Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, bedeutende Veränderungen in der schweizerischen Medienlandschaft zwischen 1950 und der Gegenwart im Überblick darzustellen und zu interpretieren. Dieses Unterfangen wirft zunächst einmal die Frage nach der zu wählenden wissenschaftlichen Herangehensweise auf, denn Mediengeschichte fällt sowohl in den Forschungsbereich der Geschichts- als auch der Publizistikwissenschaft. In der wissenschaftlichen Literatur finden sich kontroverse Aussagen über die entsprechenden Leistungen der zwei Disziplinen – sowohl von Historikern wie auch von Medienwissenschaftlern. Angesichts dieser konfliktbeladenen Ausgangslage sind zur Bearbeitung der Forschungsfrage zwei Kompromisse nötig. Erstens ist es weder im Interesse der wissenschaftlichen Auseinandersetzung noch im Sinn der vorliegenden thematischen Vorgabe, einzelne Medientitel oder –Gattungen zu untersuchen. Andererseits wäre es ein unrealistischer Anspruch, „alle“ Medien in der Erörterung inkludieren zu wollen. Zweitens scheint die vorliegende Fragestellung weder durch eine strikt geschichtswissenschaftliche, noch durch eine streng publizistikwissenschaftliche Herangehensweise – wenn es denn eine gäbe – bearbeitbar zu sein. In einem ersten Schritt bedarf es deshalb einer Abgrenzung des Untersuchungsgegenstands (Kapitel 2). Dafür wird zunächst in die unterschiedlichen Definitionen des Medienbegriffs aus publizistikwissenschaftlicher Sicht eingeführt (2.1). In der Folge wird die Genese verschiedener Mediengattungen vor 1950 im Überblick skizziert, um die jüngeren Entwicklungen einordnen zu können (2.2). In einem zweiten Schritt wird der Medienwandel ab 1950 aus drei Perspektiven beschrieben (Kapitel 3): Aus technologie- und regulationsgeschichtlicher Perspektive werden sowohl die Diffusion technologischer Innovationen als auch die zentralen medienrechtlichen Entwicklungen besprochen (3.1). Aus wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Perspektive wird auf die Wechselbeziehungen zwischen sozioökonomischen Faktoren und dem Medienwandel eingegangen (3.2). Darauf aufbauend, werden die gesellschaftlichen Folgen dieses Wandels aus einer öffentlichkeitstheoretischen Perspektive interpretiert (3.3). Zum Schluss werden die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst und diskutiert (Kapitel 4).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Abgrenzung des Untersuchungsgegenstands
2.1 Definitionen des Medienbegriffs
2.2 Historische Verortung
3 Medienwandel ab 1950
3.1 Technologie- und regulationsgeschichtliche Perspektive
3.2 Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Perspektive
3.2.1 Kommerzialisierung
3.2.2 Konzentration
3.3 Öffentlichkeitstheoretische Perspektive
3.3.1 Funktionen von Öffentlichkeit
3.3.2 Gesellschaftliche Folgen des Medienwandels
4 Zusammenfassung und Diskussion
4.1 Die wichtigsten Veränderungen der Medienlandschaft
4.2 Kritik und Forschungsausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die bedeutenden Veränderungen der schweizerischen Medienlandschaft im Zeitraum von 1950 bis zur Gegenwart. Ziel ist es, diese Entwicklungen theoretisch einzuordnen, die treibenden Faktoren wie technologischen Fortschritt und ökonomischen Druck zu analysieren sowie deren gesellschaftliche Auswirkungen unter öffentlichkeitstheoretischen Aspekten kritisch zu interpretieren.
- Technologie- und regulationsgeschichtliche Entwicklung der Medien
- Prozesse der Kommerzialisierung und ökonomische Umstrukturierung
- Eigentums- und Marktkonzentration in der Schweizer Medienlandschaft
- Normative Funktionen von Öffentlichkeit in modernen Demokratien
- Folgen des Medienwandels für journalistische Qualität und Vielfalt
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Kommerzialisierung
Wie oben ausgeführt, war die Presse im Gegensatz zum neu entstehenden Rundfunk keinen bedeutenden regulatorischen Zwängen ausgesetzt. Vor dem Einsetzen des Digitalisierungszeitalters war sie zudem von keinen nennenswerten technologischen Entwicklungen direkt betroffen. Als althergebrachte Medien waren Zeitungen und Zeitschriften jedoch dem sozioökonomischen Wandel ungleich stärker ausgesetzt als die neuen Medien, die sich im Zuge ebendieses Wandels etablierten und vielmehr als dessen Treiber angesehen werden können.
Die Partei- und Gesinnungspresse hatte bereits in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts begonnen, sich zu einer Geschäfts- und Generalanzeigerpresse zu entwickeln (vgl. Jarren 2001: 10). Diese Tendenz spitze sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts weiter zu. Imhof (2006: 200) bezeichnet die Ablösung der Medien von ihren herkömmlichen, „sozialräumlich und -moralisch gebundenen Trägern“ als „Entbettung“. Als zentrale Gründe dafür identifiziert er erstens die „Erosion der gesinnungsethisch gebundenen Parteimilieus“ und zweitens die „programmatische Annäherung der Volksparteien im Zeichen des globalen Dualismus des Kalten Krieges“.
Im Zuge dieser gesellschaftlichen Veränderungen sank die Nachfrage nach ideologisch verwurzelten Publikationen, was es für ihre Träger wiederum weniger attraktiv machte, sich kostspielige Publikationsorgane zu leisten. Blum (1993: 38) schreibt in Bezug auf die linken Kampfblätter pointiert:
„Wer die Privilegien der Besitzenden beschneiden, das Vermögen gerechter verteilen, die Lebensqualität der Werktätigen erhöhen und dem sozialen Fortschritt zum Durchbruch verhelfen wollte, musste links wählen. Wer aber über die aktuellen Ereignisse informiert sein wollte, musste nicht unbedingt eine sozialdemokratische Zeitung abonnieren.“
Mit wegfallender Subventionierung durch ihre traditionellen Träger, drängten die Verlage zunehmend ins Anzeigengeschäft. Dies führte zu einer grundlegenden Veränderung der geschäftlichen sowie inhaltlichen Ausrichtung vieler Pressetitel, weil sie nun zwei Märkte gleichzeitig bewirtschaften mussten (vgl. Lucht/Udris 2013: 8).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach den Veränderungen in der Schweizer Medienlandschaft seit 1950 und erläutert die methodische Herangehensweise unter Berücksichtigung publizistik- und geschichtswissenschaftlicher Perspektiven.
2 Abgrenzung des Untersuchungsgegenstands: In diesem Kapitel wird der Medienbegriff für die Arbeit präzisiert und eine historische Einordnung der Schweizer Massenmedien vor 1950 vorgenommen.
3 Medienwandel ab 1950: Das Hauptkapitel analysiert den Medienwandel anhand von drei Dimensionen: technologiegeschichtliche Regulation, wirtschaftliche Kommerzialisierung sowie öffentlichkeitstheoretische Folgen.
4 Zusammenfassung und Diskussion: Das abschließende Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und übt Kritik an der wissenschaftlichen Interpretationslogik hinsichtlich des Strukturwandels der Medien.
Schlüsselwörter
Schweizer Medienlandschaft, Medienwandel, Kommerzialisierung, Medienkonzentration, Öffentlichkeitsfunktionen, Digitalisierung, Pressefreiheit, Rundfunk, Demokratie, Strukturwandel, Publizistik, Medienökonomie, Längsschnittstudien, Journalismus, Medienpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet einen Überblick und eine Interpretation der wesentlichen Veränderungen in der schweizerischen Medienlandschaft zwischen 1950 und der heutigen Zeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die technologische Entwicklung, regulatorische Rahmenbedingungen, ökonomische Prozesse wie Kommerzialisierung und Konzentration sowie deren gesellschaftliche Folgen.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, den umfassenden Strukturwandel der Medien systematisch darzustellen und die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Qualität der öffentlichen Kommunikation zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine interdisziplinäre Herangehensweise, die geschichtswissenschaftliche Rückblicke mit publizistikwissenschaftlichen Analysen und öffentlichkeitstheoretischen Modellen verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine technologische/regulatorische Perspektive, eine wirtschaftsgeschichtliche Analyse der Kommerzialisierungs- und Konzentrationsprozesse sowie eine öffentlichkeitstheoretische Interpretation der gesellschaftlichen Folgen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Medienwandel, Kommerzialisierung, Medienkonzentration, Öffentlichkeitsfunktionen und Demokratie charakterisiert.
Inwiefern hat die Digitalisierung den Schweizer Medienmarkt verändert?
Die Digitalisierung hat laut Arbeit zu einer weitreichenden Konvergenz geführt, Produktionsabläufe verändert und den Druck auf traditionelle Medien durch neue Online-Angebote sowie internationale Plattformen massiv erhöht.
Wie bewertet der Autor die Konzentrationstendenzen bei den großen Medienkonzernen?
Der Autor steht der zunehmenden Machtkonzentration kritisch gegenüber, da diese zu regionalen Quasi-Monopolen führt und die Verantwortlichkeit gegenüber den Aktionären zunehmend diejenige gegenüber der Öffentlichkeit verdrängt.
- Citation du texte
- Francesco Bizzozero (Auteur), 2015, Wichtige Veränderungen in der schweizerischen Medienlandschaft zwischen 1950 und der Gegenwart, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299058