„Reden hilft!“ Diese Aussage ist im Volksmund bekannt und trifft auch zu. Über ein Ereignis zu erzählen, kann Erleichterung schaffen und die Stimmung bessern. Andere Redensarten wie z. B. „sich die Sorgen von der Seele reden“ bestätigen dies. Warum aber das Erzählen über die Vergangenheit hilfreich und heilsam sein kann, wird hieraus leider nicht deutlich. Das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte ist nicht nur für die Hörer interessant, sondern löst auch Prozesse bei den Erzählenden aus.
In dieser Arbeit wird es um die Bedeutung unbewusster Lernprozesse in biographisch-narrativen Gesprächen gehen. Außerdem wird der Unterschied zwischen einem biographisch-narrativen Interview im Forschungskontext und der biographisch-narrativen Gesprächsführung im therapeutischen Kontext erläutert. Zunächst werden deshalb die einzelnen Begriffe definiert und differenziert. Insbesondere das Narrativ wird genauer erläutert und in seiner Bedeutung und Funktion analysiert. Daraufhin wird die Forschungsmethode des narrativen Interviews im Zusammenhang mit der Biographieforschung dargestellt. Schließlich wird darauf aufbauend die biographisch-narrative Gesprächsführung hinsichtlich ihrer Anwendungsbereiche und Grenzen untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Biographiearbeit
2.1 Biographie und Lebenslauf
2.2 Biographiearbeit, Biographieforschung
3. Narratives Interview
3.1 Das Narrative
3.2 Methodisches Vorgehen
4. Biographisch- narrative Gesprächsführung im Kontext von
Beratung und Therapie
5. Fazit
6. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von biographisch-narrativen Gesprächsformen als Instrument in Beratung und Therapie. Dabei wird insbesondere der Unterschied zwischen der forschungsorientierten Anwendung des narrativen Interviews und der therapeutischen Gesprächsführung herausgearbeitet sowie die Rolle unbewusster Lernprozesse und die therapeutische Haltung analysiert.
- Definition und Abgrenzung von Biographie und Lebenslauf
- Funktionsweise und methodisches Vorgehen beim narrativen Interview
- Einsatzmöglichkeiten biographisch-narrativer Gesprächsführung in der Beratung
- Bedeutung von narrativer Intelligenz und therapeutischer Begleitung
- Herausforderungen der biographischen Neukonstruktion im therapeutischen Prozess
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Narrative
Eine Narration (lat.: Erzählung) gilt als „Sinn-Träger“ und „Erfahrungsöffner“ für die Einsicht in die soziale Realität eines Individuums (Kraimer, 2010). Erzählen bedeutet, sich das Vergangene zu vergegenwärtigen, sich zu erinnern. Die Erzählung wird so konstruiert, wie die Person den jeweiligen Handlungen, Personen und Gefühlen einen Sinn zuschreibt und sich selbst in sozialen Strukturen wahrnimmt. Durch diesen Prozess entsteht die narrative Identität (Boothe, 2011). Da es für das Erzählen wichtig ist eine geschlossene Geschichte zu konstruieren, können Erinnerungslücken dazu führen, dass die Erzählung stark von dem wirklichen Geschehen abweicht (Pokora, 2012). Eigene Erinnerungen können sich außerdem mit anderen Erzählungen oder medialen Berichten vermischen (Küsters, 2009). Das Speichern von Inhalten erfolgt hauptsächlich über Emotionen, die jedoch auch durch sozial, kulturell oder religiös geprägte Interpretationen und Bewertungen beeinflusst sein können (Pokora, 2012).
Erzählen ist dynamisch. Der/Die Erzähler/in beginnt zu erzählen, es entwickelt sich eine Geschichte und es folgt ein Ende. Durch den gewählten Anfang der Geschichte entsteht ein Erwartungshorizont, sowohl bei dem/der Hörer/in als auch bei dem/der Erzähler/in. Diese/r durchlebt das Geschehene während des Erzählens neu und reflektiert gleichzeitig die Ereignisse und die damit verbundenen Gefühle. Die subjektive Darstellung der Ereignisse ist immer auch eine Bewertung der beteiligten Personen, Beziehungen und Handlungen (Boothe, 2011).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung des Erzählens von Lebensgeschichten ein und umreißt die Differenz zwischen biographisch-narrativen Interviews in der Forschung und therapeutischer Gesprächsführung.
2. Biographiearbeit: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen zur Biographie, inklusive der Abgrenzung zum Begriff des Lebenslaufs, sowie die Zielsetzung der Biographieforschung.
3. Narratives Interview: Hier wird das methodische Instrument des narrativen Interviews vorgestellt, wobei der Fokus auf dem Wesen des Narrativs und dem konkreten Ablauf der Interviewphasen liegt.
4. Biographisch- narrative Gesprächsführung im Kontext von Beratung und Therapie: Dieser Abschnitt überträgt die methodischen Prinzipien auf den therapeutischen Kontext und diskutiert die notwendige Haltung des Therapeuten sowie die Herausforderungen bei der Arbeit mit Klienten.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die biographisch-narrative Gesprächsführung neben dem Fremdverstehen vor allem Selbstreflexion und die Neukonstruktion biographischer Ereignisse ermöglicht.
6. Literatur: Dieses Verzeichnis listet sämtliche in der Arbeit verwendeten Quellen und Fachpublikationen auf.
Schlüsselwörter
Biographieforschung, Narratives Interview, Biographisch-narrative Gesprächsführung, Qualitative Forschung, Narrative Identität, Beratung, Therapie, Einzelfallanalyse, Lebenslauf, Fremdverstehen, Selbstverstehen, Lebensgeschichte, Erzählanalyse, Prozesshaftigkeit, Sinnkonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung biographisch-narrativer Gesprächsführung als Mittel zur Bearbeitung persönlicher Lebensgeschichten in Beratungs- und Therapiesettings.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder sind die Theorie der Biographieforschung, die Methodik des narrativen Interviews sowie die Anwendung dieser Methoden zur Förderung von Selbstreflexion und Identitätsarbeit in der Therapie.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das primäre Ziel ist die Differenzierung zwischen der Forschungsmethode des narrativen Interviews und der therapeutischen Anwendung, um aufzuzeigen, wie biographisches Erzählen zur Identitätssicherung und Bewältigung beitragen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit diskutiert?
Es wird primär das von Fritz Schütze entworfene narrative Interview (und dessen Weiterentwicklung zur biographisch-narrativen Gesprächsführung) als qualitativer Forschungszugang und therapeutisches Instrument diskutiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Verortung von Biographie und Lebenslauf, die Beschreibung der Phasen des narrativen Interviews sowie die kritische Untersuchung der Übertragung dieser Methode auf den Beratungskontext.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie narrative Identität, biographische Konstruktion, Fremdverstehen, narrative Intelligenz und die prozessuale Haltung des Therapeuten geprägt.
Warum ist die "narrative Intelligenz" für Klienten so wichtig?
Narrative Intelligenz bezeichnet die Fähigkeit, das eigene Erleben in eine erzählbare Form zu bringen, was für die therapeutische Arbeit essenziell ist, da nur so Zugang zu Ängsten, Wünschen und unbewussten Mustern gefunden werden kann.
Inwiefern unterscheidet sich die therapeutische Gesprächsführung vom reinen Interview?
Während beim Interview das Forschungsinteresse im Vordergrund steht, ist die Gesprächsführung im therapeutischen Kontext auf die freiwillige, vertrauensvolle Selbstöffnung des Klienten ausgerichtet, wobei die therapeutische Haltung gegenüber den genauen Regeln der Forschungsmethode dominiert.
- Arbeit zitieren
- Liza Springub (Autor:in), 2014, Biographisch-narrative Gesprächsführung. Die Bedeutung des Narrativen und dessen Nutzung im Kontext von Beratung und Therapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300707