Öffnung und Offenheit sind in demokratischen Staaten, die sich nach Karl Popper als offene Gesellschaften verstehen, positiv konnotierte Begriffe. Das gilt gerade für die Schule als die zentrale Sozialisationsinstanz neben dem Elternhaus. Hier soll nach der herrschenden Meinung demokratisches Verhalten, Mitbestimmung, Inklusion und Integration eingeübt werden. Die Öffnung des Unterrichts hat daher auch heute noch einen guten Klang, auch wenn die begriffliche Verschlagwortung früh kritisiert (vgl. Jürgens 1995, S. 16ff) und der reform-pädagogische Optimismus der 1970er und 1980er Jahre durch die Ergebnisse der empirischen Bildungsforschung stark gedämpft wurde (siehe z. B. Hattie 2013).
Im Nachfolgenden wird das Konzept des Offenen Unterrichts (OU) aus politikdidaktischer Perspektive diskutiert. Es geht um die Frage, wie OU am besten etabliert werden kann und welche Dimensionen der Öffnung dabei im Vordergrund stehen sollen. Dazu werden zunächst Definitionen des OU im Hinblick auf ihre Operationalisierbarkeit erörtert. Im Hauptteil sollen Überlegungen zur schrittweisen Einführung angestellt werden. Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei auf die Frage: Wie muss ein Lehrer vorgehen, der seinen Unterricht inhaltlich und methodisch öffnen, aber keine Einbußen in der Unterrichtsqualität hinnehmen möchte? Zu befragen sind in erster Linie die Literaturbefunde aus der Empirie und Praxis.
Die theoretischen Erörterungen im Rahmen dieser Hausarbeit stehen nicht ohne Grund am Beginn eines Portfolios zu dem Seminar „Neue Lernkulturen im Politikunterricht“, das sich insbesondere der Methodenvielfalt im Fach Politische Bildung gewidmet hat. Angehängt finden sich eine Methoden-Reflexion sowie eine kreative Aufgabe, die das Thema anwendungsorientiert ergänzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Offene Gesellschaft
2. Offener Unterricht
2.1 Warum öffnen?
2.2 Was öffnen?
2.3 Wie öffnen?
3. Schluss: Noch ganz dicht?
4. Methodenreflexion
5. Kreative Aufgabe
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Konzept des Offenen Unterrichts (OU) aus politikdidaktischer Perspektive und analysiert, wie Lehrkräfte ihren Unterricht methodisch und inhaltlich öffnen können, ohne die Unterrichtsqualität zu gefährden. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie eine schrittweise Einführung offener Lernarrangements in der Praxis gelingen kann.
- Dimensionen und Definitionen des Offenen Unterrichts
- Begründungsmuster für die Öffnung von Unterricht
- Rolle des Lehrers und notwendige Kompetenzmodelle
- Praktische Methodenreflexion und Anwendungsbeispiele
- Gestaltung von Lernarrangements im Politikunterricht
Auszug aus dem Buch
2.1 Warum öffnen?
Das Gute ist der Feind des Besseren. Wer seinen Unterricht öffnen möchte, muss zunächst begründen, warum er dies tun will. In der Literatur finden sich zahlreiche diffuse Argumente, die oftmals einem apologetischen Zweck dienen und nicht immer plausibel erscheinen.
Zum Ersten wird auf die reformpädagogische Bewegung verwiesen, die am Fin de Siècle um 1900 die „Krise der Moderne“ als Krise der preußischen „Pauk- und Drillschule“ deutete und sich um Abkehr vom frontalen „Einpauken“ bemühte. Zu den zahlreichen Traditionssträngen zählen beispielsweise die Jenaplan-Pädagogik (Peter Petersen), die Montessori-Pädagogik (Maria Montessori), die Kunsterziehungs- (Alfred Lichtwark) und Arbeitsschulbewegung (Georg Kerschensteiner). Der Terminus des OU selbst geht auf den pädagogischen Reformansatz der „open education“ in den Vereinigten Staaten zurück, der sich wieder aus der englischen Primarstufenreform speiste (vgl. Jürgens 1995, S. 41).
Zum Zweiten werden Änderungen der familiären Lebenswirklichkeit als Argument für OU ins Feld geführt: die demographische Entwicklung hin zu niedrigeren Geburtenraten seit dem sogenannten „Pillenknick“ Ende der 1960er Jahre hat die Zahl der Einzelkinder deutlich steigen anlassen; gleichzeitig verflüchtigen sich die Sozialbindungen in den Elternhäusern, weil die Zahl der berufstätigen Mütter ebenso steigt wie die Scheidungsfälle (vgl. Nave-Herz 2004, S. 58ff) .
Zusammenfassung der Kapitel
1. Offene Gesellschaft: Dieses Kapitel erläutert den Begriff der Offenheit im demokratischen Kontext und setzt sich kritisch mit der Rolle der Schule als zentrale Sozialisationsinstanz auseinander.
2. Offener Unterricht: Hier werden die Ursprünge, die verschiedenen Dimensionen und die Voraussetzungen für die Einführung des Offenen Unterrichts analysiert.
3. Schluss: Noch ganz dicht?: Der Abschnitt beleuchtet die Grenzen des Offenen Unterrichts und plädiert für eine sinnvolle Kombination aus gebundenen und offenen Unterrichtsformen.
4. Methodenreflexion: Dieses Kapitel bietet eine tabellarische Übersicht verschiedener Methoden, inklusive ihrer Wirksamkeit, Voraussetzungen und praktischen Vor- und Nachteile.
5. Kreative Aufgabe: Hier wird beispielhaft aufgezeigt, wie das Thema „Gesetzgebungsverfahren der Europäischen Union“ methodisch als Unterrichtseinheit gestaltet werden kann.
Schlüsselwörter
Offener Unterricht, Politikunterricht, Politische Bildung, Reformpädagogik, Methodenreflexion, Strukturlegetechnik, Handlungsfähigkeit, Schülerorientierung, Kompetenzmodell, Unterrichtsqualität, Differenzierung, Lernkultur, Partizipation, Europäische Union, Gesetzgebungsverfahren.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Öffnung des Politikunterrichts als Antwort auf Anforderungen an moderne Lernkulturen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Definition von Offenem Unterricht, den Begründungen für dessen Einführung und der methodischen Umsetzung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Lehrer ihren Unterricht inhaltlich und methodisch öffnen können, ohne dabei an Unterrichtsqualität einzubüßen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine Diskussion auf Basis politikdidaktischer Perspektiven sowie eine Auswertung von Literaturbefunden aus Empirie und Praxis.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der schrittweisen Einführung offener Unterrichtsformen und der kritischen Reflexion über deren Erfolgsaussichten.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Offener Unterricht, Politische Bildung, Kompetenzmodell und Methodenvielfalt beschreiben.
Wie bewertet der Autor die "totale Öffnung" des Unterrichts?
Der Autor warnt vor einer totalen Öffnung aufgrund von Ressourcenknappheit und der Gefahr, dass die Struktur des Unterrichts verloren geht.
Welche Bedeutung kommt der Strukturlegetechnik in der kreativen Aufgabe zu?
Die Strukturlegetechnik dient als Instrument zur Ergebnissicherung, mit dem Schüler komplexe Zusammenhänge, wie das EU-Gesetzgebungsverfahren, visualisieren und strukturieren.
- Citation du texte
- Christian Schwießelmann (Auteur), 2015, Wie sich der Politikunterricht öffnen lässt. Definitionen, Konzepte und Methoden, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300271