Werk ist scheint gering. Der grosse Händel- Biograph Chrysander verstarb kurz bevor er in seiner bis dahin 1000-seitigen Werk beim Jahr 1743 angelangte. Andere Biographien erwähnen das Werk nur in einzelnen Sätzen. Dabei betonen sie den festlich-martialischen Charakter, reduzieren das Werk auf höfischen Pomp und geben sich der allgemeinen Tendenz hin, dass in gross angelegten D-Dur Chorsätzen weniger tief greifende Inhalte transportiert werden können als etwa in fleissig modulierenden und delikat instrumentierter Musik; es scheint mir fast als bestehe da eine telepathische Übereinkunft der Exegeten. Wissenschaftliche Argumente für diese 3

Sichtweise sind mir unbekannt. Wie viel Redegewalt und Ausdruck mit dem wenigsten Tonmaterial erschaffen werden kann belegt gerade der Anfang des Dettinger Te Deum, wie ich im dritten Kapitel ausführen werde.

Bekanntlich sind Teile aus dem Te Deum des Mailänder Mönchs Francesco Antonio Urio (1631-1719) entlehnt. Man kann jetzt folgern, dass Händel in Zeitdruck und mangels Einfällen schlicht die Musik Urios kopiert und, der Gelegenheit angepasst, arrangiert hat. Zufriedenstellend ist aber das nicht.

Zum gegenwärtigen Forschungsstand nicht einfach zu erörtern: Das Dettinger Te Deum wird, im Gegensatz zu anderen Oratorien von der Musikwissenschaft eher stiefmütterlich behandelt, es existieren keine Monographien, in den einschlägigen Händel-Biographien wird das Werk oft nur in einem Nebensatz erwähnt und noch dazu als einfach gestricktes Monumentalwerk beiseite gestellt (vgl. Eschenburg 1785). Der Gesamtbestand der Publikationen zur Händelforschung ist wiederum ausufernd und ungeordnet.

Das Dettinger Te Deum - Ein prekärer Fall von „Musik und Politik“

1743 findet sich King George II. in einer diffizilen politischen Lage: Sein gross angelegter Einsatz im österreichischen Erbfolgekrieg war umstritten, Premierminister Walpole hatte davon abgeraten. Man bedenke, dass der König London nicht als absolutistischer Monarch waltete, sondern in einem komplexen konstitutionellen System, mit ernstzunehmenden politischen Gegnern und einer liberalen, bürgerlichen Gesellschaft, die andere Nöte hatte, als eine französische Armee im 650 Meilen entfernten Bayern zu besiegen. Probleme, von denen auch jeder heutzutage Krieg führende Staatschef ein Lied singen kann.

In dieser Lage kam der gewaltige Sieg in Dettingen wie gerufen. Allein der Sieg war noch kein nachhaltiges politisches Kapital, er musste irgendwie in das kulturelle Gut der Londoner Bevölkerung Einzug halten und sich da einnisten, um mittelfristig einen Beitrag zur Stabilisierung der Macht am Hofe leisten zu können.

Dass ihm das in solchem Masse gelang, verdankte er seinem „Composer of Musick to the Chapel Royal“. Wahrscheinlich gleich nach seiner Rückkehr nach London gab George II. Händel den Auftrag, ein Te Deum zum Anlass der Siegesfeier zu schreiben. Die Schlacht fand am 27 Juni statt, Händels Originalpartitur ist mit „Angefangen am 17. Juli“ beschriftet. 4

Das Werk sollte nicht nur ein durchschlagender Erfolg werden, sondern langfristig eine Rolle spielen als unnachahmliches Beispiel einer Siegesmusik und ein Symbol werden für den Triumph des englischen Königs.

„Never was a victory more enthusiastically commemorated in music“ kommentiert der amerikanische Musikkritiker George P. Upton (1834-1919) den Erfolg.

1743 war Händel am Hof in London längst etabliert, der Opernbetrieb war wegen Konkurs zeitweilig eingestellt. Verschiedene Auftragskompositionen für das Königshaus selbst waren schon entstanden, am bedeutendsten davon die vier Coronation Anthems zur Krönung George II.

Um dieselbe Zeit komponierte Händel auch diverse andere kleine Stücke die einen stark patriotischen Charakter haben, jedoch wird dies in der Literatur nicht als Parteinahme für die englische Monarchie quittiert, sondern eher als Abschweifen ins Genre der Volks- und Soldatenlieder.

Es stellt sich also die Frage, inwiefern Händel selbst in die euphorische Stimmung nach dem Sieg involviert war.

3. Händel, ein englischer Patriot?

Im Wortsinne natürlich nicht. Das Land seiner Väter (Patres) war je nicht England, sondern das Herzogtum Sachsen.

Betrachten wir Händels Aufenthaltsorte in seinem Lebenslauf: Die ersten 18 Jahre verbringt er in Halle, es folgen drei Jahre in Hamburg, vier in Italien, bis er 1711 nach London zieht und dort bis zu seinem Tod 1759, mit Ausnahme einiger Reisen nach Hannover, Hamburg und Aachen. Die Wahlheimat London machte den längsten und fruchtbarsten Lebensabschnitt aus.

Eine Karriere wie die Händels wäre ohne die Übersiedlung nach England nicht möglich gewesen. London bot einem mutigen Unternehmer den libertären Boden um solch kühne Leistungen zu vollbringen. Im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum, wo die guten Stellungen für Musiker allesamt höfische Beamtenposten waren (Händel hatte vor seiner Übersiedlung ein Angebot als Hofkapellmeister in Hannover ausgeschlagen), war London ein liberales Terrain für privates Unternehmertum. Die Musiker waren meist auf sich allein gestellt, was zu prekären Finanznöten führte, aber auch die alle Möglichkeiten für einen aufstrebenden Jungunternehmer bot.

Wenn ich Berichte von Zeitgenossen aus London unter George II. lese, gewinne ich stets den Eindruck, dass jene Gesellschaft der heutigen in Bezug auf freien Markt und freies Bürgertum in keiner Weise nachstand.

Unter diesen Umständen erstaunte es nicht, wenn Händel eine patriotische Gesinnung gegenüber seiner Wahlheimat und ihrem König entwickelte. C. F. Abdy Williams (2010) beschreibt diesen Prozess etwas bizarr mit mit den Worten „ Handel naturalised as a British subject “. Unter diesen Gesichtspunkten mag Händel ein Patriot gewesen sein, im Sinne wie es der Hamburger Schriftsteller Michael Richey 1724 definierte, nämlich „ein Mensch, dem es um das Beste seines Vaterlandes ein rechter Ernst ist“. Also der Sieg in Dettingen für den Komponisten eine persönliche, patriotische Angelegenheit?

Der englische Musikwissenschaftler William Smith Rockstro (1823-1895) hat in seinem Buch „The life of George Frederick Handel“ (1883, 272) eine ungewöhnlich lebendige Darstellung der Entstehung des Dettinger Te Deum und Anthem verfasst, die ich hier im Wortlaut anführen will:

„ Both [Te Deum und Anthem] were evidently written under the influence of the same feeling of exultant thankfulness - for Handel had now been, for some considerable time, an Englishman, and it was his own country that had gained the victory. “

Diese „frohlockende Dankbarkeit“ findet sich offensichtlich in den Jubelchören des Te Deums wieder.

Um die politische Botschaft im Dettinger Te Deum zu verstehen, gilt es zwei Fragen zu klären: Erstens, wie wird die Grösse und Wichtigkeit des Sieges von Dettingen dem Zuhörer vermittelt? Zweitens, wie wird König George II. in den Te Deum-Kontext eingebaut.

Die entscheidende Frage für George II. ist ja, wie er sich selbst in der Komposition wiederfinden kann. Ich will dazu die „Rolle“ des Königs im Te Deum und im Anthem erörtern - so ein wenig als wäre er ein Charakter in einem Theaterstück.

[...]

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Details

Titel
The King Putteth His Trust In The Lord. Politische Rhetorik in Georg Friedrich Händels "Dettinger Te Deum" und "Anthem"
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V298846
ISBN (eBook)
9783656955658
ISBN (Buch)
9783656955665
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg Friedrich Händel, Dettinger Te Deum, Rhetorik
Arbeit zitieren
Yannick Wey (Autor), 2015, The King Putteth His Trust In The Lord. Politische Rhetorik in Georg Friedrich Händels "Dettinger Te Deum" und "Anthem", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298846

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