Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, Lk 15, 11-24 (Fach Religion, 5. Klasse Realschule)


Unterrichtsentwurf, 2013
22 Seiten, Note: unbenotet

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Bedingungsanalyse
1.1 Institutionelle Bedingungen
1.2 Anthropologische Bedingungen
1.3 Entwicklungspsychologische Bedingungen

2. Sachanalyse

3. Didaktische Analyse
3.1 Begründung der Themenwahl
3.2 Einordnung der Stunde in die Gesamteinheit
3.3 Bezug zum Bildungsplan

4. Kompetenzen
4.1 Leitkompetenz
4.2 Weitere Kompetenzen

5. Methodische Analyse

6. Verlaufsskizze

7. Literaturliste
7.1 Hilfsmittel & Quellen
7.2 Lexikon- und Wörterbuchartikel
7.3 Aufsätze und Monographien
7.3.1 Fachwissenschaftliche Literatur
7.3.2 Religionspädagogische Literatur
7.4. Schulbuch, Lehrerhandbücher

1. Bedingungsanalyse

1.1 Institutionelle Bedingungen

Die Schule liegt im ältesten und auch größten Stadtteil von S., in B.C. Sie befindet sich in B.C. Mitte. Dieser Stadtteil ist geprägt von Mehrfamilienhäusern, einem städtischen Bild und viel Verkehr. Die Schule liegt in der Nähe des Flusses und des Kurparks. Neben der Realschule liegt ein Gymnasium. Auf die große und weitläufige Schule gehen rund 460 Schüler in insgesamt 18 Klassen. Jede Klassenstufe besteht aus 3 Parallelklassen.

Der Schulhof wirkt etwas trist, der gesamte Hof ist asphaltiert, es stehen wenige Bäume dort und keine Spielgeräte. Vor der Schule befindet sich ein Parkplatz, der Innenhof wird als Pausenhof verwendet. An den Hof grenzen die Sporthalle sowie das Gymnasium. Im Moment wird die Schule teilrenoviert.

Die Realschule wirkt modern ausgestattet. Der Vertretungsplan wird in der Aula auf einem Bildschirm angezeigt. Für die Schüler[1] stehen eine Mensa und eine Schülerbücherei zur Verfügung. In den längeren Pausen dürfen sich die Schüler nicht im Schulgebäude aufhalten. Zwischen den Stunden gibt es mehrere kurze Lehrerwechselpausen, die nicht durch ein Klingelzeichen eingeleitet werden. Lediglich zu den längeren Pausen ertönt ein Klingelzeichen.

Das Leitbild der Schule heißt „Miteinander leben – voneinander lernen“[2]. Die Schüler sollen laut Homepage mit ethischer Verantwortung die Schule verlassen. „Bildung ist Lebenskunst, Bildung ist auch Bindung und Beziehung. In einem Klima, welches von gegenseitiger Wertschätzung und Vertrauen gekennzeichnet ist, in welchem Vorbilder prägen, Fairness und menschliche Wärme vorherrschen, kann Bildung und Erziehung von jungen Menschen gelingen.“[3]

Wichtig für die Schule ist, dass von der fünften Klasse an das Lernen gelernt wird. Dazu begleitet ein Methodenbaum, der jede neu erlernte Methode zeigt, die Klassen.

Neben den vorgegebenen Fächern wird an der Realschule „Lebenskunde“ unterrichtet; ein Fach, das Platz bietet für Themen, die sonst nicht behandelt werden, wie Anstand, Benehmen oder Suchtprävention.

Die Realschule ist eine offene Ganztagesschule. Die Kinder können den normalen Regelzug oder den Ganztageszug wählen. Im Ganztageszug sind die Schüler von 7:55 bis 16 Uhr an der Schule, können dort in der Mensa essen und machen in der Arbeitszeit ihre Hausaufgaben unter der Betreuung von Lehrern. Mittwochs finden besondere Aktivitäten statt: Neben Sport und Spiel kann man die Bücherei nutzen sowie in der Küchenwerkstatt arbeiten. Für ganztägig berufstätige Eltern bietet die Schule somit eine ideale Betreuung ihrer Kinder.

Neben den Aktivitäten gibt es AGs. Neben Schulband oder Theater AG können die Schüler am Chor der Schule teilnehmen.

Die Klassenräume sind durch eine große Fensterfront sehr hell und wirken durch die Gestaltung freundlich und ansprechend. In dem Klassenraum der Praktikumsklasse wurden die Wände mit verschiedenen Plakaten und Bildern gestaltet. An der hinteren Wand befinden sich die Lebensläufe der Schüler mit Fotos. An der Seiten- sowie vorderen Wand wurden Plakate mit englischen Ausdrücken angebracht, als Erinnerung für die Schüler. Des Weiteren befinden sich mehrere Landkarten an der vorderen Wand. Neben einer Tafel vorne gibt es eine weitere Tafel seitlich, an die die Hausaufgaben geschrieben werden. Ein Overheadprojektor sowie ein Waschbecken befinden sich im Raum. Die Tische sind in U-Form gestellt, in die Mitte wurden zusätzliche Tische gestellt.

In jeder Klassenstufe erhalten die Schüler 2 Stunden Religionsunterricht. In der achten Klasse wird nur eine Stunde gegeben. Die Kinder der fünften Klassen werden zusammen in Religion unterrichtet. Die Teilnahme ist freiwillig, zur Wahl stehen der evangelische sowie der katholische Unterricht. Ethik gibt es ab der achten Klasse.

In den fünften Klassen sind vier Schüler als evangelisch, 14 als katholisch und 64 als „Sonstige“ angeführt. Bemerkenswert ist, dass sogar sieben Schüler am evangelischen Unterricht teilnehmen und nur zehn am katholischen. Für alle anderen Schüler gibt es keine Ersatzstunde, d.h., dass sie an dem Tag erst später zur Schule kommen. Die Schüler, die am Religionsunterricht teilnehmen, haben somit eine höhere Stundenanzahl. Eine Betreuung der anderen Schüler kann auf Grund von Lehrermangel nicht gewährleistet werden.

1.2 Anthropologische Bedingungen

Die Klasse, in der wir unser Praktikum absolvieren, besteht aus vier Schülerinnen und drei Schülern. Sie sitzen geschlechtergetrennt (Jungen links und Mädchen rechts). Zwei Jungen sitzen nebeneinander, einer alleine hinter ihnen. Die Mädchen sitzen zu dritt versetzt zusammen, ein Mädchen alleine dahinter.

Man merkt, dass in dieser Gruppe keine richtige Klassengemeinschaft besteht, da die Schüler aus verschiedenen Klassen kommen. Dennoch wird keiner gehänselt oder bei falschen Antworten ausgelacht, es herrscht eher eine Gleichgültigkeit den anderen gegenüber. Insgesamt lässt sich das Klassenklima also als fair und angenehm bezeichnen, es fehlt jedoch der richtige Zusammenhalt.

Die Schüler haben alle einen Migrationshintergrund; ihre Vorfahren stammen aus den verschiedenen Ländern. Neben Russland, Polen und Spanien gibt es eine Schülerin mit Vorfahren aus Afrika. Diese Schülerin hat eine dunkle Hautfarbe, was aber in der Gemeinschaft kein Problem zu sein scheint. Die Kinder akzeptieren sich gegenseitig.

Die Klasse ist neuen Lehrpersonen sowie neuen Methoden und Themen offen und aufgeschlossen, sie verhalten sich meist ruhig. Das Interesse am Religionsunterricht ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Da nur sieben Kinder die Klasse besuchen, werde ich alle kurz näher vorstellen.

Na., das Mädchen mit der dunklen Hautfarbe, hat ein großes biblisches Interesse. Sie scheint in ihrer Familie einen starken religiösen Bezug zu erfahren und geht jeden Sonntag in die Kirche. Na. selbst sagt, dass sie jeden Abend die Bibel lese. Ihr Interesse spiegelt sich auch im Unterricht wieder, sie meldet sich oft; ihre Aussagen sind meist richtig. Viele biblische Geschichten sind ihr bereits bekannt. Sie bringt ein Hintergrundwissen mit.

Va. meldet sich oft und leistet gute Beiträge. Sie arbeitet sehr eifrig und zügig mit. Manchmal lässt sie sich durch andere ablenken. Va. wirkt zeitweise unterfordert.

Le. ist ein sehr unruhiges Kind, sie kann nicht lange still sitzen und lenkt oft die Schülerinnen neben sich ab. Le. wirkt teilweise abwesend. Längere Phasen langweilen sie schnell und sie kann sich nicht mehr konzentrieren. Ihr Interesse an religiösen Themen ist eher gering, sie macht teilweise mit, oft beschäftigt sie sich jedoch anderweitig.

Ce. scheint ein mäßiges Interesse an Religion zu haben. Ihre Beteiligung ist tagesformabhängig; manchmal meldet sie sich oft und leistet viele gute Beiträge, anderntags zieht sie sich zurück und meldet sich nicht. Sie ist sehr ruhig und sitzt alleine. Die Aufgaben bewältigt sie still und zügig.

Lu. meldet sich oft, seine Äußerungen sind für den Unterricht förderlich. Er scheint sich für viele Themen im Unterricht zu interessieren und bearbeitet Aufgaben sehr zügig. Manchmal lässt er sich von seinem Nebensitzer Da. ablenken. Lu. ist sehr freundlich und scheint aus einem geordneten Elternhaus zu kommen.

Da. kommt oft zu spät zum Unterricht und bringt kein Interesse mit. Hier kann man vermuten, dass seine Eltern ihn am Religionsunterricht teilnehmen lassen wollen, er selbst sich aber dagegen entscheiden würde. Da. starrt meistens an die Wand und bearbeitet die Aufgaben sehr langsam oder gar nicht. Nimmt man ihn unaufgefordert dran, da er sich nicht selbst meldet, sagt Da., er habe keine Ahnung. Vom Religionslehrer weiß ich, dass er familiäre Probleme hat.

Ge. wirkt meist sehr interessiert und versucht, sich oft in den Unterricht einzubringen. Leider sind seine Antworten meist nicht richtig. Er lässt sich dennoch nicht entmutigen und meldet sich sehr häufig. Viele Aufgaben sind für ihn zu schwer, er fragt oft nach. Ge. ist sehr freundlich und hilfsbereit.

1.3 Entwicklungspsychologische Bedingungen

Jean Piaget unterscheidet vier Hauptstadien der geistigen Entwicklung in Kindheit und Jugendalter: Das sensumotorische, präoperatorische, konkret-operatorische und formal-operatorische Stadium. Laut Alterszuschreibung befinden sich die Kinder der fünften Klasse im dritten Stadium (konkret-operatorisches Stadium, 7-12 Jahre). Die Kinder erreichen in diesem Stadium die Fähigkeit des logischen Denkens. Allerdings werden diese logischen Operationen auf „konkrete Objekte und Ereignisse angewandt, die Abstraktionsfähigkeiten sind beschränkt, und es fällt Kindern in diesem Stadium schwer, systematisch über hypothetische Situationen nachzudenken.“[4] Für diese Stunde ist dies wichtig, da die Kinder die Vaterfigur aus dem Gleichnis des verlorenen Sohnes abstrahieren und als Gott verstehen sollen.

Fritz Oser und Paul Gmünder haben fünf Stufen des religiösen Verstehens/Urteils entwickelt. In diesen Stufen wird der Fokus auf die Einstellung zu Gott gelegt. Die Schüler der fünften Klasse befinden sich dem Alter nach in der ersten oder zweiten Stufe. In der ersten Stufe (6-12 Jahre) „Orientierung an absoluter Heteronomie“ orientiert man sich an Gottes absoluter Macht. Der Mensch ist Gottes Macht ausgeliefert und Gott kann direkt auf den Menschen einwirken. „Deus ex machina“ („Gott kann alles“) zeigt, dass der Mensch keinerlei Macht über Gott hat.

Die zweite Stufe (8-15 Jahre) ist die Stufe der „Orientierung an relativer Autonomie“. Auf dieser Stufe wird Gott immer noch als allmächtig angesehen, jedoch beeinflussen sich Mensch und Gott wechselseitig. „Do ut des“ („Ich gebe dir, damit du gibst“) bildet das Schlagwort der Stufe; der Mensch kann Gott beeinflussen, indem er sich durch gutes Verhalten, Gebete oder Rituale auszeichnet. Der Mensch muss etwas tun, um auch von Gott etwas zu bekommen.

Für die heutige Unterrichtsstunde ist diese Erkenntnis ebenfalls wichtig, da die SuS erkennen sollen, dass Gott alle Menschen aufnimmt, auch wenn sie schlechte Dinge getan haben. Er ist eine Vaterfigur, zu der wir in Gebeten immer kommen können, Gott ist immer für uns da. Für die Kinder ist wichtig, dass sie sich vorstellen können, dass Gott nicht straft, sondern einem beisteht.

James Fowler beschreibt den Glauben als eine grundlegende Lebenseinstellung. Er hat die Stufen des Glaubens entwickelt. Laut Fowler befinden sich die Fünftklässler auf der zweiten Stufe, der mythisch-wörtlichen Glaubensstufe. Auf dieser Stufe werden moralische Regeln, Lehren, Dogmen und Bedeutungen der Glaubensinhalte noch wörtlich verstanden; eine mehrdimensionale Erkenntnis ist hier noch nicht möglich. Abstrahieren fällt den Kindern auf dieser Stufe noch schwer (vergleichbar mit Piaget).

Mit ihrem Alter stehen die Jugendlichen überwiegend am Beginn der Pubertät. Diese Phase ist nicht nur durch die vermehrte Zuwendung zum anderen Geschlecht auszumachen, sondern vor allem an der „Wendung nach Innen“[5]. Die Schüler sind vermehrt gedanklich mit sich selbst beschäftigt, so dass Unterrichtsgespräche zum Teil sehr schleppend vorangehen. Doch auch wenn sich nur wenige aktiv beteiligen, so werden die religiösen Themen doch aufgenommen und verarbeitet, was sich besonders in Einzelarbeiten zeigt, in denen die Klasse relativ zügig arbeitet.

Die Spanne zwischen wenig religiösen und stark religiösen Kindern ist sehr groß. Das zu behandelnde Gleichnis wird also bei einigen Schülern sehr gut bekannt sein, bei anderen gar nicht. Biblische Geschichten und Themen fallen jedoch allen Kindern leichter als abstrakte Inhalte. Beim Umgang mit der Bibel dominiert ein wörtliches und historisches Verständnis der biblischen Texte.

Die Jugendlichen befinden sich in ihrer kognitiven und moralischen Entwicklung erst am Übergang zu einem differenzierten Denken. So wie ihr Gottesbild noch von kindlichen Vorstellungen geprägt ist, dominiert in ihrem Gerechtigkeitsempfinden oft noch das Lohn-Leistungs-Prinzip, die „Orientierung an der Beeinflussbarkeit des Weltlaufs im Sinn eines Tauschverhältnisses“[6], so dass sie Probleme haben, sich in Modelle einer anderen Gerechtigkeit – in diesem Fall in eine bedingungslose Annahme eines Schuldiggewordenen – hineinzuversetzen.

Auch mit Metaphern und mehrsinnigen Aussagen tun sich viele Schüler noch schwer. Meist stehen die konkreten Bilder im Vordergrund, die sie nicht abstrahieren können. Wegen ihrer Neigung zu einem wörtlichen Verständnis metaphorischer Aussagen müssen diese behutsam und Schritt für Schritt übertragen werden[7]. Im bisherigen Unterricht haben die Kinder noch nicht geübt, in den Aussagen der Gleichnisse Hinweise auf das Reich Gottes oder auf Gott zu erkennen. Die Übertragung würde also den meisten Kindern sehr schwer fallen, nicht zuletzt deshalb, weil die abstrakte Größe Gott für viele nicht greifbar oder existent erscheint. Einfacher fällt ihnen eine Übertragung auf das konkrete eigene Handeln.

2. Sachanalyse

Die Gottesvorstellungen des Neuen Testaments sind „eng mit Person, Lehre und Werk Jesu Christi verknüpft“[8]. In denen Erzählungen und Handlungen, in den Gleichnissen und Wundern offenbart sich Gott. Eine von Jesus getrennte Lehre von Gott kennt das Neue Testament nicht. Doch der Gott, von dem Jesus spricht, ist kein neuer Gott. Jesus setzt nicht nur das Gottesbild des Alten Testaments voraus, sondern will den zeitgenössischen Juden einschärfen, „wer der Gott Israels, der Schöpfer, Weltregent, Gesetzgeber und Richter ist“[9].

Im Mittelpunkt von Jesu Rede von Gott steht die Verkündigung der nahenden Gottesherrschaft: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen“ (Mk 1,15). Dieses Gottesreich wird zum einen als sozialethische Größe zum anderen als Wunderreich verstanden[10]. Der Ausdruck steht in der Tradition alttestamentlicher Vorstellungen vom Königtum Gottes (z.B. Lk 14,16-24) und eschatologischer Endzeitprophetie (z.B. Mt 13,3-8).

Jesus setzt in seinen Erzählungen über das Reich Gottes häufig Bilder ein, die der zeitgenössischen Lebenswelt der Menschen entsprechen, zu denen er spricht. Damit knüpft er an die alltägliche Erfahrung an und „bringt zur Sprache, was vor Augen liegt, [...] beruft sich auf allgemein Gültiges oder Anerkanntes“[11]. Die Bilder fügt Jesus zu Bildfolgen zusammen, indem er kleine, spannungsgeladene Geschichten erzählt, mit denen er ausdrückt, dass Gott ein handelnder Gott ist, und in denen er zeigt, wie dieses Handeln Gottes aussieht[12]. Dadurch erhalten die kleinen Geschichten, die Jesus von Gott erzählt, immer auch eine zweite Ebene.

„Eine Wirklichkeit aus dem irdischen Erfahrungsbereich der Hörer wird neben eine religiöse Wirklichkeit gestellt; sie ist irdisches ‚Bild’ für die in Jesu Verkündigung gemeinte ‚Sache’. So spricht man von der ‚Bildhälfte’ und der ‚Sachhälfte’ eines Gleichnisses“[13].

Derartige bildliche Rede wird im neuen Testament mit dem Begriff „parabol“ bezeichnet, der griechischen Übersetzung des hebräischen Wortes „lwOm“, das ein breites Spektrum von Bedeutungen umfasst[14], in diesem Fall aber mit ‚Gleichnis’ zu übersetzen ist. Dabei unterscheidet die Gleichnisforschung mehrere Gattungen, die ihre charakteristischen Besonderheiten haben: Gleichnis im engeren Sinn, Parabel, Beispielgeschichte und Allegorie[15]. Das Gleichnis bezieht sich immer auf einen typischen Vorgang oder Zustand der jedermann zugänglichen Wirklichkeit, die Parabel erzählt einen frei erfundenen, ungewöhnlichen und zugleich interessierenden Einzelfall und die Beispielerzählung schildert einen exemplarischen Musterfall positiven oder negativen Verhaltens. Diesen Formen gegenüber bildet die Allegorie eine verschlüsselte Rede, in der alle Elemente der Erzählung metaphorischen Charakter haben und auf eine andere Bedeutungsebene übertragen werden müssen[16]. Die ersten drei Formen haben zwar auch nicht nur ein tertium comparationis[17], aber sie sind zunächst in der Bildebene zu verstehen, um sie dann auf die Bedeutungsebene zu transferieren, wobei einige Inhalte keine Entsprechung bekommen.

Die Gleichnisse, die Jesus im Rahmen seiner Wirksamkeit erzählt hat, wurden nach anfänglicher mündlicher Überlieferung und Predigt innerhalb der Urkirche in der Komposition der Evangelien[18] schriftlich fixiert. Hierzu wurden sie überarbeitet und erhielten eine neue Funktion in Mission, Unterricht, Predigt oder Gemeindeversammlung. Um die „ipsissima vox“[19] Jesu herauszulesen, müssen verschiedene Umformungsgesetze der Redaktion bei einer Interpretation auf Jesusebene einbezogen werden[20].

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (V. 11-32) findet sich in einer Komposition mit dem Gleichnis vom verlorenen Schaf (V. 4-7) und dem Gleichnis vom verlorenen Groschen (V. 8-10) in einer Komposition zum 15. Kapitel des Lukasevangelium, das mit dem vorhergehenden Kapitel und dem folgenden nur lose verknüpft ist. Die lukanische Einleitung des Kapitels lässt Jesus die Gleichnisse als Antwort auf den Protest der Pharisäer gegen seine Tischgemeinschaft mit den Zöllnern und Sündern sprechen[21]. Damit ist es als Rechtfertigung zu den Gegnern Jesu gesprochen und verteidigt die Botschaft von „Gottes Erbarmen mit den Verschuldeten“[22].

Die Perikope Lk 15,8-10 ist nur von Lukas überliefert und stammt aus lukanischem Sondergut, das vermutlich in Jerusalem tradiert wurde und bereits eine einigermaßen feste Überlieferungsgeschichte darstellt[23]. Es wurde von Lukas nur in sprachlicher Hinsicht geringfügig überarbeitet[24]. Der Text argumentiert nicht mit etwas Selbstverständlichem, sondern mit einem Einzelfall, der ungewöhnliche Züge und einen offenen Schluss aufweist und ist im engeren Sinn also eine Parabel[25].

Die Erzählung besteht aus zwei Teilen: der erste Teil (V. 11-24) handelt von der Geschichte des jüngeren Sohnes, der zweite (V. 25-32) von der Reaktion des älteren Sohns. Zwischen V.24 und V.25 besteht eine deutliche Erzählzäsur.

Der längere erste Teil gliedert sich in drei Unterabschnitte: In der „Exposition“ wird knapp die Ausgangslage beschrieben, die „Krise“ (V.11b-16) schildert in rascher Folge den sozialen Abstieg des jüngeren Sohnes, über dessen „Erkenntnis“ (V. 17-20a) deutet sich ein Ausweg an, der zu einer guten „Lösung“ (V. 20b-24) kommt[26].

Dass der jüngere Sohn eines Großbauerns den Vater bittet, ihm sein Erbe auszuzahlen, entspricht dem üblichen damaligen Recht, das nicht unmittelbar zum Hof gehörende Vermögen aufzuteilen[27]. Auch dass der Sohn kurz darauf alles, was ihm gehört, zusammenpackt und in ein fernes Land zieht (V. 13) ist keine Aufsässigkeit gegen den Vater oder eine Flucht aus dem Elternhaus, sondern stand für viele Juden auf der Tagesordnung, da es oft einfacher war, im Ausland eine Existenz zu gründen[28].

Aber das Unternehmen des jungen Mannes scheitert und der Sohn gerät auf die schiefe Bahn (V. 13b), wobei seine Lage als selbstverschuldet bewertet wird. Der Niedergang steht in einem starken Kontrast zur Ausgangslage:

[...]


[1] Wegen der besseren Lesbarkeit des Textes habe ich in diesem Entwurf auf die explizite Nennung der weiblichen Pluralformen (hier: ‚Schülerinnen’) verzichtet.

[2] [Website der Schule] , besucht am 06.01.2013, 14:37 Uhr

[3] ebd

[4] Oerter, R. & Montada, L., Entwicklungspsychologie, 437,ff

[5] Fend, Kind, 59-65.

[6] Adam / Lachmann, Kompendium, 143.

[7] vgl. auch Marggraf / Polster, Unterrichtsideen,130.

[8] Fascher, Art. Gott IV. Im NT, in: RGG, Bd.2, 1715; vgl. Lang / Schweizer, Art. Gott, in: NBL, Bd. 1, 909.

[9] Conzelmann, Grundriß, 60; vgl. Deißler / Schnackenburg, Art. Gott, BThW, Bd. 1, 621.

[10] Vgl. Schäfer, Jesus, 56.

[11] Harnisch, Gleichniserzählungen, 110.

[12] vgl. Eichholz, Gleichnisse, 20.

[13] Sorger, Gleichnisse, 16.

[14] Innerhalb der Weisheitsliteratur Israels ist lwOm als ‚Sinnspruch / Sprichwort’ zu übersetzen. In anderen Kontexten kann er auch mit ‚Rätselwort’ (Ps 49,5), ‚Vergleich’, ‚geheimnisvoller Orakelspruch’ (Num 23,7) oder sogar als ‚Spottwort’ (Hab 2,6) wiedergegeben werden. Vgl. Gesenius, Handwörterbuch, 470.

[15] vgl. Linnemann, Gleichnisse, 13. Linnemann greift hier auf Adolf Jülicher zurück, der als erstes diese Unterscheidung gegen die bis dahin reine allegorische Auslegung eingeführt hat.

[16] vgl. Linnemann, Gleichnisse, 13-18, Sorger, Gleichnisse, 16-19.

[17] Tertium comparationis bezeichnet laut Duden das Gemeinsame, in dem zwei verschiedene Gegenstände oder Sachverhalte übereinstimmen.

[18] Lediglich im Johannesevangelium finden sich keine Gleichnisse. Dagegen gibt es einige Überlieferungen von Gleichnisrede in außerbiblischen Evangelien.

[19] Jeremias, Gleichnisse, 114. Ipsissima vox bezeichnet die ursprünglichen Worte Jesu.

[20] vgl. Jeremias, Gleichnisse, 21-112. Jeremias nennt u.a. die Übersetzung ins Griechische, Ausschmückungen, Adressatenwechsel, Gleichnissammlungen und Rahmenbildung.

[21] vgl. Sorger, Gleichnisse, 125. Der Protest der Pharisäer gründet nicht darin, dass Jesus den Sündern ihre Sünden vergibt, sondern entspringt einem Bruch mit der damaligen Weltordnung. Jesus überschreitet durch sein Verhalten die Grenzen des selbstverständlichen jüdischen Gesetzes, nach dem Sünder aus der Gesellschaft geächtet wurden, um diese im Gleichgewicht zu halten. Vgl. hierzu Linnemann, Gleichnisse, 79f.

[22] Jeremias, Gleichnisse, 124.

[23] vgl. Conzelmann, Arbeitsbuch, 304. Nach Schnelle (Einleitung, 292f) kann das lukanische Sondergut allerdings nicht als vollständig selbstständige Quellenschrift aufgefasst werden.

[24] vgl. Harnisch, Gleichniserzählungen, 200.

[25] Ungewöhnlich ist z.B. die bedingungslose Wiederaufnahme des Sohnes. Gegenüber einer Beispielerzählung aber muss der Text gedeutet werden, wobei eine allegorische Deutung nicht möglich ist, da z.B. der Vater und Gott (der Himmel) in V 18.21 parallel genannt werden. vgl. Sorger, Gleichnisse, 125f.

[26] vgl. Harnisch, Gleichniserzählungen, 202.

[27] vgl. Dtn. 21,17. Dem Erstgeborenen stehen demnach 2 Teile zu, das sind bei 2 Söhnen zwei Drittel, sodass der jüngere Sohn ein Drittel des Vermögens erhält.

[28] vgl. Linnemann, Gleichnisse, 81. Neben der halben Millionen jüdischer Bevölkerung Palästinas lebten vier Millionen Juden in der Diaspora.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, Lk 15, 11-24 (Fach Religion, 5. Klasse Realschule)
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg  (Institut für Philosophie und Theologie)
Veranstaltung
Tagespraktikum
Note
unbenotet
Autor
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V300369
ISBN (eBook)
9783956875724
ISBN (Buch)
9783668004115
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gleichnis, verlorener Sohn, Religionsunterricht
Arbeit zitieren
Sina Leidig (Autor), 2013, Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, Lk 15, 11-24 (Fach Religion, 5. Klasse Realschule), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300369

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