Cyber-Mobbing. Theoretische Grundlagen und Vergleich zum traditionellen Mobbing


Akademische Arbeit, 2010

50 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Traditionelles Mobbing
2.1 Definitionen und Formen
2.2 Charakteristik der Beteiligten
2.3 Folgen für das Opfer
2.4 Zusammenfassung

3 Cyber-Mobbing
3.1 Definition
3.2 Merkmale
3.3 Häufigkeit
3.4 Formen und Methoden
3.5 Wie und wo findet Cyber-Mobbing statt?
3.6 Charakteristik der Beteiligten
3.7 Wahrnehmung, Reaktionen und Strategien der Opfer auf Cyber-Mobbing
3.8 Folgen
3.9 Zusammenfassung

4 Tabellenverzeichnis

5 Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1 Einleitung

Nach einer Reise stellte eine Schülerin fest, dass ihre Klassenkameraden[1] nicht mehr mit ihr sprechen wollten und bemüht waren möglichst viel Abstand zu ihr zu halten. Es stellte sich heraus, dass in ihrer Klasse eine SMS mit dem Gerücht kursierte, sie habe sich auf ihrer Reise mit SARS infiziert (Wachs 2009, 30 nach Gianetti und Sargarese 2006).

Ein 15-jähriger kanadischer Jugendlicher filmte sich selbst während er Szenen aus den bekannten Star Wars Filmen nachstellte. Mitschüler veröffentlichten das Video, ohne sein Wissen, auf der Videoplattform Kazaa. Dort avancierte es unter dem Namen „Star Wars Kid“ in kürzester Zeit zu einem der meist angeklickten Videos, über das sich mittlerweile geschätzte 900 Millionen Menschen amüsierten. Der Betroffene musste wegen ständiger Hänseleien und der emotionalen Belastung, unter der er litt, die Schule wechseln und sich in psychiatrische Behandlung begeben (Hillenbrand, 2003; Niemann 2003).

Eine Gruppe Mitschülerinnen verhöhnte Alan über Instant Messaging aufgrund seiner kleinen Größe und forderte ihn auf, Dinge zu tun, die er nicht konnte. Sie behaupteten die Welt wäre ein besserer Ort wenn er Suizid begehen würde. Alan diskutierte das mit ihnen. Die Mädchen dachten es wäre alles ein großer Spaß. An einem Nachmittag holte Alan die Schrotflinte seines Großvaters, lud sie und nahm sich das Leben. Er hatte bis auf folgende Nachricht alles von seinem Computer gelöscht: „Der einzige Weg den Respekt zu bekommen den du verdienst, ist zu sterben.“ (Willard 2007, 1).

Diese drei Beispiele beschreiben ein Phänomen, das in den letzten Jahren zunehmend in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt: Cyber-Mobbing. Mit diesem Begriff wird Mobbing über Internet und Handy bezeichnet. Diese neuartige Erscheinung wird im englischen Sprachraum Cyberbullying[2] genannt und ist erst seit wenigen Jahren Gegenstand der Forschung. Die Besonderheiten von Online-Kommunikation sowie die sog. „Mitmach-Anwendungen“ des Web 2.0 bilden die Grundlagen für Cyber-Mobbing. Denn sie ermöglichen es, ohne großen Aufwand und anonym, kompromittierende Inhalte zu veröffentlichen, Gerüchte zu verbreiten oder andere Personen zu beleidigen.

Die genannten Beispiele verdeutlichen auch die Relevanz des Themas und dessen weitgreifende Auswirkungen. Und sie sind keineswegs Einzelfälle, in der Presse häufen sich Berichte über Jugendliche, die Suizid begingen, nachdem sie zuvor Opfer von (Cyber-)Mobbing geworden waren. Daher ist es wichtig, Präventions- und Interventionsstrategien zu entwickeln, um dem Phänomen entgegen zu wirken.

Da Cyber-Mobbing ein sehr umfangreiches Themengebiet mit vielen unterschiedlichen Aspekten ist (z. B. Cyber-Mobbing unter Erwachsenen, Cyber-Mobbing von Lehrern durch Schüler, sexuelle Belästigung im Internet etc.), ist es notwendig, das Thema näher einzugrenzen. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf Cyber-Mobbing unter Kindern und Jugendlichen[3], weil angloamerikanische Untersuchungen und Studien sich überwiegend auf diese Zielgruppe beschränken. Befasst man sich mit Cyber-Mobbing, liegt es nahe, zunächst dessen Grundlagen zu erläutern. Dies erfolgt zunächst mit einem Überblick über traditionelles Mobbing. Kapitel 3 zeigt den aktuellen Forschungsbestand über Cyber-Mobbing auf. Zunächst erfolgt eine Begriffsklärung. Anschließend wird ein Überblick über die identifizierten Merkmale gegeben, gefolgt von Angaben zur Häufigkeit des Phänomens. Nach einer Vorstellung der verschiedenen Formen und Methoden von Cyber-Mobbing, wird verdeutlicht wie und wo es stattfinden kann. Bevor auf Wahrnehmung, Reaktionen und Strategien der Opfer eingegangen wird, wird eine Charakteristik der Beteiligten vorgenommen. Das Kapitel schließt mit der Darstellung der Folgen für die Opfer.

2 Traditionelles Mobbing

Im nachstehenden Kapitel erfolgt zunächst eine Definition von Mobbing und eine Abgrenzung zu anderen Begriffen und Verhaltensphänomenen. Anschließend wird auf die Formen von Mobbing sowie die Akteure eingegangen, die bei Mobbing eine Rolle spielen, indem eine Charakterisierung von Tätern, Opfern und Zuschauern vorgenommen wird. Speziell wird auf die Folgen von Mobbing für die Opfer eingegangen.

2.1 Definitionen und Formen

Im Englischen spricht man von bullying („Bully“ = brutaler Kerl), wenn Jugendliche sich in irgendeiner Form wiederholt gewalttätig gegenüber anderen Jugendlichen verhalten, während sich im Deutschen die Bezeichnung Mobbing durchgesetzt hat.[4] Es ist zu beachten, dass sich der Begriff Mobbing im Deutschen sowohl auf Bullying in der Schule bzw. unter Jugendlichen, als auch auf die gezielte Schikanierung und Belästigung von Erwachsenen am Arbeitsplatz beziehen kann (Leymann 2006, 22). Er leitet sich vom englischen Verb „to mob“ ab, was soviel bedeutet wie anpöbeln oder schikanieren.[5] Dies kann den Eindruck erwecken, es müsse sich immer um eine Gruppe von Tätern handeln (Mob = der Pöbel), es kann sich jedoch auch um einen Täter handeln, der allein agiert.

Die meisten Autoren orientieren sich an der Mobbing-Definition von Olweus, die auch im weiteren Verlauf der Arbeit bei der Definition von Cyber-Mobbing eine Rolle spielt: „Ein Schüler oder eine Schülerin ist Gewalt ausgesetzt oder wird gemobbt, wenn er oder sie wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler oder Schülerinnen ausgesetzt ist“ (Olweus 2006, 22). Negative Handlungen sieht Olweus dann als gegeben an, wenn folgende vier Komponenten vorliegen:

1. Wiederholungsaspekt: Die Angriffe müssen wiederholt und über einen längeren Zeitraum stattfinden.
2. Verletzende Absicht: Die Angriffe müssen darauf abzielen dem Opfer psychischen und/oder physischen Schaden zuzufügen.
3. ein Kräfteungleichgewicht, also ein Machtgefälle zu Gunsten des Täters: Diese Kräftediskrepanz kann auf verschiedenen Komponenten, wie physischer Überlegenheit, verbalen oder sozialen Fähigkeiten oder dem Status in der Peergruppe, basieren (Scheithauer et al. 2008, 38)
4. Hilflosigkeit: Das Opfer ist klar unterlegen, hilflos und hat Mühe sich zu verteidigen. Es fühlt sich der Situation und dem Täter ausgeliefert.

Die meisten Autoren übernehmen diese Elemente in ihren Definitionen und ergänzen sie teilweise noch um weitere Aspekte, wie die Inakzeptabilität des Verhaltens und einen normativen Charakter (Smith und Brain 2000, 1). Eine ausführliche Definition von Mobbing in der Schule gibt Gollnick (2006, 36): „Unter Mobbing wird eine konfliktbelastete Kommunikation in der Klasse/im Kurs (…) verstanden, bei der die angegriffene Person systematisch, oft und während längerer Zeit mit dem Ziel und/oder dem Effekt der Ausgrenzung aus der Lerngruppe direkt oder indirekt angegriffen wird und dies als Diskriminierung empfindet. Dabei sind die Angriffe in verletzender Weise tendiert und können sich gegen einzelne, aber auch gegen eine Gruppe richten und von einzelnen oder von einer Gruppe ausgehen.“

Bullying kann direkt oder indirekt stattfinden und sich in verschiedenen Äußerungsformen manifestieren, z.B. verbal (verspotten, beleidigen), psychologisch (ausgrenzen, Gerüchte verbreiten) und körperlich (schlagen, spucken) (Fawzi 2009, 9).

Scheithauer et al. (2003, 28ff.) unterscheiden zwischen Indirekter Aggression „soziale Manipulation, die eine Zielperson auf Umwegen attackiert“; Relationaler Aggression „Verhalten, dass die Beziehungen einer Person zu Gleichaltrigen oder die Gefühle der sozialen Zugehörigkeit und Akzeptanz beschädigt“; Sozialer Aggression „Manipulation der Akzeptanz in der Gruppe durch Diffamierung, Ächtung oder Entfremdung“; und Psychischer Aggression „jegliche nicht-physische Aggressionen wie Beleidigungen (…) und somit auch verbal-aggressive und relational-aggressive Verhaltensweisen“.

Leymann (2006, 33f.) befasst sich zwar explizit mit Mobbing am Arbeitsplatz, sein Schema, nach dem er die Verhaltensweisen der Täter kategorisiert, lässt sich jedoch auch auf das Mobbing zwischen Jugendlichen übertragen. Leymann identifiziert fünf Ansatzpunkte:

1. Angriffe auf die Möglichkeiten sich mitzuteilen, bspw. durch Drohungen
2. Angriffe auf die sozialen Beziehungen, z.B. das Ignorieren oder „Schneiden“ des Opfers
3. Auswirkungen auf das soziale Ansehen, durch das Verbreiten von Gerüchten oder lächerlich machen des Opfers
4. Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation, bspw. ständige Anordnung neuer Aufgaben oder von Aufgaben die der Täter nicht selbst erledigen würde
5. Angriffe auf die Gesundheit, z.B. durch körperliche Misshandlung.

Besonders zu beachten ist, dass Bullying nicht gleichzusetzen ist mit Gewalt oder Aggression. Zwar liegt auch bei Aggression eine Schädigungsabsicht vor, jedoch nicht zwingend ein Machtungleichgewicht und der Wiederholungsaspekt. Der Begriff Gewalt beinhaltet zwar eine Kräftediskrepanz, aber auch hier ist der repetitive Aspekt nicht notwendigerweise gegeben (Riebel 2008, 6f.; Scheithauer et al 2003, 18).

Ebenfalls abzugrenzen ist Bullying sowohl von Tobspielen (rough-and-tumble-play), bei dem Kinder und Jugendliche spielerisch raufen und aggressives Verhalten nachahmen, sich aber nicht ernsthaft verletzten wollen als auch von Necken in Form von freundschaftlich gemeinten Hänseleien sowie von Zurückweisungen durch Gleichaltrige ( peer rejection) auf Basis von Popularitätsurteilen (Scheithauer et als 2003, 20ff., Scheithauer et al 2008, 38).

2.2 Charakteristik der Beteiligten

Täter

Täter weisen häufig folgende Merkmale auf: Sie haben eine sehr impulsive, hitzköpfige und dominante Persönlichkeit. Zudem sind sie meistens körperlich stärker als ihre Opfer und verfügen über ein gutes oder sogar überzogenes Selbstbewusstsein. Allgemein haben sie eine positive Einstellung gegenüber Gewalt und deren Anwendung. Oftmals haben sie selbst Gewaltanwendung in der Erziehung erlebt und haben eine negative Beziehung zu ihren Eltern. Darüber hinaus zeichnen sie sich durch ein starkes Bedürfnis aus, Macht über Andere auszuüben und besitzen kaum Einfühlungsvermögen oder Mitgefühl. Für ihre Handlungen fühlen sie sich nur eingeschränkt oder gar nicht verantwortlich. Täter haben eine geringe Frustrationstoleranz und Schwierigkeiten Regeln zu akzeptieren und zu befolgen. Ihre Aggressivität zeigt sich nicht nur im Umgang mit Mitschülern, sondern auch gegenüber Eltern und Lehrern sowie Erwachsenen allgemein. Die Erfahrungen sozialer Isolation und Zurückweisung durch die Peergroup können ebenfalls dazu führen, dass Jugendliche zu Tätern werden. Auch fehlende Zuneigung in der Kindheit und Reflexion durch die Eltern können eine Rolle spielen. Täter sehen häufiger gewalthaltige Filme als ihre Altersgenossen und sind häufiger delinquent. Sie haben ein erhöhtes Risiko für Schulversagen oder -ausschluss und zukünftige Probleme im Bezug auf Gewalt, Kriminalität und Substanzmissbrauch. Studien ergaben, dass überwiegend Jungen in Mobbing involviert sind und insbesondere körperlich gemobbt werden. Mädchen greifen hingegen eher zu psychologischem Mobbing und werden auch öfter Opfer von diesem sowie von verbalen Attacken (Fawzi 2009, 10; Olweus 2006, 44ff.; Riebel 2008, 22ff.; Willard 2007, 33).

Opfer

Studien haben erwiesen, dass die in der Öffentlichkeit weit verbreitete Annahme, Mobbingopfer würden sich durch besondere äußere oder von außen leicht erkennbare Auffälligkeiten auszeichnen, so nicht bestätigt werden konnte. Zwar werden diese häufig als Vorwand herausgepickt, um das Opfer zu mobben, jedoch sind sie nicht die Ursache des Mobbings. Dies zeigt sich allein daran, dass es viele Kinder gibt, die auch ein auffälliges äußeres Erscheinungsbild haben, aber nicht zu Mobbingopfern werden. Die Gründe warum manche Kinder zu Opfern werden und andere nicht, lassen sich vielmehr im Verhalten ausmachen (Riebel 2008, 25).

Olweus unterscheidet zwei Typen von Opfern. Den passiven oder ergebenen Opfertyp und den provozierenden Opfertyp. Ersterer ist typischerweise ängstlich, unsicher, sensibel, oft vorsichtig und still. Werden diese Kinder oder Jugendlichen attackiert wehren sie sich nicht, sondern reagieren mit Rückzug. Außerdem leidet dieser Opfertyp oft an einem geringen Selbstwertgefühl und hat eine negative Einstellung sich selbst und der Situation gegenüber. Sie sehen sich selbst als Versager, dumm und unattraktiv und schämen sich. Meistens haben sie keine oder kaum Freunde und tun nichts, was als Provokation für eine Attacke gewertet werden könnte. Im Allgemeinen haben sie eine negative Einstellung gegenüber Gewalt. Sie stellen für Täter ein leichtes Opfer dar, da zum einen nicht zu erwarten ist, dass sie sich zur Wehr setzen und sie zum anderen häufig niemanden haben der sie verteidigt oder sich für sie einsetzt.

Die zweite, deutlich kleinere Gruppe des provozierenden Opfertyps, der durch sein Verhalten auf sich aufmerksam macht und Mobbing provoziert, ist in seinem Verhalten sowohl durch ängstliche, als auch durch aggressive Reaktionsmuster gekennzeichnet. Diese Jugendlichen haben oft Konzentrationsprobleme[6] und können durch ihr Verhalten Ärger und Spannungen verursachen (Olweus 2006, 42f.)

Täter/Opfer

Dass man in der Realität nicht immer einfach in schwarz und weiß, bzw. Täter und Opfer einteilen kann, zeigt sich daran, dass in Befragungen viele Jugendliche angeben, sowohl schon mal Opfer von Mobbing gewesen zu sein, als auch selber jemanden gemobbt zu haben. Man spricht in solchen Fällen von Täter/Opfern. Häufig sind sie schwer zu identifizieren und können zunächst für Opfer gehalten werden. Im Gegensatz zu reinen Opfern lassen sich bei bully/victims vermehrt psychosoziale Probleme, eine schlechtere Beziehung zu den Eltern sowie häufiger Verhaltensprobleme und Aggression feststellen. Darüber hinaus neigen sie eher zu Substanzmissbrauch und Depression und es besteht eine erhöhte Gefahr für Schulversagen und soziale Isolation. Unterschiede zu reinen Tätern lassen sich nur in geringem Maße feststellen. Im Gegensatz zu reinen Tätern leiden Täter/Opfer eher an Selbstwert- und Identitätsproblemen und neigen eher zu Depression, Angst und sozialem Rückzug. Teilweise provozieren sie Angriffe, schlagen dann durch Mobbing zurück und bezeichnen dies dann als Selbstverteidigung. Sie suchen sich aber auch oft Opfer, die jünger oder schwächer sind als sie selbst. Täter/Opfer zeichnen sich durch ein hitziges Gemüt aus und neigen, wie provozierende Opfer, durch ihr Verhalten dazu, Spannungen zu schaffen (Riebel 2008, 27; Willard 2007, 34).

Zuschauer

Zuschauer, auch Bystander genannt, spielen eine wichtige Rolle im Mobbingprozess und können diesen durch ihr Verhalten stark beeinflussen. Während Riebel (2008, 27) nur von Zuschauern spricht, sofern diese Zeugen des Mobbings sind, aber nicht eingreifen, um den Opfern zu helfen, umfasst der Begriff Bystander bei Willard (2007, 44) alle Personen die in irgendeiner Form in den Mobbingakt involviert sind. Sie beruft sich dabei auf Pellegrini und Long (2002), die in ihrer Studie verschiedene Verhaltensweisen der Zuschauer identifiziert haben. Diese können die Rolle eines Assistenten für den Täter übernehmen, indem sie an den Attacken gegen das Opfer teilnehmen oder ihn zu weiteren anfeuern. Das Auslachen des Opfers kann ihn ebenfalls in seinem Handeln unterstützen und bestärken. Ein großer Teil der Bystander steht nur still daneben und greift nicht in das Geschehen ein. Dies führt dazu, dass sie vom Opfer oftmals ebenfalls als Gegner wahrgenommen werden, die das Handeln des Täters augenscheinlich billigen. Cowie (2000) konnte für dieses Verhalten drei Gründe ausmachen: Zum einen wissen viele der Zuschauer nicht, was sie tun oder sagen können, um den Täter aufzuhalten, gerade wenn es sich um körperliche Attacken handelt. Zum anderen haben sie oft Angst durch Engreifen die Täter auf sich aufmerksam zu machen und so zum nächsten Opfer zu werden. Darüber hinaus befürchten sie, durch ihr Dazwischentreten die Situation nur zu verschlimmern, weil sie das Falsche tun könnten und werden deswegen nicht aktiv. Zuschauer können jedoch auch eine Rolle des Beschützers für das Opfer einnehmen, indem sie auf das Geschehen einwirken und versuchen dem Opfer zu helfen und es zu verteidigen. Pellegrini und Long konnten in ihrer Studie einen Zusammenhang zwischen dem Bedürfnis nach Dominanz in einer Peergroup und Mobbingverhalten nachweisen. Das bedeutet, dass die verstärkte Aufmerksamkeit von Zuschauern eine wesentliche Rolle bei der Ermutigung des Täters zum Fortführen seines Verhaltens spielt (Riebel 2008, 27f.; Willard 2007, 44).

2.3 Folgen für das Opfer

Traditionelles Mobbing kann zahlreiche soziale, gesundheitliche und psychische Auswirkungen auf das Opfer haben, die kurz-, mittel- oder längerfristig andauern können. Es lässt sich zwischen emotionalen und seelischen Auswirkungen auf die Opfer und Folgen für das Verhalten der Opfer unterscheiden. Zu den häufigsten kurzfristigen emotionalen und seelischen Konsequenzen zählen Einsamkeit, negative Gefühle wie Selbstmitleid, persönliche Abwertung, Selbstschuld sowie depressive Gefühle. Allerdings müssen Depressionen, übermäßige Introvertiertheit und Ängstlichkeit nicht zwangsweise Folgen des Mobbings sein, sondern können die Wahrscheinlichkeit erhöhen, überhaupt Opfer von Mobbing zu werden. Folgeerscheinungen des Mobbings bilden nicht selten die Grundlage für erneute Mobbingattacken, da ein unsicheres Auftreten die Aufmerksamkeit anderer Täter auf die Opfer lenken kann (Scheithauer et al. 2003, 65; Rigby 2008, 47). Außerdem sind Konzentrationsschwierigkeiten und Unausgeglichenheit häufige Folgen. Zu den kurzfristigen Konsequenzen für das Verhalten gehören oft Schulverweigerung, fehlende Anteilnahme und sozialer Rückzug. Natürlich reagieren alle Opfer individuell auf ihre Viktimisierung, es lassen sich dennoch geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen. So reagieren Mädchen häufiger mit Gefühlen wie Angst, Trauer, Scham und zeigen hilfloses Verhalten, während Jungen Viktimisierung eher mit Wut und Gegenangriffen begegnen (Rigby 2008, 178f.).

Scheithauer et al. (2003) fassen die Ergebnisse zu Untersuchungen über mittel- und längerfristige Folgen für die Opfer zusammen. Sie nennen als häufig auftretende emotionale Auswirkungen ein geringes Selbstwertgefühl, Mutlosigkeit, erhöhte Depressions- und Angstsymptome. Betroffene entwickeln oftmals ein negatives Selbstkonzept und empfinden sich als wenig attraktiv. Darüber hinaus können soziale Anpassungsprobleme, Beziehungsprobleme, z.B. Probleme eine Beziehung zu initiieren, auftreten. Dazu kommen teilweise psychosomatische Probleme wie Schlafstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen. Letztendlich können sogar Suizidgedanken und -versuche die Folge von Mobbing sein.

Olweus (2000, 17) stellte in einer Langzeitstudie fest, das frühere Mobbingopfer im jungen Erwachsenenalter mit deutlich größerer Wahrscheinlichkeit depressiv waren und ein niedrigeres Selbstwertgefühl aufwiesen als Personen ohne Viktimisierungserfahrungen[7].

Dies zeigt wie sehr Mobbing das spätere Leben der Opfer beeinflussen kann, selbst wenn die Attacken bereits Jahre zurück liegen (Rigby 2008, 47f.; Scheithauer et al. 2003, 64ff.; Wachs 2009, 76ff.).

2.4 Zusammenfassung

Unter traditionellem Mobbing werden wiederholte, über einen längeren Zeitraum andauernde Angriffe verstanden, denen das Opfer hilflos gegenüber steht und bei denen eine verletzende Absicht sowie ein Kräfteungleichgewicht zu Gunsten des Täters gegeben sind. Die Beteiligten lassen sich nach bestimmten Merkmalen charakterisieren. Während Täter eher eine positive Einstellung gegenüber Gewalt haben und eher auffällig sind, ist das typische Opfer eher zurückhaltend und unsicher. Es gibt viele Fälle von Jugendlichen die sowohl Täter als auch Opfer sind. Ebenfalls eine wichtige Rolle spielen Zuschauer, die durch ihr Verhalten den Mobbingprozess beeinflussen. Mobbing kann zahlreiche negative psychische, physische und soziale Auswirkungen auf das Opfer haben, die kurz- oder längerfristiger Natur sind.

3 Cyber-Mobbing

In diesem Kapitel soll die Erscheinung Cyber-Mobbing genau untersucht und ein Überblick über den bisherigen wissenschaftlichen Forschungsstand gegeben werden. Zunächst wird auf die von Forschern vorgeschlagenen Definitionen von Cyber-Mobbing eingegangen und ein Überblick über die bisher identifizierten Merkmale gegeben. Anschließend werden internationale und deutsche Studien herangezogen, um zu ermitteln wie häufig Cyber-Mobbing in etwa auftritt. Es folgen Formen und Methoden von Cyber-Mobbing sowie eine Einsicht auf welche Art und Weise diese Formen über die verschiedenen Internet- und Handydienste durchgeführt werden können. Des Weiteren erfolgt eine Typologie der Beteiligten und es wird auf die Wahrnehmung, Reaktionen und Strategien der Opfer im Bezug auf Cyber-Mobbing eingegangen. Das Kapitel schließt mit den möglichen Folgen des Cyber-Mobbings für die Opfer.

3.1 Definition

Bisher gibt es keine einheitliche bzw. allgemein anerkannte Definition von Cyber-Mobbing. Grundsätzlich lassen sich zwei verschiedene Ansätze unterscheiden, dies liegt daran, dass sich die Frage stellt, ob Cyber-Mobbing nur eine weitere Möglichkeit des traditionellen Mobbings ist oder ob es sich um eine eigene Form von Mobbing handelt. Autoren die von ersterer Annahme ausgehen, übertragen die klassischen Definitionsmerkmale von Bullying auf Cyber-Bullying. So definieren Hinduja und Patchin (2006, 5) Cyber-Bullying folgendermaßen: „Cyberbullying is willful and repeated harm inflicted through the use of computers, cell phones, and other electronic devices.“ Eine ähnliche Definition findet sich bei Li (2007, 1777): „Cyberbullying is the repeated and intentional use of various forms of technology such as cell phones, pagers, e-mail, instant messaging, and web sites by individuals or groups to harm others.“ Einige Autoren orientieren sich noch mehr an der Mobbing-Definition von Olweus, wie z.B. Slonje (Riebel 2008, 43 nach Slonje 2006): „negative or hurtful repetitive behaviours, by the means of electronic communication tools, which involve an imbalance of power with the less-powerful person or group being unfairly attacked.”, oder Smith et al. (2008, 376): “aggressive, intentional act carried out by a group or individual using electronic forms of contact, repeatedly and over time against a victim who can not easily defend him or herself.”[8]

In der deutschen Literatur verstehen Grimm et al. (2008, 229) unter Cyber-Mobbing: „Teils anonyme Formen eines aggressiven Verhaltens, die online gegenüber anderen Nutzern ausgeübt werden – sei es in Chatforen, via Instant Messenger oder E-Mail sowie in Social Communites oder auch in Online-Computerspielen. Cyber-Mobbing kann nicht nur in schriftlicher Form erfolgen, auch mittels Fotos und Videos kann jemand erpresst, gehänselt, bloßgestellt oder sexuell belästigt werden.“.

Willard (2007) arbeitet mit einem weiter gefassten Cyberbullying-Begriff, der die klassischen Mobbingmerkmale nicht enthält: “being cruel to others by sending or posting harmful material or enganging in other forms of social cruelty using the Internet or other digital technologies.”. Sie vertritt die Ansicht, dass sich das Phänomen Cyberbullying gerade dadurch auszeichnet, dass nicht alle Merkmale des traditionellen Bullyings, wie z.B. eine Kräftediskrepanz zwischen Opfer und Täter, gegeben sein müssen. Diese Ansicht wird jedoch noch kontrovers diskutiert, da einige Autoren den Standpunkt vertreten, dass gerade die technischen Fähigkeiten und die Möglichkeit anonym zu agieren zu einer Machtposition und somit auch zu einem Kräfteungleichgewicht führen (Kowalski et al. 2008, 62; Hinduja und Patchin 2007, 91). Willard verwendet zwar einen weit gefassten Cyberbullying-Begriff. Sie merkt jedoch an, dass man bei manchen ihrer identifizierten Bullying-Formen, bezieht man sich auf den traditionellen Bullying-Begriff, von „Online Social Cruelty“ sprechen müsste. Denn bei diesen sind nicht alle Merkmale des traditionellen Mobbings gegeben.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob das Merkmal der Kontinuität gegeben sein muss. Die Möglichkeiten des Internets, Veröffentlichtes zu kopieren und zu jedem beliebigen Zeitpunkt und an eine kaum begrenzte Anzahl anderer Menschen weiterzuverbreiten, kann bereits eine einmalige Verleumdung immer wieder ins Bewusstsein rücken und einen Kreislauf in Gang setzen. Einmal Veröffentlichtes wieder aus dem Internet zu entfernen ist praktisch nicht möglich. So könnte man auch bei einem einmaligen Akt von Mobbing sprechen.

Der im englischen Sprachraum verwendete Begriff Bullying bezieht sich nur auf Kinder und Jugendliche, so wird auch der Begriff Cyber-Bullying nur für Kinder und Jugendliche verwendet: “Once adults become involved, it is plain and simple cyber-harassment or cyberstalking. Adult cyber-harassment or cyberstalking is NEVER called cyberbullying.” (Aftab 2009a). Allerdings können auch Erwachsene das Opfer von Verleumdung oder anderen Angriffen über das Internet sein, wie z. B. Lehrer die von Schülern in Foren beleidigt oder bedroht werden. Im Deutschen bezieht sich der Begriff Mobbing auch auf Erwachsene, weshalb sich der Begriff Cyber-Mobbing sowohl auf Kinder und Jugendliche als auch auf Erwachsene beziehen kann.

Da mir die Definition von Willard am umfassendsten erscheint und ich möglichst viele Aspekte des Phänomens mit einbeziehen will, arbeite ich mit dieser und berücksichtige auch Formen, bei denen nicht alle Merkmale des klassischen Bullyings gegeben sind.

3.2 Merkmale

Im Folgenden werden die wichtigsten Merkmale und Besonderheiten von Cyber-Mobbing zusammengefasst und kurz dargestellt. Diese ergeben sich zum Teil aus den bereits dargestellten Besonderheiten und Auswirkungen von Online-Kommunikation.

[...]


[1] Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden bei der Nennung von Personen die männliche Form verwendet, diese schließt jedoch die weibliche Form mit ein.

[2] Die Begriffe (Cyber)bullying und (Cyber-)Mobbing werden in der vorliegenden Arbeit synonym verwendet.

[3] Damit ist die Altersgruppe der 12- 19-Jährigen gemeint, wobei diese Altersgrenze nicht als exakte Eingrenzung, sondern als Anhaltspunkt zu verstehen ist.

[4] Hier ist anzumerken, dass die Übersetzungsschwierigkeiten des Wortes bullying dazu führen, dass verschiedene Studien mit unterschiedlichen Begriffen arbeiten und so zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

[5] Den Begriff verwendete zuerst der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der damit Gruppenangriffe von unterlegenen Tieren bezeichnete, um einen überlegenen Gegner zu verscheuchen.

[6] Einige dieser Schüler können als hyperaktiv charakterisiert werden.

[7] Die Studie wurde nur mit männlichen Personen durchgeführt, die Ergebnisse lassen sich daher nicht ohne weiteres auf Mädchen übertragen.

[8] Weitere Definitionen vgl. Kowalski und Limber 2007, 24; Belsey 2008; Lenhart 2007, 1.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Cyber-Mobbing. Theoretische Grundlagen und Vergleich zum traditionellen Mobbing
Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
50
Katalognummer
V299014
ISBN (eBook)
9783656952077
ISBN (Buch)
9783656955511
Dateigröße
829 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
cyber-mobbing, theoretische, grundlagen, vergleich, mobbing
Arbeit zitieren
Sabrina Kern (Autor), 2010, Cyber-Mobbing. Theoretische Grundlagen und Vergleich zum traditionellen Mobbing, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299014

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