In der Rückschau betrachtet, hat wohl jeder Mensch sich schon einmal entgegen einer aufgestellten Norm verhalten. Sei es als Kind einen Lutscher aus einer Mutprobe heraus zu klauen, kein Ticket in der Straßenbahn zu lösen oder bei Rot über die Ampel zu gehen. Gewiss sind dies Bagatelle und doch wird hieran deutlich, dass abweichendes, entgegen der Norm gerichtetes Verhalten, zu unserem Leben dazugehört.
Wenn wir unseren Blick nun auf Firmen, Institute, Vereine, Behörden und eine Vielzahl weiterer Formen von Organisationen richten, wird deutlich, dass diese sich durch viele Vorschriften, Anweisungen und durch einen hohen Grad an Formalisierung auszeichnen. Die Regeln, Vorschriften und Normen sind festgeschrieben (formalisiert) und es wird von der Organisation erwartet, dass sich jedes Mitglied daran hält. Gleichwohl gibt es auch hier Abweichungen. Aber ist es überhaupt möglich, Abweichungen zu verhindern? Und viel wichtiger: Ist es überhaupt wünschenswert, alles Informelle zu unterbinden?
Bei genauer Betrachtung von Abläufen innerhalb von Organisationen zeichnet sich nämlich ein sehr ambivalentes Bild. Trotz der oftmals sehr strikten Vorgaben und Anweisungen, werden bestimmte Regeln gar nicht befolgt oder so ausgelegt, dass sie gar nicht zu Anwendung kommen. Auch entwickeln sich zum Teil informelle Strukturen, die mit den von der jeweiligen Organisation aufgestellten Anweisungen nichts zu tun haben und der Organisation scheinbar zum Teil sogar direkt entgegenwirken. Im deutschen Sprachgebrauch - beziehungsweise im Behördenjargon - hat sich hier vor allem der Begriff des „kurzen Dienstweges“ entwickelt. Damit wird unter anderem die Auslassung oder Umgehung von Dienstanweisungen beschrieben. Vor allem in der DDR war auch der geflügelte Satz „unter der Ladentheke kaufen“ nicht wegzudenken, indem bestimmte Waren oftmals für einen Gefallen oder gegen andere Waren – entgegen der Norm – zurückgehalten wurden und unter der Ladentheke gehandelt wurden. Mit diesen Alltagsgeschichten wird deutlich, dass das abweichende Verhalten nicht wegzudenken ist und sogar in den Sprachgebrauch übergegangen ist.
Die interessante Frage ist nun, was das für ein Unternehmen, eine Verwaltung und schließlich für die formale Organisation bedeutet? Und kann das abweichende, das illegale, das nicht der Norm entsprechende Handeln, vielleicht sogar auch positive Komponente haben?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die formale Organisation – Formalität, Informalität und brauchbare Illegalität?
2.1 Die formale Organisation und Formalität
2. 2 Informalität und brauchbare Illegalität
3. Brauchbare Illegalität am Beispiel der Organisationsberatung in einem Unternehmen
3.1 Ausgangspunkt: Das Unternehmen und die Methode der Empirie
3.2 Brauchbare Illegalität bei TFM
3.3 Was bewirkte die Organisationsberatung bei TFM?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht auf Basis der systemtheoretischen Konzepte von Niklas Luhmann die Rolle und Funktion von Illegalität in formalen Organisationen. Ziel ist es zu analysieren, unter welchen Bedingungen abweichendes, nicht regelkonformes Handeln innerhalb eines sozialen Systems als „brauchbare Illegalität“ fungieren kann, um die organisationale Stabilität und Leistungsfähigkeit in einem komplexen Umfeld aufrechtzuerhalten.
- Grundlagen der systemtheoretischen Perspektive nach Niklas Luhmann
- Differenzierung zwischen formaler Organisation, Informalität und Illegalität
- Die Entstehung brauchbarer Illegalität durch widersprüchliche Umwelterwartungen
- Praktische Anwendung der Theorie am Beispiel eines technischen Facility Management Unternehmens
- Die Problematik der Formalisierung informeller Strukturen im Beratungsprozess
Auszug aus dem Buch
3. Brauchbare Illegalität am Beispiel der Organisationsberatung in einem Unternehmen
Stefan Kühl hat sich in seinem Artikel „Formalität, Informalität und Illegalität in der Organisationsberatung“ eingehend und aus systemtheoretischer Perspektive, mit illegalem Handeln innerhalb einer Organisation beschäftigt und ihren Auswirkungen, sowie die daraus resultierende Beratung zur Verbesserung der Organisationsabläufe untersucht. Interessant an diesem Artikel ist die Einbeziehung der luhmanschen Konzeption der „brauchbaren Illegalität“ sowie die Verknüpfung der Theorie mit einem ganz praktischen Beispiel. Der Artikel ist daher ideal, um der Frage nachzugehen, inwiefern „brauchbare Illegalität“ sinnvoll ist und welche Konflikte dadurch entstehen können oder vermieden werden können.
3.1 Ausgangspunkt: Das Unternehmen und die Methode der Empirie
Für seine Untersuchung hat Stefan Kühl das Unternehmen „Technical Facility Management“ (TFM) gewählt, welches als technisches Gebäudemanagement für Flughäfen zuständig war. Das Unternehmen TFM war vorher in Meistereien organisiert und erst im Zuge einer Ausgliederung aus dem Mutterkonzern entstanden. Bei der Ausgliederung (100%ige Tochter) stand im Fokus, dass das „technische Gebäudemanagement in wenigen Jahren kostendeckend arbeiten sollte“ und die Wirtschaftlichkeit gewahrt werden sollte. Vorbild für diese Ausgliederung waren andere Ausgliederungen des Konzerns, die offensichtlich von Erfolg gekrönt waren. Interessanterweise waren fast alle Kunden von TFM selber dem Konzern zugehörige Unternehmen. Im Zuge der Ausgliederung und Neugründung wurden die vierzig Meistereien schließlich aufgelöst und stattdessen zweihundert Handwerksteams installiert, die ungefähr 10.000 Mitarbeiter umfassten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Allgegenwärtigkeit von Normabweichungen in Organisationen und führt in Niklas Luhmanns Konzeption der „brauchbaren Illegalität“ als potenziell nützliches Phänomen für das System ein.
2. Die formale Organisation – Formalität, Informalität und brauchbare Illegalität?: Dieses Kapitel legt die theoretischen Grundlagen der Systemtheorie dar, definiert formale Organisationen über Mitgliedschaftsrollen und differenziert zwischen funktionaler Informalität und der systemstabilisierenden, aber verborgenen brauchbaren Illegalität.
2.1 Die formale Organisation und Formalität: Der Abschnitt erläutert, wie formale Organisationen durch das Formalisieren von Verhaltenserwartungen ihre Identität sichern und wie Mitgliedschaft über die Anerkennung dieser Regeln definiert ist.
2. 2 Informalität und brauchbare Illegalität: Hier wird der Übergang von Informalität zur Illegalität beschrieben, wobei Letztere dann als „brauchbar“ definiert wird, wenn sie trotz Normverstoßes zum Erhalt des Systems beiträgt.
3. Brauchbare Illegalität am Beispiel der Organisationsberatung in einem Unternehmen: Anhand einer Fallstudie zum Unternehmen TFM wird analysiert, wie widersprüchliche Zielvorgaben das Entstehen brauchbarer Illegalität provozieren und wie Berater mit diesem Spannungsfeld umgehen.
3.1 Ausgangspunkt: Das Unternehmen und die Methode der Empirie: Das Kapitel führt das Unternehmen TFM ein, schildert dessen Restrukturierungsprozess und erläutert die methodische Herangehensweise der „Archäologie“ und „teilnehmenden Beobachtung“ durch Stefan Kühl.
3.2 Brauchbare Illegalität bei TFM: Es wird aufgezeigt, wie die Handwerksteams bei TFM durch bewusste Abweichungen von offiziellen Vorgaben (z.B. Lagerhaltung) ihre Leistungsfähigkeit inmitten widersprüchlicher Konzernanforderungen sicherten.
3.3 Was bewirkte die Organisationsberatung bei TFM?: Dieser Teil untersucht, warum Versuche, informelle Strukturen zu formalisieren, scheiterten, da die Berater oft selbst Teil der informellen Netzwerke wurden und eine Unterscheidung zwischen funktionaler und dysfunktionaler Abweichung unmöglich war.
Schlüsselwörter
Brauchbare Illegalität, Niklas Luhmann, Formale Organisation, Systemtheorie, Informalität, Sozialsysteme, Organisationsberatung, Normabweichung, TFM, Regelbruch, Entscheidungszwang, Grenzziehung, Leistungsfähigkeit, Handlungsspielraum, Systemstabilität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der systemtheoretischen Analyse von Regelverstößen innerhalb von Organisationen und untersucht, unter welchen Voraussetzungen solches illegales Verhalten für das Überleben und die Funktionalität eines Systems nützlich sein kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Spannungsfeld zwischen formalen Anweisungen und informellem „Unterleben“, die Systemtheorie nach Niklas Luhmann sowie die Herausforderungen von Organisationsberatungen bei der Formalisierung gewachsener Strukturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Konzeption der „brauchbaren Illegalität“ zu erläutern und aufzuzeigen, wie soziale Systeme durch abweichendes Handeln Anpassungsprobleme an eine widersprüchliche Umwelt bewältigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Herleitung mittels Luhmanns Systemtheorie und nutzt zur Illustration eine Fallstudie (sekundäranalytisch basierend auf Stefan Kühl), wobei die Konzepte der „Archäologie“ und „teilnehmenden Beobachtung“ thematisiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Begriffe geklärt und anschließend an einem praktischen Beispiel (TFM) aufgezeigt, wie widersprüchliche Erwartungen an ein Unternehmen zu illegalen, aber systemstabilisierenden Praktiken führen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie brauchbare Illegalität, Systemtheorie, formale Organisation, Informalität, Normabweichung und funktionale Stabilität charakterisiert.
Warum können Berater informelle Strukturen bei TFM nicht erfolgreich aufbrechen?
Berater scheitern oft, da sie selbst in informelle Netzwerke gezogen werden („zweiter-Vertrag-Phänomen“) und weil die Illegalität eine notwendige Reaktion auf widersprüchliche Ziele darstellt, die durch reine Formalisierung nicht gelöst werden kann.
Was unterscheidet „brauchbare“ von „unbrauchbarer“ Illegalität?
Brauchbare Illegalität leistet einen Beitrag zur Systemstabilität und Effektivität, während unbrauchbare Illegalität dem System schadet, nicht durch organisatorische Notwendigkeiten gedeckt ist und zu Sanktionen bis hin zur Entlassung führt.
- Citation du texte
- Florian Erbach (Auteur), 2013, Die Konzeption der brauchbaren Illegalität in der formalen Organisation bei Niklas Luhmann, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299893