Feuerbachs "Wesen des Christentums" und seine Religionskritik


Studienarbeit, 2006

18 Seiten, Note: 2+


Leseprobe

Inhalt

1. Feuerbach in der Abgrenzung zu Hegel

2. Die Sozialität des Menschen

3. Die Sinnlichkeit des Menschen

4. Feuerbachs allgemeiner Umgang mit Religion

5. Die Verzerrung und Entfremdung in und durch die Religion

6. Der Mensch und sein Gattungswesen

7. Das Arbeitsprinzip des Wesen des Christentums

8. Das „Wesen des Christentums“ allgemein

9. Beispiel aus der christlichen Dogmatik

10. Konklusionen

11. Das wesentlich Individualistische des Christentums

12. Welt- und Leibverneinung und die Weltflucht des Christentums

13. Der Ursprung der Religion, die Kluft zwischen Individuum und Gattung, der Druck des Lebens

14. Der Wandel in Feuerbachs Ansichten

15. Feuerbach und Hegel.

Literaturliste

1. Feuerbach in der Abgrenzung zu Hegel

Das hier zu behandelnde Werk Feuerbachs, das Wesen des Christentums, entstanden um 1841, fällt in eine Zeit in der es ein breites Bestreben gab, den Hegelschen Idealismus zu überwinden. Auch dieses Werk stellt stückweit eine Kritik des Hegelschen Geistbegriffs und der auf seiner Basis vollzogenen Idealsynthese der kulturellen Formen, wie Religion, Kunst, Wissenschaft usw. dar. Diese und vor allem die Religion will er wieder als eigenständige Sphäre aus der Geistsynthese lösen und sie als Objektivationen des Menschen dem Menschen zurückgeben. Es geht ihm um realistische Anthropologie statt absoluter Philosophie. Der Mensch wird bei ihm an die Stelle Gottes oder des Geistes gesetzt.

Während Hegel das menschliche Bewusstsein als Ausdruck des sich objektivierenden Geistes verstand, will Feuerbach nun den Menschen an die Basis, ins Zentrum seiner Phil setzten und betrachtet den Geist, bzw. die Götter als Objektivation des menschlichen Wesens.

Hegel habe seine Sinne nicht benutzt und eine sinnlose Phil voller Abstraktionen geschaffen, die dem realen Leben, dem wirklichen Dasein nicht gerecht werde. Feuerbach geht es um die Erfassung der natürlichen Realität mittels der sinnlichen Anschauung. Diese müsse die Grundlage einer vernünftigen, realitätsbezogenen Phil sein, die nach realen Ursachen weltlicher Erscheinungen zu fragen habe. Er will eine empirische Erfassung der Natur betreiben. Eine solche Phil würde die Willkürherrschaft der absoluten Phil über die Fakten des Lebens durch die Zuwendung zum Menschen entlarven und verurteilen.

Durch eine solche Philosophie will er den Menschen ein neues Einheit stiftendes Prinzip veranschaulichen, denn er empfindet die Vereinzelung, Atomisierung der einzelnen Menschen als bedauerliches Phänomen seiner Zeit. Dieses gilt es zu überwinden, um den Fortgang der Krise aufzuhalten. Als Vereinzelung bezeichnet er den Verlust des Gattungszusammenhalts. Der reale Mensch in seinem natürlichen und sozialen Dasein, in seinem leiblich-sinnlichen, gefühlshaften und begehrenden Dasein soll das neue Zentrum seiner Philosophie sein; der Mensch, wie er der sinnlichen Anschauung ins Auge fällt. Der Mensch in seiner liebenden Beziehung zur Natur und den Mitmenschen soll die Basis einer neuen sozialen Einheit bilden.

Der konkrete Mensch ist also das neue Zentrum und Subjekt von Feuerbachs Philosophie. Seine Kritik der Theologie hat zunächst Gott auf den Glauben und damit letztlich auf den Menschen reduziert, und die Kritik der Philosophie hat die Absolute Idee auf das Denken und damit ebenfalls auf den Menschen reduziert.

2. Die Sozialität des Menschen

Es geht Feuerbach also um den Menschen, aber weniger um den einzelnen als um die Menschheit, um das menschliche Wesen. Neben der Sinnlichkeit stellt die Sozialität eine wesentliche Kategorie des Menschen dar. Jeder Einzelne würde sich notwendiger Weise mit seiner Gattung auseinandersetzten. Selbstbewusstsein versteht er als Bewusstsein der eigenen Gattung und des menschlichen Wesens. Im Gegensatz zum Tier würde der Mensch seine Gattung zum Gegenstand seines Bewusstseins machen.

Das allgemeine, vollkommene Wesen des Menschen wird seiner Meinung nach nur in der ganzen Menschheit offenbar. Alleine sei der Menschmangelhaft, unvollkommen und seinem wahren Wesen entfremdet. Erst in der Summe aller Menschen, den vergangenen und zukünftigen, wird das menschliche Wesen offenbar. Die Summe der Gattungsfähigkeiten macht das menschliche Wesen aus. Die Menschheit als ganzes ist in der Lage die vollkommenen Eigenschaften, die man gerne den Göttern zuschreibt, zu repräsentieren. Der Einzelne ist z.B. endlich, die Gattung unendlich.

Während Hegel von der Unmittelbarkeit des logischen Wissens ausging, betont Feuerbach den sozialen Charakter allen Erkennens und Wissens. Die Vernunft sei gebunden an kommunikative Prozesse und wird durch Gemeinschaft, durch die Gattung vermittelt. In Gemeinschaft, durch den Mitmenschen kann man Wissen erlangen. Deshalb versteht er den Standpunkt der Vernunft als den Standpunkt der Gattung.

Die Gattung werde dem Einzelnen in abstrakter Form durch das Denken vermittelt. Ein unmittelbarer Sinn für die Gattung und das Gattungswesen wird dem Ich aber durch ein Du, durch das mitmenschliche Gegenüber eröffnet. Das Du sei dem Ich Repräsentant der Gattung und Mittler zur Gattung. Schon wenn 2 zusammenkommen könne man einen qualitativen Sprung menschlicher Eigenschaften beobachten. Durch die Gemeinschaft wird die Unzulänglichkeit des Individuums überwunden.

Das Du, der Mitmensch ist demnach Mittler zwischen der individuellen Mangelhaftigkeit zur Vollkommenheit des menschlichen Wesens, der Gattung. Es drängt uns zum Mitmensch um in der Gemeinschaft unser vollkommenes Wesen, das Gattungswesen zu verwirklichen.

Gemeinschaft wiederum wird nach Feuerbach vornehmlich in Freundschaft und Liebesbeziehung verwirklicht. In diesen Beziehungen ist Menschlichkeit, das Gattungswesen exemplarisch schon verwirklicht. Die Liebe ziehe uns zum Mitmenschen, sie sei Eingeständnis und zugleich Heilung von der individuellen Nichtigkeit. Durch Liebe werde der Bezug zur Gattung hergestellt und so könnten wir unser menschliches Wesen verwirklichen. Die Liebe hat bei Feuerbach also Heilsbedeutung und wird daher zu einer Art ethischen Forderung.

3. Die Sinnlichkeit des Menschen

Im Laufe Feuerbachs Entwicklung tritt die Sozialität des Menschen zugunsten seiner Sinnlichkeit immer mehr in den Hintergrund. Er fängt im Wesen des Christentums schon an Gattung und Vernünftigkeit zugunsten von Natur und Sinnlichkeit zu verlieren. Besonders in Religion und Philosophie wurde die natürliche Seite des Menschen übersehen. Vielleicht rückt Feuerbach deswegen den sinnlich-leiblichen Menschen immer mehr ins Zentrum seiner Theorie. Auf jeden Fall wird der menschliche Geist dem Leib gegenüber zweitrangiger. Die Sinnlichkeit ohne Bezug zur menschlichen Gemeinschaft, seiner Sozialität nimmt in der Folge immer mehr Raum in seiner Philosophie ein.

Wie das Bedürfnis des Menschen nach Gemeinschaft, so beschreibt er auch seine anderen Bedürfnisse als gut. Des Menschen Sinnlichkeit will er nicht mehr als schlecht und sündhaft, sondern als durchaus positiv verstanden wissen. Das Christentum habe insofern recht, dass es die Seligkeit sinnlich beschreibt, aber es sei schlecht, dass das Christentum die irdische Sinnlichkeit verwirft. Feuerbach dagegen fordert die sinnliche Lust indem er sagt, Freude sei Tugend.

Während die Menschen sinnlich gesteuert sind, ist das Tier Instinkt gesteuert. Die Sinne zeigen uns den richtigen Weg, sie signalisieren uns was gut und zweckmäßig für uns und unseren Leib ist. Die Sensualität mindere das Maß der Instinktgesteuertheit, wodurch wir uns vom Tier unterscheiden.

Durch die Sinne wird dem Menschen die Realität erst zugänglich. Im Prozess des Erkennens komme den Sinnen Priorität zu. Die Aufgabe des Geistes bestehe vornehmlich in der Auswertung von Sinneseindrücken. Auch wenn er den Menschen wider alle Dualität als ebenso sinnlich wie geistig fassen wollte, gewinnt der Leib mit der Zeit doch an Prävalenz. Schließlich sei der Leib vor den Gedanken, bzw. des Geistes. Der Mensch sei erst organisches Wesen, dann geistige Potenz

4. Feuerbachs allgemeiner Umgang mit Religion

So wie Feuerbach die Vereinzelung der Menschen und die Krise seiner Zeit an der Religion reflektiert (die Atomisierung würde im modernen Christentum exemplarisch zutage treten), so macht er auch sein Menschenbild am Beispiel der Religion deutlich. Überhaupt kann man feststellen, dass die Religion in Feuerbachs Werk, nicht nur im Wesen des Christentums, allgegenwärtig ist. Die Religion ist das vornehmliche Objekt seiner Kritik, und er bringt viele seiner Aussagen in Form theologischer Rede und Kategorien zum Ausdruck. Er sagt zwar es sei nichts mit der Religion, aber er forscht ihr doch immer nach, er bleibt auf eigentümliche Weise von ihr gefesselt.

Im Laufe seiner Entwicklung genießt sein oberstes Objekt (Geist, Vernunft, Gattung, Mensch, Natur; er sagt selbst sein 1. Gedanke sei Gott gewesen, der 2. die Vernunft und der 3. und letzte der Mensch) stets Ausschließlichkeitsanspruch und religiöse Ehren. Gott wird im Wesen des Christentums zwar abgelehnt, aber all seine Prädikate bleiben als Eigenschaften des menschlichen Gattungswesens erhalten. Viele bezeichnen ihn unter anderen aus diesem Grund als heimlichen Metaphysiker.

Die Betonung des natürlichen, bedürfnishaften Menschen lässt ihn Religion als Bedürfnis verstehen. Er stellt sie in Abhängigkeit zur Subjektsphäre. Feuerbach bestimmt Religion als Anschauung des Unendlichen vom Standpunkt des Unendlichen. Die Bedeutung des Gemüts, des Herzen ergibt sich daraus, dass er diese Anschauung als wesentlich emotionaler Natur begreift.

Das Wunder sei entsprechend der emotional bestimmten Objektivierung Religion die Modellform der Religion schlechthin. Wunderglauben bestimmt er als Glauben an die Macht des Gemüts, des Herzens, des Subjektiven über das Objektive. Das Wunder wird ebenso wie die Religion allgemein als Objektivierungsleistung des produzierenden Herzens, des emotionalen Menschen aufgefasst. Der Mensch erkennt es jedoch nicht als eigene Leistung.

Der Mensch schafft sich einen Gott, den er durch das Gebet dazu bestimmt seine Wünsche auf phantastische Weise zu realisieren. Das Gebet sei eine Geistestätigkeit, die subjektive Wünsche mittels der Phantasie in einer irrealen Welt verwirklicht.

Das Gemüt und die Phantasie gehören nach Feuerbach zusammen wie Gebet und Wunder. Viele religiöse Objektivationen entspringen dem menschlichen Bestreben individuelle Schranken und Mängel der Partikularität zu überwinden, ein Reich zu schaffen, in dem nur die Gesetzte der subjektiven Wünsche bestimmend sind.

Feuerbach versteht Religion also als eigenständige Weltbildungskomponente neben Philosophie, Wissenschaft usw. Gemüt und Phantasie seien diejenigen menschlichen Organe, durch das Empfindungen in Bildern systematisch schematisiert werden, Religion ist also ein bildhaft-phantastischer Weltzugang. Inhaltlich werde in der Religion die emotionale Beziehung des Menschen zu seiner Gattung und seinem Gattungswesen, die qualitative Kluft zwischen Individuum und Gattung thematisiert. Phil dagegen werde durch eine systematisierende rationale Tätigkeit bestimmt.

In der Religion verkehren sich menschliche Gattungskräfte zu Göttern und deren Eigenschaften. Dadurch würde sich der Mensch indirekt seines Wesens bewusst. Religion ist also in gewisser Weise ein Mittel zur Selbsterkenntnis. Um sich allerdings gänzlich seines Wesens bewusst zu werden, müssten die Götter der Religion wieder in menschliche Gattungskräfte zurückverwandelt werden.

5. Die Verzerrung und Entfremdung in und durch die Religion

Das Eigentümliche der Religion sei, dass der Mensch sein Wesen in der Religion zwar anschaut, aber nicht als seines, nicht in der Gattung, an dem Platz, wo es hingehört, sondern als ein ihm fremdes, äußeres Wesen, das er wiederum verehrt und anbetet. Wesensmerkmal der Religion ist, dass in ihr das menschliche Wesen auf ein fiktives Gegenüber, auf Gott projiziert, bzw. gespiegelt werde. In Gott sei sich der Mensch Gedankenobjekt, aber als Objekt eines Subjekts, das nur seine eigene Objektivierung ist. Der Mensch vergegenständlicht sein Wesen in Gott und macht sich wiederum zum Gegenstand dieses Gottes. Der Selbstbezug des Menschen in der Religion wird ihm auf diese Weise nicht direkt bewusst.

In diesem Sinne ist Religion zwar Mittel zur Vergegenständlichung des eigenen Wesens. Sie ist aber auch eine schädliche Verzerrung realer Sachverhalte. Die Absurdität der Religion wird deutlich, wenn man bedenkt, dass sich der Mensch als Produkt seiner eigenen Objektivierung betrachtet, als Objekt eines von ihm selbst produzierten Subjekts, welches die Vergegenständlichung seines Wesens ist. Indem sich der Mensch als von diesem Gott geschaffen vorstellt, sich von ihm abhängig macht wird die Selbstentfremdung als wesentlich menschlich bestimmt und sanktioniert.

Positiv ist Religion als ideale Verwirklichung seines Gattungswesens, sie ist also eine Form der Selbsterkenntnis und ein Mittel zur Bewusstwerdung, negativ ist, da sie eine irreale Abhängigkeit schafft und die Selbstentfremdung als wesentlich menschlich sanktioniert. Religion trennen die Menschen von ihrem eigentlichen Wesen. Der Mensch entfremdet in der Religion seine Wirklichkeit seinem Wesen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Feuerbachs "Wesen des Christentums" und seine Religionskritik
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Schriftliche Abschlussarbeit Magister Nebenfach Phil.
Note
2+
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V300274
ISBN (eBook)
9783656978596
ISBN (Buch)
9783656978602
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religionskritik, Feuerbach, Wesen des Chrsitentums
Arbeit zitieren
Simon Knopf (Autor:in), 2006, Feuerbachs "Wesen des Christentums" und seine Religionskritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300274

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Feuerbachs "Wesen des Christentums" und seine Religionskritik



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden