Drei Essays zu neuropsychologische Therapien


Essay, 2013

4 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Schönfeldt-Lecuona, Cárdenas-Morales, Freudenmann, Kammer & Herwig (2010) stellten in dem besprochenen Artikel eine Zusammenfassung wichtigster Aussagen aktueller Meta-Analysen und die Hauptbefunde vorliegender rTMS-Multicenterstudien bei Depressionen vor. Repetitive transkranielle Magnetstimulation über dem dorsolateralen präfrontalen Kortex wurde in den letzten Jahren als vielversprechende neue Therapiemöglichkeit bei therapieresistenten Depressionen diskutiert. Folglich wurde auch ein neues Gerät, das "NeuroStar TMS Therapy SystemTM" von der FDA zugelassen, wobei Hoffnung in der ansonsten bescheidenen Innovation von wirksamen Therapiemöglichkeiten bei Depressionen aufkam. Jedoch auch nach zahlreichen Studien zur Wirksamkeit der rTMS bei Depressionen blieb die Befundlage sehr heterogen. Der Artikel von Schönfeldt-Lecuona et al. diskutiert diese Studien entgegen der vorherrschenden Euphorie für die neue Technik kritisch und vergleicht Multicenterstudien mit grösserer Anzahl Patienten. Das Fazit fällt dabei sehr ernüchternd aus. Einerseits erschweren die unterschiedlichen Designs der Studien deren Vergleichbarkeit. Zum Beispiel verschiedene sham-Konditionen oder eine variierende Positionierung der TMS-Spule verunmöglichen einen Quervergleich nahezu. Anderseits und auch mit aufgrund dessen sind die berichteten Resultate zu relativieren. So wird in der Multicenterstudie von O'Reardon et al. (2007) eine Überlegenheit des rTMS gegenüber der sham-Bedingung konstatiert. Diese besteht jedoch in 1-2 Punkten auf einer Depressionsskala, die äusserst subjektiv beurteilbar ist. Zudem sind, wie dies auch Schönfeldt-Lecuona et al. diskutieren, die berichteten sham-Bedingungen in Frage zu stellen. Weder eine Positionierung der Spule an einem anderen Ort des Kopfes, noch eine Reduktion der Stimulationsintensität sind als unbemerkbare Placebo-Bedingungen zu verstehen. Es wäre eine technische und sicherlich kostspielige Herausforderung, eine gute Kontrollbedingung bei TMS herzustellen. Somit ist nicht auszumachen, inwiefern bei den Veränderungen Placebo-Wirkungen mit einspielen. Die genannten Erschwernisse werden in Studien, die mit dem Ziel verbunden sind, Wirksamkeiten zu bestätigen oder zu widerlegen am Rande oder kaum erwähnt. Der Artikel von Schönfeldt-Lecuona et al. beweist Mut und Pioniercharakter der Autoren, insofern er eher unerwünschte Daten - sowohl aus Sicht von Behandelnden und Patienten, die heilen und geheilt werden wollen, als auch aus Sicht von Vertretern neuer Technologien, die daran verdienen möchten - publiziert.

Artikel 2:

Arns, M., de Ridder, S., Strehl, U., Breteler, M., & Coenen, A. (2009). Efficacy of neurofeedback treatment in ADHD: The effects on inattention, impulsivity and hyperactivity: A meta-analysis.Clin EEG Neurosci, 40(3), 180-189.

Gegen den Strom schwimmen

Die Meta-Analyse von Arns, de Ridder, Strehl, Breteler und Coenen (2009) konnte grosse Effektstärken (ES) für Neurofeedback bei den Dimensionen Impulsivität und Unaufmerksamkeit und mittlere ES für Hyperaktivität bei ADHS nachweisen. Die Autoren folgerten, die Wirksamkeit von Neurofeedback als Behandlungsmethode bei ADHS sei auf der höchsten Stufe - wirskam und spezifisch - einzuordnen. Grundsätzlich könnte man dies als ein Ergebnis deuten, das den Einsatz von Neurofeedback bei Kindern mit einem ADHS oder ADS in die Höhe schnellen sollte. Wäre da nicht der vermeintliche Königsweg der Medikation mit Methylphenidat. Verglichen mit der Wirksamkeit von Medikamenten wie Ritalin, konnte keine Überlegenheit (als auch keine Unterlegenheit) des Neurofeedbacks festgestellt werden. Nicht zu übersehen sind in diesem Vergleich jedoch Nebenwirkungen, die bei der Medikation klar überwiegen, als auch das Grundkonzept des Neurofeedbacks: Die operante Konditionierung. Während mit einer Pilleneinnahme als externale Hilfe eine passive Grundhaltung eingenommen wird, werden beim Neurofeedback einige der grundlegendsten zur psychischen Gesundheit beitragenden Prozesse gefördert. Beruhend auf Prinzipien der Lerntheorie wie Verstärkung, werden Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung gefördert. Interessant wäre dabei die Frage nach langwirksamen Behandlungen. Betrachtet man die vorliegenden Befunde und Thesen, wäre es nur sinnvoll, nach einer Beendigung der Einnahme von Medikamenten wie Ritalin einen schwindenden Effekt zu beobachten, während die Lernprozesse durch das Neurofeedback nachhaltig verankert sein müssten. Arns et al. trumpfen durch Nonkonformismus und Eigenwilligkeit in einer durch die Pharmaindustrie dominierten Diskussion, die sie auf idealistische Art und Weise mit dieser Meta-Analyse in Frage stellen. Der Glaube und die Abgabe der Verantwortung der Gesellschaft in die Wirksamkeit respektive an die Einfachheit von Medikamenten, sowie die ökonomischen Interessen von Pharmaindustrie und strukturellen Organisationen wie Versicherungssystemen stehen dem Idealismus von Forschern wie Arns et al. gegenüber, die einen dringenden und unverzichtbaren Beitrag in dieser Debatte leisten.

Artikel 3:

Särkämö, T., Tervaniemi, M., Laitinen, S., Forsblom, A., Soinila, S., Mikkonen, M., . . . Hietanen, M. (2008). Music listening enhances cognitive recovery and mood after middle cerebral artery stroke.Brain, 131(3), 866-876.

Wenn sich Naturwissenschaften gefühlvoller Strategien bedienen

Abgsehen von einem äusserst durchdachten Design mit zwei verschiedenen Kontrollgruppen, liegt die Kreativität von Särkämö et al. (2008) in der Einfachheit ihrer Idee. Überall sind wir Menschen von Musik umgeben, jede Person hat ihre eigenen individuellen Assoziationen mit einem Lied oder Musikstück, wie Erinnerungen, die damit verknüpft sind. Unbestritten ist, dass Musik eine ganze Reihe an Emotionen auslösen kann, in einem Mass, wie es von anderen sensorischen Stimulationen kaum der Fall ist. Bekannt aus vorhergehenden Studien ist auch, dass Musik ein breites neuronales Netzwerk in ihrer Verarbeitung involviert, was sich Särkämö et al. in ihrer Studie zu Nutzen machten. In ihrer sehr aufwändigen Untersuchung, fand das finnische Forscherteam heraus, dass tägliches Musikhören nach einem Schlaganfall durch Verschluss der mittleren Hirnarterie zu einer verbesserten Genesung kognitiver Funktionen und Stimmung führen kann. Die Studie wurde im stark naturwissenschaftlich geprägten Journal "Brain" publiziert. Salopp formuliert ist es ein Durchbruch, dass ein auf "harte Fakten" ausgerichtetes Journal eine solch "weiche Methode", die darauf basiert, eine fast unbeschreibliche Komplexität an Gefühlen auszulösen, für wissenschaftlich relevant hält. Es ist trivial und intuitiv logisch, dass Musik bei uns Menschen ihre Wirkung emotional entfacht, wobei es so naheliegend, wie pragmatisch ist, Musik als Mittel zur Besserung der Stimmung zu verwenden. Die Einbeziehung von Aufmerksamkeitsprozessen scheint beim Musikhören so stark zu sein, dass eine Besserung der Aufmerksamkeits- und verbalen Gedächtnisleistung der untersuchten Patienten nach täglichem intensiven Musikhören stattfindet. Oft scheinen Forscher ihre Ideen wenig mit der Realität abzustimmen und entwerfen fiktive Szenarien mit Unmengen an unbestimmten Variablen. Nicht so Särkämö et al., die durch die Alltagsnähe ihrer Idee überzeugen. Darüber hinaus, überrascht der Ansatz dieser einfach umsetzbaren, nach individuellen Möglichkeiten gestaltbaren, kostengünstigen und unaufwändigen Therapiemethode durch ihre Zielgerichtetheit.

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Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Drei Essays zu neuropsychologische Therapien
Hochschule
Universität Zürich  (Psychologisches Institut)
Veranstaltung
Neuropsychologische Therapien
Note
1,5
Autor
Jahr
2013
Seiten
4
Katalognummer
V299424
ISBN (eBook)
9783656973720
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jäncke, Neuropsychologie, ADHD, Neurofeedback, music therapy, Schlaganfall, Rehabilitation, Transkranielle Magnetstimulation, TMS, Depression, Musiktherapie
Arbeit zitieren
Nicole Hauser (Autor), 2013, Drei Essays zu neuropsychologische Therapien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299424

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