Charles Baudelaires "Les Fleurs du Mal". Biografische Einflüsse auf Frauenbilder in der französischen Moderne


Hausarbeit, 2015
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DIE FRANZÖSISCHE MODERNE
2.1 Soziokulturelle Phänomene in der französischen Moderne
2.2 Baudelaire - Dichter der Modernität
2.3 Das Frauenbild der Moderne zwischen Flüchtigkeit und Faszination

3.LA FEMMEBEI BAUDELAIRE 3.1 Das Weiblichkeitsbild bei Baudelaire
3.2 Die unterschiedlichen Frauenbilder in BaudelairesLes Fleurs du Ma l
3.2.1 La Mère
3.2.2 LaDiablesse
3.2.3 L’Ange
3.2.4 La Sœur
3.2.5 La Prostituée

4. FAZIT

5. LITERATURVERZEICHNIS

6. ANHANG

“La femme est l'être qui projette la plus grande ombre ou la plus grande lumière dans nos rêves."1

1. EINLEITUNG

Fasziniert von der Ambivalenz der Frauenbilder in Charles Baudelaires Gedichtband Les Fleurs du Mal, stellte ich mir die Frage, worauf diese Hin- und Hergerissenheit zwischen den unterschiedlichen Portraits basiert, die uns der Lyriker auf wunderbare und gleichzeitig aggressive Weise, zu überliefern vermag. Um diese Frage beleuchten zu können, ist es zunächst erforderlich, den historischen Hintergrund dieser Zeit, die als Moderne bezeichnet wird, zu erläutern. Unter Moderne ist dabei die gesamte Epoche Baudelaires zu verstehen.

Gelenkt von den Phänomenen dieser Zeit, stürzt sich der Dichter in die Einsamkeit. Die Verstoßung seitens seiner Mutter scheint überdies das prägende Ereignis für Baudelaires persönliche, sowie lyrische Entwicklung, gewesen zu sein. Dieses Trauma schafft die Grundlage für die Vision der unterschiedlichen Weiblichkeitsbilder in seinem bekanntesten Werk, Les Fleurs du Mal, sowie für die emotionalen Auf- und Abwärtsbewegungen, innerhalb seiner Gedichte. Es wird untersucht inwieweit dieses traumatische Erlebnis seine Beziehungen zu diversen Frauen beeinflusst. Ferner liegt der Fokus auf der Darstellung der unterschiedlichen Frauenbilder, die durch die biographischen Einflüsse, Einzug in sein Werk gefunden haben.

2. DIE FRANZÖSISCHE MODERNE

2.1 Soziokulturelle Phänomene in der französischen Moderne

Baudelaires Gedichte wurden unmittelbar von den Ereignissen seines Umfeldes bzw. dessen Wahrnehmung, in der Zeit der Moderne, geprägt. Im Rahmen dieser Hausarbeit liegt es mir jedoch fern, einen Beitrag zu der Diskussion zu leisten, ob Epochen existieren und inwiefern eine Orientierung daran sinnvoll erscheint. Das liegt wahrscheinlich im Sinne des Betrachters und mag von Fall zu Fall variieren. Im Hinblick auf die vorliegende Hausarbeit erscheint es allerdings sinnvoll, dieses Konstrukt, als Orientierung im zeitlichen Geschehen, zu nutzen.

In der Literatur wird die Moderne als eine europäische Erscheinung wahrgenommen. In Deutschland und Frankreich ist die 1848er - Revolution als Startschuss für die Literatur der Moderne zu sehen. In diesem Rahmen wird ein enger Zusammenhang mit der Industrialisierung beschrieben und meint eine Zäsur in der Vergangenheit im Hinblick auf dogmatische Umwälzungen. Die Einstellung der Menschen richtet sich an der Zukunft aus. Aus moralischer Sicht, tritt die eigene Person in den Vordergrund. Der Drang zur Maßlosigkeit wird deutlich und durch die vorherrschende Entpersönlichung sowie die Individualität werden die Begebenheiten dieser Zeit nicht mehr auf das Individuum bezogen. Stattdessen wird eine Art Zuschauerrolle eingenommen, von welcher die Ereignisse betrachtet werden. Parallel hierzu tritt im 19. Jahrhundert, auf Grund der oben genannten Industrialisierung, erstmals die Massengesellschaft auf.

Dieser Elan der Modernisierung resultiert aus dem industriellen Wandel, wobei es im Sektor der Technik und der Naturwissenschaften, zu einer Hochkonjunktur kommt. Konträr dazu erfährt der Bereich der Literatur eine Gegenbewegung. Im Zuge dessen rücken Skepsis und Pessimismus in den Vordergrund. Man sah die individuellen Werte des Menschen gefährdet, wobei durch das exzessive Verhalten der Massengesellschaft, ein Gefühl der Verunsicherung aufkam und sich ein immer stärker wachsendes Krisenbewusstsein herausstellte. Durch die beiden Aspekte der Endzeitstimmung und des beschleunigten Entwicklungsprozesses, wird der ambivalente Aspekt der Moderne charakterisiert und mit ihm, auch das gesamte Werk Baudelaires2.

2.2 Baudelaire - Dichter der Modernität

Mit gutem Grund wird Baudelaire als einer der Urheber des Wortes Modernität3 bezeichnet. Nach erstmaliger Verwendung des Begriffs im Jahre 1859, bat er um Entschuldigung für die Einführung dieses Novums, allerdings sehe er hier eine Notwendigkeit, um das Außergewöhnliche des modernen Künstlers auszudrücken: „Il cherche ce quelque chose qu’on nous permettra d’appeler la modernité; car il ne se présente pas de meilleur mot pour exprimer l’idée en question. “4. Seine Dichtung zeigt, wie Poesie in dieser kommerzialisierten und technisierten Gesellschaft, möglich ist. Sie führt von einer Banalität des Wirklichen, bis hin zu einer, von Friedrich benannten, Zone des Geheimnishaften, unter Einbeziehung der zivilisatorischen Reizstoffe der Wirklichkeit. Dies ist das Debüt der modernen Lyrik und ihres einerseits ätzenden und andrerseits magischen Inhalts. Baudelaire wird mitunter aber auch als „Erleider der Modernität“5 bezeichnet.6 Doch Friedrich zufolge scheint der Begriff der Modernität nicht nur negativ konnotiert zu sein. Er deutet auf die Möglichkeit, aus dem Negativem ein Faszinosum zu machen.7 Gemeint sind hier inhaltliche und sprachliche Strukturen von Baudelaires Lyrik, wie beispielsweise der „Drang nach Entrinnen aus dem Wirklichen“8 oder der „Beschwörungszauber“ einer reinen „Sprachmagie“.9 Die formale Strenge dieser Dichtung sei es jedoch allein, die die „Rettung“ vor einer Sinnverweigerung vor der „absoluten Dissonanz“ des dichterischen Sprechens ermögliche: „noch [!] können diese negativen Inhalte umschlossen werden von einer durchdachten Komposition“. 10

Diese Überlegungen Friedrichs zeigen, dass Baudelaire mit seinen kreierten Dichtungstendenzen, welche die Destruktion eines poetisch entworfenen Sinnes, sowie die Negativität, als auch die dadurch hervorgerufene Verabsolutierung der Sprache implizieren, „die Möglichkeiten“ für die Entwicklung der Modernen Lyrik „bereitlegt“.11 Nicht zu vernachlässigen ist allerdings auch die geschichtliche Umbruchsituation jener Zeit. Hier sind die Auseinandersetzungen vor und während der 1848er - Revolution zu nennen, sowie der Staatsstreich des künftigen Kaisers Napoléon III. Hierbei beziehe ich mich auf Stenzel, der versucht, die Grenze zu überwinden zwischen dieser historischen Deutung und der Absicht den Text aus sich selbst heraus verstehen zu wollen. Er zeigt, dass die Dichtung Baudelaires zwar die Unabhängigkeit aller gesellschaftlicher Verpflichtungen und Ordnungen fordert und dennoch ihre einhergehende Negativität thematisiert. Erst diese Präsenz der historischen und gesellschaftlichen Erfahrungen ermöglicht den Startschuss für die Sprachmagie und die Beeinflussung ihres Laufes. Schon allein der Titel von Baudelaires Fleurs du Mal ist Programm, in Hinsicht auf das Spannungsverhältnis dieser Negativität einer außersprachlichen Wirklichkeit und der Spracharbeit. Zunächst könnte man annehmen, der Begriff Mal würde Bezug auf einen religiösen oder sittlichen, negativ konnotierten Aspekt nehmen. Doch bei näherer Betrachtung wird klar, dass das zuzuordnende Bezugsfeld, in dem dieser Begriff in Baudelaires Lyrik verbildlicht wird, in der gesellschaftlichen Moderne zum Ausdruck kommt. Konkret werden hiermit die Erlebnisse in der Großstadt widergespiegelt, welche als Grundlage der dichterischen Arbeit an der Sprache dienen und zum Ursprung der Sprachmagie werden.12Im Gegenzug dazu stehenles Fleursexemplarisch für das Schöne. Doch soll es in Baudelaires ästhetischen Denkens keine eindeutige Definition des Schönen geben. Bereits in der Einleitung zu dem Artikel über dieExposition universelle de 1855findet sich die Widersprüchlichkeit der folgenden Formulierung: „le beau est toujours bizarre“13. Dies zeichnet den Ausdruck der Parodoxie und der Unbestimmtheit Baudelaires in all seiner Deutlichkeit ab. Zwar sind seine Denkfiguren gebunden an eine Ästhetik des Kunstschönen als eigenständige Referenz und Gesetzmäßigkeit der Lyrik, dennoch bleiben sie immer beeinflusst von den negativen Lebenserfahrungen der Großstadt.14

2.3 Das Frauenbild der Moderne zwischen Flüchtigkeit und Faszination

Als Inbegriff der Moderne stellt Paris, laut Benjamin, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts dar. Mit der Beschäftigung des städtischen Erfahrungsraumes wird die baudelaireische Orientierung und Dichtungspraxis geprägt.15Eines der berühmtesten Gedichte derFleurs duMalaus dem TeilzyklusTableaux parisiensistA une passante, welches wie fast alle Texte in diesem aufgeführten Abschnitt, um das Jahr 1860 entstanden sind und in die zweite Auflage derFleurs du Malaufgenommen wurden. Das Gedicht thematisiert die Faszination des lyrischen Ichs von einer kurzen Begegnung mit einer unbekannten Frau in der Kulisse der Großstadt. Benjamin beschreibt diese Begegnung folgender Maßen:

Im Witwenschleier durch ihr stummes Dahingetragenwerden im Gewühl, kreuzt eine Unbekannte den Blick des Dichters. Was das Sonett zu verstehen gibt, ist, in einem Satz festgehalten: die Erscheinung, die den Großstädter fasziniert (...) wird ihm von der Menge zugetragen. Die Entzückung des Großstädters ist eine Liebe nicht sowohl auf den ersten als auf den letzten Blick. Es ist ein Abschied für ewig, der im Gedicht mit dem Augenblick der Berückung zusammenfällt. So stellt das Gedicht die Figur des Chocks [sic!], ja, die Figur einer Katastrophe.16

Dieses Gedicht stellt einen Gewinn dar, der im nächsten Moment in einen Verlust umzuschlagen vermag. Die Frau, die als potentielle ideale Partnerin in Betracht gezogen wird, scheint von der grausamen Menge der Großstadt aspiriert zu werden und bleibt somit für immer verschwunden. Diese Unbekannte, eine Passantin, die plötzlich im Großstadtgetümmel auftaucht, erfüllt den amibivalenten Charakter des Schönheitsideals von Baudelaire. Die Schönheit hat gleichermaßen eine sinnliche und erotische Anmutung, als auch die nüchterne Geltung einer Statue. In den Augen der Fremden, scheint sich eine Ambivalenz aus Entzücken und Schrecken widerzuspiegeln. Aus diesem Auge trinkt das lyrische Ich nun das süße Gift, was es, vergleichbar mit einem epileptischen Schock, zusammenkrampfen lässt. Wie von einem Blitz getroffen erlebt es den coup de foudre, der sich gleichermaßen als Schockerlebnis und Faszinosum, kennzeichnet und im nächsten Schritt, mit der Dunkelheit der Nacht, entschwindet. Wie durch böse Magie hat sich alles für immer verflüchtigt. Das Erlebte ist terminiert und die Szene endet in einer Katastrophe. Zurück bleibt die Einsamkeit. An dieser Stelle nimmt das Gedicht, in einem fremden Kontext, den Verlust in Baudelaires Kindheit auf. Genau wie die beschriebene Passantin, war auch Baudelaires Mutter jung, elegant sowie trauernde Witwe, zu dem Zeitpunkt als er sie für immer verlor. Der Schock des Entgleitens seiner Mutter schimmert wie ein Schleier durch die Straßenszene hindurch.17

Dieses Gedicht charakterisiert den Stoff der baudelaireischen Lyrik der Moderne. Faszination und Flüchtigkeit sind zwei entscheidende Elemente moderner Ästhetik. Ohne die Erfahrungen moderner Lebensbedingungen, sind diese Elemente jedoch undenkbar. Sie werden einzig und allein durch ihre zuzuschreibende Anwesenheit im Gedicht gestaltbar.18 Es setzt eine Wahrnehmung in Szene, die auf der einen Seite Flüchtigkeit in all ihrer Grausamkeit sowie potentielle Katastrophe verkörpert, diese aber auf der anderen Seite in ästhetische Faszination transformiert.19

3.LA FEMMEBEI BAUDELAIRE

3.1 Das Weiblichkeitsbild bei Baudelaire

Le peintre de la vie moderneist eine Sammlung von Aufsätzen, welche der Dichter und Kunstkritiker, Charles Baudelaire, über den Maler und Zeichner Constantin Guys verfasste. Sie erschienen im Winter des Jahres 1863 innerhalb von drei Episoden inle Figaro.20In seinem Essay zuLe peintre de la vie moderneschreibt Jacques Darriulat über die drei Kapitel, welche dem Weiblichkeitsbild gewidmet sind, folgendes:

[...]


1Charles Baudelaire:Œvres Complètes.Paris: Éditions du Seuil 1968, S. 567; in der Folge zitiert als OC, gefolgt von der Seitenzahl.

2 Hugo Friedrich: Die Struktur der Modernen Lyrik. Von der Mitte des neunzehnten bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1985, S. 35.

3Wobei es bei diesem Wort keine klare begriffliche Abgrenzung zu dem der Moderne gibt.

4OC, S. 553.

5Wobei hier die gesellschaftliche Modernität gemeint ist.

6Friedrich,Die Struktur der Modernen Lyrik, S. 35-37.

7Ebd., S. 43.

8Ebd., S. 49.

9Ebd., S. 52.

10Ebd., S. 39f.

11Hartmut Stenzel:Das Ende der romantischen Utopien. In: Thoma, Heinz (Hrsg.):19. Jahrhundert. Lyrik.Tübingen: Stauffenburg Verlag 2009, S. 229.

12Ebd., 234f.

13OC, S. 362.

14Stenzel,Das Ende der romantischen Utopien, S. 245f.

15Ebd., S. 269.

16Walter Benjamin:Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus.Frankfurt: Suhrkampverlag 1969, S. 623.

17Jean Figres:Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen. Exemplarische Reihe Literatur und Philosophie: Band 8.Annweiler am Trifels: Sonnenberg Verlag 2001, S. 91-95.

18Stenzel,Das Ende der romantischen Utopien, S. 274f.

19 Ebd., S. 271f.

20O.C. S. 546.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Charles Baudelaires "Les Fleurs du Mal". Biografische Einflüsse auf Frauenbilder in der französischen Moderne
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für fremdsprachliche Philologien, Romanistik)
Veranstaltung
Literaturwissenschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V300466
ISBN (eBook)
9783656968665
ISBN (Buch)
9783656968672
Dateigröße
737 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Baudelaire, französische Moderne, Frauenbilder, Les Fleurs du Mal
Arbeit zitieren
Mareile Haider (Autor), 2015, Charles Baudelaires "Les Fleurs du Mal". Biografische Einflüsse auf Frauenbilder in der französischen Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300466

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