Melancholie und ihre literarische Darstellung in Goethes "Die Leiden des jungen Werther"


Bachelorarbeit, 2014
33 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einleitung

3. Melancholie im Laufe der Geschichte
3. 1. Begriffserläuterung
3. 2. Melancholie der Antike
3. 3. Melancholiediskurs des Mittelalters
3. 4 Melancholie in der Zeit der Entstehung von Goethes Werther
3. 5 Melancholiebegriff bei Freud
3. 6. Melancholiebegriff bei Kristeva

4. Manifestation der Melancholie bei Werther
4. 1. Heimweh und (Un)Glück
4. 2. Soziale Anerkennung
4. 3. Liebe zu Lotte

5. Melancholie als besondere Fähigkeit und Genialität
5. 1. Torquato Tasso vs. Werther
5. 2. Faust vs. Werther
5. 3. Werther als Genie

6. Melancholie als Krankheit
6. 1. Schwermut und Wirklichkeitsverlust
6. 2. Depression und Leiden
6. 3. Tödliche Melancholie und Selbstmord

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

Abstract

HYBEN, Lubomir: Melancholie und ihre literarische Darstellung am Beispiel von Goethes Werther. [Bachelorararbeit]. Universität Wien. Philologisch-kulturwissenschaftliche Fakultät; Studium Deutsche Philologie

Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich mit Melancholie und ihrer Darstellung im Roman Die Leiden des jungen Werther. Der Zentralpunkt liegt in der Darstellung der Melancholie der Figur im Roman. Es werden auch andere Figuren Goethes, wie Torquato Tasso und Faust vorgestellt und analysiert. Des Weiteren werden die verschiedenen Manifestationen der Melancholie verglichen, die in Werther gewirkt haben. Ich habe versucht die Frage zu beantworten, was genau die Melancholie bei Werther bedeutet und warum ausgerechnet sie das Werk so stark prägt und diesen Autor so einzigartig macht

Stichwörter: Melancholie, Werther, Depression, Einbildungskraft, Seelenstimmung, Genie, Krankheit, Selbstmord

1. Vorwort

Melancholie ist ein Thema, das schon seit Jahrhunderten, sogar Jahrtausenden eine besondere Aufgabe in verschiedenen Bereichen hat und eine Faszination auf das menschliche Geschlecht ausübt. Sie wird in der bildenden Kunst, Musik, Philosophie und auch in der Literatur thematisiert. Schon in den ältesten bekannten Gedichten war der Hauch der Melancholie zu spüren, wenn wir an Sappho, Alkaios und andere Lyriker der Antike denken. Die Melancholie spielte eine bedeutende Rolle nicht nur in ihrer Darstellung in der Kunst, sondern auch in der Antike selbst, als man sie einem der vier Körpersäfte zugeschrieben hat, und somit der zentralen Bestimmung des Menschen, oder des Menschencharakters diente.

Die Frage, ob Melancholie eine Stimmung, eine Krankheit, ein andauernder Zustand oder eine Eigenschaft ist, ist sozusagen immer noch offen und es gibt mehrere Ansichten und Urteile zu dieser Frage. Das faszinierende an der Melancholie ist, dass sie seit Jahrtausenden thematisiert wird und auch heute noch ihre Aktualität hat. Interessant ist auch die Wahrnehmung der Melancholie in der Antike, im Mittelalter und dann im Übergang zur Renaissance, als auch in der Zeit der Entstehung des Romans Die Leiden des jungen Werther bis heute. Dabei muss erwähnt werden, dass viele Schriftsteller und Künstler, u. a. Goethe, Nietzsche und Hölderlin, unter Melancholie gelitten haben, durchaus bestätigt, dass Melancholie, Genie und Wahnsinn nebeneinander existieren können.1

Diese Untersuchung beschäftigt sich hauptsächlich mit der Melancholie in der Literatur, konkret in Goethes Werther, und sie soll zeigen, wie umfangreich und unerschöpflich dieses Thema auch im Rahmen der Literaturwissenschaft sein kann.

2. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit der Melancholie und ihrem Verständnis bzw. ihrer literarischen Darstellung am Beispiel von Goethes Werther. Im ersten Teil versuche ich Antwort auf die Frage zu finden, was Melancholie eigentlich ist, wie sie definiert wird, wie sie entsteht, wie sie sich manifestiert und welche Bedeutung sie in der Literatur hat. Ich möchte die Ansichten anderer Schriftsteller und auch diejenige von Sigmund Freud miteinbeziehen und anhand der Beispiele aus anderen Werken darauf hinweisen, dass dieser Stoff oft in verschiedenen Formen thematisiert wird.

Im zweiten Teil der Arbeit befasse ich mich ausschließlich mit dem Roman Die Leiden des jungen Werther und weise auf seine melancholischen Elemente hin. Der Mittelpunkt dieser Untersuchung ist die Figur Werther selbst. Auf Grund dessen Aussagen in den Briefen versuche ich die mögliche Entstehung der Melancholie und die damit verbundenen Todestriebe zu entschlüsseln. Ich beschäftige mich auch mit der Frage, wie Melancholie und Wahnsinn zusammenhängen und versuche diese Frage anhand der Briefe zu beantworten. Es ist wichtig auch danach zu fragen, ob Melancholie eine Stimmung, oder eine angeborene Eigenschaft Werthers ist und wie Goethe ihn selbst wahrnahm, bzw. wie Goethe ihn dem Leser darstellen wollte. Ich gehe auf die Entwicklung der Figur im Verlauf der Ereignisse im Roman ein und interpretiere Werthers Melancholie als eine Reaktion auf die Folge der einzelnen Ereignisse, die Werthers Freitodentscheidung hervorgerufen haben.

3. Melancholie im Laufe der Geschichte

3. 1. Begriffserläuterung

Bereits seit Jahrhunderten gibt es verschiedene Meinungen über die Melancholie und über ihre Ursachen. Übersetzt bedeutet sie Schwarzgalligkeit (m é las steht für schwarz und chol é steht für Galle).2

Schon der Name selbst ist eine Allegorie, weil die Galle nicht schwarz, sondern dunkelgrün ist. Die versteckte Bedeutung führt also zur schwarzen Farbe, die für Trauer, Wehmut und Schmerz verbunden mit der Nachdenklichkeit steht.3 Die Verbindung schwarze Galle bezeichnet in manchen Sprachen im slawischen Raum die Dysthymie, also eine chronische, psychologische Störung, die unter Depression fällt und für deren leichtere Form gehalten wird. Die Dysthymie ist oft mit anderen Diagnosen verbunden, wie z. B. Drogenabhängigkeit, Schlaf- und Persönlichkeitsstörungen, sie entsteht meistens im frühen Erwachsenenalter und kann ein Leben lang andauern.

Schaut man sich das bekannte Bild Melancolia I Dürers an, so bekommt man schlagartig die ganze bildliche Erklärung, was Melancholie bedeutet. Auf dem vorwiegend schwarzen Bild sitzt eine Frau, die ihren Kopf an die geballte Faust lehnt und einfach leer vor sich hinschaut. Dieser Blick kann mehrere Bedeutungen haben: die Frau denkt nach, ist müde, sorgt sich um jemanden, trauert, versucht etwas zu kreieren oder will einfach nur alleine sein und ihre Gedanken abschalten. Das Alleinsein, die Nachdenklichkeit und die Trauer bilden eine Basis für den Melancholiebegriff von Dürers Bild.

3. 2. Melancholie in der Antike

Die antike Lehre von den vier Flüssigkeiten, bekannt auch als Viersäftelehre, hat sich nicht nur in der Zeit ihrer Entstehung, sondern auch lange danach erhalten. Die vier Flüssigkeiten, die sich im Menschen befinden, stellen eine Mischung dar, aber falls eine von ihnen ihr Gleichgewicht überschreitet, dient sie nicht zur Bestimmung des Menschen, sondern wird als seine Krankheit diagnostiziert.4 Das heißt, dass der Mensch nur dann gesund ist, wenn die vier Säfte in einem Zusammenklang im menschlichen Körper wirken und sich alle vier im Gleichgewicht befinden. „Der Überschuss an schwarzer Galle bringt den Melancholiker hervor, der an gelber oder roter Galle den Choleriker; beherrscht das Phlegma das Zusammenspiel der Säfte, so entwickelt sich das phlegmatische Temperament, und Blutreichtum schließlich erzeugt den Sanguiniker (dem sich nur schwer ein eindeutiges Krankheitsbild zuordnen ließ, da das Blut unentbehrlich für den Körper ist).“5

Daraus schließt man, dass in der Antike der Sanguiniker als die beste, und der Melancholiker als die schlechteste Natur galt. Die Schwarzgalligkeit, so Klibansky, wurde schon in der Antike als eine böse Enttarnung der gelben Galle oder auch des Blutes angesehen.6 Da man schon in der Antike die Melancholie durch Furcht, Menschenscheu und Wehmut definierte, kann behauptet werden, dass Melancholie als eine Art psychischer Krankheit betrachtet wurde, die sogar zum körperlichen Leiden führen konnte.

3. 3. Melancholiediskurs des Mittelalters

Die Epoche des Mittelalters wurde durch mehrere bedeutsame Ereignisse geprägt, vor allem durch Christianisierung. Deswegen hat sich die pathologisierende Haltung gegenüber der Melancholie nicht grundsätzlich verändert.

Binkert erwähnt einen Gedanken der Hildegard von Bingen, welche die Melancholie interessanterweise mit dem Sündenfall zusammenbringt, indem sie meint, der melancholische Mensch entstand in Adam, nachdem er den Apfel gegessen hat, weil es vorher im Paradies keine schädlichen Säfte gegeben hat.7 Das Ergebnis war Gottes Zorn und die Vertreibung aus dem Paradies, was möglicherweise die Angst und Furcht der Menschen nicht nur Gott gegenüber, sondern eine allgemeine Angst hätte hervorrufen können, und sie dadurch zu Melancholikern macht.

„Im übrigen [sic!] hat die Medizin des späten Mittelalters der traditionellen Auffassung wenig hinzugefügt.“8 Es gibt jedoch eine interessante Beobachtung von Hugues de Fouilloi, der behauptet, der Sitz der schwarzen Galle wäre in der Milz, weil sie kalt und trocken ist.9 Das Verständnis der Melancholie hat sich im Laufe der Jahrhunderte nur gering verändert. Erst in der Renaissance kommt die Veränderung, in der die Melancholie ihre Würde erwirbt und somit zur Mutter des Genies wird, aber diese Umwälzung des Verständnisses der Melancholie setzte die Wirksamkeit der Viersäftelehre nicht außer Kraft.10

3. 4. Melancholie in der Zeit der Entstehung von Goethes Werther

Über Goethe war ja bekannt, dass er in seinem Leben unter Melancholie und Depressionen litt. Nach dem Erscheinen seines Romans Die Leiden des jungen Werther fing jedoch eine neue Ära an, in der Melancholie ganz anders betrachtet wurde, als bisher. Eine der Ursachen war, dass die literarische Figur Werther ein sog. „Wertherfieber“ ausgelöst hat und sich die Gesellschaft daher erneut mit dem Thema zu beschäftigen begann.11 Bei vielen, die den Roman gelesen haben, hat die Figur Werthers Melancholie hervorgerufen. „Mit bemerkenswertem Scharfblick diagnostiziert Goethe bereits in jungen Jahren die melancholische Grundstimmung seiner Generation, die mit besonderer Leidenschaft die literarischen Werke der Empfindsamkeit rezipiert, um nach ihnen das eigene Lebensgefühl zu modellieren.“12 Mehrere Leser dieser Zeit haben in der Melancholie einen Lebensstil gefunden, der nicht mehr als eine psychische Krankheit, sondern eine Art schwermütige Stimmung oder tiefere Sensibilität betrachtet wurde. Das sehen wir nicht nur am Beispiel der vom Wertherfieber betroffenen Leser, sondern auch am Werk und Leben der Autoren dieser Epoche selbst.

3. 5. Melancholiebegriff bei Freud

Um den historischen Überblick über die Melancholie anzuschließen, würde ich gerne zwei Zeitsprünge machen und den Melancholiebegriff nach ca. einem Jahrhundert bei Freud und ca. einem weiteren Jahrhundert bei Kristeva miteinbeziehen und mit dem Melancholiebegriff in der Goethezeit vergleichen.

In seiner Definition der Melancholie lehnt sich Freud an die Trauer, mit der er die eigentliche Melancholie auch in seinem Werk „ Trauer und Melancholie “ von 1917 vergleicht. „Beide Phänomene verbindet er mit dem Erleiden eines Verlusts und entsprechend den Grundsätzen seiner Theorie, alle psychischen Erscheinungen auf die psychosexuellen Erfahrungen des Kleinkindes zurückzuführen, identifizierte er den Verlust noch ganz generell als Mangel von sexueller Erregung.“13 Freud erklärt die Melancholie als ein Sehnen nach der Liebe in allen ihren Formen, wobei er jedoch die anderen Melancholiebegriffe nicht radikal ablehnt. In seinem Buch erscheint die Melancholie als pathologische Trauer, einen Verlust zu bewältigen, wobei er den Anlass zur Trauer als Verlust eines geliebten Menschen, der Liebesfähigkeit oder der Libido hervortreten lässt.14 Es könnte sich auch um so eine Person handeln, die für den Melancholiker nie mehr als ein/e Freund/-in war. Durch den Verlust dieser Person tritt die Melancholie in den Vordergrund, weil der Melancholiker nicht nur die geliebte Person, sondern auch jegliche Hoffnung an ein eventuelles Zusammenkommen verliert, wie es auch bei Werther der Fall ist.

3. 6. Melancholiebegriff bei Kristeva

Auch Julia Kristeva versteht die Melancholie ähnlich wie Freud, was sie in ihrem Buch Schwarze Sonne beschreibt. Kristevas Interpretation weicht jedoch vom Libidoverlust und vom Verlust einer geliebten Person ab. Sie ist der Meinung, dass man schon bei der Geburt zu einem Melancholiker werden kann, indem man den direkten Kontakt mit der Mutter verliert: „Die Tatsache, daß [sic!] es unabänderlich verzweifelt von seiner Mutter getrennt ist, läßt [sic!] es versuchen, sie wie die anderen Liebesobjekte wiederzufinden, zunächst in der Phantasie, dann in den Worten.“15 Der Melancholiker ist also nicht imstande, diese Tatsache zu überwinden, und seine melancholischen Zustände werden dadurch ausgelöst.

Kristeva geht davon aus, dass Melancholie und Depression einen Komplex bilden, dessen Umrisse und Grenzen unscharf und nicht eindeutig sind, und als Krankheit behandelt werden müssen.16

4. Manifestation der Melancholie bei Werther

Wenn man von dem traurigen, bemitleidenden Vorwort Goethes am Anfang des Romans absieht und den ersten Brief Werthers an Wilhelm zu lesen beginnt, kommt man zum Schluss, dass die eigentliche Melancholie, die durch die eventuell vorgetäuschte Freude Werthers versteckt sein kann, wahrscheinlich schon hier ihren Geburtsort hat. Wie Freud und Kristeva konstatieren, handelt es sich bei der Melancholie um ein Verlustüberwinden, oder um ein Nicht-Überwinden-Wollen dieses Verlustes, als auch um die Trennung des Kindes von der Mutter. Obwohl Kristeva meint, dass die Melancholie durch die unmittelbare körperliche Trennung entsteht, ist der Abschied und das Verreisen Werthers ein Grund, oder ein erster kleiner Schritt zur Melancholie.

4. 1. Heimweh und (Un)Glück

Man kann annehmen, dass nicht nur der Verlust der Mutter, sondern auch der Verlust der Heimat und des besten Freundes die Ursache der Melancholie Werthers sein können. Er schreibt seinem Freund Wilhelm, dass er Einsamkeit braucht um die Vergangenheit hinter sich lassen zu können und zu vergessen, aber aus seinen Worten hört sich gewisse Sehnsucht nach der Heimat an. Horst Flaschka sagt, dass Werthers Leiden und Selbstmord nicht nur auf die Liebestragödie mit Lotte reduziert werden können, weil das Verhängnis Werthers schon in seinen Frühlingsbriefen noch vor der Bekanntschaft mit Lotte zum Ausdruck kommen.17 Die Heiterkeit, Freude und Wollust sind also nur Deckmanöver für die beginnende Melancholie, über deren Entstehung vielleicht nicht einmal Werther etwas zu wissen scheint. Außerdem verbringt Werther Stunden bei dem Brunnen, in der Natur unter Bäumen, und all die beschriebenen Gegenstände stellt einer sich vor, wenn es um die Heimat geht. Einerseits will Werther sich von den unangenehmen Erinnerungen befreien, andererseits sucht er all das, was ihn an seine Heimat erinnert. Auch Wilhelm lebt in Werthers Heimat und das Heimweh, bzw. die dadurch sich steigernde Melancholie ist ein Resultat dieser Kombinationen: Werther alleine in der Fremde, ohne Freunde, ohne Familie und ohne Liebe. Der Name der Ortschaft Wahlheim, die wir im Brief vom 26. Mai vorfinden, wirkt für den Leser unsicher, und somit erfüllt es seinen Zweck. Zwar sucht Werther seine neue Heimat woanders, aber hier wird er sich im Laufe der Zeit nicht sicher fühlen, und das offenbart der Autor dem Leser.

Interessant ist auch die Art und Weise, wie Goethe mit dem Medium Brief arbeitet. Durch den Brief ist nämlich Werther mit Wilhelm, und somit auch mit seiner Heimat verbunden. Dass Werther stets unter die Menschen geht und nach seinem Glück sucht, bestätigt, dass die Freude, die er anfangs in den Briefen beschreibt, nur oberflächlich ist. „Das verbreitete Syndrom der Melancholie scheint aber gerade Ausdruck der Erfahrung zu sein, daß [sic!] Wille und Einsicht allein Glückseligkeit noch nicht herzustellen vermögen, daß [sic!] sich der Wollende aufgrund von verinnerlichten Anschauungsstrukturen, Erlebnismustern und Wertvorstellungen selbst daran hindern kann, glücklich zu werden.“18 Mausers Theorie würde daher auch die Annahme untermauern, dass Werther sich von Anfang an selbst daran hindert, glücklich zu werden.

Im Brief vom 17. Mai spricht er davon, dass er sein Glück sucht, doch er begreift nicht, warum ein Junge, der ihm entgegen tritt, so fröhlich lacht und glücklich ist. Er kann sich damit nicht identifizieren, dass irgendjemand einfach so von sich selbst glücklich sein kann, als müsste dahinter jede Menge Mühe und Selbstverleugnung stehen. Er lebt in seiner eigenen Welt und er scheint nicht imstande zu sein, die Grenze in die nicht-melancholische Welt überschreiten zu können. Valk erklärt diese Tatsache so, dass Werther nicht wegen der zwischenmenschlichen oder gesellschaftlichen Konflikte zugrunde geht, sondern an seiner eigenen, expansiven Lebensfülle scheitert, die sich in den Grenzen der diesseitigen Welt nicht entfalten kann.19

4. 2. Soziale Anerkennung

Im Roman stoßen wir auf Intermedialität an, weil “im Buch ein Buch gelesen wird“. Werther ist ein leidenschaftlicher Leser, der sich mit der Philosophie beschäftigt. Seine Lieblingsautoren sind Homer und Ossian. Jedoch spricht Werther über die Ästhetik nicht als Philosoph, sondern als Laie, oder als empfindsamer Mensch, der sich die Einflüsse der äußeren Welt sehr zu Herzen nimmt, was der Grund sein kann, warum er von der Kunst fordert, die Natur genau zu beobachten.20 Er sieht in der Natur etwas Besonderes, mit dem sich die Kunst beschäftigen müsste. Seines Erachtens sollte die Kunst als Medium zwischen Natur und Mensch wirken. Er betrachtet sich selbst als begabten Künstler und er wird selbst zu Medium beim Versuch, die Natur aufs Blatt zu übertragen.21

Wether sehnte sich immer schon nach sozialer Anerkennung. Er wird gegenüber Albert gestellt, der ganz anders ist als Werther. Werther ist empfindsam und impulsiv in seinen Emotionen, Albert hingegen ist ein besonnener Mensch mit kühlem Kopf. Werther ist mit Alberts Einstellungen nicht einverstanden, weil zu viel Vernunft und Maß laut Werther dem künstlerischen Genie schaden können.22 Diese Philosophie und Lebenseinstellung Werthers geht auf Herder zurück, von dem sich Goethe beim Schreiben des Romans hat inspirieren lassen. Durch Werther spricht auf dieser

[...]


1 Vgl. Perner, Andrea: Literarische Figuren zwischen Melancholie, Genie und Wahnsinn. Wien 2011, S. 8.

2 vgl. Pfeifer, Wolfgang: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 7. Aufl. München: dtv 2004, S. 836.

3 vgl. Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. Bd. 12. Deutscher Taschenbuchverlag: München 1999, S. 1184 ff.

4 vgl. Binkert, Dörthe: Die Melancholie ist eine Frau. Hamburg: Hoffmann und Campe 1995, S. 138.

5 Ebda, S. 139.

6 vgl. Klimansky, Raymond / Panofsky, Erwin / Saxl, Fritz: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1990, S. 53.

7 vgl. Binkert, S. 147.

8 Klimansky / Panofsky / Saxl, S. 160.

9 vgl. ebda, S. 180.

10 vgl. Binkert, S. 148.

11 vgl. Perner, S. 55.

12 Valk, Thorsten: Melancholie im Werk Goethes. Genese - Symptomatik - Therapie. Tübingen: Max Niemeyer 2002, S. 9.

13 Rostek, Ulrike: Freuds Melancholiebegriff in Judith Butlers Buch Das Unbehagen der Geschlechter. Wien 2006, S. 18.

14 Vgl. ebda, S. 23.

15 Kristeva, Julia: Schwarze Sonne. Depression und Melancholie. Frankfurt/Main: Brandes & Apsel 2007, S. 13.

16 Vgl. ebda, S. 17.

17 Vgl. Flaschka, Horst: Goethes Werther. Werkkontextuelle Deskription und Analyse. München 1987, S. 212.

18 Mauser, Wolfram: Glückseligkeit und Melancholie in der deutschen Literatur des frühen 18. Jahrhunderts. In: Melancholie in Literatur und Kunst. Hrsg. von Udo Benzenhöfer u. a. Hürtgenwald: Guido Pressler 1990, S. 54.

19 Vgl. Valk, S. 59.

20 Vgl. Seele, Katrin: Goethes poetische Poetik. Über die Bedeutung der Dichtkunst in den Leiden des jungen Werther, im Torquato Tasso und in Wilhelm Meisters Lehrjahren. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004, S. 53.

21 Vgl. ebda, S. 54.

22 Vgl. ebda, S. 55.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Melancholie und ihre literarische Darstellung in Goethes "Die Leiden des jungen Werther"
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Goethes Werther
Note
2
Autor
Jahr
2014
Seiten
33
Katalognummer
V299176
ISBN (eBook)
9783656956013
ISBN (Buch)
9783656956020
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
melancholie, darstellung, goethes, werther
Arbeit zitieren
Ľubomír Hyben (Autor), 2014, Melancholie und ihre literarische Darstellung in Goethes "Die Leiden des jungen Werther", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299176

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