Literarische und philosophische Konzeptionen von Liebe und Geschlecht in Wielands Musarion "Nie scherzte die Vernunft aus einem schönern Mund"


Hausarbeit, 2015
30 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Dichtungshintergrund
1.1 Liebes- und Geschlechterdiskurs im 18. Jahrhundert
1.2 Wielands Weltbild und sein Stilideal

2 Konzeptionen von Liebe und Geschlecht
2.1 Erotische Aufklärung
2.2 Ansätze negativer Andrologie und Aufwertung von Weiblichkeit

3 Modernität des literarischen Dichtungsprogramms
3.1 Gattungsmischung
3.2 Nutzbarmachen des Galanten für die Schwärmerkritik
3.3 Funktionen des mythologischen Programms

Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die erstmalige Lektüre und Textanalyse von Christoph Martin Wielands Verserzählung „Musarion oder die Philosophie der Grazien“ im Rahmen des Präsenzseminars „Anthropologie der Liebe und negative Andrologie um 1800 in den Texten Wielands, Goethes und Kleists“ hat mein Erkenntnisinteresse für die Liebes- und Geschlechterdiskurse in der Aufklärung verstärkt. An der Schwelle des Übergangs von der feudalabsolutistischen zur bürgerlichen Gesellschaft vollzog sich eine anthropologische Wende: der Mensch in seiner Ganzheit beginnt sich selbst zu reflektieren und als Subjekt zu erkennen. Damit einher gingen neue Liebes- und Geschlechterkonzepte, die in der Literatur des 18. Jahrhunderts als anthropologische Folgen reflektiert wurden und Änderungen der Liebes- und Geschlechtersemantik nach sich zogen. Wielands Werk Musarion von 1768, ist medialer Ausdruck bzw. eine „Vorahmung“ dieser Mentalitätsänderung, der Ablösung der alten Ordnung in Liebes- und Geschlechterbeziehungen.

Meine Fragestellung lautet daher: Wie sind die literarisch-philosophischen Konzeptionen von Liebe und Geschlecht in Wielands Musarion gestaltet und worin besteht ihre spezifische Modernität?

Der Dichtungshintergrund, der Liebes- und Geschlechterdiskurs zur Entstehungszeit des Werks, den ich mit Hilfe der systemtheoretische These Luhmanns zur funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft betrachte, ist Ausgangspunkt meiner Werkanalyse in Punkt 1.1. Darüber hinaus bildet in Punkt 1.2. Wielands Weltbild und sein Stilideal in der Entstehungszeit des Werks, den Einstieg in die Beantwortung der Fragestellung unter Bezug auf seine vorangegangenen Werke aus den 60iger Jahren.

In einem ersten Schritt analysiere ich das Werk hinsichtlich der inhaltlichen Dichtungskonzeptionen von Liebe und Geschlecht und gehe hier auf die philosophische Fundierung ein. Dabei gehe ich in Punkt 2.1. zum Kern der Wielandschen Weisheit: seine Kritik jeglichen Schwärmertums und sein Ideal der natürlichen menschlichen Mitte, das sich in der Verkündung von Musarions Philosophie, der Philosophie der Grazien manifestiert. Der Triumph weiblicher Vernunft über männliches Schwärmertum steht dabei im Mittelpunkt. Ich greife die ab den 90-iger Jahren erforschten Liebeskonzeptionen auf. Die Verserzählung bietet eine Vielzahl von erotischen Elementen, die ich unter der These einer „Theorie der Erotik“ in Punkt 2.2 diskutieren möchte. Dabei gehe ich auch auf die Probleme der Figuren bei ihrer Selbstreflexion ein. Die Arbeit fokussiert in Punkt 2.3. die Geschlechterrollen und die Darstellung der Geschlechterbeziehungen. An dem von Wieland entworfenen Männerbildern ist eine sich abzeichnende Negativierung von Männlichkeit, allen voran an der Hauptfigur Phanias, erkennbar. Zur Untersuchung des Ansatzes negativer Andrologie im Text stütze ich mich auf Kucklicks These zur Geburt der negativen Andrologie in der Literatur des 18. Jahrhunderts. Es wird anhand des von Wieland entworfenen Frauenbildes angenommen, dass mit der der Negativierung von Männlichkeit eine Aufwertung von Weiblichkeit einhergeht

Im zweiten Schritt der Werkanalyse stelle ich die poetischen Gestaltungsmitteln dar, die in ihrer Komplexität zur Modernität beitragen. Eine These zur Gattungsmischung diskutiere ich in Punkt 3.1. In Punkt 3.2. untersuche ich anhand der Figuren Musarion und Phanias auf welche Weise und warum der Dichter den galanten Code für seine Schwärmerkritik nutzbar macht. In Punkt 3.3 zeige ich die Funktionen der mythologischen Verweise und das Rollenverhalten der Figuren im antiken Handlungsrahmen auf.

Das Resümee dient der Zusammenfassung meiner Erkenntnisse aus der Textanalyse mit Hinblick auf die Leitfrage der literarisch-philosophischen Konzeptionen von Liebe und Geschlecht und ihrer spezifischen Modernität. Die vorliegende Arbeit soll anhand der Werkanalyse zeigen, dass Wielands Musarion nicht an Bedeutung für die Liebes- und Geschlechterdiskurse unserer Zeit verloren hat, im Gegenteil: „Wieland wartet auf das einundzwanzigste Jahrhundert!“1

1 Dichtungshintergrund

Das dreiteilige Versepos Musarion fand „reißenden“ Absatz und wurde 1769 sogleich in einer 2. Auflage als Prachtausgabe und danach noch zahlreich veröffentlicht bis Wieland es zuletzt für seine Ausgabe Sämmtliche Werke

(1794-1803) redigierte.2 Wieland hatte mit seiner „Philosophie der Grazien“ offensichtlich den Zeitgeist getroffen, aber worin bestand dieser? Die Konzeptionen von Liebe und Geschlecht in der Musarion sollen aus einem mentalitätsgeschichtlichen Blickwinkel erarbeitet werden.

1.1 Liebes- und Geschlechterdiskurs im 18. Jahrhundert

Eines der vielen Liebesgedichte dieser Zeit von Matthias Claudius (1740-1815) handelt von der Kraft und Allgegenwärtigkeit der Liebe:

„Die Liebe hemmet nichts; sie kennt nicht Tür noch Riegel

Und dringt durch alles sich;

Sie ist ohn’ Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel

und schlägt sie ewiglich.“3

Wir befinden uns in der ungezügelten „Sattelzeit“ (Reinhart R. Kosselleck)4. In der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnt sich in Abgrenzung zum rein rationalen Erkenntnisinteresse der Frühaufklärung die Empfindsamkeit, die alle Lebensbereiche erfasst, zu formieren. Die Menschen möchten sich - zunehmend auch als Mann oder Frau - wahrgenommen und in ihrer individuellen Vielfalt, ihren Leidenschaften, Gefühlen, Träumen und Sehnsüchten gewürdigt wissen. „Im Gefühl bezieht sich das empfindsame Subjekt auf sich selbst“5. Der Drang der Bürger nach Selbstbehauptung und Selbsterfahrung manifestiert sich im Streben nach Identitätsbildung durch Bildung und Erziehung. Dazu tragen in ganz Europa vor allem die kultur- und sozialphilosophischen Schriften des französischen Aufklärers Jean Jacques Rousseau (1712-1778)6, seine Erziehungsromane „Émil ou de l’éducation“ (Emil oder über die Erziehung, 1762) und seine Lehre vom „Gesellschaftsvertrag“, dem „Contrat Social“ (1767).

Die Gefühlsrevolution geht einhehr mit einer Medienrevolution: In verschiedenen Medien – Büchern, den neu entstandenen 500 Moralischen Wochenzeitschriften7, Privatbriefen und Tagebüchern wird die Gefühlskultur verschriftlicht8 und massenhaft von einem wachsenden Lesepublikum in Deutschland konsumiert und kommuniziert. Eine vielseitige literarische Produktion von Belletristik und Wissenschaftsliteratur setzt ein. Insbesondere anthropologische Abhandlungen z.B. über die Natur von Männlichkeit und Weiblichkeit verdrängen zunehmend theologische und juristische Schriften. Man geht ins Theater, liest und diskutiert gemeinschaftlich in geselliger Runde in neuen sozialen Räumen – den privaten Lesezirkeln oder öffentlichen Lesevereinen. Träger der privaten Geselligkeit sind zumeist Frauen. Die moralisierenden Ratschläge zu Hauswirtschaft, zu Ehe und Familie, und Liebe lassen eine Nachfrage nach Frauen- und Mädchenbildung erkennen, die beginnt, sich herauszubilden. Es entsteht eine neue Art der zwischenmenschlichen Beziehung: die Freundschaft, die vorzugsweise über den Privatbrief gepflegt wird und zwar zwischen beiderlei Geschlechts. In dieser Epoche der Aufklärung ist eine Zunahme der Intimbeziehungen, der Beziehungen zwischen den Geschlechtern und ein zunehmender Liebes- und Geschlechterdiskurs zu verzeichnen. Liebe wird zum zentralen Lebenswert. Sie ist nach Shaftesbury „Begierde nach fremder Glückseligkeit“9. Der Literatur im 18. Jahrhundert bzw. den Medien kommt unbestritten eine Vorreiterrolle zu. Sie soll die Triebnatur veredeln z.B. in Freundschaft10.

Sind die Sprache bzw. Schrift der Liebe, ihre Semantik und ihre sozialen Konzeptionen zu allen Zeiten gleich? Nach der systemtheoretischen These Niklas Luhmanns ist mit fortschreitender gesellschaftlicher Ausdifferenzierung ein umfassender Wandel der Liebessemantik zu verzeichnen11. Für Luhmann ist die Gesellschaft ein System der Kommunikation von autopoietischen Teilsystemen. Jedes System wird durch generalisierte Kommunikationsmedien vertreten.

Das System der zwischenmenschlichen Beziehungen, der Intimbeziehungen, wird durch das Kommunikationsmedium „Liebe“ aufrechterhalten. Liebe ist nach Luhmanns These kein Gefühl, sondern steht für Codes von Intimität, die ermutigen, entsprechende Gefühle und Empfindungen zu bilden.12 In historischen Prozessen etablieren bzw. wandeln sich diese Codes, die als geänderte Sinnzuschreibungen sind und eine Ablösung überholter und den Übergang zu neuen Verhaltensregeln bedeuten. Luhmann umschreibt die Liebe zunächst als „Liebe als Passion“: „Passion drückt aus, dass man etwas erleidet, woran man nichts ändern und wofür man keine Rechenschaft geben kann.“13 Musarion zur amour passion:

„Sey wahr, und sprich, ist’s stet’s in unserer Gewalt

Zu lieben wie und wen wir sollen?

Wir finden ohne Grund uns zärtlich oder kalt.“ (22)14

1.2 Wielands Weltbild und sein Stilideal

Wieland hat sich selbst immer wieder zu seinem Weltbild und seiner literarischen Schreibweise geäußert; diese Äußerungen stehen in Bezug seinen Werken. In der Widmungsvorrede an seinen Freund Christian Felix Weisse schreibt er zur Musarion: „Ihre Philosophie ist diejenige, nach welcher ich lebe; ihre Denkart, ihre Grundsätze, ihr Geschmack, ihre Laune sind die meinigen. Das milde Licht, worin sie die menschlichen Dinge sieht“.( 6)

Musarion wird in der Forschung als Wielands wichtigste Verserzählung hervorgehoben und als Ausdruck der „métamorphose“15 gedeutet, die der junge Dichter vom pietistisch frommen, platonisch-philosophischen Schwärmer zum irdischen Menschen durchlaufen hat – dies war Wielands persönliche Schwärmerkur, und er erfreute sich danach einer „rétablissement dans ma forme naturelle“ – einer Besserung seines Wesens - wie er es selbst ausdrückte. Aus dem „Kampf der philosophischen Systeme“ ist ein humanistisches und eklektisches Weltbild hervorgegangen – angelehnt an den Eudämismus und die Philosophie des Epikur bis hin zum Konzept des Hedonismus’.

Es setzte eine produktive und kreative Schaffensperiode ein, die von einer lebenslangen Schwärmerkritik und der Skepsis gegenüber dogmatischen Systemlehren und Fanatismus getragen war. Als Musarion 1768 veröffentlicht wird, kann man ihn als anthropologisch-philosophischen Dichter begreifen, der seine Leser unterhalten zugleich und aufklären will. Gleich zu Beginn des ersten Verses der Musarion macht er deutlich, dass es ihm um den ganzen Menschen als Subjekt geht:

„In einem Hain, der einer Wildniß glich

…Ging Phanias mit seinem Gram und sich

Allein umher;“

..Verdrossenheit und Trübsinn mahlte sich

In Blick und Gang und Stellung..“(13)

In diesem Fall handelt es sich um den griechischen Jüngling Phanias, der an seiner Schwärmerei zur reizenden Grazie Musarion erkrankte und nun die Bürde seiner negativen Gefühle trägt, fernab der Zivilisation, in misanthropischer, asketischer Weise, gleichgültig der Natur gegenüber. Die Schreibweisen seiner Dichtung, getragen von der literarischen Tradition der Antike und einer herausragenden Verskunst, haben sich in Richtung der Prämissen Witz und Empfindsamkeit, Satire und Ironie entwickelt bis hin zu seinem Stilideal, dem Ideal der Kalokagathie, Konzept der G r a z i e.16 Es ist sein Ideal der Harmonie in der literarischen Darstellung und dem Ideal, dem er im praktischen Leben entgegenstrebt. Seine Lebensweisheit verkündet er in Musarions Philosophie und will den Lesern, wie es der Titel „Philosophie“ es bereits ausdrückt, seine Lebensweisheit anbieten, das Ideal der Grazie. Er geht hierin seiner Lebensfrage nach dem „richtigen“ Maß, von Natur und Kultur, Verstand und Herz, von Tugend und Sinnlichkeit, von Ethik und Ästhetik nach, aber vor allem der Suche nach der Überwindung des scheinbar unüberbrückbaren Gegensatzes von geistig-seelischer Liebe und körperlich-sinnlicher Liebe bzw. zwischen tugendhaft-platonischer und erotischer Liebe bzw. zwischen künstlicher und natürlicher Liebe17.

2 Konzeptionen von Liebe und Geschlecht

Ich gehe von der These aus, dass der Dichter sich nicht ausdrücklich moralphilosophisch äußert, sondern dem Leser allgemeine Lebensweisheiten an die Hand gibt wie zum Beispiel, dass natürliche Liebe und Erotik sowie Humor und Freundschaft die Basis für eine harmonische Paarbeziehung sind.

In der Forschung wurden bislang keine konkreten Liebeskonzeptionen benannt. Lautwein sieht Wielands Liebeskonzept in einem Interpretationsversuch von Sentimentalität und Erotik.18 Hoffmann diskutiert einen aristokratischen, erotischen und empfindsamen Liebesentwurf kommt aber zu keinem Ergebnis.19

Die Liebeskonzeption sollte nicht losgelöst von der Geschlechterkonzeption und Wielands Männer- und Frauenbild, seinen aufklärerischen Grundeinstellungen, seiner humanistischen Bildung, den Studien der Antike, der Philosophie fremden Sprachen und Literaturen sowie seinem Eklektizismus und Skeptizismus gegenüber dogmatischen Lehren gesehen werden.

Die Konzeption der Liebe in Musarion knüpft an die Begriffe der Natur und der Vernunft und an das Postulat der Frühaufklärung, „Die Natur ist das Vernünftige und das Vernünftige das Natürliche.“20 Der Sieg der Natur über die Schwärmerei wird bei Wieland an den Triumph der weiblichen Natur und der weiblichen Vernunft über an die Natur des Mannes, der unnatürlichen Schwärmerei geknüpft. Es bedarf der reizenden Musarion, die das Ideal von wahrhaft sinnlich-tugendhafter Liebe – die goldene Mitte -verkörpert. Die Titelheldin, ist - wie alle Figuren - der griechischen Mythologie entlehnt. Sie ist die Glorifizierung einer griechischen Hetäre, schön, anmutig, gebildet, klug und vernünftig, kommunikationsstark, mit einer reizenden-erotischen Ausstrahlung versehen und in der sinnlichen Liebe erfahren!

Die Umschwärmte lässt sich am besten durch den Dichter selbst beschreiben:

„Gefallend, wenn sie schwieg, bezaubernd, wenn sie

sprach:

Dann hätt ihr Witz auch Wangen ohne Rosen

Beliebt gemacht: ein Witz, dem’s nie an Reitz gebrach,

Zu stechen oder zu liebkosen

Gleich aufgelegt, doch lächelnd wenn er stach

Und ohne Gift. Nie sahe man die Musen

Und Grazien in einem schönern Bund,

Nie scherzte die Vernunft aus einem schönern Mund;

Und Amor nie um einen schönern Busen.

So war, die ihm erschien, so war Musarion.“(19)

Ein Frauenideal, dass in der gesellschaftlichen Realität Wielands nicht gab.

Gerade drei Jahre war der 35-jährige Wieland mit Anna Dorothea von Hillebrand verheiratet, ein ganz „normaler“ Ehemann, als er Musarion verfasste. Bis auf die nicht erste sinnlich-sexuelle Beziehung zur 20-jährigen Christine Hogel (Bibi), hatte Wieland nur platonische Liebeserfahrungen – sowohl zu seiner ersten großen Liebe, seiner Cousine Sophie Gutermann (spätere La Roche) als auch zur intellektuellen Züricherin Julie von Bondeli. Beide Verlobungen und seine Heiratspläne mit der schwangeren Bibi platzen und Wieland fügte sich in eine arrangierte, standesgemäße Ehe mit der Patriziertochter von Hillenbrand.21 Diese vorehelichen, für Wieland sicherlich auch leidvollen Erfahrungen, eines Zustandes zwischen erstem sinnlichen Liebesglück und der Pflicht zur standesgemäßen Ehe vor Augen sind vermutlich nicht spurlos an dem Dichter vorübergegangen. Wieland muss ähnlich wie Phanias frustriert gewesen sein. Das Leben ist gekennzeichnet vom ständigen Schwanken zwischen den Extremen – dem Sinnlichen und dem Tugendhaften, um diese „auszupegeln“ und zu einem guten und glücklichen Leben zu gelangen bedarf es eines Sieges der höchst irdischen Natur über die überirdische Tugendschwärmerei.

Phanias ist ein „Herkules am Scheideweg“(16). Er schwärmt und traut sich nicht sich zu seiner Liebe und zu Musarion zu bekennen und sich seinem sinnlichen Verlangen zu stellen und zu handeln. Er ist auf den „Geck“, Musarions Geliebten in Athen eifersüchtig, sexuell frustriert und wütend. Ausschließlich negative Emotionen überwältigen ihn. Musarion unterzieht Phanias einer Schwärmerkur. Sie entlarvt die Schwärmerei der beiden anderen männlichen Figuren, der Systemphilosophen Kleanth und Theophron. Die Schwärmerkritik ist angelehnt an das literarische Stilmittel des „test by ridicule“ , das aus der englischen Literatur von Anthony Ashley Cooper, third Earl of Shaftesbury 22 stammt und das Wieland wie auch schon in seinem ersten Roman „Don Sylvio de Rosalva – Der Sieg der Natur über die Schwärmerey“ (1764) für seine Zwecke adaptiert hat. Er verspottet bzw. ironisiert drei Formen der Schwärmerei: Phanias, den erotischen Schwärmer, „Ein Mittelding von Faun und Liebesgott!“ wie ihn Musarion bezeichnet, der zudem nicht weiß nicht, ob er Pythagoräer oder Stoiker werden will …

„In solche schimmernde Betrachtung vertieft lag Phanias schon mehr als halb verschossen; Als Amor unverhofft die neue Denkart prüft,

Die Gram, Philosophie und Not im eingegossen.“(18)

und seine Lehrer, die Philospophen Theophron als religiösen Schwärmer und auf Kleonth den stoischen Schwärmer .

„Indes, vertieft in Sinus und Tangenten,

Der Jünger vom Pythagoras

Den wallenden Kontur gewisser Sphären maß,

Woran die Lambert selbst sich übermessen könnten“,(41)

nur mit dem Unterschied, dass er die Schwärmer nicht nur vorgeführt und verlacht werden, wie z.B. in den Verserzählungen Gellerts sondern auch geprüft wird, ob ihre fanatischen Überzeugungen der Wahrheit standhalten und ob sie bei dieser Prüfung Würde und Gelassenheit an den Tag legen („gravity“).

„Komm, setzte dich gelassen gen über,

Und sag’ uns im Vertraun, wie viel gehört dazu,

Damit ich dich so glücklich mache

Als du verlangst?“ – Mich lieben, wie ich dich!“ (51)

[...]


1 Hofmann, Michael: Musarion In: Heinz, Jutta (Hrsg): Wieland-Handbuch. Leben – Werk –Wirkung. Metzler: Stuttgart (u.a.) 2008, S. 196-204.

2 Wieland, Christoph Martin: Musarion oder die Philosophie der Grazien . Ein Gedicht, in drey Büchern. (nach der Ausgabe letzter Hand: Leipzig, den Weidmanns Erben und Reich, 1768), Reclam Ditzingen 2001, S.76.

3 Der ewige Brunnen. Ein Hausbuch der deutschen Dichtung. Hg. v. Ludwig Reiners, 2. durchgearb. u. erw. Ausgabe 1959. München: Beck 1995, S. 190.

4 Hinderer, Walter: Liebessemantik als Provokation. In: Walter Hinderer (Hg.): Codierungen von Liebe in der Kunstperiode. Würzburg 1997, S. 311-325.

5 Steiner, Uwe C.: „Gefühl ist alles!“ Die Revolution der Gefühle im 18. Jahrhundert, in: Der blaue Reiter. Journal für Philosophie 2/2005, S. 78 – 83.

6 Ruffing, Reiner: Einführung in die Geschichte der Philosphie.2. Aufl. W. Fink: Paderborn 2007, S. 169.

7 Ruffing, Reiner: Einführung in die Geschichte der Philosphie.2. Aufl. W. Fink: Paderborn 2007, S. 169.

8 Metzler Literatur Lexikon: Begriffe und Definitionen. Hg. V. Günther Schweikle Metzler. 2. überarb. Aufl. Stuttgart, Weimar 2007, S. 30.

9 weiterführend zur Verschriftlichung der Gefühlskultur: Steiner, Uwe C.: Als Schrift der Liebe Nahrung wurde. Zur Alphabetisierung der Empfindsamkeit. In: Museum für Kommunikation (Hg.): Liebe.Komm, Frankfurt a. M. 2003, S. 82 – 95.

10 Hinderer, Liebessemantik, S. 315.

11 Ebd.

12 Luhmann, Niklas: Liebe als Passion. Codierungen von Intimität, Suhrkamp, Frankfurt am Main (1982),

13 Auflage, S. 9ff.

14 Ebd., 13 Luhmann, S. 30.

15 Sämtliche folgenden Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf die Seiten in Wieland, Christoph Martin: Musarion oder die Philosophie der Grazien . Ein Gedicht, in drey Büchern. (nach der Ausgabe letzter Hand: Leipzig, den Weidmanns Erben und Reich, 1768), Reclam Ditzingen 2001.

16 Auerochs, Bernd: Wielands Werke. In: Jutta (Hrsg): Wieland-Handbuch. Leben – Werk –Wirkung. Metzler: Stuttgart (u.a.) 2008, S. 141-149.

17 Wieland, Christoph Martin: Musarion, S.74.

18 Lautwein, Thomas: Erotik und Empfindsamkeit: C.M. Wielands „Comische Erzählungen“ und die Gattungsgeschichte der europäischen Verserzählung im 17. und 18. Jahrhundert. Studien zur Neueren Literatur. Bd. 3. Peter Lang: Frankfurt (u.a.), 1996, S. 207.

19 Hofmann, Michael: Reine Seelen und komische Ritter. Aspekte literarischer Aufklärung in Christoph Wielands Martin Wielands Versepik. Metzler: Stuttgart, Weimar 1998, S. 199.

20 Steiner, Uwe C.: „Gefühl ist alles!“, S. 81.

21 Wieland-Handbuch. Hg. v. Jutta Heinz. Leben – Werk –Wirkung. Metzler: Stuttgart (u.a.) 2008

22 Wieland-Handbuch. Hg. v. Jutta Heinz. Leben – Werk –Wirkung. Metzler: Stuttgart (u.a.) 2008.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Literarische und philosophische Konzeptionen von Liebe und Geschlecht in Wielands Musarion "Nie scherzte die Vernunft aus einem schönern Mund"
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Modul 4 L: Kulturelle Muster der Moderne: Literarische Revolution und Ende der Kunstperiode
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
30
Katalognummer
V299246
ISBN (eBook)
9783656956815
ISBN (Buch)
9783656956822
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christoph Martin Wieland, Musarion, Liebeskonzeption, Geschlecht, Negativierung von Männlichkeit, Weiblickeit in der Literatur, Erotik, Versepos, Rokkokodichtung, Anakreontik, Codierungen von Liebe, Literatur des 18. Jahrhunderts, Schwärmerkritik, Galanterie, mythologisches Programm, Antike, negative Andrologie, Codierungen von Intimität, Geschlechtersemantik, Liebessemantik, Aufgeklärte Erotik, Literatur der Aufklärung
Arbeit zitieren
Antje Pauer (Autor), 2015, Literarische und philosophische Konzeptionen von Liebe und Geschlecht in Wielands Musarion "Nie scherzte die Vernunft aus einem schönern Mund", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299246

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