Wer die Kommunikation zwischen Zweisprachigen erlebt, stellt oft fest, dass Bilinguale über Sprachgebrauchsmuster verfügen, die Monolinguale nicht zeigen. Sprachmischungen stellen dabei ein sehr häufiges Phänomen dar. Neben den lexikalischen Elementen, können auch grammatische und phonologische Elemente innerhalb eines Satzes aus mehr als einer Sprache stammen, welche als Sprachkontaktphänomene bezeichnet werden.
Während einige Migrantensprachen bisher umfassend erforscht wurden, weist die Forschung in Bezug auf die deutsch-polnische Migrantensprache eine Lücke auf. Die vorliegende Arbeit leistet einen Beitrag, diese zu erfüllen und befasst sich mit folgenden Fragen:
1. Welche Besonderheiten und Sprachkontaktphänomene treten im Sprachgebrauch bei deutsch-polnischen Sprechern auf?
2. Welche Unterschiede ergeben sich in Bezug auf diese Aspekte zwischen jüngeren und älteren Bilingualen mit einer unterschiedlichen Aufenthaltsdauer in Deutschland?
Um diese Fragen zu beantworten, wurden zwei Gruppen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Aufenthaltsdauer in Deutschland untersucht. Es wurden Sprachdaten sowohl in Form von Spontanaufnahmen als auch von elizierten Daten erhoben und unter Berücksichtigung der individuellen Sprachkompetenz auf die auftretenden Sprachkontaktphänomene analysiert.
Im ersten Teil der Arbeit erfolgt zunächst eine Begriffsdefinition von Bilingualismus. Es wird auf den Zweitspracherwerb in verschiedenen Altersstufen sowie auf den gegenseitigen Spracheneinfluss eingegangen. Des Weiteren werden alle Formen von möglichen Sprachkontaktphänomenen dargestellt, wobei insbesondere auf zwei Modelle von Myers-Scotton Bezug genommen wird: Das MLF-Modell und das 4-M-Modell. Es wird eine Gegenüberstellung der polnischen und deutschen Sprache vorgenommen, die methodische Vorgehensweise erläutert und eine Sprachstandsdiagnose auf Basis der elizierten Daten sowie der Sprachdaten bei beiden Gruppen durchgeführt. Der Hauptteil der Arbeit befasst sich mit der strukturellen Analyse der auftretenden Sprachkontaktphänomene, wobei der Fokus auf die morphologische, syntaktische und semantische Ebene gelegt wird. Die Sprachkontaktphänomene werden unter Einbezug der bilingualen Kompetenz und der Unterschiede hinsichtlich beider Sprachsysteme ermittelt und begründet. Im anschließenden Teil werden Besonderheiten des Sprachgebrauchs beider Gruppen gegenübergestellt und verglichen und Antworten auf die beiden zentralen Forschungsfragen gegeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist Bilingualismus?
2.1 Erstsprache, Zweitsprache, dominante Sprache und bevorzugte Sprache
2.2 Gleichzeitiger und nachzeitiger Erwerb zweier Sprachen
2.3 Entwicklung der Zweitsprache
3. Gegenseitiger Spracheneinfluss, Transfer und Interferenz
4. Sprachkontaktphänomene
4.1 Code-switching
4.1.1 Insertion und Alternation
4.1.2 Das Matrix-Language-Frame Model
4.1.3 Das 4-M-Modell
4.2 Lehnformungen
4.3 Konvergenzen
4.4 Zusammenfassung
5. Komparatistik Deutsch – Polnisch
5.1 Nomina
5.2 Das Genus
5.3 Der Kasus
5.4 Deklinationstypen
5.5 Konjugation von Verben
5.6 Die Syntax
5.7 Erste Schlussfolgerungen
6. Methodik und Datenkorpus
6.1 Die Gruppen der Informanten
6.2 Die Untersuchungsmethodik
6.2.1 Elizierte Daten
6.2.1.1 Einzelinterviews
6.2.1.2 Grammatiktests und freie schriftliche Arbeiten
6.2.1.3 Gruppenarbeit
6.3 Aufnahmen von Spontandaten
7. Sprachstandsdiagnose
8. Strukturelle Analyse der Sprachkontaktphänomene der Gruppe 1
8.1 Code-switching
8.1.1 Insertions
8.1.2 Embedded Language Islands
8.1.3 Alternations
8.2 Lehnformungen
8.3 Konvergenzen
8.4 Weitere Besonderheiten
8.5 Zusammenfassung der Ergebnisse
9. Strukturelle Analyse der Sprachkontaktphänomene der Gruppe 2
9.1 Insertions
9.2 Embedded Language Islands
9.3 Alternations
9.4 Lehnformungen
9.5 Weitere Besonderheiten
9.6 Zusammenfassung der Ergebnisse
10. Vergleich der Sprachkontaktphänomene zwischen beiden Gruppen
11. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht strukturell und vergleichend die Sprachkontaktphänomene bei zwei Gruppen deutsch-polnischer Jugendlicher mit unterschiedlichem Alter und verschiedener Aufenthaltsdauer in Deutschland, um Unterschiede im Sprachgebrauch aufzuzeigen.
- Analyse von Code-switching, Lehnformungen und Konvergenzen
- Kontrastive Betrachtung der Sprachsysteme Deutsch und Polnisch
- Untersuchung des Spracheneinflusses (dominante vs. schwache Sprache)
- Empirische Erhebung durch Interviews, Tests und Spontanaufnahmen
Auszug aus dem Buch
8.1.1 Insertions
Es lässt sich eine große Anzahl von insertions aus der deutschen Sprache feststellen, welche in folgende Wortgruppen gegliedert werden können: Substantive (65 tokens, 45 types), gefolgt von Adjektiven und Adverbien (insgesamt 24 tokens, 20 types) und Verbinsertions (19 tokens, 17 types). Dieses Ergebnis zeigt, dass Substantive am häufigsten als insertions im bilingualen Sprachgebrauch auftreten, wodurch die in Kapitel 4.1.2 aufgestellte Behauptung Myers-Scottons bestätigt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert Mehrsprachigkeit als Regel und stellt die Forschungsfragen zu Besonderheiten und Unterschieden im Sprachgebrauch bei deutsch-polnischen Sprechern vor.
2. Was ist Bilingualismus?: Dieses Kapitel beleuchtet verschiedene Ansätze und Definitionen von Bilingualismus sowie den Erwerb von Erst- und Zweitsprachen.
3. Gegenseitiger Spracheneinfluss, Transfer und Interferenz: Es wird die bidirektionale Wechselwirkung zweier Sprachen im bilingualen Sprachgebrauch erörtert, inklusive der Konzepte Transfer und Interferenz.
4. Sprachkontaktphänomene: Theoretische Darstellung von Code-switching, Lehnformungen und Konvergenzen sowie Einführung in das MLF-Modell und 4-M-Modell.
5. Komparatistik Deutsch – Polnisch: Eine Gegenüberstellung der grammatischen Strukturen beider Sprachen, insbesondere hinsichtlich Nomina, Genus, Kasus und Verben.
6. Methodik und Datenkorpus: Beschreibung der informantenbasierten Querschnittstudie, der Datenerhebung durch Interviews, Tests und Spontanaufnahmen.
7. Sprachstandsdiagnose: Anwendung der Profilanalyse nach Grießhaber zur Bestimmung der Sprachkompetenz der Informanten in ihrer schwächeren Sprache.
8. Strukturelle Analyse der Sprachkontaktphänomene der Gruppe 1: Analyse der Sprachdaten der erwachsenen Informantinnen und Anwendung der Modelle von Myers-Scotton.
9. Strukturelle Analyse der Sprachkontaktphänomene der Gruppe 2: Untersuchung der Sprachkontaktphänomene bei den jüngeren Informanten und Vergleich mit der Lernersprache.
10. Vergleich der Sprachkontaktphänomene zwischen beiden Gruppen: Zusammenfassender Vergleich der Ergebnisse beider Gruppen hinsichtlich der Richtung des Spracheneinflusses.
11. Fazit und Ausblick: Zusammenfassung der Forschungsergebnisse und Ausblick auf zukünftige Forschungsmöglichkeiten.
Schlüsselwörter
Bilingualismus, Sprachkontaktphänomene, Code-switching, Deutsch-Polnisch, Zweitspracherwerb, MLF-Modell, 4-M-Modell, Insertions, Lehnformungen, Konvergenzen, Sprachdominanz, Sprachstandsdiagnose, Morphosyntax, Interferenz, Kontrastive Grammatik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Sprachkontaktphänomene im bilingualen Sprachgebrauch von deutsch-polnischen Jugendlichen und Erwachsenen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit konzentriert sich auf Code-switching, Lehnformungen, Konvergenzen sowie den gegenseitigen Einfluss der deutschen und polnischen Sprache.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Untersuchung und der Vergleich, wie Sprecher unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlicher Aufenthaltsdauer in Deutschland Sprachkontaktphänomene produzieren und welche Unterschiede sich dabei ergeben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine qualitative Querschnittstudie, die Sprachdaten durch Interviews, Grammatiktests, schriftliche Arbeiten und Spontanaufnahmen erhebt und diese auf Basis der Modelle von Myers-Scotton analysiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine kontrastive Analyse beider Sprachen, die methodische Vorgehensweise und die strukturelle Analyse der Sprachdaten beider Informantengruppen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Bilingualismus, Code-switching, Sprachkontakt, MLF-Modell, 4-M-Modell und Spracheneinfluss.
Wie unterscheidet sich der Sprachgebrauch zwischen den beiden untersuchten Gruppen?
Gruppe 1 weist mehr Sprachkontaktphänomene auf, wobei Deutsch die dominante Sprache ist. Gruppe 2, die als Lerner bezeichnet wird, greift stärker auf die Erstsprache zurück, zeigt mehr Interferenzen und weist eine bidirektionale Ausrichtung bei insertions auf.
Was ist das Ergebnis der Analyse der Substantivinsertions?
Substantive werden in beiden Gruppen am häufigsten als insertions verwendet, überwiegend als bare forms ohne morphologische Anpassung an die Matrixsprache.
- Citation du texte
- Agata Maciejewski (Auteur), 2011, Sprachgebrauch bei deutsch-polnischen Jugendlichen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299162