Die Herstellung eines Hockers bei den Kassena, Westafrika

Zur Holzbearbeitung mittels eines Beils mit Tüllenbefestigung


Seminararbeit, 2015

23 Seiten

Mascha Ber (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Hocker und das Werkzeug

2. Der Kassena-Hocker im westafrikanischen Kontext
2.1 Zur historischen und kulturellen Forschung
2.2 Zur technischen Herstellung eines Hockers

3. Der Hocker als ästhetischer und handwerklicher „Repräsentant“

4. Filmverzeichnis

5. Literaturverzeichnis

6. Abbildungsverzeichnis

1. Der Hocker und das Werkzeug

Für traditionell festgelegte Gebrauchsgegenstände gibt es in jeder kulturellen Region einen anderen „ästhetischen Kanon“. Innerhalb Westafrikas kann man trotz der unterschiedlichen Ausarbeitungen bestimmte Typen von Sitzmöbeln differenzieren; so auch den runden vierbeinigen Hocker (Abb. 1). Dieser ist der materielle Endgegenstand des Fertigungsprozesses im ethnologischen Film Kassena, Westafrika (Obervolta) - Holzfällen und Herstellen eines Hockers (Dittmer und Wolf c1955/1959). Wie der Titel schon vermuten lässt, handelt der Film zunächst über das Fällen eines Baumstammes, dann wird ein Holzklotz aus dem Stamm abgetrennt und dann mithilfe eines einheimischen Werkzeugs zugehauen. Daraus entsteht schließlich der vierbeinige Hocker. Interessant dabei ist, dass die verwendeten Werkzeuge - einmal ein Beil und einmal ein Querbeil - die gleiche Klinge haben. Die Klinge wird einmal parallel und einmal quer zum Schaft angebracht (Abb. 2). Der Film verdeutlicht demnach die Verarbeitung von hölzernen Gebrauchsgegenständen in Westafrika mittels weniger Bearbeitungsinstrumente.

Die „ethnischen Protagonisten“ des Films sind die Kassena, die beiderseits der Grenze von Burkina Faso und Ghana ansässig sind (Abb. 3).1 Das von ihnen architektonisch bevorzugte Baumaterial Lehm wird auch für die Gestaltung von Schlaf-, Sitz- und Arbeitsflächen genutzt. Somit sind Möbelstücke aus Holz vergleichsweise selten. Dies mag auch die geringe Vielfalt an Werkzeugen erklären. Die vornehmlich verwendeten Beile variieren nur in der unterschiedlichen Stellung ihrer Klingen zueinander. Die Beile haben leicht breitnackige Klingen und sind mit einer Schäftungstülle versehen. Durch den Positionswechsel der Klinge zum Schaft, die mittels dieser Tüllenbefestigung möglich ist, ergeben sich verschiedene Handhabungstechniken zur Holzbearbeitung. Beide Kompositgeräte haben demnach in ihren einzelnen Bestandteilen die gleiche Form. Es sind ihre verschiedenen Funktionen zu unterscheiden. Dieser spezielle Gebrauch ist als charakteristische Eigenheit der Kultur der Kassena zu verstehen. Das mit diesen Arbeitsinstrumenten hergestellte Objekt hingegen erfüllt allgemeine ästhetische Richtlinien westafrikanischer Gegenstände. Es wird zu zeigen sein, inwiefern sich kulturell verbreitete Wahrnehmungen in einer autonomen Gesellschaft alternativ verarbeiten lassen.

Die einzelnen technischen Verarbeitungsprozesse zur Herstellung eines Hockers bei den Kassena werden ausschließlich in den Arbeiten von Kunz Dittmer deutlich. Die filmische Aufnahme erfolgte am 6. und 7. Februar 1955 im Dorf Koumbili des gleichnamigen Kantons der Subdivision Pô im ehemaligen Obervolta. Während dieser Afrika-Expedition von 1954 bis 1956 des Hamburgischen Museums für Völkerkunde und Vorgeschichte, dessen Leiter der Afrika-Abteilung Dittmer seit 1946 war, entstand eine Vielzahl an kleineren ethnologischen Filmen unter seiner Leitung. Der Film hat eine Vorführdauer von fünf Minuten.2 Es ist ein 16-mm-Stummfilm in schwarz-weiß, der endgültig bearbeitet und veröffentlicht wurde durch das Institut für den Wissenschaftlichen Film in Göttingen unter der Direktion von Gotthard Wolf. In der von ihm herausgegebenen Encyclopaedia Cinematographica findet sich die zugehörige Filmbeschreibung, die die filmischen Aufnahmen erklärend verdeutlicht und einen ersten Einblick in die landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft der Kassena gibt (Dittmer 1960). Film und Filmbeschreibung sind somit die zugrundeliegenden Primärquellen dieser Arbeit. Sekundär soll in der neuesten Literatur Ann Cassimans Architectures of Belonging angeführt werden (Cassiman 2011). Die architektonische Konstruktion der Kassena-Siedlungen - hier vor allem in Ghana - wird in dieser Monographie als eine Art visuelle Metapher für die patrilineare und patrilokale Struktur von Großfamilien verstanden. In Bezug auf die Sozialorganisation solcher Streusiedlungen analysiert Hans Peter Hahn die Raumkonzepte bei den Kassena im Zusammenhang mit ihrer wirtschaftlichen Nutzung und ihrer symbolischen Bedeutung (Hahn 2000a). Zudem veranschaulicht Hahn in zahlreichen weiteren Publikationen die kulturelle als auch die politische Entwicklung westafrikanischer Ethnien in der heutigen Zeit.3 Das Verhältnis solcher territorial und sozial gegliederter Gruppen zu ihren materiellen Objekten erörtert das Sammelwerk African material culture (Arnoldi, Geary und Hardin 1996). Danach werden die Herstellung und der Gebrauch von sakralen oder profanen Gegenständen einer Ethnie in Kategorien verallgemeinert. Diese „kollektive Kunst“ afrikanischer Sitze wird in Sandro Bocolas Werk hinsichtlich ihrer künstlerischen Dimension im geschichtlichen Bezugsrahmen hervorgehoben (Bocola 1994). Die repräsentative und kultische Funktion von african furniture and household objects ergründet Roy Sieber anhand historischer Berichte über das afrikanische Handwerk und die Benutzung der hergestellten Gegenstände (Sieber 1980). Zuletzt ist noch das Basiswerk Technologie und Ergologie in der Völkerkunde von Christian Feest und Alfred Janata zu erwähnen (Feest und Janata 1999). In ihm werden die Form und die Anwendung von Werkzeugen und Produkten expliziert.

2. Der Kassena-Hocker im westafrikanischen Kontext

Der Hocker aus dem Film soll in dieser Arbeit nicht als ein eigenständiges Objekt betrachtet werden, sondern als eine Art Repräsentant eines „traditionellen ästhetischen Typs“ (Bocola 1994: 18). Kategorisiert werden die Gestaltungsprinzipien und die technischen Verarbeitungsprozesse von Grundstoffen innerhalb des kulturellen Raumes der Kassena im Übergriff auf den gesamten kulturellen Raum Westafrikas. Die materielle Kultur soll in diesem Beispiel als eine künstlerische sowie als eine wirtschaftliche Leistung lesbar werden. Demgemäß gilt auch der das Objekt anfertigende „Künstler“ als „kultureller Macher“. Im Film wird er nur als der „Schnitzer“ identifiziert. „4

Die Grundform des Hockers ist zylindrisch. Das Volumen der „Sitzscheibe“ entspricht dem Volumen der „Standscheibe“. Beide Scheiben werden durch vier weitgehend gleiche Standbeine getrennt, die in der Mitte leicht nach außen geknickt sind. Die Beine scheinen alle gleich weit voneinander entfernt zu sein, so dass die Komposition des Objektes im Längs- wie im Querschnitt symmetrisch erscheint. Abweichend von der Symmetrie kann in ähnlichen Hockertypen als einzige die Sitzfläche leicht konkav ausgearbeitet sein, so dass man komfortabler darauf sitzen kann (Abb. 4, Bocola 1994: 21). Dabei hat die Sitzfläche in dem Beispiel aus dem Film statt der konkaven Ausarbeitung eine grafische Bemalung. Wichtig bei diesem Holzgegenstand ist, dass es monoxyl gearbeitet ist. Es gibt keine an das Werkstück angebrachten Rücken- oder Armlehnen. Das Werk wird somit wie eine Skulptur aus einem Block herausgehauen. Diese abstrakte geradlinige Einfachheit folgt einem ästhetischen Prinzip westafrikanischer Kunstobjekte, welche in ihrer äußerlichen Form eine in sich ruhende Erscheinung haben. Die abgeknickten Stuhlbeine scheinen wie menschliche Beine „angespannt“ eine Last zu halten. Zugleich verweist das Material des dunklen Holzes auf ein festes Gewebe, dessen augenscheinliche „Härte“ durch die einheitliche Symmetrie aufgegriffen zu sein scheint. „Der Körper muß [sic΁ sozusagen stillhalten, damit diese anderen Kräfte zum usdruck und zur Wirkung kommen“ (Schmalenbach 1990: 52). In der Assoziation der Stuhlbeine als ein „lebendig“ tragendes Formenelement und der gleichmäßigen Gestaltung des Holzes als „statisch“ festes Material scheint ein harmonisches Verhältnis zwischen Natur und Kunst zu entstehen.

Auffallend am Hocker als Gebrauchsgegenstand ist zudem die tiefe Sitzhöhe, die meistens zwischen 15 und 40 Zentimetern liegt. Der Grund dafür mag in der regional typischen Gewohnheit liegen in einer Hockstellung zu arbeiten (Bocola 1994: 21). Die Kassena leben hauptsächlich von der Landwirtschaft. Gebrauchsgüter „im Kontext von Gesellschaften mit weniger intensivem und weitgehend auf Subsistenz ausgerichtetem Feldbau“ werden nach Hahn auf ihre „Nachhaltigkeit der Nutzung“ bewertet (Hahn 2000a: 131).5 Im Fokus hierbei steht, dass die Kassena kein berufsständisches Handwerk haben. Dittmer spricht in dieser Hinsicht von einem „Hauswerk“, in welchem die Großfamilien oder Sippen in einem Gehöft alle benötigten Gebrauchsgegenstände selber herstellen (Dittmer 1960: 4). Sie fungieren also als eine eigene Wirtschaftseinheit. Der Stuhlschnitzer im Film wird von ihm auch als ein „Handwerker im Nebenberuf“ bezeichnet; weil dieser im Holzschnitzen begabt ist, wird er von Bekannten mit einer Schnitzarbeit beauftragt und erhält als Lohn dafür meist Naturalien (Dittmer 1960: 5). Generell benötigt ein Kassena-Haushalt nicht viele Holzmöbel, da alle übrigen Sitz- und Arbeitsflächen in das architektonische Gefüge aus Lehm eingelassen sind (Abb. 5). Innerhalb einer Siedlung werden die einzelnen Gehöfte an den Wänden des Hauses zum kleinen Vorhof hin von meist brusthohen Wänden (kebire) abgeschlossen (Hahn 2000a: 136). An diesen befinden sich oft Bänke, die ebenfalls aus Lehm geformt sind. Wahrscheinlich wurde wegen dem Mangel an Holzgegenständen über die Holzverarbeitung bei den Kassena wenig geforscht. Bekräftigend habe ich deshalb Beispiele von anderen westafrikanischen Objekten hinzugezogen, die eine ähnliche Verarbeitungstechnik aufweisen und auch im Stil den Darstellungen im Film entsprechen (Abb. 6). Das kann man meiner Meinung nach insofern machen, da es einen, wie gesagt, traditionell festgelegten ästhetischen Kanon von Gebrauchsgegenständen gibt, den man in minimal abweichender Form überall in Westafrika finden kann.

Die hier betrachteten Hocker lassen sich grob in die Vegetationszone der Savanne einordnen. Das Ökosystem ist geprägt durch den Wechsel von Gräsern und Holzgewächsen. Verbreitet sind unteranderem afrikanische Affenbrotbäume (Adansonia digitata). Im Film wird ein Kapokbaum (Ceiba pendantra/Eriodendron anfractuosum) gefällt (Dittmer 1960: 2). Dieser hat wie Affenbrotbäume ein weiches Holz, das einfacher für Schnitzarbeiten ist. Kapokholz ist leicht und schwindet wenig. Das ist wichtig für Holzwaren, die aus einem einzigen Block hergestellt werden, da die quer zur Faserrichtung des Stammes verlaufenden Flächen leicht reißen oder ganz auseinander platzen können.6

2.1 Zur historischen und kulturellen Forschung

Hocker, die aus einem Stück gefertigt sind, gibt es schon sehr lange. Durch frühzeitliche Skulpturen von sitzenden Figuren kann man zum Beispiel Rückschlüsse auf linear gestaltete Hocker ziehen, die wohl ursprünglich aus einem Holzblock gehauen wurden, heute aber nicht mehr vorhanden sind (Bassani 1994: 40). Die Verarbeitung muss auch mithilfe eines Beiles erfolgt getrennten Arbeitsgang mit nur einem Tüllenbeil angefertigt (Kröger 2001: 349). Hahn stellt solch eine „kreative Erweiterung“ an Verwendungszwecken auch im modernen Konsum der westafrikanischen Gesellschaft fest (Hahn 2010: 38). sein. Anstatt einer Eisenklinge könnte eine Steinklinge verwendet worden sein.7 Die ältesten archäologischen Funde stammen nach der C14-Methode aus dem 10. Jahrhundert. In Nigeria entdeckte Thurstan Shaw 1959 in einer Grabkammer Reste eines runden, mit kupfernen Ziernägeln geschmückten Holzsitzes (Bassani 1994: 39).8 Auch wenn es mit Sicherheit schon Eisenwerkzeug zu dieser Zeit gab, lässt sich zur Verarbeitung des Holzes allerdings nichts mehr sagen.

Für die Herstellung eines Hockers wie aus dem Film benötigt man Schmiede, die die Beilklinge fertigen, und Holzschnitzer. Beide Handwerker werden in vielen frühen Reiseberichten erwähnt. So auch bei John Barbot, der für den französischen Sklavenhandel tätig war und Ende des 17. Jahrhunderts nach Westafrika reiste (Sieber 1980: 41).9 Ansonsten beschränken sich die Berichte bis ins 19. Jahrhundert vor allem auf Sitzgelegenheiten von politischen Führern. Die ersten Berichte über königliche Inventarien verzeichnet Ende des 15. Jahrhunderts der portugiesische Seefahrer Azambuja (Sieber 1980: 159).10 Er sollte im Auftrag des portugiesischen Königs an der Goldküste im heutigen Ghana einen Handelsposten gründen. Durch diese portugiesischen Händler kamen die afrikanischen Einheimischen in Kontakt mit europäischen Einflüssen. Folglich lassen sich „Kontakt-Sitze“ ab dem 17. Jahrhundert in verschiedenartigen Kopien und Transformationen dokumentieren (Homberger und Meyer 1994: 28). Generell werden in Sammlungen eher aufwändig geschnitzte Objekte bevorzugt, denen man eine repräsentative oder kultische Funktion zuschreiben mag (Abb. 7). So sind zum Beispiel die Außenflächen der Hocker, die dem yorubischen Gott der Plagen gewidmet sind, mit motivischen und figürlichen Schnitzereien geschmückt. Trotz der Verzierungen kann man die simplen Formen des runden vierbeinigen Hockers aus dem Film erkennen, der für den täglichen Gebrauch gedacht ist. Somit weist dieser Hockertyp in verschiedenen Kulturgruppen eine Ähnlichkeit in der formalen Gestaltung auf. Unterschiedlich sind dagegen die gesellschaftlichen Funktionen, die diese Hocker erfüllen sollen.

Die umfangreichen ethnologischen Forschungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erlauben einen Einblick in die soziale Funktion von scheinbar profanen Möbelstücken. So werden bei den Kassena die vierbeinigen Hocker vornehmlich von Frauen gebraucht (Abb. 8). Da sie leicht und gut transportabel sind, kann man sie vor dem Herd im Freien oder während der Regenzeit im Hause benutzen (Dittmer 1960: 6). Männer bevorzugen dreibeinige Sitze.11 Das können entweder liegestuhlartige flache Sitze mit einer schmalen Lehne sein (Abb. 9) oder Astgabeln, die für diesen Gebrauch schon von Natur aus eine geeignete Form aufweisen und nur etwas formal verfeinert werden müssen (Abb. 10). Die Bearbeitung eines vorgefundenen Astes geschieht womöglich durch leichtes Zuhauen mittels eines Querbeils und das anschließende Glätten mittels eines Messers. Die Schwungperkussion eines Querbeils besitzt große Kraft, trifft aber nur mit geringer Genauigkeit. Konträr dazu ist die Druckperkussion eines Messers, das mit einem geringen Kraftaufwand eine große Genauigkeit in der Formgestaltung der zu bearbeitenden Oberfläche erzielt. In dieser letztgenannten Sitzgelegenheit als vermeintliches objet trouvé wird der Bezug zur natürlich vorgefundenen und sinnlich durch den Glättungsprozess verfeinerten Umwelt am deutlichsten.12 Die Wildnis, die nicht nach menschlichen Normen und Formen geordnet ist, wird in der Kosmologie der Kassena als gao betitelt, dem Symbol für das Unbewusste. Hingegen wird das sichtbar von Menschen „modellierte“ Leben als tega betitelt, dem Symbol für das Bewusste (Neumayr 2000: 105). Diese „Entfernung“ von der unkontrollierbaren Wildnis beinhaltet gesellschaftliche Regeln, die mit einer rt „sakraler Weiblichkeit“ assoziiert werden.

Analog zum weiblichen und männlichen Sitz sind auch die Räumlichkeiten in einer Kassena-Siedlung sozial-geschlechtlich unterteilt (Abb. 11). Der Eingangsbereich im Westen wird den Männern zugeschrieben und der Koch- und Wohnbereich im Osten wird den Frauen zugeschrieben. Die Richtungen von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang sollen der „Dichotomie von Gebären und Sterben, Leben und Tod“ entsprechen (Hahn 2000a: 136). Dabei besteht generell jede Hauseinheit (songo) aus einem „ malgam“ von Räumen und verschieden hohen Wänden, die nicht überdachte Flächen umschließen (Abb. 12). Die Räume (diga) entsprechen der kleinsten Verwandtschaftsgruppe und sind vor allem im Osten den Frauen und Kindern vorbehalten (Cassiman 2011: 44). An dieser Stelle kann der vierbeinige Hocker mit runder Sitz- und Standscheibe verortet werden - passend dazu wird auch der Kreis als „weiblich“ assoziiert (Neumayr 2000: 126). Diese Annahme beweisend, scheinen Hocker, die für Männer oder Frauen zum Mitnehmen auf den Marktplatz oder vom Gehöft entfernten Versammlungsorten bestimmt sind, traditionell dreibeinig zu sein (Neumayr 2000: 131). Somit sind die runden vierbeinigen Hocker nur den östlichen Raumeinheiten innerhalb eines Gehöfts vorbehalten.

[...]


1 Die Ethnie der Kassena wird meist in älteren Quellen als Kassouna oder Awuna bezeichnet. Die heute lebenden Kasséna oder Kassené siedeln in der Provinz Nahouri der Region Centre-Sud in Burkina Faso. Die Kasena in Ghana siedeln im Kassena-Nankana District. Sie selbst benennen ihr Siedlungsgebiet als kasunu (Hahn 2000a: 131).

2 Die gesamte Länge des Filmes ist mit einer Vorlauf- und einer Nachlaufzeit des Filmbandes auf fünfeinhalb Minuten dokumentiert (Dittmer 1960: 2).

3 Bezüglich der kulturellen Kassena-Siedlung sind insbesondere zwei Werke von Hahn zudem zu nennen. Sie beschäftigen sich mit dem autochthonen Konzept der Kassena im Vergleich zu ihren Nachbarethnien. Siehe: A propos d’une histoire régionale des Kassena au Burkina Faso (Hahn 2002). Und siehe: Zur Siedlungsgeschichte der Kassena: orale Traditionen und Lokalität (Hahn 2000b).

4 Dabei soll hier großzügig darüber hinweggesehen werden, dass jede Handarbeit auch eine individuelle Note ihres Schöpfers beinhaltet.

5 Dementsprechend werden ein und dieselben Dinge, wie das Beil mit Tüllenbefestigung, in unterschiedlichen Zusammenhängen genutzt. Den Kassena gleich tun es die nordghanaischen Bulsa. Jeder Holzgegenstand wird in einem 5

6 Nach Möglichkeit verwendet man auch bei Kapokholz abgelagertes und langsam getrocknetes Material zur weiteren Verarbeitung (Dittmer 1960: 6). Allerdings ist Altholz wegen des geringeren Wassergehaltes härter als Frischholz und damit für die weitere Verarbeitung etwas schwieriger.

7 Die Verwendung von Steinklingen vor der Verbreitung von Eisenwerkzeugen sieht Dittmer auch bei den Kassena als faktisch gegeben an (Dittmer 1960: 4). Die Eisenhüttenkunde ist in der Subsahara-Region wahrscheinlich in der Mitte des ersten Jahrtausends vor Christus eingeführt worden (Sieber 1980: 41). Allerdings gibt es gerade bei den Kassena weder ethnographische noch archäologische Belege, die dies bezeugen könnten. Trotzdem kann man wohl davon ausgehen, dass Gesellschaften, die nur wenige Werkzeuge benötigen, auf ein so wertvoll geschätztes Handelsgut wie Eisen notfalls verzichten mögen. Kassena verhütten in der Regel auch kein Eisen. Zu beachten ist, dass Beile mit einer Tüllenschäftung nur bei Metallklingen vorkommen (Feest und Janata 1999: 169).

8 Vgl. hierzu auch Shaws Discovering Nigeria’s past (Shaw 1975).

9 Zur Auflistung von Schmiedekunst und Holzarbeit siehe: A Description of the Coasts of North and South Guinea (Barbot 1732).

10 Über kultische Hocker und andere königliche Sitzmöglichkeiten verweisen die Reiseberichte des portugiesischen Seefahrers Diogo de Azambuja (1481) oder des Londoner Kaufmanns William Towrson (1555). Feudale Assoziationen des Hockers, als „der vom Diener dem Häuptling hinterher getragen wird“, finden sich bis ins späte 19. Jahrhundert (Freeman 1898: 59).

11 Die Vier wird von den Kassena als „weibliche Zahl“ und die Drei als „männliche Zahl“ verstanden (Dittmer 1960: 6). Die soziale Zuordnung der Kategorie „Frauenhocker“ ist demnach von der formalen Gestaltung der Zahl Vier abhängig. Hahn bemerkt hierzu, dass es im westafrikanischen Kontext auch „rituelle Hocker“ gibt, die aber meist mit der Kategorie „Männerhocker“ verbunden werden (Hahn 2005: 66). Darüber hinaus kann ein Objekt einen politischen Charakter haben, der aber auch meist mit öffentlichen männlichen Aktivitäten verknüpft wird (Aniakor 1996: 230).

12 Solche dreibeinigen Hocker oder Kopfstützen, die mehr einer natürlich vorgefundenen Form als einer manuellen Bearbeitung entsprechen, kommen in zahlreichen Kulturen Afrikas vor (Sieber 1980: 130).

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Details

Titel
Die Herstellung eines Hockers bei den Kassena, Westafrika
Untertitel
Zur Holzbearbeitung mittels eines Beils mit Tüllenbefestigung
Autor
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V299961
ISBN (eBook)
9783656975250
ISBN (Buch)
9783656975267
Dateigröße
2653 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bitte unter dem Pseudonym Mascha Ber veröffentlichen. Danke.
Schlagworte
herstellung, hockers, kassena, westafrika, holzbearbeitung, beils, tüllenbefestigung
Arbeit zitieren
Mascha Ber (Autor), 2015, Die Herstellung eines Hockers bei den Kassena, Westafrika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299961

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