Wahnsinn und Melancholie in Thomas Bernhards Werken "Frost" und "Wittgensteins Neffe"


Hausarbeit, 2015

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Thomas Bernhard

3. Begriffsorientierung – Der Wahnsinn

4. Geschichte der Melancholie

5. Der Mensch an seiner Grenze zum Wahnsinn

6. Wahnsinn in Wittgensteins Neffe

7. Bernhards Leben und Werk in Bezug zu Schopenhauer

8. Grenzüberschreitung

9. Schluss

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Melancholie ist ein sehr schöner Zustand. Ich verfalle ihr sehr leicht und sehr gern“.1 Melancholie beschäftigt Thomas Bernhard (1931-1989), den umstrittenen und berühmten österreichischen Gegenwartsautor, der über seinen Tod hinaus immer noch für Erregung sorgt.2 Sich wiederholende Motive wie die Natur, das Leiden an einer Krankheit, der Wahnsinn sowie der Selbstmord und Tod sind stets Gegenstand seiner erzählenden Werke. „Die Flucht vor dem physischen Schmerz in die Weiten des Geistes“ 3 mündet nicht selten bei Bernhards Figuren in den Wahnsinn.

In dieser Arbeit sollen die Aspekte des Wahnsinns als solcher und seine Verbindung zur Melancholie sowie das Leiden und der Selbstmord in Bernhards Werken, speziell am Beispiel Wittgensteins Neffe und Frost dargestellt werden. Berücksichtigt werden sollen philosophische Aspekte, die Bernhards Leben seit frühster Kindheit prägten. Bezüge bzw. Parallelen Bernhards Werke zu ihm als Person sollen folglich gezogen werden. Die Frage, in wie weit er selbst ein Stück weit manisch-depressiv gewesen sein könnte, soll nachgegangen werden. Nach einer kurzen Vorstellung des Autors, erfolgt eine Darstellung der Ursprünge des Wahnsinns und der Melancholie, die geschichtlich erläutert werden. Im Anschluss wird der Philosophie in Bezug auf seine Werke, sowie die Ausführung der einzelnen wiederkehrenden Motive mit einbezogen.

2. Thomas Bernhard

Werk und Leben greifen bei Bernhard in verschiedener Art und Weise ineinander. Auffällig ist, dass Äußerungen seiner literarischen Figuren und seine eigenen häufig übereinstimmen. Gerade diese Tatsache der Ähnlichkeit der Fiktion und der Wirklichkeit sind für den Leser reizvoll.4 So formt er viele seiner Protagonisten nach seinem Großvater und Vorbild Johannes Freumbichler, der ihm die Philosophie näher brachte. Das unglückliche Leben Freumbichlers älteren Bruders, der letztlich den Freitod wählt, beschäftigt Bernhard sehr oft in seinen Werken.5 Konfrontiert wird Thomas Bernhard mit dem Tod am eigenen Leib erstmals 1949. Nachdem er an einer Rippenfellentzündung mit darauf folgender Lungenentzündung erkrankt, haben die Ärzte die Hoffnung auf sein Leben aufgegeben. Bernhard erhält „die Sterbesakramente und wird ins Sterbezimmer abgeschoben“6. Diese Grenzerfahrung ist in vielen seiner Werke vorzufinden, auf welche im Folgenden noch näher eingegangen wird. Wahnhafte Züge lassen sich in Bernhards Äußerungen in Meine eigene Einsamkeit erkennen. Bernhards Ansicht nach ist es sein Hof, der ihn schützt. „Ist er mir unerträglich, laufe ich, fahre ich weg, denn die Welt steht mir offen“7. An dieser Aussage lässt sich bereits eine Ambivalenz erkennen. Ständig empfundene Bedrohung beschäftigt auch Bernhards Hauptfigur in Frost. Maler Strauch fühlt sich beispielsweise oft verfolgt.8 1967 unterzieht sich Bernhard einer Operation aufgrund seines Tumors im Pulmologischen Krankenhaus der Stadt Wien 'Auf der Baumgartner Höhe'. Untersuchungen ergeben, dass er zudem an einer Immunerkrankung von Herz und Lunge leidet, die in den folgenden zwei Jahrzehnten Bernhards Leben einschränken.9 Sein Freund Paul Wittgenstein befindet sich zur gleichen Zeit am fast selben Ort, in der Irrenanstalt 'Am Steinhof'. Diese ist an die zweihundert Meter von der Baumgartner Höhe entfernt. Die „exzentrische Lebensweise und periodisch auftretende Geisteskrankheit“ 10 Bernhards jahrelangen Freundes fasziniert ihn. Wittgensteins „mühevolle Existenz [war es, die Bernhard; Anm. E.S.] so oft in so hohem Maße glücklich gemacht hat“11. Bernhard selbst schreibt über sich, dass er, „bevor [er seinen, Anm. E.S.] Freund kennengelernt habe, schon jahrelang mit einer krankhaften Melancholie, wenn nicht gar Depression zu kämpfen gehabt“12 habe. Seinen Aussagen zufolge, war er „damals sehr oft nahe daran gewesen, [seinem; Anm. E.S.] Leben überhaupt einen eigenhändigen Schluss zu machen“13. Festzuhalten bleibt, dass zum einen philosophische Aufsätze seinen Geist beschäftigen, während sein Leiden an der Lungenkrankheit ein naturwissenschaftliches, medizinisches Interesse zum anderen fordert.

3. Begriffsorientierung – Der Wahnsinn

„Psychische Störung, die von Wahn (und Halluzinationen) begleitet wird“ sowie „großer Unsinn, sehr unvernünftiges, unsinniges Denken, Verhalten, Handeln und grenzenlose Unvernunft“ sind die heutigen Bedeutungen von 'Wahnsinn'. Synonyme wie „Halluzination, Sinnestäuschung, Wahnvorstellung, zwanghafte Einbildung“ sowie in der Medizin und Psychologie der häufig gebrauchte Begriff der Psychose lassen sich in der Literatur finden.14 „Dummheit, Fehler, Irrtum, Irrwitz, Leichtsinn, Narrheit, Unsinn, Unüberlegtheit, Unvernunft, Unvernünftigkeit, Wahnwitz, Wahnwitzigkeit sowie (gehoben) Narretei, Torheit und (oft emotionaler) Irrsinn“ sind ebenfalls Bezeichnungen des Begriffs 'Wahnsinn'. 15 Nach Fuest erklärt die Medizin, Psychiatrie und zum Teil auch die Psychologie den Wahnsinn vor rund 200 Jahren zur Geisteskrankheit. Aufgrund der Umgangssprachlichkeit des Begriffes 'Wahnsinn' wird dieser in den spezifizierten Fachausdruck der Psychose umbenannt.16 So beschreibt die Psychose eine „schwere Persönlichkeitsstörung (früher: Geisteskrankheit) mit den Kennzeichen erhöhter Abnormität des Verhaltens und Erlebens, heftiger und nachhaltiger Desintegration der Persönlichkeit und der Unfähigkeit, Erfahrungen und subjektive Erfahrungs- und Erlebnisverarbeitung in allen Bereichen auseinanderzuhalten“17. Dem englischen Satiriker Jonathan Swift nach, vollzieht sich der 'Wahnsinn' als Vater all jener gewaltigen Umwälzungen, die in der Politik, Philosophie und Religion im 17. Jahrhundert stattgefunden haben.18 Er beschreibt in seinen Schriften den Wechsel „von einer primär religiös geprägten Weltsicht hin zu empiristischen und rationalistischen Philosophien“19. Für ihn entsteht der Wahnsinn zum einen aus dem Zusammenwirken körperlicher und geistiger Kräfte und zum anderen aus Verlegenheit und Unzulänglichkeit. 'Wahnsinn' entstehe, „wenn der 'normale' Verstand sich angesichts eines zu ungewöhnlichen Geistesprodukts überfordert und wenigstens irritiert sieht“.20

Den Ansätzen der Psychologie nach wurde im 17. Jahrhundert „der Verstand [als; Anm. E.S.] das zentrale Element aller philosophischen Modelle des Menschen“ 21 angesehen.

Hobbes verstand „Wahnsinn […] demzufolge als falsches Denken […], hervorgerufen durch einen Defekt in der Maschinerie des Körpers“22. Auch für ihn erzeugte ein fiebriges Gehirn religiöse Ansichten über Geister und Hexen als Halluzinationen […]. Dies bedeutete, dass auch Religion eine Form der Sinnestäuschung war […] Den Philosophen des 17. Jahrhunderts zufolge brachten [sie den; Anm. E.S.] Wahnsinn nicht mehr mit Dämonen, den Säften oder gar den Leidenschaften in Verbindung, sondern mit Irrationalität […] [Für sie; Anm. E.S.] war das rationale Selbst der Garant für einen gesunden Geist.23

Der griechischen Medizin zufolge wird die Manie dem Wahnsinn (Raserei) gleichgesetzt und der Melancholie (Schwermut) gegenübergestellt. Grundlage dieser Auffassung ist das binäre Denken von Stimmungs- und Verhaltensstörungen.24 So bestätigt Aretaios in seinen Studien Manie als anderes Extrem gegenüber der Melancholie.

Der Zustand, der durch Maßlosigkeit und Kontrollverlust gekennzeichnet ist, manifestiert sich laut Aretaios durch 'Wut, Erregung und Fröhlichkeit'. In akuten Fällen […] behauptet [der Betroffene] großspurig, ein 'Philosoph' zu sein, obwohl er völlig ungebildet ist. Die Manie schließt häufig Euphorie ein: Der Patient 'deliriert, studiert Astronomie, Philosophie… er fühlt sich großartig und genial'.25

Aretaios nach erscheint „die Manie wie eine Form der Melancholie“26. Diese „melancholischen Phasen und Anfälle von Manie“27 werden später als bipolare Störung bezeichnet. So bekommt „eine zuvor euphorische Person […] plötzlich 'eine Tendenz zur Melancholie; am Ende der Attacke wird sie matt, traurig, wortkarg, macht sich Sorgen um ihre Zukunft und schämt sich'. Nach einer Phase der Niedergeschlagenheit kehrten Patienten oft zur Hyperaktivität zurück: 'Sie stolzieren mit gekrönten Häuptern umher, als kämen sie siegreich von den Spielen zurück; manchmal lachen und tanzen sie tage- und nächtelang'“28.

4. Geschichte der Melancholie

Dass Wahnsinn und 'Melancholie' nahe beieinander liegen, spiegelt auch die Auffassung im vierten vorchristlichen Jahrhundert wider. So zeigt sich, dass „ein Überschuß an Blut oder gelber Galle […] zum Wahnsinn führen, während ein Übermaß an schwarzer Galle – kalt und trocken – Niedergeschlagenheit, 'Melancholie' und Depression verursachte“29. Im allgemeinen Sprachgebrauch beschreibt 'Melancholie' einen mit „einer großen Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder Depressivität gekennzeichneten Gemütszustand“30. Dem Adjektiv 'melancholisch' werden die Eigenschaften „von 'Melancholie' befallen, niedergedrückt 'Melancholie' hervorrufend sowie Düsternis ausstrahlend“31 zugeschrieben. Aristoteles verbindet 'Melancholie' mit dem Begriff des Genies. Die Zusammenführung verarbeitet in seinen Vorstellungen das platonische Gedankengut.32 Im Mittelalter reduziert sich die Begrifflichkeit der 'Melancholie' auf den Krankheitsbegriff. Nach christlicher Sicht beschreibt diese ein gestörtes Gottesverhältnis.33 Erst im Zusammenhang mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft während der Renaissance findet die 'Melancholie' unter Einfluss des Planeten Saturns und in Verbindung mit dem Begriff Genie eine Wiederherstellung des wachsenden individuellen Selbstbewusstseins.34 So kennzeichnet sie Phänomene wie Weltflucht und Handlungshemmung bis hin zum Lebensüberdruss.35 Durch die Pathologisierung, 'Melancholie' sei hauptsächlich 'Krankheit/Sünde', wie sie sich in den religiösen Auseinandersetzungen des 16./17. Jahrhunderts u.a. von 'Ketzern' verbreiteten und in den politischen Unstimmigkeiten im 18./19. Jahrhundert festigten, verbreitete sich mit ihr, wie eingangs erwähnt, auch der Begriff 'Geisteskrankheit'36. Im klinisch/psychologisch/psychiatrischen Sinne ist Melancholie negativ in Bezug auf die Krankheit bzw. des Kranken belegt. So bezeichnet sie Freud als „eine tief schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt“37. Des Weiteren ist sie gekennzeichnet „durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls“38. Äußern tue sich die Melancholie „in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen […] bis zur wahnhaften Erwartung von Strafe“39.

5. Der Mensch an seiner Grenze zum Wahnsinn

„Mit dem Überschreiten der (unsichtbaren) Grenze ist immer alles verloren“.40 Thomas Bernhards Protagonisten erfahren Grenzen. Fluchtmöglichkeiten rücken in den Mittelpunkt, wenn ein andauerndes Leiden nicht endgültig ausgelöscht werden kann. Eine Möglichkeit liegt für die Figuren Bernhards im Wahnsinn. Dieser hebt zwar das Leiden nicht auf, hält aber vom Freitod ab.41 So beschreibt Fraund „das Phänomen des 'Übergangs zum Wahnsinnigwerden', der Grenzüberschreitung, mit der die alltägliche Existenz aufgegeben wird und die 'andere' Grenze näher rückt, die zu überwinden endgültiges Verlassen des Lebens meint“42. Die Figuren Bernhards verfolgen stets dieses Phänomen mit einer äußerst hohen Intensität (vgl. Strauch in Frost (1963), Saurau in Verstörung (1967) sowie Konrad in das Kalkwerk (1970) und Roithamer in Korrektur (1975)). Nur „wer die subjektive, unmittelbare Bedrohung durch die 'Krankheit' überwunden hat, vermag ihren 'Reiz' auszukosten“43. Die Krankheit „ist eine exotische, unbekannte Welt, herausfordernd, gefährlich; sie zu entdecken heißt: Auf-sich-gestellt sein, sich erproben, selbstständig werden […] Helfe ich mir nicht selbst, hilft mir niemand. Krankheit als Überlebenstraining, als riskante Reise entlang der Grenze zum Tod – das hat etwas Magisch-Rituelles“44. Krankheit spiegelt sich sowohl in innerer als auch äußerer Verkrüppelung wider.45 So heißt der Grundsatz in Ambras mit Bezugnahme auf Novalis: „Das Wesen der Krankheit ist so dunkel als das Wesen des Lebens“46, die Devise in Kälte: „Jede Krankheit kann man Seelenkrankheit nennen“.47 Krankheitserreger, die auf die 'Phantasie'48 einwirken und stetige Verfinsterung bewirken49 sind dabei „philosophische Spitzfindigkeiten des Todes“50.

Die Aristokratie der Kranken, davon handeln auch andere Werke der Weltliteratur, […] eine Denkfigur der Romantik, vor allem des Novalis, den Bernhard besonders geschätzt hat. Der Kranke 'lebt' tiefer, prekärer, sehnsüchtiger als der Gesunde; seine Erfahrung der Existenz kennt eine größere Amplitude, ist folglich extremer, und damit gleichermaßen intensiver und gleichmütiger […] Die erfahrende Nähe zum Tod hebt den Kranken über seine Mitmenschen empor.51

Fraund bezieht sich auf Foucault, wenn er sagt, dass das 'Verrücktwerden' ein komplexer Prozess ist.

Dem Verlust normalen Funktionierens als Abweichung von der Konformität folgen Entfremdung und gesellschaftliche Ausgrenzung, parallel dazu innere Desintegration (Reduktion komplexer Koordinierungen, z.B. vom Dialog zum Monolog, Dominanz von Angsterlebnissen und traumhaftem Erleben, Nebeneinander von mehreren Realitäten u.ä.).52

Der Maler Strauch drückt die Überschreitung der Grenze zum Wahnsinn gegenüber dem Erzähler plastisch aus, indem er sagt:53 „'Sie haben dieselbe Aussicht wie ich: in die Finsternis! […] Macht Sie das nicht trübsinnig? In all diesen Tagen? Solche wie Sie gehen jahrelang, jahrzehntelang am Rand des Trübsinns. Plötzlich fallen sie hinein: Kopfüber.'“54 Mit den Worten: „'Auf sich nehmen müsse man den Schmerz‚ wie das Trugbild einer Brücke, von der man nicht weiß, wohin sie führt.'“55

'[…] dazu das ganze unterirdische Reich der Qualen, die Qualen des Geistes und die irgendwo herrschende Qual der Seele … ich könnte meinen Kopf in Millionen Bestandteile zerlegen und seine Gesetze studieren: dieses Vernichtungswerk! Dieses farbenprächtige Land meines Schmerzes: ohne Horizonte, müssen Sie wissen, ganz ohne Wahrnehmungsvermögen, ohne Ohnmacht.'56

Bernhards literarische Darlegung mit dem zu 'Schmerz' gewordenen 'Geisteszustand' zeigt die Trennung von 'Kunst und Leben'.57 „Was für den Körper Krankheit heiß, heißt für den Geist Sensibilität, der Leidende, Kranke ist der Erwählte, trägt er doch 'das Genie' in sich.“58 Über die Funktion als 'geistige Erkenntnisquelle'59 hinaus ergibt sich die Aufteilung einer gewissen Distanz. In humoristisch-ironischer Weise verweist Arendt auf Bernhard: „ein bißchen krank sein ist ja sehr schön. Und immer so bis an den Rand. Obwohl natürlich, wenn man den überschreitet und tot ist, kann es auch nur ein großer Genuß sein“60. An anderer Stelle sagt Bernhard über sich selbst:

'Wenn man Prosa schreibt, ist man zwischen vierzig und sechzig im idealen Alter, bei manchen ist es früher, aber ich bin ja eher ein Spätentwickler. Und es wäre ein Irrsinn, das abzutöten, wenn man gerade auf dem Höhepunkt ist. Da müßte man ja verrückt sein. Aber natürlich ist man vor Verrücktheit auch nicht gefeilt. '61

Bernhards unterschiedliche Auffassungsgabe von Verrücktheit, bei ihm und bei seinen Protagonisten, zeigt ebenfalls seine eigene Ambivalenz. Allen voran betrachtet auch Bernhard die Melancholie. „Und ich denke, vielleicht ist Melancholie das ideale und das einzige nützliche Mittel, das fortgesetzte Einnehmen von Melancholie in Tablettenform für mich… .“62 Seine Andeutung Melancholie als eine Droge anzusehen, verdeutlich sich in Wittgensteins Neffe. In Bernhards autobiographischer Erzählung heißt es: „[…] der, der ich heute bin, so verrückt und so glücklich, aber auch glücklich, wie immer.“63 Sein medizinisches Interesse, sei es in Form eines „wissenschaftlichen Beobachtungsauftrags des Medizinstudenten in Frost bis zur einfühlsamen Beschreibung des geisteskranken Freundes Paul Wittgensteins in Wittgensteins Neffe spiegelt sich bei Bernhard selbst wider.64

6. Wahnsinn in Wittgensteins Neffe

Von Beginn an ist der Wahnsinn zentrales Thema in Wittgensteins Neffe. Paul Wittgenstein, Neffe des Philosophen Ludwig Wittgenstein, liegt in der Irrenanstalt 'Am Steinhof', im Pavillon 'Ludwig'. Der Ich-Erzähler und Freund Pauls befindet sich zur gleichen Zeit im Jahr 1967 'Auf der Baumgartner Höhe', im Pavillon 'Hermann' einer Lungenanstalt.65 Er erkennt die von den Ärzten diagnostizierte 'Geisteskrankheit' seines Freundes nicht als solche an und bezeichnet sie im Folgenden stets als 'sogenannte Geisteskrankheit'.66

Die sogenannten psychiatrischen Ärzte bezeichneten die Krankheit meines Freundes einmal als diese, einmal als jene, ohne den Mut gehabt zu haben, zuzugeben, daß es für 'diese' wie für alle anderen Krankheiten auch, keine richtige Bezeichnung gibt, sondern 'immer' nur falsche, immer nur irreführende, weil sie es sich letzten Endes, wie alle anderen Ärzte auch, wenigstens durch 'immer wieder falsche Krankheitsbezeichnungen' leichter und schließlich auf mörderische Weise bequem gemacht haben. […] Alle Augenblicke flüchten sie (wie alle anderen Ärzte!) in ein anderes Wissenschaftswort, um sich (nicht aber den Patienten!) zu schützen und abzusichern.67

Pauls sogenannte Geisteskrankheit ist für den Ich-Erzähler vergleichbar mit seiner eigenen Lungenkrankheit. So sieht er beide Krankheiten als einen Reflex auf die unerträgliche Welt. Beide jedoch in unterschiedlichen Ausformungen ein- und desselben Impulses.

Wie der Paul immer wieder und in immer kürzeren Abständen, wie sich denken lässt, sich selbst und die Welt nicht mehr ertragen hat, habe auch ich in immer kürzeren Abständen mich selbst und die Welt nicht mehr ertragen und bin, genauso wie Paul in der Irrenanstalt, in der Lungenanstalt wieder 'zu mir gekommen', wie gesagt werden kann.68

Aber der Paul ist nicht verrückter gewesen, als ich selbst bin, denn ich bin wenigstens so verrückt wie der Paul gewesen ist, […] Der Unterschied zwischen dem Paul und mir ist ja nur der, dass der Paul sich von seiner Verrücktheit hat 'vollkommen' be69

[...]


1 Thomas Bernhard: Drei Tage. In: Thomas Bernhard. Ein Lesebuch. Hg. von Raimund Fellinger. Frankfurt am Main 1993, S. 9-19, hier S. 17.

2 Vgl. Klaus-Dieter Hähnel: Vorbemerkung. In: Die Abwehr von Körperlichkeit bei Thomas Bernhard. Hg. von Stefan David Kaufer. Berlin 1999, S. 5-6, hier S. 5.

3 Leonhard Fuest: Kunstwahnsinn, Irreparabler. Eine Studie zum Werk Thomas Bernhards. In: Beiträge zur Literatur und Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts. Hg. von Eberhard Mannack. Bd. 20. Frank- furt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Wien 2000, S. 64.

4 Vgl. Manfred Mittelmayer: Thomas Bernhard. Frankfurt am Main 2006, S. 8.

5 Vgl. Manfred Mittelmayer: Thomas Bernhard. Frankfurt am Main 2006, S. 9f.

6 Ebd., S. 24.

7 Thomas Bernhard: Meine eigene Einsamkeit. Die Presse 24.12.1965.

8 Vgl. Manfred Mittelmayer: Thomas Bernhard. Frankfurt am Main 2006, S. 81.

9 Vgl. ebd., S. 51.

10 Ebd., S. 67.

11 Thomas Bernhard: Unsterblichkeit ist unmöglich. Landschaft der Kindheit. In: Thomas Bernhard. Ein Lesebuch. Hg. von Raimund Fellinger. Frankfurt am Main 1993, S. 25-30, hier S. 30.

12 Thomas Bernhard: Unsterblichkeit ist unmöglich. Landschaft der Kindheit. In: Thomas Bernhard. Ein Lesebuch. Hg. von Raimund Fellinger. Frankfurt am Main 1993, S. 25-30, hier S. 30.

13 Thomas Bernhard: Unsterblichkeit ist unmöglich. Landschaft der Kindheit. In: Thomas Bernhard. Ein Lesebuch. Hg. von Raimund Fellinger. Frankfurt am Main 1993, S. 25-30, hier S. 30.

14 Duden: <http://www.duden.de/rechtschreibung/Wahnsinn>. Datum des Zugriffs: 03.03.15.

15 Duden: <http://www.duden.de/rechtschreibung/Wahnsinn>. Datum des Zugriffs: 03.03.15.

16 Vgl. Leonhard Fuest: Kunstwahnsinn, Irreparabler. Eine Studie zum Werk Thomas Bernhards. In:

Beiträge zur Literatur und Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts. Hg. von Eberhard Mannack. Bd.20.

Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Wien 2000, S. 29.

17 Werner D. Fröhlich und James Drever: dtv-Wörterbuch zur Psychologie. München 1979, S. 255.

18 Vgl. Jonathan Swift: Satiren. Übers. von Felix Paul Greve. Frankfurt am Main 1975, S. 81.

19 Leonhard Fuest: Kunstwahnsinn, Irreparabler. Eine Studie zum Werk Thomas Bernhards. In: Beiträge zur Literatur und Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts. Hg. von Eberhard Mannack. Bd. 20. Frank- furt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Wien 2000, S. 29.

20 Leonhard Fuest: Kunstwahnsinn, Irreparabler. Eine Studie zum Werk Thomas Bernhards. In: Beiträge zur Literatur und Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts. Hg. von Eberhard Mannack. Bd. 20. Frank- furt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Wien 2000, S. 29.

21 Roy Porter: Wahnsinn – eine kleine Kulturgeschichte. Übers. aus dem Englischen von Christian De- toux, Zürich 2005, S. 57.

22 Ebd., S.61.

23 Ebd., S. 61f.

24 Ebd., S. 47.

25 Ebd., S. 50.

26 Ebd., S. 51.

27 Ebd., S. 51.

28 Roy Porter: Wahnsinn – eine kleine Kulturgeschichte. Übers aus dem Englischen von Christian De- toux, Zürich 2005, S. 51.

29 Ebd., S. 45

30 Duden: <http://www.duden.de/suchen/dudenonline/melancholie>. Datum des Zugriffs: 03.03.15.

31 Duden: <http://www.duden.de/suchen/dudenonline/melancholie>. Datum des Zugriffs: 03.03.15.

32 Raymond Klibansky, Erwin Panofsky und Fritz Saxl: Saturn und Melancholie. In: Studien zur Gschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst, Übers. von Christa Buschen dorf, Frankfurt am Main 1994, S. 136.

33 Klara Obermüller: Studien zur Melancholie in der deutschen Lyrik des Barock. Bonn 1974, S. 15-20.

34 Ebd., S. 21-26.

35 vgl. Werther-Krankheit, Sentimentalität und Langeweile. In: Wolf Lepenies: Melancholie und Gesellschaft. Frankfurt am Main 1972, S. 81, 89f., 129, 204, 225f.

36 Vgl. Heinz-Günther Schmitz: Melancholie als falsches Bewußtsein. In: Neue Rundschau 85. Berlin 1974, S. 27-43, hier: S. 30-33.

37 Siegmund Freud: Trauer und Melancholie (1915/17). In: Die Wahnwelten. Hg. von Straus, Erwin, Zutt, Jürg und Hans Sattes, Frankfurt, 1963, S. 323-336, hier S. 324.

38 Ebd., S. 324.

39 Ebd., S. 324.

40 Thomas Bernhard: Ambras. Frankfurt a Main 1964, S. 81.

41 Vgl. Martin Huber, Martin: Thomas Bernhards Philosophisches Lachprogramm. Zur Schopenhauer –

Aufnahme im Werk Thomas Bernhards. Wien 1992, S. 59.

42 Thomas Fraund: Bewegung – Korrektur – Utopie. Studien zum Verhältnis von Melancholie und Ästhe- tik im Erzählwerk Thomas Bernhards. In: Beiträge zur Literatur und Literaturwissenschaft des 20. Jahr- hunderts. Bd. 2. Frankfurt am Main, Bern, New York, Wien 1986, S. 91.

43 Ebd., S. 94.

44 Laemmle, Peter: Karriere eines Außenseiters. Vorläufige Anmerkungen zu Thomas Bernhards fünfteiliger Autobiographie. In: Text + Kritik. Hg. von Heinz Ludwig Arnold. H. 43. München 1982, S. 1-7, hier S. 6.

45 Bernhard, Thomas: Frost. Frankfurt am Main 1963, S. 169.

46 Vgl. Motto Ambras. In: Thomas Bernhard: Ambras. Frankfurt am Main 1988.

47 Vgl. Motto Kälte. In: Thomas Bernhard: Kälte. Eine Isolation. München 1991.

48 Thomas Bernhard: Frost. Frankfurt am Main 1963, S. 36.

49 Vgl. Thomas Bernhard: Frost. Frankfurt am Main 1963, S. 305.

50 Thomas Bernhard: Ambras. Frankfurt am Main 1988, S. 64.

51 Bernhard Sorg: Thomas Bernhard. München 1992, S. 133.

52 Fraund, Thomas: Bewegung – Korrektur – Utopie. Studien zum Verhältnis von Melancholie und Ästhetik im Erzählwerk Thomas Bernhards. In: Beiträge zur Literatur und Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts. Hg von Eberhard Mannack. Bd. 2. Frankfurt am Main, Bern, New York, Wien 1986 S. 81f.

53 Vgl. ebd., S. 91.

54 Thomas Bernhard: Frost. Frankfurt am Main 1963, S. 116.

55 Thomas Bernhard: Frost. Frankfurt am Main 1963, S. 213.

56 Thomas Bernhard: Frost. Frankfurt am Main 1963, S. 285.

57 Vgl. Thomas Bernhard: Mit der Klarheit nimmt die Kälte zu. Stuttgart 1965/66, S. 244.

58 Stefan David Kaufer: Die Abwehr von Körperlichkeit bei Thomas Bernhard. Berlin 1999, S. 31.

59 Manfred Jürgensen: Thomas Bernhard. Der Kegel im Wald oder die Geometrie der Verneinung. Bern, Frankfurt am Main, Las Vegas, 1981, S. 13

60 Dieter Arendt: Der Nihilismus als Phänomen der Geistesgeschichte in der wissenschaftlichen Diskussion unseres Jahrhunderts. Darmstadt. 1980, S. 176.

61 Thomas Bernhard: Interview 1979. In: André Müller: Entblößungen. Interviews. München 1979, S. 59-102, hier: S. 99.

62 Bernhard, Thomas: Drei Tage. In: ders.: Ein Lesebuch. Hg. von Raimund Fellinger, Thomas Bernhard, Ein Lesebuch, Frankfurt am Main 1993, S. 88.

63 Thomas Bernhard: Wittgensteins Neffe. Frankfurt am Main 1982, S. 31.

64 Vgl. Hans Höller: Thomas Bernhard. Hamburg, 1993, S. 129f.

65 Vgl. Thomas Bernhard: Wittgensteins Neffe. Frankfurt am Main 1982, S.7f.

66 Vgl. ebd, S. 12.

67 Ebd., S. 13f.

68 Ebd., S. 33f.

69 Thomas Bernhard: Wittgensteins Neffe. Frankfurt am Main 1982, S.33ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Wahnsinn und Melancholie in Thomas Bernhards Werken "Frost" und "Wittgensteins Neffe"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Veranstaltung
Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V300460
ISBN (eBook)
9783956872983
ISBN (Buch)
9783668003903
Dateigröße
654 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Bernhard, Wittgensteins Neffe, Frost, manisch-depressiv, Melancholie, Wahnsinn
Arbeit zitieren
Erla Schweitzer (Autor), 2015, Wahnsinn und Melancholie in Thomas Bernhards Werken "Frost" und "Wittgensteins Neffe", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300460

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