(An)Schreiben gegen das Vergessen. Literarische Geschichtsschreibung und ihr Beitrag zur Geschichtserinnerung am Beispiel von Uwe Timms "Morenga"


Seminararbeit, 2015
25 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Geschichte, Gedächtnis und Identität
2.1 Literarische vs. historische Geschichtsschreibung
2.2 Literarische vs. historische Wahrheit

3 Uwe Timm Morenga
3.1 Die drei Funktionen der Geschichtsschreibung
3.1.1 Morenga als kritisch-aufklärender Text
3.1.2 Morenga als moralisch-erinnernder Text
3.1.3 Morenga als heroisch-erinnernder Text
3.2 Dokumente - der Stoff aus dem Geschichte gemacht wird
3.2.1 Juxtaposition faktischer Dokumente in Zwei Positionen . .
3.2.2 Juxtaposition fiktiver und faktischer Dokumente in Tanzen

4 Zusammenfassung

5 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

In Timms Morenga wird die Aufarbeitung eines geschichtlichen Ereignisses an- gestrengt, für das die Deutsche Bundesregierung bis heute keine Verantwortung übernimmt: dem Krieg gegen und dem Genozid an den Herero und Nama. 2012 lehnte die Bundesregierung wiederholt ab, den von der deutschen Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) begangenen Genozid offiziell als Völkermord anzuerkennen (vgl. Zimmerer, 2013: 9). Die Begründung, dass „die brutale Niederschlagung des Aufstandes1 [. . . ] nicht nach den heute geltenden Regeln des humanitären Völkerrechts bewertet und daher auch nicht als Völker- mord eingestuft werden“ könne (Bundesregierung zit. nach Zimmerer, 2013: 9), ist mehr als fragwürdig. Zumal davon ausgegangen werden kann, dass sich hinter der Ablehnung vor allem finanzielle Beweggründe verbergen. So nimmt Eckert (2008: 26) an, dass es „[d]ie Angst vor Reparationen“ sei, die „viele europäische Politiker bis heute davon ab[halte], sich öffentlich und explizit für die kolonialen Verbrechen zu entschuldigen“. Allerdings scheitert die Bundesregierung nicht nur in ihrem Willen, sich offiziell zu diesen Verbrechen zu bekennen - sie verwehrt den Opfern auch symbolische Mittel der Anerkennung und des Respekts: Die Schä- delübergabe im September 2011, die für die Delegation aus Namibia von „hohe[r] symbolischer Bedeutung“ war und zu der zahlreiche namibische Würdenträger anreisten, wurde von deutscher Seite aus als „private Veranstaltung der Charité“ deklariert (vgl. Zimmerer, 2013: 20). Die Deutsche Bundesregierung nahm an der Übergabezeremonie nur als Gast teil und ließ sich durch lediglich eine einzige Per- son offiziell vertreten: der Stellvertreterin des damaligen Außenministers Guido Westerwelle, die es dann auch noch an „Fingerspitzengefühl“ mangeln ließ (vgl. Zimmerer, 2013: 20).

Dass sich die Deutsche Regierung - und damit auch die deutsche Gesellschaft - mit diesem wesentlichen Kapitel ihrer Vergangenheit bisher nicht auseinander- gesetzt hat, ist ein Missstand, den Uwe Timm in Morenga kritisiert. Mit den Möglichkeiten der literarischen Geschichtsschreibung schreibt er gegen dieses kol- lektive Vergessen an. Denn da Geschichte, Gedächtnis und Identität eng mitein- ander verwoben sind, ist es notwendig, dass eine Gesellschaft ihre Vergangenheit kritisch aufarbeitet. Nur so kann eine stabile Identität entstehen (vgl. Neuhaus, 2010: 71). Aber auch den Einzelnen fordert Timm mit seinem Roman auf, sich die Verstrickungen seiner Vorstellung von Identität, die nicht zuletzt auch auf Ge- schichtserinnerungen beruht, mit dem kollektiven Gedächtnis bewusst zu machen (vgl. Neuhaus, 2010: 71).

In dieser Arbeit wird im theoretischen Teil (Kapitel 2) kurz dargestellt, wie Geschichte, Gedächtnis und Identität ineinander greifen und inwiefern literarische Geschichtsschreibung auf Erinnerungsprozesse Einfluss nehmen kann. In der Textanalyse (Kapitel 3) wird am Beispiel des Romans Morenga beleuchtet, wie genau Uwe Timm Geschichtsschreibung und -erinnerung hinterfragt und auf diese Weise Erinnerungssprozesse anstößt, die zu einer Neubewertung von individueller, kommunikativer und letztlich kultureller Geschichtserinnerung führt. Abschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse zusammenfasst.

2 Geschichte, Gedächtnis und Identität

In einem breiten Verständnis bezeichnet der Begriff Geschichte (history) jedes in der Vergangenheit liegende Ereignis (individueller und kollektiver Natur). Diese vergangenen Ereignisse hinterlassen ein Sammelsurium an historischen Quellen, die die Geschichtsschreibung in einem zweiten Schritt fruchtbar machen kann. In einem engeren Geschichtsverständnis werden dagegen nur jene Ereignisse als Geschichte bezeichnet, die als (gesellschaftlich) bedeutsam eingestuft, historio- graphisch erfasst und archiviert wurden. Um Geschichte aber aufzeichnen bzw. schreiben zu können, müssen die verfügbaren historischen Quellen gesammelt, sortiert, ausgewählt und gedeutet werden. Während das erste Verständnis von Geschichte ein Nebeneinander von ungedeuteten Ereignissen ist, ist der Akt der Zuweisung von Bedeutung für das zweite Verständnis von Geschichte konstitu- tiv. Wo im ersten Fall ein unwillkürlicher Archivierungsprozess (im Sinne einer Anhäufung) stattfindet, geschieht im zweiten eine willkürliche Archivierung (im Sinne einer Auswahl). Problematisch bei der historischen Geschichtsschreibung ist einerseits die Tatsache, dass sie Texte generiert, die zwar Objektivität anstre- ben, die aber nicht frei von „Bindungen, Loyalitäten [und] Vorurteilen“ (Assmann, 2006: 47) sind. Die historische Geschichtsschreibung ist daher vielmehr als Ge- schichtsdeutung denn als (objektive) Geschichtserinnerung bzw. -darstellung zu verstehen. Andererseits handelt es sich bei den entstandenen Texten häufig um solche, die „Spuren der Vergangenheit aufbewahr[en], nachdem diese ihre lebendi- gen Bezüge und Kontexte verloren haben“ (Assmann, 2006: 54). Mit anderen Wor- ten: Sie bleiben archivierte und sind nicht erinnerte bzw. lebendige Geschichte. Das spiegelt sich nicht zuletzt darin wider, dass viele dieser Texte im kollektiven

Gedächtnis2 einer Gesellschaft nicht vertreten sind. Obwohl Geschichtsschreibung in ihrer ursprünglichsten Funktion als „Waffe gegen das Vergessen“ (Cicero zit. nach Assmann, 2006: 45) gesehen wurde und seit den 1980er Jahren ein Annä- herungsprozess zwischen Geschichte (history) und Gedächtnis festgestellt werden kann (vgl. Assmann, 2006: 47), ist Geschichte nicht mit Gedächtnis gleichzuset- zen. Da das Gedächtnis nicht darauf ausgelegt ist, möglichst vollständig zu sein, nimmt es nicht Beliebiges auf (vgl. Assmann, 2006: 36). Im Gegenteil: Was ein- fließt bzw. einfließen soll, wurde ausgewählt (vgl. Assmann, 2006: 36) - und wird durch diesen Akt der Aufnahme ins Funktionsgedächtnis erinnert. Nicht ausge- wählte Inhalte sind im kollektiven Gedächtnis nicht präsent3, sondern werden im Speichergedächtnis archiviert. Dort verweilen sie „vergessen“, bis sie „unter be- stimmten Umständen noch einmal an die Oberfläche steigen“ können (Assmann, 2006: 55). Welche historischen Episoden im kollektiven Gedächtnis erinnert wer- den und damit Teil der durch das Gedächtnis konstituierten Identität werden, unterliegt somit einem Auswahlprozess.

Für die Identität - sei es die individuelle, kommunikative oder kulturelle - sind sowohl Erinnerung als auch Vergessen konstitutiv. Doch wer entscheidet darüber, was erinnert bzw. was vergessen wird, was Teil der Identität werden darf und was nicht? Diese Frage ist gerade für das politische Gedächtnis (einer Form des kollek- tiven Gedächtnisses) von besonderer Bedeutung. Das politische Gedächtnis stellt Geschichte nämlich in den Dienst der Identitätsbildung (vgl. Assmann, 2006: 37). Der französische Religionswissenschaftler und Schriftsteller Ernest Renan fasst eine Nation als „eine Seele, ein geistiges Prinzip“ auf. Ihr Zusammenhalt geht seiner Meinung nach nicht auf einen „gemeinsamen Ursprung“ zurück, „sondern [muss] durch ein tägliches Plebiszit erneuert werden“. Für ihn sind es gerade die „einschneidende[n] historische[n] Erfahrungen [..], die eine nationale Identität be- gründen“ (zit. nach Assmann, 2006: 38/39). Welche historischen Erfahrungen ins politische Gedächtnis aufgenommen, wie diese verarbeitet, gedeutet und als My- then übernommen werden, spielt somit eine wesentliche Rolle für die Konstruktion nationaler Identität - und damit auch für die Konstruktion individueller Identi- tät, in der immer auch Teile des politischen Gedächtnisses vertreten sind. Wie deutlich wurde, sind Geschichte (history), Gedächtnis und Identität miteinander verwoben und können - gerade wenn von politischem Gedächtnis bzw. nationaler Identität gesprochen wird - kaum unabhängig voneinander betrachtet werden.

2.1 Literarische vs. historische

Geschichtsschreibung

Inwiefern kann literarische Geschichtsschreibung4 nun auf dieses Zusammenspiel von Geschichte, Gedächtnis und Identität Einfluss nehmen? Gibt es nicht eine har- te Grenze zwischen historischer und literarischer Geschichtsschreibung, die darin besteht, dass erstere tatsächliche Begebenheiten schildert und letztere erfundene? Bereits in der Mehrdeutigkeit des Wortes „Geschichte“ - einerseits als „faktische Geschichte“ (history) und andererseits als „fiktionale Geschichte“ (story) - offen-

bart sich die zentrale Problematik der Geschichtsschreibung: Zwar schreiben so- wohl Historiker als auch Schriftsteller Geschichte(n). Doch für gewöhnlich hinter- fragen wir die von Historikern verfassten Geschichten nicht. In blindem Vertrauen gehen wir davon aus, dass wir durch sie objektiv „die Wahrheit über einen Teil der Vergangenheit“ erfahren (vgl. Ankersmit, 2010: 34). Tatsache ist jedoch, dass auch den von Historikern verfassten Geschichten eine Unzuverlässigkeit anhaftet. Diese beruht einerseits auf dem politischen und gesellschaftlichen Standpunkt des Verfassers, von dem aus er die Vergangenheit (re)konstruiert und interpre- tiert (vgl. Volkmann, 2013: 16). Andererseits beruht diese Unzuverlässigkeit aber auch darauf, dass vor allem die traditionelle Geschichtsauffassung „Geschichte als linear und kontinuierlich“ begreift und zum Ziel hat „Verbindungen und Kausali- tätsketten“ herzustellen (von Maltzan, 1992: 195). Um solche Kausalitätsketten im Sinne einer historischen Argumentation verdeutlichen zu können, bedienen sich auch Historiker „in einem nicht unerheblichen Maß“ fiktionaler Mittel (Volk- mann, 2013: 12).

Da somit auch historischer Geschichtsschreibung ein „Plot mit romanhaften Zügen“ (Volkmann, 2013: 14) unterstellt werden kann, wirft sich die Frage auf, ob überhaupt ein Unterschied zwischen historischer und literarischer Geschichts- schreibung besteht (vgl. dazu auch von Maltzan, 1992: 189). Hinzu kommt, dass literarische Geschichtsschreibung Wege gehen kann, die der historischen verwehrt bleiben. Da die historische Geschichtsschreibung laut Assmann (2006: 46) dem „methodischen Imperativ der Objektivität“ verpflichtet ist und angetrieben durch „historische Neugier“ geschichtliches Wissen anhäuft, das „tendenziell ins Unend- liche anwachsen kann“, löst sie sich notwendiger Weise vom spezifischen Stand- punkt und „entfernt sich [damit] vom Gedächtnis“. Sie wird zu einem „universalen Gedächtnis der Menschheit, dessen Ort das Archiv der Wissenschaft ist“, wo sie von der breiten Öffentlichkeit ungelesen wieder in Vergessenheit gerät. Allerdings ist ungelesene Geschichte, wie N. Pyke (1947: 93) treffend bemerkt, auch un- geschriebene. Literarische Geschichtsschreibung kann sich solch vergessener oder verdrängter historischer Ereignisse annehmen.

[...]


1 Bereits in ihrer Sprachregelung begeht die Bundesregierung hier einen Fauxpas, da „der Begriff Aufstand [. . . ] einseitig die Perspektive der Kolonialmacht“ (Zimmerer, 2014: 32) wiedergibt, sollte er vermieden werden. Zimmerer weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich nicht um einen Aufstand, sondern um einen Krieg gehandelt habe - und als solchen sollte man ihn daher auch bezeichnen.

2 Das kollektive bzw. kulturelle Gedächtnis wird basierend auf Assmann (2006: 29-35) definiert. Demnach schaffen sich „Kulturen, Nationen und Staaten [. . . ] mithilfe memorialer Zeichen und Symbole“ ein Gedächtnis und zugleich eine Identität. Dabei ist das kollektive Gedächtnis keineswegs als „einfache Analogie“ des individuellen bzw. sozialen Gedächtnisses zu verstehen. Während Erinnerungen im individuellen und sozialen Gedächtnis an Individuen gebunden sind, werden diese beim Übergang ins kollektive Gedächtnis entkoppelt und vom Individuum auf symbolische Medien übertragen. Nur durch diese Entkörperung und zeitliche Entfristung können Erinnerungen über die Generationenschwelle hinweg stabil transferiert und tradiert werden. Dieser Bruch im Übergang vom sozialen zum kollektiven Gedächtnis erfordert einen nächsten Schritt: „[L]ebendige Gedächtnisse“ müssen sich nun mithilfe der symbolischen Me- dien, die durch den Entkoppelungs- und Übertragungsprozess Träger dieser Erinnerungen geworden sind, „immer wieder neu“ mit den Inhalten des kulturellen Gedächtnisses verkop- peln und zu eigen machen. Indem das Individuum die Inhalte übernimmt, gewinnt es „neben personaler und sozialer seine kulturelle Identität“. Durch die Schaffung symbolischer Medien kann somit Einfluss genommen werden auf das, was eine Gesellschaft erinnert. Die zur Verfü- gung stehenden symbolischen Medien beeinflussen daher auch die Erinnerungen und Identität des Individuums, da kollektive Anteile sowohl im sozialen als auch individuellen Gedächtnis enthalten sind.

3 Assmann (2006: 36) nennt dieses Nicht-präsent-Sein „vergessen“. Es sei „konstitutiver Teil des individuellen wie des kollektiven Gedächtnisses“. Sie unterscheidet zwischen drei verschiedene Formen von Erinnerungen: bewussten, vorbewussten und unbewussten. Während bewusste Erinnerungen verfügbar sind und vorbewusste unverfügbar, werden unbewusste Erinnerungen aufgrund von Verdrängungsprozessen oder Traumata unter Verschluss gehalten und sind ohne Hilfe von außen unzugänglich (vgl. Assmann, 2006: 24). Da sich vorbewusste und unbewusste Erinnerungen - Assmann (2006: 55) nennt sie auch „latente Erinnerungen, die ihre Stunde hinter sich oder noch vor sich haben“ - im Speichergedächtnis akkumulieren, ist ein Vergessen im Sinne eines unwiderruflichen Vergessens- bzw. Löschungsprozesses nur schwer, wenn nicht sogar unmöglich.

4 Im Folgenden wird der Terminus „literarische Geschichtsschreibung“ für jene Texte verwendet, die historische Episoden aufarbeiten, ohne einen Anspruch auf methodische Objektivität zu erheben. Unter literarischer Geschichtsschreibung fallen insbesondere solche Texte, die Fikti- on und Faktum mit dem Ziel mischen, bestehende Geschichtsdarstellungen und -deutungen zu hinterfragen, zur Diskussion zu stellen und auf diese Weise zu einer sich erneuernden Geschichtserinnerungen beizutragen.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
(An)Schreiben gegen das Vergessen. Literarische Geschichtsschreibung und ihr Beitrag zur Geschichtserinnerung am Beispiel von Uwe Timms "Morenga"
Hochschule
Universität Stellenbosch
Veranstaltung
Afrika in der deutschsprachigen Literatur
Note
1,2
Autor
Jahr
2015
Seiten
25
Katalognummer
V300012
ISBN (eBook)
9783656964179
ISBN (Buch)
9783656964186
Dateigröße
887 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Morenga, Uwe Timm, Afrikabilder, Erinnerungspolitik, Gedächtnis, Geschichtsschreibung, Literarische Histographie
Arbeit zitieren
Andrea Hahnfeld (Autor), 2015, (An)Schreiben gegen das Vergessen. Literarische Geschichtsschreibung und ihr Beitrag zur Geschichtserinnerung am Beispiel von Uwe Timms "Morenga", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300012

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: (An)Schreiben gegen das Vergessen. Literarische Geschichtsschreibung und ihr Beitrag zur Geschichtserinnerung am Beispiel von Uwe Timms "Morenga"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden