Gegenstand und zentrale Erkenntnisse des "Behavioral Finance"


Seminararbeit, 2011
16 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Problemstellung

3. Inhalte der Behavioral Finance
3.1. Charakteristika und Entwicklung der Behavioral Finance
3.2. Erkenntnisse der Behavioral Finance
3.2.1. Die Prospect Theory
3.2.2. Die fünf Rationalitätsfallen

4. Bewertung der Behavioral Finance

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Menschen wünschen sich, die eigenen oder auch fremde Geschicke selbst lenken zu können. Dies gilt insbesondere bei schwierigen Entscheidungen mit gewisser Zukunftsbedeutung. Damit einher geht auch seit jeher der Wunsch nach Prognosen (z. B. das Orakel von Delphi sowie die Astrologie). Prognosen über zukünftige Kursverläufe bspw. von Wertpapieren dienen heute etwa der kurzfristigen Gewinnerzielung und -maximierung durch den Handel entsprechender Positionen. Fehlen solche Prognosen, so mag der Eindruck fehlender Sicherheit entstehen. Eine Sicherheit, mit der ein Teil der eigenen Zukunft selbstständig gestaltet werden könnte. Prognosen werden befolgt, um die Ungewissheit über den Erfolg von Entscheidungen, ob monetärer oder mentaler Natur, zu beseitigen. Tatsächlich ist es schwierig, dauerhaft fundierte Prognosen zu erstellen. Da von Analysten eine möglichst hohe Trefferquote hinsichtlich des Eintritts von Prognosen gefordert wird, behelfen sich diese mitunter mit „unscharfen“ Prognosen (z. B. Eintrittswahrscheinlichkeit 70 %).[1] Wenn Prognosen doch nicht eintreffen, wissen Marktteilnehmer vielfach nicht, was zum Scheitern der Prognose geführt hat. Besonders problematisch ist dies, wenn durch das Befolgen der falschen Prognose etwa aus einem Absicherungsmotiv heraus angelegtes Kapital eingebüßt wurde. Die vorliegende Seminararbeit soll exemplarisch aufzeigen, warum Menschen an den Finanzmärkten bestimmte, mitunter fehlerhafte Entscheidungen treffen und diese ggf. nicht korrigieren. Dazu wird die Rolle der Behavioral Finance innerhalb der Wirtschafts- und Finanzwissenschaften eingeordnet. Im Verlauf dieser Arbeit wird zunächst auf die wesentlichen Postulate der klassischen „Modernen Kapitalmarkttheorie“ eingegangen, die in empirischen Untersuchungen weitgehend nicht bestätigt wurden. Anschließend werden die Entstehung und die Kernanliegen sowie die zentrale Theorie (Prospect Theory) der Behavioral Finance dargestellt. Daraufhin werden regelmäßig begangene Anlegerfehler begründet und jeweils mit möglichen Handlungsempfehlungen versehen. Nach einer Bewertung einzelner Erkenntnisse aus der Behavioral Finance sowie ihrer grundsätzlichen Stellung im Vergleich mit den bislang vorherrschenden Theorien wird die Arbeit mit einem Fazit abgeschlossen. Das Fazit enthält einen Ausblick, inwieweit die Behavioral Finance mit anderen, z. T. neuen Modellen verknüpft werden kann.

2. Problemstellung

Bis zu den 1970er Jahren war die Beobachtung der Märkte sowie deren Entwicklung und relevanten Einflussgrößen einzig den Wirtschaftswissenschaften vorbehalten.[2] Im Rahmen der Modernen Kapitalmarkttheorie nach Harry Markowitz bzw. der Markteffizienztheorie nach Eugene Fama wurde das Postulat des „Homo oeconomicus“ aufgestellt. Demnach seien alle Marktteilnehmer streng rational (vernünftig) denkende und handelnde Individuen, die sich konform zur Erwartungsnutzentheorie verhalten. Zur Maximierung des Erwartungsnutzens muss bei jeder Entscheidung jene Alternative ausgewählt werden, die den größten Vorteil erbringt. Hierzu werden zunächst die Erwartungswerte aller Auswahlmöglichkeiten verglichen, indem alle potenziellen Folgen (monetär ausgedrückt: mögliche Gewinne oder Verluste) mit ihren individuellen Wahrscheinlichkeiten multipliziert und anschließend addiert werden. Anschließend wird zur Berechnung des Erwartungsnutzens eine Nutzenfunktion aufgestellt, die jedem Gewinn oder Verlust einen Nutzenwert zwischen 0 und 1 zuordnet und diese ebenfalls addiert, um die Alternativen zu vergleichen. Die Nutzenfunktion berücksichtigt, dass der Grenznutzen bei steigenden Gewinnsummen abnimmt. Sowohl der abnehmende Grenznutzen als auch die individuelle Risikoeinstellung können dazu führen, dass sich der Anleger aufgrund des Vergleichs der Erwartungswerte für Alternative A entscheiden müsste, der höchste Erwartungsnutzen jedoch durch Alternative B repräsentiert wird und sich somit eine Rangumkehr ergibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Beispiel einer Nutzenfunktion; Quelle: Goldberg, von Nitzsch (2000), S. 42

Darüber hinaus wird innerhalb der Markteffizienztheorie bspw. davon ausgegangen, dass keine emotional begründeten Bewertungsverzerrungen bestehen und alle Markt-akteure vollständig und ausgewogen informiert sind. Diese erkennen alle relevanten Informationen, können sie vollständig verarbeiten und treffen Entscheidungen unter Anwendung einer ökonomisch ausgewogenen Nutzenanalyse. Eine Vielzahl von Marktakteuren reagiert auf neue Informationen stets gleichgerichtet, wodurch homogene Erwartungen gebildet werden. Tatsächlich jedoch begehen Menschen sowohl bei der Informationswahrnehmung als auch der -verarbeitung systematisch Fehler.[3] Rationales Denken und Handeln bedingt, die relevanten Informationen zu beschaffen und als solche wahrzunehmen. Da zudem nicht alle Informationen frei verfügbar sind, bestehen teilweise Intransparenzen und Informationsasymmetrien. Des weiteren bewerten Menschen häufig nicht nach objektiven, ökonomischen Kriterien. Dies resultiert etwa aus der Komplexität, die Entscheidungssituationen nicht vollständig erfassbar sein lässt. Der Aktienanteil in einem Wertpapierportfolio bspw. kann Einzeltitel oder Investmentanteile beinhalten. Bei der Einzeltitelselektion kann der Fokus auf Länder, Währungen oder Branchen gelegt werden. Hinsichtlich der Investmentfonds steht ebenso eine umfangreiche Auswahl zur Verfügung, die grds. vollständig ausgewertet werden müsste.[4] Es wirkt eine Vielzahl von Einflussfaktoren auf die Entscheidungsfindung ein, die sich wechselseitig beeinflussen können. Ebenfalls haben die Anleger Unsicherheiten sowohl hinsichtlich der Marktentwicklung (z. B. Kurs- oder Zinsänderungen) als auch bezüglich der eigenen Ziele und Präferenzen zu berücksichtigen. Zur vollständigen Sichtung und Verarbeitung der permanent einwirkenden Informationen steht vielfach nicht genügend Zeit zur Verfügung, da insbesondere von kurzfristig orientierten Händlern schnelle Reaktionen gefordert werden. Das menschliche Gehirn ist zudem nur eingeschränkt dazu in der Lage, mehrere Informationen parallel zu verarbeiten und hat nur geringe Kapazität zur Aufnahme neuer Informationen.[5]

3. Inhalte der Behavioral Finance

3.1. Charakteristika und Entwicklung der Behavioral Finance

In den 1930er Jahren bereits erkannte der Nationalökonom John Maynard Keynes, dass Marktbewertungen auch durch Psychologie beeinflusst werden und dass soziale Konventionen sowie z. T. instabile Erwartungen sowohl die Finanzmärkte als auch das individuelle Anlegerverhalten tangieren. Dennoch wird erst seit den 1970er Jahren intensiv auf dem Gebiet der Behavioral Finance geforscht und veröffentlicht. Ausgangspunkt der Behavioral Finance-Forschung war die Portfolio Theory[6] nach Harry Markowitz (1952), die eine Reduzierung des persönlichen finanziellen Risikos durch Diversifikation fordert. Behavioral Finance basiert auf der Erkenntnis nach dem Modell der „Bounded Rationality“, dass Individuen nur Teile der Realität und diese zeitlich beschränkt aufnehmen, behalten und entscheidungsrelevant verarbeiten können.[7] Sie verhalten sich entgegen des „Homo oeconomicus“-Ansatzes nur beschränkt rational. Die Behavioral Finance stellt die Aktionäre als Handelnde und ihre typischen Verhaltensweisen in den Mittelpunkt des Interesses.[8] Das Anlegerverhalten wurde entsprechend systematisch, empirisch analysiert. In spieltheoretischen Experimenten etwa von Daniel Kahneman, Amos Tversky oder Richard Thaler wurde festgestellt, dass die Fehler als Abweichungen vom Postulat rationalen Verhaltens in komplexen Entscheidungssituationen intersubjektiv korreliert und systematisch sind.[9] Die Ergebnisse aus der Verhaltensforschung wurden in ökonomische Modelle integriert, um herauszufinden, wie Entscheidungen unter Berücksichtigung individueller Emotionen, Präferenzen, Ziele und unvollständiger Informationen getroffen werden. Kerngegenstand sind alle Prozesse der Auswahl, Aufnahme und Verarbeitung entscheidungsrelevanter Informationen, der Erwartungsbildung und der Entscheidungsfindung der Marktakteure unter Berücksichtigung sozialer Interaktionen. Des weiteren wird der Einfluss der Anlegerpsyche mit Gefühlen wie Befürchtungen, Angst, Neid oder Gier und der Reaktionen von Händlern auf das Börsengeschehen untersucht. Insbesondere bei finanziellen Entscheidungen entstehen Emotionen. Die Erkenntnisse aus der Behavioral Finance-Forschung sollen zu einer Verbesserung der Börsenperformance genutzt werden.[10] Das Wissen über die psychologischen Einflüs-se und die möglichen Fehlerquellen ermöglicht den Marktakteuren, z. B. Anlagerisiken in Form von Trendänderungen realistischer einzuschätzen und eigene Fehler zu vermeiden.

3.2. Erkenntnisse der Behavioral Finance

3.2.1. Die Prospect Theory

Innerhalb der Behavioral Finance wurden bereits verschiedene Theorien entwickelt. In dieser Arbeit soll der Fokus auf die Prospect Theory gelegt werden. Sie wurde 1979 erstmals von Daniel Kahneman und Amos Tversky publiziert und 1992 erweitert („Cumulative Prospect Theory“). Das Ziel war, möglichst viele Ausprägungen beschränkt rationalen Verhaltens als Folge physischer und psychischer Beschränkungen in empirischen Beobachtungen aufzuzeigen. Sie stellt damit ein Gegenstück zu der unter 2. beschriebenen Erwartungsnutzentheorie dar. Die Definition von Gewinnen und Verlusten als Folge einer Anlageentscheidung erfolgt mittels einer Wertfunktion als zentrales Element der Prospect Theory. Durch das Setzen eines Referenzpunktes wird die Gewinnschwelle markiert („Anchoring“). Auf der Abszisse wird der Zustand (der tatsächliche Gewinn oder Verlust) abgetragen, während auf der Ordinate der Wert steht, mit dem der Zustand aus Sicht des Investors subjektiv bewertet wird. Der Verlauf der Wertfunktion ist unterhalb des Referenzpunktes konvex, darüber liegend ist er konkav. Das umgekehrte Risikoverhalten von Anlegern beim Übergang von Gewinnen zu Verlusten, welches näher unter 3.2.2. thematisiert werden soll, wird von Kahneman und Tversky als „Reflection Effect“ bezeichnet. Das im Zeitablauf abnehmende Risikoempfinden (auch „Risikosensitivität“) erklärt bspw. das in der Praxis unerwartete Auftreten von Aktienmarktzusammenbrüchen nach lang anhaltender Hausse[11] (z. B. bei der Subprime-Krise). Abb. 2 zeigt das Beispiel einer Wertfunktion. Als Referenzpunkt fungiert dabei das ex ante vom Investor subjektiv bestimmte Renditeziel.

[...]


[1] Um die Lesefreundlichkeit zu gewährleisten, wird in der vorliegenden Arbeit die männliche Form benutzt. Die weibliche Form ist i.d.R. impliziert.

[2] Vgl. Hildisch, A. K. (2012), S. 198f.

[3] Vgl. Schwan, K. (2008), Schöneberg, U. (2010), 87ff. und Dachrodt, H.-G.; Koberski, W., Engelbert; V.; Dachrodt, G. (2014) S. 7ff.

[4] Neuberger, O. (2002), S. 12ff.

[5] Vgl. Wunderer, R. (2011), S. 10.

[6] Teil der Interaktionstheorien. Weitere Führungstheorien sind u.a. die Situationstheorien (Kontingenzansätze), Personenorientierte Theorien (führer- und geführtenzentrierte Ansätze) und Positionstheorien (Rollentheorie).

[7] Vgl. Wunderer, R. (2011), S. 5ff.

[8] Vgl. Wunderer, R. (2011), S. 9f.

[9] Vgl. Huber, 2010, S. 140.

[10] Bechtel, Roman et al. (2007).

[11] Vgl. Abschnitt 2.1.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Gegenstand und zentrale Erkenntnisse des "Behavioral Finance"
Hochschule
FOM Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Marl früher Fachhochschule
Note
2,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V300560
ISBN (eBook)
9783656968160
ISBN (Buch)
9783656968177
Dateigröße
816 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die originäre Arbeit, die während des Studiums bewertet wurde, beinhaltete ein Praxisbeispiel aus dem Unternehmen, für das ich zu der Zeit arbeitete. Aus Gründen des Datenschutzes habe ich dieses nun entfernt und die Arbeit minimal angepasst.
Schlagworte
Corporate Evaluation, Unternehmensbewertung, Unternehmenswert, Behavioral, Finance, Anlegerverhalten, Verhaltensforschung, Spieltheorie, Biases, Kahneman, Tversky, Thaler, Prospect Theory, Heuristiken
Arbeit zitieren
Nils Franke (Autor), 2011, Gegenstand und zentrale Erkenntnisse des "Behavioral Finance", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300560

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