Transfer im Zweitspracherwerb. Erkenntnisse und Hypothesen der aktuellen Mehrsprachigkeitsforschung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
12 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Definitionsfragen
1.1 Simultane und sukzessive Mehrsprachigkeit
1.2 Arten des Spracherwerbs
1.2.1 Natürlicher und gesteuerter Spracherwerb
1.2.2 Kindlicher und erwachsener Spracherwerb
1.3 Transfer

2 Zum gegenwärtigen Stand der ZSE-Forschung
2.1 Die Kontrastivhypothese
2.2 Die Identitätshypothese
2.3 Die „Interlanguage“-Hypothese

3 Transfer im Zweitspracherwerb
3.1 Transfer in 3 Haupthypothesen
3.2 Transfer auf sprachlichen Ebenen
3.2.1 Phonetische Ebene
3.2.2 Semantische und morphologische Ebene
3.2.3 Grammatische Ebene

4 Transfer in verwandten Sprachen

5 Diskussion und Ausblick

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

In letzter Zeit nimmt die Zweitspracherwerbsforschung kontinuierlich an Bedeutung zu. Das hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen. Die Anzahl der Menschen mit ausländischem Hintergrund in Europa spricht für notwendige Integrationspolitik, derer Bestandteil unmittelbar mit der Sprache verbunden ist. Neue Sprachenpolitik der Europäischen Union, die von der Europäischen Kommission durchgeführt wird, plädiert für das Modell „1+2“, d. h. jeder EU-Bürger soll außer seiner Muttersprache noch 2 Fremdsprachen (wünschenswert sind Amtssprachen der EU) beherrschen.

Diese und noch weitere Fakten heben die Wichtigkeit des Fremdsprachenunterrichts hervor. Da der Lerner beim Erlernen bzw. Erwerben der Zweit- bzw. Fremdsprache von den schon erworbenen Sprachkenntnissen, ggf. in seiner Muttersprache, ausgeht, spricht man in diesem Zusammenhang vom Transfer.

Transfer wird in dieser Arbeit in erster Linie behandelt. Die Hausarbeit ist ein Versuch, das Wesen dieser Erscheinung zu verstehen, indem auf Arten sowie Ursachen des Transfers im Rahmen der aktuellen Zweitspracherwerbsforschung eingegangen wird.

1. Definitionsfragen

Bevor der aktuelle Stand der Problematik erläutert wird, muss man erst den Blick auf Definitionen werfen, denn ein Verzicht, die Grundbegriffe zu behandeln, kann zu Missverständnissen führen. In diesem Kapitel werden Arten der Mehrsprachigkeit sowie des Spracherwerbs dargelegt. Anschließend wird der Zentralbegriff dieser Arbeit definiert.

1.1 Simultane und sukzessive Mehrsprachigkeit

Wenn von der Mehrsprachigkeit gesprochen wird, so ist simultane Mehrsprachigkeit von sukzessiver Mehrsprachigkeit zu unterscheiden. Im ersten Fall handelt es sich um Bilingualismus, wenn das Kind zwei Sprachen parallel, also gleichzeitig, erwirbt. Erwirbt man eine Zweitsprache bzw. lernt man eine Zweit- bzw. Fremdsprache nach dem Abschluss des Erwerbs der Erst- bzw. Muttersprache, so hat man mit sukzessiver Mehrsprachigkeit zu tun [DE HOUWER 1990]. Allerdings gibt es andere Forscher, die der Auffassung sind, es müsse im Falle der Bilingualität nicht obligatorisch die Rede vom gleichzeitigen Erwerb beider Sprachen sein. Es gehe im Zusammenhang damit um einen bestimmten Zeitraum, wann es möglich wäre [DE HOUWER 1990]. Zur Frage von dieser Grenze gibt es zurzeit keine Übereinstimmung unter Forschern.

1.2 Arten des Spracherwerbs

In Fragen der weiteren Begriffe vertieft ist es nicht zu unterschätzen, Arten des Spracherwerbs zu unterscheiden, weil die vorliegende Arbeit wie schon erwähnt im Rahmen der Spracherwerbsforschung angesiedelt ist.

1.2.1 Natürlicher und gesteuerter Spracherwerb

Wenn von sukzessiver Mehrsprachigkeit gesprochen wird, steht die Art des Spracherwerbs im Mittelpunkt. Man unterscheidet zwischen natürlichem und gesteuertem Spracherwerb. Im ersten Fall hat man mit kommunikativen Interaktionen mit Sprechern der Zielsprache zu tun, im zweiten Fall - mit fremdsprachendidaktischen Instruktionen. [MÜLLER / KUPISCH / SCHMITZ / CANTONE 2007]

1.2.2. Kindlicher und erwachsener Spracherwerb

Freilich spielt das Alter beim Spracherwerb eine bedeutende Rolle. Deswegen unterscheiden die Spracherwerbsforscher auch kindlichen Spracherwerb vom erwachsenen. In diesem Zusammenhang spricht man von einer Grenze, die von Theorie zu Theorie vom dritten Lebensjahr bis Ende der Pubertätsperiode liegt. Einige neurolinguistische Studien zeigen, dass Personen, die mit ihrer Zweitsprache nach der Grenze in Kontakt getreten sind, diese Sprache ganz anders im Gehirn ablegen. [MÜLLER / KUPISCH / SCHMITZ / CANTONE 2007]

1.3 Transfer

Der Begriff Transfer wird in der Literatur oft anstelle des Begriffs Interferenz gebraucht. In dieser Arbeit wird aber ein Unterschied zwischen den beiden Termini angenommen.

Unter Interferenz versteht man die „Einwirkung einzelner Elemente oder des Systems einer Sprache auf eine andere Sprache“ [BROCKHAUS ENZYKLOPÄDIE 2002]. Die Interferenz ist von der Entlehnung zu unterscheiden, wo es sich um eine kollektive Erscheinung handelt. Im Falle der Interferenz geht es um Einzelfälle. Der Transfer im engeren Sinne ist ein Hyponym für die Interferenz. Davon spricht man nur dann, wenn die Person schon eine Sprache erworben hat und zu dem Zeitpunkt eine Zweit- bzw. Fremdsprache erwirbt oder lernt. Deswegen wird der Transferbegriff öfter in der Zweitspracherwerbsforschung gebraucht.[MÜLLER / KUPISCH / SCHMITZ / CANTONE 2007] Allerdings ist der Begriff auch bei der Bilingualitätsforschung, besonders in Fragen der Sprachdominanz zu treffen. [vgl. MÜLLER / KUPISCH / SCHMITZ / CANTONE 2007, S.71]

2 Zum gegenwärtigen Stand der ZSE-Forschung

In diesem Kapitel wird versucht, den gegenwärtigen Stand der Zweitspracherwerbsforschung wiederzugeben. Hier werden 3 zentrale Theorien in der Forschung dargelegt.

2.1 Die Kontrastivhypothese

Die Kontrastivhypothese besteht darin, dass die Muttersprache einen Einfluss auf den Erwerb der Zweitsprache ausübt, und zwar in folgender Weise: wenn es in beiden Sprachen Übereinstimmungen gibt, dann führt das zu Lernerleichterungen. Wenn das nicht der Fall ist, so führen die Unterschiede in zwei Sprachsystemen zu Fehlern. Zu den Schwächen dieser Hypothese, die von vielen Autoren hervorgehoben worden sind, zählt man: die Gleichsetzung linguistischer Strukturunterschiede mit solchen psycholinguistischen Prozessen wie Transfer, Definition der Fehler, Begrenztheit an Anzahl der Sprachen (man nimmt nicht an, dass es mehrere Zweitsprachen geben kann) etc.

Es ist zu betonen, dass einige Forscher zwei Versionen dieser Theorie unterscheiden: eine schwache und eine starke. Die starke Version, die oben beschrieben worden ist, kann im Hinblick auf ihre Schwächen als widerlegt gelten. Die schwache vermeidet die Generalisierung und behauptet, dass es auch andere Gründe für den Transfer geben könne. [BAUSCH / KASPER 1979]

2.2 Die Identitätshypothese

Die Identitätstheorie geht davon aus, dass der Erwerb sowohl der Muttersprache als auch der Zweitsprache nach gleichen Prinzipien verläuft:

„Der Erwerb einer Sprache L als Zweitsprache verläuft prinzipiell isomorph zum Erwerb vom L Grundsprache: in beiden Fällen aktiviert der Lerner angeborene mentale Prozesse, die bewirken, daß die zweitsprachlichen Regeln und Elemente in der gleichen Abfolge erworben werden wie die grundsprachlichen.“ [BAUSCH / KASPER 1979, S.9]

Die Idee, dass universelle Spracherwerbsmechanismen existieren, hat den Anstoß für empirische Forschung mit diesem Schwerpunkt gegeben. Es gibt aber bisher keine eindeutige gemeinsame Beschreibung für diese Prozesse, denn die Untersuchungen beruhen auf Daten verschiedener Art, und es werden deswegen unterschiedliche Bilanzen gezogen. [BAUSCH / KASPER 1979]

Die kritischen Punkte dieser Hypothese gegenüber sind in der Arbeit von Kennedy und Holmes zu finden. Sie kritisieren die Vernachlässigung soziolinguistischer Variablen des Lernumfeldes (z. B. gesteuerte und nicht-gesteurte Erwerbssituation), die Vernachlässigungen von Fehlern, die durch Lernmaterialien entstehen, die Übertragbarkeit der Ergebnisse zum Erwerb einzelner sprachlichen Einheiten auf den Spracherwerb etc. (vgl. KENNEDY / HOLMES 1976)

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Transfer im Zweitspracherwerb. Erkenntnisse und Hypothesen der aktuellen Mehrsprachigkeitsforschung
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Mehrsprachigkeitsforschung
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V300064
ISBN (eBook)
9783656966371
ISBN (Buch)
9783656966388
Dateigröße
742 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
transfer, zweitspracherwerb, erkenntnisse, hypothesen, mehrsprachigkeitsforschung
Arbeit zitieren
Artemiy Batanov (Autor), 2011, Transfer im Zweitspracherwerb. Erkenntnisse und Hypothesen der aktuellen Mehrsprachigkeitsforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300064

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