Spiegelbild des Wertewandels? Zur medialen Rezeption der Familienunternehmen in einer Dekade des Umbruchs


Seminararbeit, 2013
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Familienunternehmen im Fokus
2.1 Definitionsprobleme
2.1.1 Deutungsmuster „Wertewandel“

3 Im Spiegel der Rekonstruktion

3.1 Krisen und Kritik

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Neben dem Ende der deutschen Sonderkonjunktur, stellen kulturelle Umbrüche – kumulierend im Begriff des „Wertewandels“ – die zentrale Herausforderung für Familienunternehmen am Ende der 1960er Jahre dar. Die Rückkehr zu konjunkturellen Mustern, wirtschaftlicher Unsicherheit und das Aufbrechen tradierter Strukturen innerhalb der Familienunternehmen führen zu einem tiefen Krisenbewusstsein. Jan-Otmar Hesse spricht von einer medial kommunizierten „Krise der Selbstständigkeit“1 in den 1970er Jahren. Wenngleich die quantitative Präsenz der Familienunternehmen in den Printmedien der frühen Bundesrepublik gering ausfällt, lässt sich dennoch ein grundlegender Wandel des formulierten Fremdbildes feststellen.2 Vor dem Hintergrund gleichzeitiger Veränderung grundlegender gesellschaftlicher Werte und dem Fremdbild der Familienunternehmen stellt sich daher folgende Leitfrage:

Welche Rolle spielte der kulturelle Umbruch der 1960er und 1970er Jahre in der Bundesrepublik beim Wandel der medialen Wahrnehmung von Familienunternehmen und ihren Eigentümern?

In der Vergangenheit beschränkte sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Familienunternehmen weitestgehend auf einzelne Unternehmungen oder ihr auftreten als Phänomen der Industrialisierung. Jüngere Untersuchungen zeigen jedoch die Aktualität der Thematik für die Zeitgeschichte und betonen – für den deutschen Raum – die Phase der späten 1960’er und 1970’er als Ausgangspunkt für einen grundlegenden Wandel der Institution Familienunternehmen.3 Kommunikationstheoretische Beiträge, wie die Auseinandersetzung mit Stereotypen der medialen Öffentlichkeit von Andrea Rehling, zeigen einen engen Zusammenhang zwischen Krise der Familienunternehmen und medialer Darstellung auf.4 Gestützt wird diese Sichtweise durch Werner Kurzlechners Analyse der unternehmerischen Medienpolitik in den 1960er Jahren. Ausgehend von den frühen 1960er Jahren verortet er einen bis in die siebziger Jahre fortwirkenden Wandel im Selbst- und Fremdbild der Unternehmer.5 Neben den Familienunternehmen wurde auch der „Wertewandel“ in der deutschen Zeitgeschichtsforschung als Randthema wahrgenommen. In den letzten Jahren rückt die Historisierung des Wertewandels allerdings zunehmend in den Fokus der Geschichtswissenschaft.6.

Ziel der vorliegenden Untersuchung ist die schlaglichtartige Beleuchtung des Spannungsfeldes „Wertewandel“ und Familienunternehmen anhand einer Analyse von Beiträgen in „Der Spiegel“7. Als Leitmedium der jungen „Bonner Republik“ steht Der Spiegel exemplarisch für die Wechselwirkung von öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung.

Den Quellenkorpus der Arbeit bilden 16 ausgewählte Artikel aus den Jahren 1948 bis 1980. Der so eingegrenzte Untersuchungszeitraum nimmt als Ausgangspunkt das formale Gründungsjahr des Spiegels und umfasst sowohl eine Phase der relativen Stabilität als auch eine Zeit der intensiven Transformation. Somit entsteht im Hintergrund ein zweites Spannungsfeld zwischen „Wunderwirtschaft“ und „Wirtschaftskrisen“ als Einflussfaktor auf die mediale Kommunikation. Die Konzeption der Arbeit orientiert sich am konjunkturellen Wendepunkt der Jahre 1966/67, das Familienunternehmen vermehrt in den medialen Fokus rückt. Begrenzt wird der Untersuchungszeitraum von der Zäsur des Jahres 1980. In diesem Jahrzehnt lässt sich eine Renaissance der bürgerlichen Werte feststellen, sowie eine beginnende Koevolution verschiedener Wertevorstellungen, der erste „Wertewandelschub“ ist vorüber.8 Für die Wahl der Publikumszeitung Der Spiegel als empirische Erhebungsgrundlage spricht sowohl die hervorragende Quellenlage als auch die Verfügbarkeit der jeweiligen Originaltexte. Zudem kann der Einfluss des Magazins in der Anfangsphase der Bundesrepublik nicht überschätzt werden.9 Der Zugriff auf die Artikel erfolgte über das Online-Archiv des Spiegels. Gesucht wurde zunächst nach dem Schlagwort „Familienunternehmen“. Anschließend wurden für den Untersuchungszeitraum aus über 50 Artikeln stichprobenartig 16 ausgewählt und inhaltlich ausgewertet. Bedingt durch diese Vorgehensweise ist die Auswahl der Artikel selektiv und ihre Analyse stellt einen kursorischen Blick auf die Thematik dar.

Nach einer kurzen Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsgegenstand „Familienunternehmen“ erfolgt eine Skizzierung der Wertewandeldebatte sowie eine thematische Einordnung. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Analyse der Spiegelartikel aus den Jahren 1948 bis 1966 und 1966 bis 1980. Die Analyse der Artikel ab dem Stichjahr 1966 zielt als eine kontrastive Gegenüberstellung darauf ab, eventuelle Brüche der medialen Darstellung aufzeigen und den Einfluss des Wertewandels zu erörtern.

2 Familienunternehmen im Fokus

2.1 Definitionsprobleme

Rückt man Familienunternehmen in den Fokus der historischen Betrachtung, stellt sich zu-nächst ein Definitionsproblem. Vom Eigentumsanteil über den Einfluss der Familie bis zur Unternehmenskultur als qualitative Attribute, eröffnet sich beim Versuch „die Familienunternehmen“ zu charakterisieren ein weites Feld. Abseits von der umgangssprachlichen Bezeichnung „Familienunternehmen“ besetzten zahlreiche Autoren den Begriff unterschiedlich. Häufig werden die Formulierungen Familienunternehmen und kleine- und mittelständische Unternehmen (KMU) äquivalent verwendet. So nutzt Harmut Berghoff diese begriffliche Unschärfe und subsumiert KMU’s und Familienunternehmen unter dem Erscheinungsbild des „klassischen Mittelstand“, dem er Eigenschaften wie intergenerationelle Kontinuität oder einen patriarchalische Verhaltensmuster zuschreibt.10 Durch diese Neuformulierung erweitert Berghoff die Klassifizierung „Mittelstand“ um eine qualitative Dimension. Diese historisch-qualitative Erweiterung hebt sich beispielsweise deutlich von der quantitativ orientierten Klassifizierung des „Instituts für Mittelstandsforschung“ ab.11

Einen Berghoff ähnlichen Ansatz wählt Christina Lubinski in ihrer Untersuchung westdeutscher Familienunternehmen. Maßgeblich für die Bezeichnung Familienunternehmen sei eine spezifische Corporate Governance.12

Diese Arbeit definiert Familienunternehmen in Anlehnung an Lubinski als „Unternehmen, die unter dem maßgeblichen Einfluss der Eignerfamilie stehen“13. So wird ein möglichst weiter Erfassungsradius gezogen. Im Zentrum der medialen Berichterstattung über Familienunternehmen stehen meist Großunternehmen, wohingegen kleine Familienunternehmen kaum Beachtung finden. Trotz unterschiedlicher Strukturen in Eigentum und Führung zeigt sich beim Einfluss der Eigentümerfamilie auf die Unternehmenskultur ein gemeinsamer Nenner gegenüber kleineren Familienunternehmen. Großunternehmen sind repräsentativ, da sie und ihre Schlagzeilen maßgeblich das journalistische Fremdbild einer ganzen Epoche geprägt haben.

2.1.1 Deutungsmuster „Wertewandel“

Als Produkt und Grundlage jeder sozialen Interaktion befinden sich Werte im beständigen Wandel.14 Sie sind sowohl Situations- als auch handlungsspezifisch. Allerdings lassen sich aus der Perspektive des Historikers – fernab von funktionalen Zäsuren – immer wieder Zeiten des raschen Umbruchs erkennen. Diese Brüche in sich sonst nur marginal verändernden Strukturen werden von Zeitgenossen oft als Krise aufgefasst. Beispielhaft für ein solches Empfinden ist der Lärm der „1968er“, als Produkt und vorläufiger Kumulationspunkt eines tiefgreifenden soziokulturellen Wandels. Erste Erklärungsversuche für diesen Prozess der graduellen Veränderung von Normen und Wertvorstellungen lieferte die empirische Sozialforschung, anhand von Umfragen und Meinungsbildern.

Als wegweisend für die moderne Wertewandelsforschung gilt die Analyse des amerikanischen Sozilogen Ronald Inglehart aus den 1970er Jahren.15 Aufbauend auf der Bedürfnispyramide von Maslow machte dieser auf einen generationenabhängigen graduellen Wandel von Wertpräferenzen „vom Materialismus zum Postmaterialismus“16 aufmerksam. Einen Wertewandel während des Lebenszyklus schließt Inglehart aus. Die Prioritätenverschiebung sei Teil eines allgemeinen kulturellen Umbruchs. Inglehart machte als Charakteristika dieser „Silent Revolution“ einen linearen Verlauf und sukzessive Substitution von Werten parallel zur Entwicklung des Wohlstands aus.

Anschließend an Ingleharts Theorie und für Deutschland modifiziert verortet Helmut Klages in den 1960er und 1970er Jahren eine Dekade des intensiven Umbruchs und die Ablösung der „Pflicht- und Akzeptanzwerte“ durch „Selbstverwirklichungswerte“.17 Allerdings geht Klages anders als Inglehart nicht von einer linearen Wertsubstitution aus. Er betont eine mögliche Koexistenz und Mehrdimensionalität verschiedener Wertvorstellungen sowohl zeitlich als auch generationenübergreifend.18 Trotz des potentiellen nebeneinander alter und neuer Werte, sieht Klages einen Trend hin zu hedonistischen Werten wie Konsum und Genuss. Als weiteren Entwicklungspfad erkennt er zudem einen Wandel von Konformität zu Individualität und Kreativität sowie das zunehmende Bedürfnis nach Teilhabe.

Ebenfalls auf Inglehart aufbauend, untermauert das Allensbacher Institut für Demoskopie in den 1970er Jahren seine Thesen. Konträr zu der genuin positiven Interpretation des Wertewandels bei Klages, wird der Wertewandel jedoch negativ beurteilt. Elisabeth Noelle-Neumann, Leiterin des Allensbacher Instituts, konstatierte einen „Werteverfall“ und ein erodieren tradierter bürgerlicher Leitwerte wie Sparsamkeit, Disziplin und Fleiß. Folge dieses Verfallsprozesses bürgerlicher Tugenden und Handlungsmaßstäbe sei eine allgemeine Beliebigkeit und zunehmende Unsicherheit im persönlichen Verhalten.19 Wenngleich diese pessimistische Sichtweise des „Wertewandels“ stark kritisiert wurde, erfreut sie sich auch heute noch einer gewissen Popularität.

Wie diese knappe Darstellung zeigt, unterscheiden sich die Interpretationen und Bewertungen des Wertewandels stark und bieten gegenseitiges Konfliktpotential.20 Dies und zahlreiche weitere Interpretationsansätze (Risikogesellschaft, Erlebnissgesellschaft etc.) belegen, dass es „den Wertewandel“ nicht gibt. Neben dem soziologischen Zugriff bietet sich auf makrohistorischer Ebene ein Zugriff über den Prozess der inneren Demokratisierung an. Erst Ende der 1960er und mit Beginn der 1970er Jahre, also genau in der von der Wertewandelsforschung als Dekade des Umbruchs markierten Zeit, gelingt es der Bonner Republik – unter dem Einfluss einer aufstrebenden Pluralen Öffentlichkeit – den bereits existierenden Institutionen demokratischen Geist einzuhauchen. Trotz eines vermeidlichen Schlussstrichs nach dem Ende des Nationalsozialismus lassen sich dessen Spuren in der politischen Kultur der jungen Bundesrepublik klar erkennen, wie von der neueren Zeitgeschichtsforschung deutlich herausgearbeitet wurde.21 Ein erster deutlicher Bruch mit der beträchtlichen Elitenkontinuität in der Bundesrepublik gelang erst, durch das Aufkommen neuer Normen und die Abkehr von dem als überkommenen empfundenen Wertekanon.22

Vor dem Hintergrund der Koexistenz zahlreicher Interpretationsansätze scheint es am geeignetsten, den mehrdimensionalen und offenen Ansatz von Klages als Analysegrundlage auszuwählen. Christian Duncker zeigt in seiner Metaanalyse des Wertewandels, dass sich alle potentiellen Werteentwicklungen anhand einer auf Klages Theorie basierenden Wertegruppenordnung verglichen werden können.23 Das aus dieser Darstellung ableitbare kontrastive Wertecluster (s.u.) dient im Folgenden als Handwerkszeug für die Untersuchung der Wechselwirkung zwischen Wertewandel und medialer Darstellung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Wertecluster nach Dunker24

3 Im Spiegel der Rekonstruktion

Die Erstausgabe des Spiegels erschien am 4. Januar 1947. Nach einem kurzen Intermezzo als von den alliierten konzipiertes Nachrichtenmagazin „Diese Woche“, wurde dem jungen Publizisten Rudolf Augstein die Verlegerlizenz zugeteilt. Unter seiner Leitung sollte sich Der Spiegel in den nächsten Jahren zu einem der wirkungsmächtigsten Medien der Bundesrepublik entwickeln.

Bereits kurze Zeit nach Gründung des Magazins rückten die Familienunternehmen in den Fokus der Journalisten. Zunächst unter dem Eindruck der Nürnberger Nachfolgeprozesse wurde die Erfolgsgeschichte einzelner Familienunternehmer rekonstruiert. Die – vor dem Hintergrund überwiegend katastrophaler Lebensbedingungen zynisch wirkende – Fragestellung „Wie werde ich Millionär“25 lieferte den Aufmacher für die kritische Auseinandersetzung mit der Laufbahn des angeklagten Familienunternehmers Friedrich Flick. Es erschließen sich aus dieser Darstellung zwar keine typischen Werte für den Familienunternehmer nach 1945, dennoch erstaunt die offene zeitgenössische Kritik. Sowohl die Rolle Flicks als Profiteur als auch seine „ausgezeichneten Verbindungen“26 zum nationalsozialistischen Regime werden problematisiert. In diametralen Gegensatz zu diesen aufklärerischen Tendenzen steht jedoch die Beschäftigung zahlreicher ehemaliger Nationalsozialisten in der Spiegelredaktion während der Nachkriegszeit.27

Trotz des exzeptionellen Wachstums während der Nachkriegszeit und dem damit einhergehend einem großen potentiellen Absatzmarkt war in den 1950er Jahren der Konkurrenzdruck innerhalb der Branchen groß. Der teilweise ruinöse Wettbewerb und die Insolvenz des Margarineproduzenten Mohr veranlassen den Spiegel 1955 dazu sich mit der Walter-Rau AG auseinanderzusetzten. Der traditionsreiche Hersteller von Fetten und Ölen war einer der Hauptfinanziers des Mohr-Konzerns und somit vom Scheitern des Margarinefabrikanten direkt betroffen.28 Eigentlicher Protagonist des Artikels ist jedoch der Vorstand der Walter-Rau-Gruppe Hubertus Carl. Das „straffe Regiment“29 und sein Autoritäres auftreten bilden das Grundmotiv der Berichterstattung.30 Dem ursprünglich sowohl Firmen als auch Berufsfeld fremden „Alleinherrscher“31 Dr. Carl gelang nach dem Einheiraten in die Rau Familie eine steile Karriere. Außerdem geht aus dem Artikel hervor, dass der rasche Aufstieg des Hubertus Carl nicht aus der Abstammung resultiert, sondern auf den Fleiß des „tüchtigen Schwiegersohns“ zurückzuführen ist.32

Anders verhält es sich bei der Berichterstattung über den Großindustriellen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. Als eine der zentralen industriellen Größen der Nachkriegszeit erfahren Eigentümer und Unternehmen 1955 besondere Aufmerksamkeit im Spiegel. Der Erbe der fünften Eigentümergeneration leitete das Unternehmen seit seiner vorzeitigen Entlassung 1951 aus dem Kriegsverbrechergefängnis bei Landsberg. Stellvertretend steht Krupp zudem für die personelle Kontinuität nach dem Krieg. Mit großem Aufwand setzte sich Alfried Krupp für eine Rehabilitierung des Konzerns ein. Sein Hauptanliegen war „das tödliche Symbol“33 Krupp wieder auf den Auslandsmärkten zu etablieren. Zu diesem Zweck gab die Familie Krupp einen Diplomatenempfang, bei dem zum einen der Ruf im Ausland verbessert werden sollte und zum anderen gefordert wurde, noch bestehende Auflagen der Alliierten zu entschärfen.34 Korrespondierend mit diesem einen Staatsempfang gleichkommende Inszenierung, ist die aristokratische Semantik des Textes auffällig.35

Kernthemen des Artikels sind auf den ersten Blick die Auflagen der Alliierten und die Nachfolgeproblematik. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass die Person Alfried Krupp und seine Biographie der eigentliche Basso continuo sind. So wurde Alfried Krupp als Thronfolger der „Kanonendynastie“36 eine spezielle Ausbildung zuteil.

Der von der Familie fest vorgegebene Werdegang und die eiserne „Erbprinzen-Ausbildung“37 werden in dem Artikel als Ursachen für die Charakterschwächen Krupps angeführt.38 Alfried Krupp wird somit konträr zur Größe des Unternehmens dargestellt. Der Hauptbestandteil seiner Erziehung war von konservativen Wertvorstellungen geprägt. Exemplarisch dafür stehen: Haltungsunterricht, Turnen und Bildung. Diese „strengen Fesseln des Hügelregimes“39 werden im Spiegel kritisch betrachtet. Ebenfalls wird der väterliche Allmachtsanspruch über die Zukunft des jungen Krupp für seinen biographischen Werdegang als Schlüsselstelle hervorgehoben.40 Der Privatmann Krupp wird als unbekümmert und kreativ dargestellt. Exemplarisch hierfür steht seine Vorliebe für die Photographie und schnelle Autos, die allerdings im Wiederspruch zu seiner sonst so beinahe pedantischen Ordnung erscheint.41

Bereits anhand der vorrausgehenden Darstellungen lässt sich erkennen, dass eine stereotype Darstellung des Familienunternehmers die Berichterstattung der Wirtschaftswunderzeit durchzieht, die der autoritären Konzernherren. Sowohl die monarchische Semantik als auch die Wahl der Omnipotenz des Unternehmers als Motiv stehen repräsentativ für die öffentliche Wahrnehmung der Familienunternehmen während der Nachkriegszeit.

Ein weiteres Beispiel liefert ein 1955 erschienener Artikel über die Firma Henschel. Der Nimbus der Familienunternehmen bekommt hier erste Brüche. Dem patriarchalischen Führungsstil des Firmenchefs wird die Rückständigkeit und der Investitionsstau im Unternehmen angelastet.42 Letztlich kann nur eine Öffnung für Fremdkapital das Unternehmen retten. Gleichzeitig bedeutet dies jedoch auch das Ende Henschels als reines Familienunternehmen und als ausschlaggebender Faktor für das Scheitern sieht Der Spiegel den Starrsinn und die alleinige Entscheidungsmacht des Oscar R. Henschel.43

Grundverschieden zu der negativ Darstellung des Familienunternehmers Henschel ist die 1957 erscheinende Erfolgsgeschichte über Rudolf August Oetker. Als Aufhänger der Geschichte dient das Engagement des „Puddingprinzen“44 und dritten Erben in der „Backpulverdynastie“45 als Reeder. Die monarchische Bezeichnung Oetkers macht deutlich, dass der autokratische Duktus mit dem das Bild des Familienunternehmers im Spiegel gezeichnet wird keine Seltenheit ist. Jedoch macht der Artikel nicht Oetkers Abstammung als Grund für den Aufstieg der Unternehmung fest, sondern betont auf den ersten Blick schumpetersche Ideale, wie Risikofreude und Innovationskraft.46 Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch das der Unternehmer bei seiner Flucht auf ein eigentlich fremdes Geschäftsfeld getrieben ist von seiner Vergangenheit. Während seiner Jugend war Oetker wie Krupp gefangen in den „Fesseln der Familientradition“47 und versucht als junger Konzernherr mit der Tradition des Unternehmens zu brechen.

[...]


1 Hesse, Jan-Otmar, Die „Krise der Selbständigkeit“. Westdeutschland in den 1970er Jahren, in: Knut Andresen, Ursula Bitzegeio u. Jürgen Mittag (Hg.), Nach dem Strukturbruch?. Wandel der Arbeitsbeziehungen und Arbeitswelt(en) seit den 1970er Jahren, Bonn: Dietz 2011 ,S. 87-107, hier: S. 87.

2 Vgl. Rehling, Andrea, Die deutschen Wirtschaftseliten in der öffentlichen Wahrnehmung am Beispiel von „Spiegel“, „Stern“ und „Quick“, in: Akkumulation 18, 2003, S. 1-14, hier: S. 2.

3 Siehe hierzu: Ebd. S. 275-281; Berghoff, Hartmut, The End of family business ?, in: Business history review 80, 2006, S.263-296, hier: S. 295.

4 Vgl. Rehling, Wirtschaftseliten, S. 6f.

5 Vgl. Kurzlechner Werner, Von der Semantik der Klage zu einer offensiven Medienpolitik. Selbstbild und Wahrnehmung westdeutscher Unternehmer 1965-1975, in: Morten Reitmayer, Ruth Rosenberger (Hg.), Unternehmen am Ende des "goldenen Zeitalters". Die 1970er Jahre in unternehmens- und wirtschaftshistorischer Perspektive, Essen 2008, S. 289-318, hier: S. 317f.

6 Im Besonderen durch das Projekt „historische Wertewandelsforschung“ unter Leitung von Andreas Rödder an der Universität Mainz. Siehe hierzu: O.A., Werte und Wertewandel in Moderne und Postmoderne, in: http://www.geschichte.uni-mainz.de/neuestegeschichte/244.php (abgerufen am 24.09.2013).

7 Im Folgenden Der Spiegel.

8 Vgl. Bueb, Bernhard, Disziplin und Liberalität. Werteerziehung und die Folgen von 1968, in: Andreas Rödder, Wolfgang Elz (Hg.), Alte Werte – Neue Werte. Schlaglichter des Wertewandels, Göttingen 2008, S. 49-55, hier: S. 54.

9 Siehe hierzu und zur Rolle des Spiegels als meinungsbildendes Medium: Merseburger, Peter, Rudolf Augstein. Der Mann, der den Spiegel machte, München 2009.

10 Vgl. Berghoff, family business, S. 263; Zuvor bereits in: Berghoff, Hartmut, Abschied vom klassischen Mittelstand. Kleine und mittlere Unternehmen in der bundesdeutschen Wirtschaft des späten 20. Jahrhunderts, in: Volker R. Berghahn, Stefan Unger u. Dieter Ziegler (Hg.), Die deutsche Wirtschaftselite im 20. Jahrhundert. Kontinuität und Mentalität, Essen 2003, S. 93-113, hier: S. 94-99.

11 Vgl. o.A., Mittelstandsdefinition, in: http://www.ifm-bonn.org/mittelstandsdefinition/ (abgerufen am 24.09.2013).

12 Vgl. Lubinski, Christina, Familienunternehmen in Westdeutschland. Corporate Governance und Gesellschafterkultur seit den 1960er Jahren, München 2010, S. 55-62.

13 Ebd., S. 37.

14 Für eine ausführliche Diskussion der Wertebildung siehe: Joas, Hans, Die Entstehung der Werte, Frankfurt am Main 2006.

15 Als Ausgangspunkt der Debatte gilt folgender Beitrag: Inglehart, Roland, The silent revolution in Europe. Intergenerational change in post-industrial societies, in: American political science review 65, 1971, S. 991-1017.

16 Inglehart, Roland, Kultureller Umbruch. Wertewandel in der westlichen Welt, Frankfurt am Main New York 1989, S. 14f.

17 Vgl. Klages, Helmut, Wertorientierungen im Wandel. Rückblick, Gegenwartsanalyse, Prognosen, Frankfurt am Main New York 1984. S. 39f.

18 Vgl. Klages, Helmut, Traditionsbruch als Herausforderung. Perspektiven der Wertewandelsgesellschaft, Frankfurt am Main New York 1993, S. 26-31.

19 Vgl. Noelle-Neumann, Elisabeth, Werden wir alle Proletarier ?. Ungewöhnliche Wandlungen im Bewußtsein der Bevölkerung, in: Die Zeit , 13.06.1975, S. 20.; Sowie später fortgesetzt in: Noelle-Neumann, Elisabeth, Werden wir alle Proletarier?. Wertewandel in unserer Gesellschaft, Zürich 1978.

20 Für eine umfassendere Darstellung siehe: Hradil, Stefan, Vom Wandel des Wertewandels. Die Individualisierung und eine ihrer Gegenbewegungen, in: Wolfgang Glatzer, Roland Habich, Karl Ulrich Mayer (Hg.), Sozialer Wandel und gesellschaftliche Dauerbeobachtung, Opladen 2002, S. 31-47.

21 Siehe hierzu exemplarisch :Jarausch, Konrad, Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945-1995, München 2004, S. 182-210.

22 Zur Elitenkontinuität im Spiegel siehe: Hachmeister, Lutz, Ein deutsches Nachrichtenmagazin. Der frühe Spiegel und sein NS-Personal, in: Lutz Hachmeister, Friedmann Siering (Hg.), Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945, München 2002, S.87-120.

23 Vgl. Duncker, Christian, Dimensionen des Wertewandels in Deutschland. eine Analyse anhand ausgewählter Zeitreihen, Frankfurt am Main 1998, S. 26f.

24 Editiert und gekürzt nach Ebd. S. 21.

25 o.A., „Wie werde ich Millionär?“. Nürnberger Nachkriegsspiele 3. Akt, in: Der Spiegel 7/1947, S. 14.

26 Ebd., S.15.

27 Vgl. Hachmeister, Nachrichtenmagazin, S. 96f.

28 Vgl. o.A., Rau-Konzern. Das straffe Regiment, in: Der Spiegel 28/1955, S. 22-24, hier: S. 22.

29 Ebd.

30 Vgl. Ebd., S. 24.

31 Ebd., S. 23.

32 Ebd.

33 o.A., Krupp. Das tödliche Symbol, in: Der Spiegel 49/1955, S. 20-33, hier: S. 20.

34 Vgl. Ebd.

35 Vgl. Rehling, Wirtschaftseliten, S. 3f.

36 o.A., Symbol, S. 20.

37 Ebd., S. 23.

38 Vgl. Ebd.

39 Ebd., S. 24.

40 Vgl. Ebd., S. 25.

41 Vgl. Ebd., S. 33.

42 Vgl. o.A., Henschel. Nur Rüstung kann retten, in: Der Spiegel 40/1957, S. 26-28, hier: S. 27.

43 Vgl. Ebd., S. 28.

44 o.A., Oetker. Der Puddingprinz, in: Der Spiegel 51/1957, S. 22-34, hier: S. 22.

45 Ebd.

46 Vgl. Ebd., S. 28.

47 Vgl. Ebd.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Spiegelbild des Wertewandels? Zur medialen Rezeption der Familienunternehmen in einer Dekade des Umbruchs
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (lnstitut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte)
Veranstaltung
Proseminar: Kontinuität und Wandel: Deutsche Unternehmer nach 1945
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V300440
ISBN (eBook)
9783656977421
ISBN (Buch)
9783656977438
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
spiegelbild, wertewandels, rezeption, familienunternehmen, dekade, umbruchs
Arbeit zitieren
Justus Meyer (Autor), 2013, Spiegelbild des Wertewandels? Zur medialen Rezeption der Familienunternehmen in einer Dekade des Umbruchs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300440

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