Soziale Unsicherheit. Definition, Begleiterscheinungen, Verlauf


Akademische Arbeit, 2006
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Hintergrundinformationen zu „Sozialer Unsicherheit“
2.1 Definition und Erscheinungsbild
2.2 Begleiterscheinungen und Folgen
2.3 Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit als Erklärungsgrundlage
2.4 Verlauf und Stabilität
2.5 Aufrechterhaltung durch soziale Angst

3 Ziele eines Trainings bei sozialer Unsicherheit und Evaluationskriterien

Literaturverzeichnis und weiterführende Literatur

1 Einleitung

Lehrer gehen oftmals davon aus, dass ein Kind mit einem bestimmten Verhaltensrepertoire ausgestattet in die Schule kommt und dieses dort anwendet oder dass diese Fähigkeiten und Fertigkeiten einfach „nebenbei“ erworben werden. Warten, teilen, am Unterricht teilnehmen, Gesprächsregeln beachten, Kontakt zu Mitschülern aufnehmen, sachbezogen diskutieren usw., all das sollte ein Grundschulkind beherrschen. Bei vielen Schülern kann man jedoch erleben, dass genau diese Verhaltensgrundlagen noch nicht oder nur unzureichend vorhanden sind. Was tun?[1]

Die vorliegende Arbeit versucht die Leser auf den zumeist großen Leidensdruck solcher Kinder aufmerksam zu machen, damit sie für dieses Thema sensibilisiert werden und sie künftig ein bloßes Übergehen dieser Kinder als unangemessen und unbefriedigend erachten. Diese Absicht entspringt meinem persönlichen Zugang zu diesem Thema, da ich zu Schulzeiten selbst sozial unsicher war und es teilweise immer noch bin, heute aber damit umzugehen weiß und nicht mehr so sehr darunter zu leiden habe.

2 Hintergrundinformationen zu „Sozialer Unsicherheit“

2.1 Definition und Erscheinungsbild

„Soziale Unsicherheit ist gekennzeichnet durch eine Kombination von Angst in Anwesenheit anderer (bzw. Bewertungsangst in sozialen Situationen) und Vermeidung sozialer Situationen.“[2]

Soziale Unsicherheit ist demzufolge ein Sammelbegriff für beeinträchtigtes und unangemessenes Sozialverhalten aufgrund verschiedener Ängste, das besonders an der gestörten, zwischenmenschlichen Interaktion erkennbar wird[3], was im Folgenden näher erläutert werden soll:

Sozial unsichere Kinder fallen im Alltag zwar nicht auf, da sie dem ersten Eindruck nach pflegeleicht zu sein scheinen, in der Interaktion mit anderen zeigen sie jedoch eine übermäßige Schüchternheit, Ängstlichkeit, Unsicherheit sowie Vermeidungsverhalten.[4] Dennoch können sie Kindergarten und Schule durchlaufen, ohne dass irgendjemand merkt, dass sie Ängste oder Probleme haben. Sie können, vor allem im schriftlichen Bereich, den Leistungsanforderungen genügen und gelten schlichtweg als still und zurückhaltend.[5]

Inkompetentes Verhalten kann sich bei sozial unsicheren Kindern auf die Sprechweise sowie auf Mimik und Gestik beziehen. Viele der Kinder antworten gar nicht auf Fragen oder nur einsilbig und sprechen zu leise oder undeutlich, während andere zwar viel reden, jedoch kein kommunikativer Austausch stattfindet.[6] Die meisten dieser Kinder sind nicht in der Lage, längeren Augenkontakt zum Interaktionspartner zu halten. Diese Blickkontaktunfähigkeit wird in verschiedenen Studien als entscheidendes Merkmal sozial unsicheren Verhaltens aufgefasst.[7] Viele sozial ängstliche Kinder lassen auf dem Gesicht keine Gefühlsregung erkennen. Da die meisten sozial kompetenten Kinder gern und viel lachen, fällt bei den unsicheren Kindern deutlich der mangelnde Ausdruck von Freude auf. Eine Reihe dieser Kinder zappelt mit den Beinen und spielt nervös mit den Fingern, während sich andere kaum bewegen und ihre Motorik steif wirkt und nur verlangsamt erfolgt.[8]

Solche Kinder können sich in sozialen Anforderungssituationen nicht behaupten. Daher versuchen sie oftmals Sozialkontakte zu vermeiden bzw. halten sie nur unter starkem Unbehagen aus. Viele dieser Kinder haben zwar den Wunsch, Freundschaften aufzubauen, jedoch fällt es ihnen sehr schwer. Sie haben Angst, vor einer Gruppe zu sprechen, von anderen negativ bewertet zu werden, sich zu blamieren oder zu versagen. In Spielsituationen, insbesondere wenn ihnen unbekannte Kinder dabei sind, schauen sie meist nur zu und beteiligen sich nicht selbst. Sie zeigen lange Phasen ambivalenten oder unentschlossenen Verhaltens und neigen dazu, lieber parallel neben anderen Kindern alleine zu spielen oder sich zum alleinigen Spiel zurückzuziehen, sobald es Schwierigkeiten gibt.[9] Des Weiteren wagen sie es nicht, eigene Ideen zu äußern, eigene Bedürfnisse zu formulieren, sich gegen andere durchzusetzen oder „Nein“ zu sagen.[10]

Soziale Unsicherheit umfasst also viele verschiedene, sowohl verbale als auch nonverbale Verhaltensweisen. Um von sozial unsicherem Verhalten zu sprechen, ist es jedoch nicht notwendig, dass alle diese Verhaltensweisen gleichzeitig auftreten. Häufig sind die Mängel auch auf bestimmte Situationen und Personengruppen beschränkt, treten somit also situations- oder objektspezifisch auf. Manche Kinder und Jugendliche verhalten sich zu Hause in der gewohnten Umgebung und im Kreis der Familie unauffällig, während sie zum Beispiel in der Schule eindeutige Hinweise auf eine soziale Unsicherheit zeigen. Dies hat zur Folge, dass Eltern oftmals nichts von der Schwäche ihres Kindes wissen.[11]

2.2 Begleiterscheinungen und Folgen

Die betroffenen Kinder zeigen häufig depressive Symptome. Sie fühlen sich wertlos, traurig, ganz anders als alle anderen oder einsam.[12] Zu leiden haben sie zumeist aber auch unter vegetativen Reaktionen, die sowohl das Herz-Kreislauf-System als auch den Magen-Darm-Bereich betreffen, wie zum Beispiel: Erröten, Zittern von Händen und Beinen, Magen- und Darmbeschwerden, Angst zu erbrechen, Drang, zur Toilette zu müssen, Herzklopfen, Muskelverspannungen, etc..[13] Durch zudem ständige irrationale Kognitionen und den damit verbundenen Hemmungen in sozialen Situationen, sind solche Kinder weniger beliebt und haben daher einen niedrigeren Selbstwert und ein geringeres Verhaltensrepertoire als nicht-ängstliche Kinder. Die effektive Auseinandersetzung mit konkreten Lebenssituationen wird durch die Unsicherheit und die Hemmungen in sozialen Situationen verhindert. Altersgemäße Kompetenzen werden nicht oder nur unzureichend aufgebaut, einst vorhandene Fertigkeiten werden nicht geübt und gehen verloren. Die fatalen Folgen bestehen darin, dass sich die Kinder mehr und mehr zurückziehen, ihr Handlungsradius immer eingeschränkter wird und ihre Sozialkontakte stetig schrumpfen.[14] Dies wirkt sich wiederum auf die Lebensqualität solcher Kinder aus, da sie sich im Umgang mit Gleichaltrigen, Eltern und Lehrern zunehmend mit Schwierigkeiten konfrontiert sehen, auch wenn das jeweilige Gegenüber diese Probleme, augrund des internalisierenden (nach innen gerichteten) Charakters, nicht oder nur selten wahrnimmt. Infolgedessen verursachen sie in ihrem sozialen Umfeld keinen Leidensdruck und somit leiden nur sie selbst und eventuell ihre Eltern unter den Folgen der sozialen Unsicherheit.[15] Selbstunsichere Kinder weisen außerdem häufig geringere Schulleistungen auf und zwar in einem zur vorhandenen Intelligenz nicht gerechtfertigten Ausmaß, was meistens einfach nur damit zusammenhängt, dass sie sich nicht melden und nichts erzählen.[16] Da sie die Leistungsanforderungen zumeist dennoch erfüllen, wird sich nur selten Gedanken über mögliche Ursachen gemacht. Auf diese Weise kann das im Kindesalter relativ stabile Beschwerdebild zu einem zentralen Problem der kindlichen Entwicklung werden.[17]

2.3 Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit als Erklärungsgrundlage

Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit von SELIGMANN geht davon aus, dass die wiederholte Konfrontation mit unkontrollierbaren Ereignissen hilflos macht. Unkontrollierbarkeit wird demnach als Unabhängigkeit von Reaktion und Konsequenz definiert: „ (...) ein Ereignis ist unkontrollierbar, wenn wir nichts daran ändern können, wenn nichts von dem, was wir tun, etwas bewirkt“[18]. Demzufolge ist die Wahrscheinlichkeit, egal ob eine Handlung ausgeführt wird oder nicht, dass eine bestimmte Konsequenz eintritt, genauso hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass diese Konsequenz nicht eintritt. Unkontrollierbare Situationen führen zu einem reaktionsunabhängigen Handlungsergebnis, das somit nicht beeinflusst werden kann. Tritt diese Erfahrung vermehrt auf, so führt dies zu Hilflosigkeit, die sich in motivationalen (verminderte bzw. fehlende Handlungsbereitschaft), kognitiven (Beeinträchtigung beim Erkennen reaktionsabhängiger Konsequenzen) und emotionalen Störungen (Furcht, Depression) äußern kann.[19]

Unvorhersagbarkeit bzw. Unkontrollierbarkeit kann für ein Kind beispielsweise erfüllt sein durch eine überraschende Mutter-Kind-Trennung, einen Umzug, den Übergang vom Kindergarten in die Grundschule, einen Lehrerwechsel, einen Klassenwechsel, die Geburt eines Geschwisterkindes, die Scheidung der Eltern oder der Tod eines Großeltern- oder Elternteils. Auch inkonsequentes Erziehungsverhalten bildet für ein Kind eine unvorhersehbare Bedingung: Es erlebt seine Eltern unkalkulierbar; es weiß nicht, nach welchen Regeln sie loben, bestrafen, eine Strafe aufheben, Zeit haben, guter Laune sind usw.. Das Kind kann nicht einschätzen, wann welches Elternverhalten warum eintritt. Es kann keinen Zusammenhang zu seinem Verhalten herstellen. Derlei ungünstige Entwicklungsbedingungen können die Entstehung sozialer Unsicherheit fördern.[20]

[...]


[1] Vgl. BERGSSON/ LUCKFIEL, 2005, S. 28. (Genauere Angaben finden sich im Literaturverzeichnis. Dieses Verfahren gilt für die gesamte Arbeit).

[2] Vgl. AHRENS-EIPPER/ LEPLOW, 2004, S. 12.

[3] Vgl. PETERMANN/ PETERMANN, 2003, S. 5.

[4] Vgl. PETERMANN/ PETERMANN, 2003, S. 2.

[5] Vgl. AHRENS-EIPPER/ LEPLOW, 2004, S. 10.

[6] Vgl. PETERMANN/ PETERMANN, 2003, S. 2.

[7] Vgl. PETERMANN/ PETERMANN, 2003, S. 47.

[8] Vgl. PETERMANN/ PETERMANN, 2003, S. 2.

[9] Vgl. AHRENS-EIPPER/ LEPLOW, 2004, S. 12.

[10] Vgl. AHRENS-EIPPER/ LEPLOW, 2004, S. 10.

[11] Vgl. PETERMANN/ PETERMANN, 2003, S. 17.

[12] Vgl. AHRENS-EIPPER/ LEPLOW, 2004, S. 10.

[13] Vgl. PETERMANN/ PETERMANN, 2003, S. 7.

[14] Vgl. AHRENS-EIPPER/ LEPLOW, 2004, S. 10.

[15] Vgl. AHRENS-EIPPER/ LEPLOW, 2004, S. 10.

[16] Vgl. PETERMANN/ PETERMANN, 2003, S. 7.

[17] Vgl. AHRENS-EIPPER/ LEPLOW, 2004, S. 10.

[18] SELIGMAN, 1995, S. 8.

[19] Vgl. PETERMANN/ PETERMANN, 2003, S. 58.

[20] Vgl. PETERMANN/ PETERMANN, 2003, S. 65.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Soziale Unsicherheit. Definition, Begleiterscheinungen, Verlauf
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V299748
ISBN (eBook)
9783656963882
ISBN (Buch)
9783668143883
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale, unsicherheit, definition, begleiterscheinungen, verlauf
Arbeit zitieren
Beate Womelsdorf (Autor), 2006, Soziale Unsicherheit. Definition, Begleiterscheinungen, Verlauf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299748

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