Der Begriff des Naturrechts bei Leibniz


Seminararbeit, 2013

26 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsangabe

1 Einleitung

2 Die Konzeption einer neuen Rechtsordnung
2.1 Das Römische Recht – Kritik und Zustimmung
2.2 Methodik und Ziele
2.3 Fazit

3 Das Naturrecht
3.1 Die traditionellen Naturrechtskonzeptionen
3.2 Gerechtigkeit, Eigennutz und öffentlicher Nutzen
3.3 Gerechtigkeit ist die Liebe der Weisen (caritas sapientis)
3.4Fazit

4 Naturrecht und positives Recht
4.1 Das Verhältnis zwischen positivem Recht und Naturrecht
4.2 Die Subsidiaritätshierarchie der Rechtssysteme
4.3 Fazit

5 Die drei Stufen des Naturrechts
5.1 Strenges Recht (ius strictum)
5.2 Billigkeit (aequitas)
5.3 Pietät (pietas)
5.4 Fazit

6 Zusammenfassung

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit dem von Leibniz konzipierten dreistufigen Naturrechtssystem auseinander, wie er es bereits ab ca.1667 in seinen frühen Schriften, Fragmenten und Briefen dargelegt hat. Zur Erläuterung dieses Systems soll in einem ersten Schritt nachgezeichnet werden, aus welchen Motiven heraus Leibniz versucht, eine neue Rechtsordnung zu begründen. Dazu sind seine verschiedenen Kritikpunkte am bestehenden Römischen Recht aufzeigen, aber auch darzulegen, was er an diesen überlieferten positiven Rechtsnormen befürwortet. Als Ergebnis seiner Betrachtungen entsteht für Leibniz die Notwendigkeit von Reformen der Rechtswissenschaft.

Seiner Konzeption nach geht es darum, die gesamte Jurisprudenz auf ein wissenschaftliches Fundament zu stellen und zu diesem Zweck seine in der kombinatorischen ars inveniendi entwickelte Methode für die Rechtskenntnis fruchtbar zu machen. Da Leibniz der Auffassung ist, dass ein großer Teil des geltenden Römischen Rechts nicht im Widerspruch zum Naturrecht steht, zielt er darauf, eben diesen Sätzen des positiven Rechts eine neue Gestalt zu geben und sie mit den Elementen des Naturrechts vereinbar zu setzen.

Zur Erläuterung des Leibniz’schen Naturrechtsbegriffs wird zunächst seine Auseinandersetzung mit den traditionellen Naturrechtskonzeptionen vorgestellt und aufgezeigt, dass Leibniz die vielfältigen und teilweise heterogenen Konzepte seiner Vorgänger über sein eigenes System miteinander zu vereinbaren sucht. Dabei wendet er sich scharf gegen eine Säkularisierung des Naturrechts und versucht, eine allgemeine Lehre von der natürlichen Gerechtigkeit zu entwickeln. Diese Bestimmung der Gerechtigkeit findet er schließlich in der "Liebe der Weisen" (caritas sapientis), die das oberste Prinzip seiner Naturrechtslehre bildet.

Das Naturecht hat aber im Verhältnis zum positiven Recht nur einen subsidiären Geltungscharakter, der sich in der Leibniz’schen Vorstellung einer Regelungshierarchie der Rechtssysteme niederschlägt. Bei dieser hierarchischen Ordnung aus positivem Recht und Naturrecht beginnt der juristische Entscheidungsprozess auf der untersten Stufe des positiven Rechts – dem Gemeinderecht – und durchläuft systematisch die Regelungshierarchie bis zur höchsten Stufe des Naturrechts – der Pietät.

Im letzten Abschnitt der Arbeit werden abschließend die drei Stufen des Leibniz’schen Naturrechts – das strenge Recht, die Billigkeit und die Pietät – näher erläutert.

Eine eingehende Untersuchung der Leibniz’schen „Elemente des Naturrechts“, die auf seinem dreistufigen Naturrechtskonzept aufbauen und das Verhältnis zwischen Recht und Moral klären sollen, ist nicht Gegenstand dieser Arbeit. Allerdings werden bei der Kommentierung der Leibniz’schen Naturrechtslehre auf Grundlage seiner frühen Schriften einzelne Bezüge zu den später verfassten „Elementen des Naturrechts“ hergestellt.

2. Die Konzeption einer neuen Rechtsordnung

Anhand umfangreicher Dokumente aus dem Nachlass Leibniz‘ – dazu zählen besonders seine frühen Schriften zum Naturrecht und einige Briefe – lässt sich nachweisen, dass er sich schon in sehr jungen Jahren berufen und befähigt fühlte, die Rechtsnormen seiner Zeit einer gründlichen Revision und Neuordnung zu unterziehen. In diesen Schriften entwickelt er seine rechts- und staatsphilosophischen Grundgedanken, an denen er zeitlebens festhält. Sein Ziel als Philosoph und Rechtsgelehrter ist die Vereinbarkeit der traditionellen Denkweise eines teleologisch gefügten Kosmos mit dem neuzeitlich-mathematischen Rationalitätsideal der geometrischen Methode (mos geometricus). Dabei dienen ihm als Ausgangpunkte auf Seiten der Jurisprudenz das geltende Römische Recht und aus philosophisch-logischer Sicht die von ihm selbst entwickelte Methode der kombinatorischen ars inveniendi.

2.1 Das Römische Recht – Kritik und Zustimmung

In einem – vermutlich an Jean Chapelain[1] gerichteten – Brief aus der ersten Hälfte des Jahres 1670[2] erläutert Leibniz seine Gründe, die ihn veranlassten, sich „als einer, der frisch von der handfesteren Philosophie herkam“[3], nunmehr auch der Rechtsgelehrsamkeit zuzuwenden. Dabei stellt er eine Analogie her zwischen der Philosophie und „dieser Wissenschaft vom Gerechten und Ungerechten“.[4] Die Philosophie lasse „außer Experimenten und Beweisen, d.h. den Grundfesten von Sinnen und Verstand“[5] nichts zu; so sei „dasjenige, was in der Naturwissenschaft die Experimente sind, in diesem Aufgabenbereich [der Rechtsgelehrsamkeit, H.S.] die Gesetze [sind]“.[6] Sowohl Experimente als auch Gesetze stützen sich demzufolge auf die menschliche Sinneswahrnehmung. Aber auch in der Sphäre der Abstraktion erkennt Leibniz eine Analogie, denn den abstrakten, auf Definitionen basierenden Beweisen der Philosophie entsprechen die Regeln und Schlussfolgerungen des natürlichen Rechts und der Billigkeit.[7] Trotz Unwiderlegbarkeit dieser logischen Schlussfolgerungen kommt es zu zahllosen gegenseitigen Verwicklungen und Ausnahmeregelungen zwischen den natürlichen und positiven Rechtsnormen, so dass Leibniz sich die Konzeption eines „kunstgerechten Systems“ zur Lösung aller „ausgesprochenen und unausgesprochenen Probleme“ zum Ziel setzt.[8]

Sein noch zu konzipierendes neues Rechtssystem will Leibniz aber auf ein festes Fundament stellen, auf eine Art Gemeinrecht, das ohne regionale Unterschiede im gesamteuropäischen Raum überliefert und gelehrt werden kann. Als ein solches betrachtet er das zu seiner Zeit geltende Römische Recht. In dessen Korpus, besonders in den Digesten, seien zahlreiche Zweifelsfälle definiert und eine „Fülle an fruchtbaren Lösungen“[9] geboten.

Allerdings übt Leibniz auch harsche Kritik an diesem Gesetzgebungswerk Kaiser Justinians, denn das Corpus Iuris weise erhebliche Mängel auf, vor allem fehle es der Sammlung an Klarheit und Kürze.[10] Die Rechtssicherheit sei durch Dunkelheit und Weitläufigkeit des Römischen Rechts gefährdet. Diese obscuritas lässt sich zusammenfassend auf vier Umstände zurückführen:

(1) Das Corpus Iuris ist eine Kompilation, die aus vielen Epochen und Rechtsbereichen stammt, so dass es ihr an Einheitlichkeit mangelt.
(2) Es handelt sich in erster Linie um Kommentare zu Gesetzestexten, deren Originale zum großen Teil nicht überliefert sind, so dass sinnentstellende Interpretationen zu Rechtsunsicherheiten führen.
(3) Das Zusammengetragene wurde von den Kompilatoren oft selbst nicht verstanden, weil ihnen der Bezug zu den dort aufgeführten alten Rechtsnormen fehlte.
(4) Der Stoff weist keine Ordnung auf, da eine große Zahl von Rechtssätzen zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme in das Corpus Iuris bereits überholt war. Daraus ergibt sich eine Vielzahl von unnötigen und verwirrenden Wiederholungen.[11]

Mit dieser Auflistung verschiedener Mängel, mit denen das Römische Recht nach Auffassung Leibniz‘ behaftet ist, begründet er die Notwendigkeit einer Neukodifikation, um „im verwucherten Dickicht der Rechtsangelegenheiten“[12] dem Rechtssuchenden klare Entscheidungshilfen an die Hand zu geben. Er schreibt dazu:

So wurde die Prozeßführung bei den Richtern fast noch schlimmer, als wenn es nie ein geschriebenes Recht gegeben hätte, mit einer für beide Parteien gleichen Rechtsunsicherheit, sogar mit größerer Bequemlichkeit für den Angeklagten.[13]

Dennoch hält Leibniz am Corpus Iuris als Fundament für sein neu zu errichtendes Gesetzeswerk fest. Dabei stützt er sich auf die weite Verbreitung der Römischen Rechtsnormen im europäischen Raum, die nicht nur im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation Anwendung finden, sondern auch in Frankreich und Spanien. Selbst englische Richter beziehen sich zuweilen auf die Sätze des Römischen Rechts. Damit wird von lokalen Sitten und Regionalismen abstrahiert, auf deren Grundlage eine systematische und knappe Stoffanordnung des gemeinen Rechts unmöglich ist.[14] Wörtlich heißt es:

Nun können einerseits nicht einfach irgendwelche absolut neuen Gesetze fern von aller Beziehung auf das römische Recht aufgestellt werden, ohne daß dadurch das Ganze in Verwirrung gebracht würde, es sei denn, man wollte zugleich auch alle Anwendung der Autoren, Kommentatoren, Erläuterer und, was noch wichtiger ist, der früher erlassenen Dekrete, Vorentscheidungen und Regelungen, die von allen Seiten auf das römische Recht Bezug nehmen, gleichsam mit einem Schlag aus dem Staat verbannen.[15]

2.3 Methodik und Ziele

Leibniz hat also seine Pläne zur Ausarbeitung eines Corpus Iuris Reconcinnatum klar umrissen und deutlich gemacht, welche Motive ihn zu diesem Projekt veranlassten. Er sucht nach invarianten Rechtsnormen, die sich nach dem Vorbild der Euklidischen Geometrie a priori definieren und kombinieren lassen[16], denn er ist überzeugt, dass logische Beweise nicht nur in der Mathematik, sondern auch in der Jurisprudenz geführt werden können.[17] Er möchte die Umsetzung seines Planes so anlegen, „daß die ersten Prinzipien, aus deren Kombination [jedoch] fast unendliche Vielfalten hervorgehen, gleichsam als die Alphabete des Wissens weder aufgebläht noch blendend noch schwierig sind“.[18] Dabei geht es ihm aber nicht um eine neue Darstellung der einzelnen Begriffe der römischen Gesetze, sondern um deren Geist, Ordnung und Verknüpfungen. Nur so könne man die riesige Fülle von Einzelfällen überhaupt auf wenige Elemente zurückführen, um sie als Grundlage von Entscheidungen heranzuziehen.[19] Leibniz sucht also keine Methode der Einteilung nach Tatsachen, sondern eine Methode der Begründung aus Prinzipien.[20]

Diese Prinzipien des Römischen Rechts plant Leibniz in zwei Tabellen zusammenzufassen, aus denen alle Gesetze abgeleitet werden können, doch nur dann, wenn man dabei auch die bewiesenen Elemente des Naturrechts mit heranzieht.[21]

Leibniz lässt keinen Zweifel daran, dass zumindest die Hälfte aller Gesetze des Corpus Iuris seiner Auffassung nach keinen Widerspruch zum Naturrecht erkennen lässt. Daher verfolgt er den Plan, vor allem denjenigen Sätzen des Römischen Rechts eine neue Gestalt zu geben, die ihre Übereinstimmung mit dem Naturrecht klar und deutlich hervortreten lassen.[22]

So hat Leibniz erkannt:

[…] daß die Regeln des Naturrechts im strengen Sinne mit den Rechtsregeln der Digesten auf wundersame Weise harmonieren und daß beim Beurteilen dieser Sache die alten Rechtsgelehrten eine unglaubliche Sorgfalt walten ließen. Dagegen haben später die Kaiser für ihre Willkür, unter dem Vorwand der Billigkeit, mit den Justinianischen Erneuerungen das meiste zugunsten des eigenen Hauses in Verwirrung gebracht. Auch die meisten der heutigen Begründer des Naturrechts […] sind häufiger von den römischen Gesetzen abgewichen als nötig.[23]

Es geht Leibniz somit um eine Art Bereinigung der ursprünglichen römischen Digesten von entstellenden Veränderungen und Zusätzen, die ihnen im Laufe der Zeit von den jeweiligen Herrschern missbräuchlich und aus Gründen des Machterhalts beigegeben wurden.

Bei seiner auf einer mathematischen Grundlegung basierenden Neuordnung des geltenden Rechtssystems unternimmt Leibniz nun den Versuch, das gesamte Corpus Iuris, welches er aufgrund seiner profunden Rechtsgelehrsamkeit gänzlich überschaut, mit der von ihm entwickelten Methode der kombinatorischen ars inveniendi zu vereinigen. Das Zusammenwirken von Jurisprudenz und Philosophie hält Leibniz zur Neuordnung und Systematisierung des Naturrechts für unabdingbar. Daher bedauert er das faktische Auseinanderfallen dieser beiden Kompetenzen sehr, die er selbst in höchstem Maße in sich vereinigt.[24]

Bei seiner ars inveniendi orientiert sich Leibniz an der Euklidischen Geometrie, deren Beweisführung einer streng methodischen deduktiv-axiomatischen Ordnung folgt.[25] Nach diesem Modell beabsichtigt er eine Klassifikation von Urteilen, d.h., alle komplexen Wahrheiten sollen von einer geringen Anzahl einfacher Wahrheiten abgeleitet werden können. Das geschieht durch die Analyse der darin enthaltenen Begriffe. Andererseits können alle Ideen durch Zergliederung auf eine kleine Anzahl nicht weiter zerlegbarer Ideen reduziert werden. Danach müssen diese einfachen Ideen als die wahren Elemente eines jeden Gedankens nur noch aufgeführt und miteinander kombiniert werden, um daraus nach und nach alle komplexen Ideen zusammenzusetzen. Auf diese Weise ließe sich das „Alphabet der menschlichen Gedanken“ erstellen. Alle unsere abgeleiteten Begriffe wären dann nur noch Kombinationen der grundlegenden Begriffe, so wie Wörter und Sätze nur unendlich variierbare Kombinationen der Buchstaben des Alphabetes sind.[26] Die Kombinatorik Leibniz‘ lehrt uns demnach, alle denkbaren Kombinationen aus einfachen Begriffen oder ihren Zeichen zu (er)finden. Man könnte auch sagen, sie lehrt uns, alle Wahrheiten bezüglich eines bestimmten Begriffs zu entdecken. Mit Hilfe dieser universellen und irrtumsfreien Methode könnten dann – so Leibniz – Sätze bewiesen oder aus Sätzen neue Wahrheiten entdeckt werden.[27]

Solche einfachen Ideen bzw. elementaren Begriffsdefinitionen, deren Termini sich durch Kombination zu elementaren Sätzen oder Axiomen des Gerechten und Ungerechten zusammensetzen lassen, hat Leibniz bereits in seinen ersten Entwürfen zur Ausarbeitung der „Elemente des Naturrechts“ zusammengestellt.

2.4 Fazit

Infolge der Dunkelheit und Weitläufigkeit des geltenden Römischen Rechts sieht Leibniz die Rechtssicherheit des Landes gefährdet. Aber er kann seine geplante Neuordnung dieses Rechtssystems nicht fern von allen Beziehungen zum Corpus Iuris aufbauen, ohne damit die staatliche Ordnung ins Wanken zu bringen. Aus diesem Grund möchte er denjenigen Sätzen des Römischen Rechts, die er mit dem Naturrecht in Übereinstimmung sieht, eine neue Gestalt geben, indem er sie auf wenige Elemente zurückführt. Aus diesen Elementen sollen dann mit Hilfe der von ihm selbst entwickelten kombinatorischen deduktiv-axiomatischen Methode der ars inveniendi alle Gesetze seines neuen Rechtsystems abgeleitet werden können. Es geht ihm darum, richtige Definitionen von Recht und Gerechtigkeit zu (er)finden, damit die Sätze der Wissenschaft vom Recht Beweiskraft erlangen.[28] Damit hat Leibniz den ersten Stützpfeiler zur Ausarbeitung seines dreistufigen Naturrechts gesetzt.

3 Das Naturrecht

Leibniz hat einen eigenen Entwurf zum Naturrecht entwickelt, mit dem er die divergierenden Entwicklungslinien der philosophiegeschichtlich älteren und neueren Naturrechtskonzeptionen zu vereinigen hofft. In diesem Kapitel werden zunächst seine Ansichten zu den Thesen verschiedener Naturrechtsdenker vorgestellt und dargelegt, welchen eigenen argumentativen Weg er beschreitet, um zu einer neuen und vollkommenen Definition der auf der menschlichen Natur basierenden Gerechtigkeit zu gelangen. Dieser Weg führt ihn schließlich zu seiner berühmten Formel von der „Liebe der Weisen“, die das oberste Prinzip seines dreistufigen Naturrechtskonzepts darstellt.

3.1 Die traditionellen Naturrechtskonzeptionen

„Vom Naturrecht durchforschen wir nicht sämtliche Kleinigkeiten, sondern bloß die Prinzipien; und diese zunächst nach der Ansicht anderer, dann auch nach unsrer eigenen Ansicht.[29] Mit diesen Worten macht Leibniz deutlich, dass sich seine eigenen Entwürfe zum Naturrecht von den traditionellen Naturrechtskonzeptionen unterscheiden. Um diese Divergenzen aufzuzeigen, stellt er in einer kurzen Zusammenfassung die Thesen verschiedener Denker vor, die seiner Auffassung nach am „vorzüglichsten“ über das Naturrecht philosophiert haben.[30]

Diese Denker – das sind namentlich Platon, Aristoteles, Epikur, Cicero, Hugo Grotius, Sforza Pallavicino, Thomas Hobbes, Johann von Felden und Robert Sharrock[31] – glaubt er „leicht“ mit seinem eigenen dreistufigen Naturrechtskonzept aus strengem Recht, Billigkeit und Pietät vereinbar setzen zu können, wobei das Recht der jeweils höheren Stufe das der niederen Stufe vervollkommnet und bekräftigt.[32] Mit dieser Wertabstufung glaubt und hofft er, auch die am stärksten voneinander abweichenden Naturrechtskonzeptionen miteinander in Einklang bringen zu können. Das ist das spezifisch Neue an seiner Begründung des Naturrechts. Bei allen oben genannten Denkern sieht er die Behauptung einseitiger Wahrheiten auf die Spitze getrieben; daher will er mit seinem Konzept jede Einseitigkeit vermeiden.[33]

Diese Dreistufung ist aber keine Neukonzeption oder Weiterentwicklung Leibniz‘, sondern vielmehr eine Zusammenfassung dreier Entwicklungslinien der Lehre vom christlichen Naturrecht, die im ausgehenden 17. Jahrhundert in der Leibniz’schen Rechtsphilosophie lediglich ihren Höhepunkt und Abschluss findet.[34]

Die erste Linie der philosophiegeschichtlichen Entwicklung ist durch eine zunehmende Positivierung des Rechtsbegriffs und eine Säkularisierung des Naturrechtsgedankens gekennzeichnet. Sie führt von Hugo Grotius über Samuel Pufendorf zu Christian Thomasius. In der zweiten Traditionslinie ist hingegen das Bewusstsein des Menschen als Schöpfung Gottes noch erhalten und dient als Grundlage einer allgemeinen Ordnung der Menschheit (Ius Naturae et Gentium). Diese Linie geht auf die Kommentarliteratur zu Grotius und auf die Kritik an den Schriften Thomas Hobbes‘ zurück. Eine dritte Richtung schließlich leitet das Naturrecht der Menschheit unmittelbar aus dem Willen Gottes ab und steht unter dem direkten Einfluss des cartesischen Voluntarismus.[35]

[...]


[1] Französischer Schriftsteller und Gründungsmitglied der Académie Française.

[2] Gottfried Wilhelm Leibniz: Frühe Schriften zum Naturrecht, Hamburg 2003, Anm. 22 zu Text IV, S. 485.

[3] Leibniz, Frühe Schriften, S. 349.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Leibniz, Frühe Schriften, S. 351.

[10] Fritz Sturm: „Das römische Recht in der Sicht von Gottfried Wilhelm Leibniz“, in: Recht und Staat in Geschichte und Gegenwart, 348/349, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1968, S. 11.

[11] Sturm, Das römische Recht, S. 12.

[12] Leibniz, Frühe Schriften, S. 353.

[13] Ebd.

[14] Sturm, Das römische Recht, S. 14.

[15] Leibniz, Frühe Schriften, S. 355 f.

[16] Hubertus Busche: „Die drei Stufen des Naturrechts und die Ableitung materialer Gerechtigkeitsnormen beim frühen Leibniz", in: Realität und Begriff, hg. v. P. Baumanns, Würzburg 1993, S.113.

[17] Sturm, Das römische Recht, S. 22.

[18] Leibniz, Frühe Schriften, S. 361.

[19] Leibniz, Frühe Schriften, S. 359.

[20] Willy Kabitz: Die Philosophie des jungen Leibniz. Untersuchungen zur Entwicklungsgeschichte seines Systems, Hildesheim . Zürich . New York 1997, S.97.

[21] Leibniz, Frühe Schriften, S. 361.

[22] Sturm, Das römische Recht, S. 16.

[23] Leibniz, Frühe Schriften, S. 331 f.

[24] Busche, Die drei Stufen des Naturrechts, Einleitung XVIII.

[25] Louis Couturat, La Logique de Leibniz, d’après des documents inédits, Paris 1901, S. 33 f.

[26] Couturat, La Logique de Leibniz, S. 35.

[27] Couturat, La Logique de Leibniz, S. 49 f.

[28] Kabitz: Die Philosophie des jungen Leibniz, S.98.

[29] Leibniz, Frühe Schriften, S. 75.

[30] Ebd.

[31] Ebd.

[32] Leibniz, Frühe Schriften, S. 79.

[33] Kabitz: Die Philosophie des jungen Leibniz, S.101.

[34] Hans-Peter Schneider: Quellenstudien zur Geschichte des „christlichen Naturrechts“ bei Gottfried Wilhelm Leibniz, Frankfurt am Main: Verlag Vittorio Klostermann 1967, S. 196 f.

[35] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der Begriff des Naturrechts bei Leibniz
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Philosophie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
26
Katalognummer
V299704
ISBN (eBook)
9783656961468
ISBN (Buch)
9783656961475
Dateigröße
1301 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
begriff, naturrechts, leibniz
Arbeit zitieren
Helga Spriestersbach (Autor), 2013, Der Begriff des Naturrechts bei Leibniz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299704

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