Anerkennungstheorie in einem Anstellungsverhältnis nach Axel Honneth


Hausarbeit, 2015

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung mit Vorbemerkungen

2 Abriss der Geschichte der Anerkennungstheorie

3 Axel Honneths Theorie der Anerkennung
3.1 Durch Liebe zu Selbstvertrauen
3.2 Durch Recht zu Selbstachtung
3.3 Durch Wertschätzung zu Selbstschätzung

4 Spannungsfelder und Entwicklungsfragen
4.1 Das Anerkennungsdilemma
4.2 Tragik gesellschaftlicher Beschleunigung

5 Praktisches Beispiel in der Arbeitswirklichkeit
5.1 Der Fall des erfahrenen Herrn Müller
5.2 Auf den Fall geblickt mit der Anerkennungstheorie

6 Fazit und kritische Würdigung

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang: Liedtext „Mein Berg“

1 Einleitung mit Vorbemerkungen

Die vorliegende Erörterung über die Anerkennungstheorie wendet sich an Leser, die sich mit der Entwicklung von Ansprüchen an die Qualifizierung von professionellen Mitarbeitern im Feld der Sozialen Arbeit auseinandersetzen. Nach einem Überblick über den Kern der Theorie wird diese exemplarisch an einem konstruierten Fallbeispiel angewendet und dabei der Zusammenhang betrachtet, in dem erfolgreiche Mitarbeiter durch gesellschaftliche Weiterentwicklung unter Anerkennungsdruck geraten.

Axel Honneth formuliert mit der Anerkennungstheorie eine mögliche Grundlage zur Erklärung gesellschaftlicher Entwicklungsphänomene. Dabei bezieht er sich auf den westeuropäischen Kulturraum und betrachtet die Entwicklung der Gesellschaft über die letzten Jahrhunderte, in denen die Einordnung von Menschen in unterschiedlich positionierte Stände zurückgedrängt worden ist; zuerst von einem selbstbewusster werdenden Bürgertum und dann durch die Verankerung von Rechten am einzelnen Menschen. Damit erscheinen verschiedene Traditionen, die Gesellschaft zu erklären, überholt. Honneth greift auf Überlegungen von Hegel und anderen Denkern zurück und suggeriert eine Weiter- oder Höherentwicklung der Gesellschaft durch den jeweils positiven Ausgang sich wiederholender Kämpfe um gegenseitige Anerkennung.

Die vorliegende Erörterung beginnt mit einem Kurzabriss der Entwicklungsgeschichte der Anerkennungstheorie. In philosophischer Denkweise wird ein Verständnis für Abläufe in der Gesellschaft gesucht. Dabei geht es um die Entwicklungen vieler einzelner Menschen. Betrachtet wird deren inneres Erleben. Im Sprachgebrauch Hegels und Honneths werden die Einzelnen als »Subjekte« bezeichnet. Die vorliegende Ausarbeitung bezeichnet sie als »Menschen« und, wenn es um innere Entwicklung im einzelnen Menschen geht, als »Person«. Axel Honneth zieht unterschiedliche geisteswissenschaftliche Quellen zu seiner Theorie hinzu. Die folgende Erarbeitung führt diese Verfahrensweise punktuell weiter indem Parallelen hinzu gestellt werden.

Im für diese Arbeit konstruierten Anwendungsbeispiel (entwickelt auf Beobachtungen zu ähnlichen Fällen, die dem Autor in realen Arbeitszusammenhängen begegnet sind) geht es um den Wert, den die Anerkennung von Berufserfahrung in den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit hat, wenn die Forderung nach der beruflichen Qualifikation der Akteure bei der Vergabe von finanziellen Mitteln durch die Geldgeber immer nachdrücklicher gestellt wird. Dem Fall wird eine Auseinandersetzung mit Spannungsfeldern der Anerkennungstheorie vorangestellt. Schließlich kommt die Arbeit in einer kritischen Würdigung zum Abschluss. Kritik ist zum einen auf die ethische Anwendbarkeit in der Fallbetrachtung ausgerichtet, zum anderen grundsätzlicher Art. Dabei spiegeln die kritischen Äußerungen das Verständnis des Autors für die Anerkennungstheorie zum Zeitpunkt der Fertigstellung der vorliegenden Erarbeitung und geben Anstöße zum Weiterdenken.

Die vorliegende Erarbeitung beschäftigt sich mit sehr komplexen Zusammenhängen. Um die Lesefreundlichkeit zu erhöhen, wird ungegenderte Sprache verwendet. Dabei soll niemand sprachlich diskriminiert werden und kein Anlass für einen neuen »Kampf um Anerkennung« gegeben werden.

2 Abriss der Geschichte der Anerkennungstheorie

Die Theorie zur Anerkennung ist Teil einer sehr langen und noch andauernden Reflexion über die Entwicklung von Gesellschaft. Sie erforscht Motive aus denen heraus Menschen handeln. Erste schriftgewordene Gedanken finden sich bei Aristoteles und im Schrifttum der Philosophie. Im Historischen Wörterbuch der Philosophie ist zu lesen:

„Anerkennungstheorie ist in der traditionellen Logik eine Urteilstheorie, die als das entscheidende Charakteristikum des Urteils betrachtet, daß es Anerkennung, Behauptung (s. d.) oder Beifall (s. d.) zu einer Aussage besage. Die A. tritt in zwei Gestalten auf, einer 1. zweisinnigen und 2. einsinnigen Gestalt.

1. Schon die Erklärung der àπóφανσις (s. Apophansis) bei ARISTOTELES1 als einer Redeweise, die etwas bejahe oder verneine, läßt sich dahin deuten, daß die Bejahung (s. d.) zugleich eine Anerkennung, die Verneinung eine Verwerfung des Inhaltes der Aussage mitbesage. […]
2. Faßt man das Ablehnen, Negieren oder Verwerfen als die Behauptung der verneinten Aussage auf, so besteht jedes Urteil nur noch in einer Anerkennung, Behauptung“ (Menne, 1971, S. 301).

Die Geistesgeschichte zum Begriff der Anerkennung erstreckt sich von einer Betrachtung dessen, was Anerkennung ausmacht, hin zu einer Überlegung, wie der Mensch dazu kommt sich und andere anzuerkennen. Dabei werden von Denkern diverser Zeiten Bezüge in unterschiedliche geisteswissenschaftliche Richtungen hergestellt. Es wird der Versuch unternommen gesellschaftliche Phänomene zu erklären und die Frage gestellt, wie sich Gesellschaft entwickelt.

In seinem Werk „Kampf um Anerkennung - zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte“ führt Axel Honnet seine Theorie aus. Er greift die Vorstellung eines Anerkennungskampfes auf, die Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu Beginn seiner Zeit als junger Philosophieprofessor in Jena bei der Auseinandersetzung mit Gedanken von Niccoló Machiavelli und Thomas Hobbes sowie der Idee einer Anerkennung von Johann Gottlieb Fichte entwickelt hat. Axel Honneth beschreibt dies in folgendem Satz:

„Hegel vertritt in jener Zeit die Überzeugung, daß sich aus einem Kampf der Subjekte um die wechselseitige Anerkennung ihrer Identität ein innergesellschaftlicher Zwang zur praktisch- politischen Durchsetzung von freiheitsverbürgenden Institutionen ergibt; es ist der Anspruch der Individuen auf die intersubjektive Anerkennung ihrer Identität, der dem gesellschaftlichen Leben von Anfang an als eine moralische Spannung innewohnt, über das jeweils institutionalisierte Maß an sozialem Fortschritt wieder hinaustreibt und so auf dem negativen Weg eines sich stufenweise wiederholenden Konfliktes allmählich zu einem Zustand kommunikativ gelebter Freiheit führt“ (Honneth, 1994, S. 11).

Ein Ziel Hegels ist dabei, in der Deutung von Gesellschaft die Kategorie des Naturrechtes, die in unterschiedlichen Ausprägungen der Geistesgeschichte vorhanden war, durch andere Erklärungsmuster abzulösen. „An die Stelle der aristotelischen Naturteleologie, von der das »System der Sittlichkeit« noch durchdrungen war, tritt allmählich eine philosophische Theorie des Bewusstseins“ (ebd., S. 48)1. Axel Honneth bezeichnet Hegels Vorstellungen eines Anerkennungskampfes als Entwürfe und Skizzen (vgl., ebd., S. 12) und baut ca. 100 Jahre nach Hegel auf dessen Jenaer Arbeit auf.

Honneth startet „den Versuch, aus dem Hegelschen Denkmodell eines »Kampfes um Anerkennung« die Grundlagen einer normativ gehaltvollen Gesellschaftstheorie zu entwickeln“ (ebd., S. 7). Darin fließen neben Hegels Gedanken auch seine eigenen Ergebnisse aus der Entwicklung der Schrift „Kritik der Macht. Reflexionsstufen einer kritischen Gesellschaftstheorie“ ein. Weil die Zeit- und Philosophiegeschichte weiter gegangen ist, benötigt Honneth Ersatz für gedankliche Voraussetzungen Hegels, die als überholt angesehen werden. Er greift zurück auf Gedanken aus der Sozialpsychologie die Georg Herbert Meads formuliert hat. „Auf diese Weise entsteht ein intersubjektivitätstheoretisches Personenkonzept, innerhalb dessen sich die Möglichkeit einer ungestörten Selbstbeziehung als abhängig von drei Formen der Anerkennung (Liebe, Recht, Wertschätzung) erweist.“ (ebd., S. 8). Fehlende Anerkennung führt zu inneren Konflikten von Menschen und kann zu sozialen Konflikten führen. Eine Gesellschaft muss sich diesen stellen und entsprechende Umgangsformen entwickeln.

„... es sind die moralisch motivierten Kämpfe sozialer Gruppen, ihr kollektiver Versuch, erweiterte Formen der reziproken Anerkennung institutionell und kulturell zur Durchsetzung zu verhelfen, wodurch die normativ gerichtete Veränderung von Gesellschaften praktisch vonstattengeht. Hegel hat diesen Schritt einer Fortentwicklung der Anerkennungstheorie zu einem Konfliktmodell auf idealistische Weise, Mead hat ihn auf eine durchaus schon »materialistisch« zu nennende Weise vollzogen; beide Denker haben damit, entgegen der von Machiavelli über Hobbes bis zu Nietzsche reichenden Theorietradition, dem sozialen Kampf eine Deutung gegeben, in der er zu einer strukturbildenden Kraft in der moralischen Entwicklung von Gesellschaft werden konnte“ (ebd, S. 149).

3 Axel Honneths Theorie der Anerkennung

Axel Honneth entwickelt als Kern seiner Anerkennungstheorie die drei im Folgenden beleuchteten Bereiche: Liebe, Recht und Wertschätzung. Sie sind elementar für die Selbstbeziehung des einzelnen Menschen und darauf aufbauend für die gegenseitige Anerkennung im Rahmen eines gelingenden Zusammenlebens.

Die drei Anerkennungskategorien bauen aufeinander auf. Aus dem Erleben von Anerkennung durch Liebe entsteht die Voraussetzung für Anerkennung von eigenem und fremdem Recht. Die Kategorie der Wertschätzung (in der Literatur auch Solidarität) lässt Menschen (Subjekte) sich gegenseitig als Teile einer Gemeinschaft anerkennen.

In den praktischen Auswirkungen der Anerkennungstheorie können Parallelen zur christlichen Ethik gezogen werden. So finden sich im Folgenden2 Parallelen in die Theologie. Dabei beschränkt sich die vorliegende Arbeit auf Bezüge aus dem Neuen Testament, aus dem sich christliche Ethik dem Grunde nach speist.

Eine weitere Parallele findet sich in lyrischen Texten. Exemplarisch dazu findet sich im Anhang ein Liedtext, aus dem die Sehnsucht nach Anerkennung in ähnlicher Weise hervortritt, wie Axel Honneth die Mechanismen in seiner Theorie beschreibt.

3.1 Durch Liebe zu Selbstvertrauen

Für ein positives Verständnis des Menschen zu sich selbst und zu anderen ist die Erfahrung von Liebe eine Grundlage. Liebe wird dem Menschen im ersten Lebensabschnitt von der Mutter (und später von weiteren Personen) entgegen gebracht. Axel Honneth formulierte seine Theorie unter Rückgriff auf die Theorie der Objektbeziehung von Donald W. Winnicott, der die Symbiose von Mutter und Kind näher beleuchtet hat und zu dem Schluss kommt, dass sich beide (als Ergebnis eines gemeinsamen Prozesses) ihr jeweiliges Recht als eigenständige Personen anerkennen (müssen) (vgl. Brand, 2011, S. 3ff). Liebe benötigt der Mensch um sich in Sicherheit wissen zu können und Selbstvertrauen zu entwickeln.

„Insofern bezeichnet die Anerkennungsform der Liebe, die Hegel als ein »Selbstsein in einem Fremden« beschrieben hatte, nicht einen intersubjektiven Zustand, sondern einen kommunikativen Spannungsbogen, der die Erfahrung des Alleinseinkönnens kontinuierlich mit der des Verschmolzenseins vermittelt; die »Ich-Bezogenheit« und die Symbiose stellen darin sich wechselseitig fordernde Gegengewichte dar, die zusammengenommen erst ein reziprokes Beisichselbstsein im Andern ermöglichen“ (Honneth, 1994, S. 170).

Im Vollzug von Liebe erfährt der Mensch Anerkennung von einem außerhalb von sich selbst befindlichen Gegenüber. Liebe geht dabei über die Würdigung von Leistung oder die Hoffnung auf Vorteile weit hinaus: Liebe nimmt den Anderen an; mit allen Besonderheiten und allen (scheinbaren) Normalitäten. Durch erlebte Liebe baut sich in der Person Selbstvertrauen auf. Sich selbst und andere anzuerkennen und Unterschiede subjektiv als Bereicherung zu erleben, hat etwas mit Liebe zu tun.

Eine Parallele dieses Aspektes der Anerkennungstheorie führt in die christliche Theologie. Jesus spricht zu seinen Schülern über die Liebe und skizziert dabei das Verhältnis aus dem heraus er selbst handelt. Er legt seinen Schülern nahe, eben aus einem solchen Verhältnis der Liebe ihre Handlungen zu gestalten. Der Evangelist Johannes gibt die Worte wie folgt wieder (Joh 15,9-11+17):

9 Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!10 Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe.11 Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. [ … ]17 Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt“ (Thompson, 1986, S. 1267).

[...]


1 Es übersteigt den Rahmen dieser Arbeit wiederzugeben, aus welchen Diskursen welcher Ideengehalt kommt. Hegel hat sich später der Auseinandersetzung mit Kants Gedanken zur menschlichen Autonomie zugewendet.

2 … in der Tradition der Denker, die sich mit Anerkennung auseinander setzen und Bezüge in unterschiedliche Geisteswissenschaften herstellen ...

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Details

Titel
Anerkennungstheorie in einem Anstellungsverhältnis nach Axel Honneth
Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Veranstaltung
Ethik
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V299591
ISBN (eBook)
9783656962793
ISBN (Buch)
9783656962809
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anerkennung, Anerkennungstheorie, Liebe, Recht, Wertschätzung, Axel, Honneth
Arbeit zitieren
H. Christoph Geuder (Autor), 2015, Anerkennungstheorie in einem Anstellungsverhältnis nach Axel Honneth, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299591

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