In der darstellenden Literatur rückt der konkrete philosophisch-politische Entwurf einer perfekten und besseren Gesellschaft, vor allem seitdem das Werk „Utopia“ von Thomas Morus im Jahr 1516 auf den Markt kam, immer mehr in den Fokus. Die Vorstellung einer perfekten und somit utopischen Gesellschaft wurde seither in vielen Romanen verwirklicht; sei es von Tommaso Campanella, William Morris, Ernest Callenbach oder Doris Lessing – alle haben neue Welten konstruiert, bessere Zukunftsmodelle entwickelt und dadurch die aktuelle gesellschaftliche Lage kritisiert.
Auch im Roman von Christian Kracht "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" sind utopische und dystopische Elemente verwirklicht und eine neues Weltbild wurde geschaffen: Es herrscht seit 96 Jahren Krieg (vgl. IW 13). Die uns gegenwärtig als meist neutral bekannte Schweiz wurde zur Sowjetrepublik und befindet sich im Krieg mit den faschistischen Mächten Deutschland und England. Die Afrikaner wurden von den Schweizern als Soldaten ausgebildet, was auch auf den Protagonisten der Handlung zutrifft (vgl. IW 57).
IW ist „eine alternative Version der Geschichte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart“, welche nicht der Realität entspricht und große Nähe zur Science-Fiction aufweist, was utopische und dystopische Elemente belegen.
Die nachfolgende Hausarbeit beschäftigt sich daher mit der Frage nach den Formen und Funktionen des utopischen und dystopischen Diskurses im Sonnenschein-Roman, das heißt, dass die unterschiedlichen utopischen Elemente in ihrer Form erläutert werden und ihre Funktion, also ihre Wirkung im Roman, im Hinblick auf Utopie und Dystopie herausgearbeitet wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Utopie – kurze Begriffs- und Literaturgeschichte
2.1. Utopie und Dystopie: Begriffsgeschichte
2.2. Kurze Geschichte der Gattung „Utopie“ in der deutschsprachigen Literatur und Bedeutungsvielfalt
3. Utopische Elemente im Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“
3.1. Figuren mit utopischen Zügen
3.2. Anspielungen auf fiktionale Utopien im Roman
3.3. Anspielungen auf reale utopische Projekte
3.4. Intertextuelle Anspielungen auf dystopische Fiktionen
3.5. Intertextuelle Verweise auf Aspekte der Realgeschichte
4. Erzähltextanalyse
4.1. Formale Gliederung des Romans
4.2. Ort und Zeit der Romanhandlung
4.3. Erzählergestaltung (nach Martinez/Scheffel)
5. Formen und Funktionen des utopischen und dystopischen Diskurses im Roman – Zusammenfassung der Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die verschiedenen Formen und Funktionen utopischer und dystopischer Elemente in Christian Krachts Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“. Dabei wird analysiert, wie der Autor durch eine kontrafaktische Geschichtsschreibung und spezifische narrative Mittel ein alternatives Weltbild konstruiert und durch dieses die gesellschaftliche Realität kritisiert.
- Analyse utopischer und dystopischer Begrifflichkeiten
- Untersuchung utopischer Motive und Figurenkonstellationen
- Intertextuelle Bezüge zu realgeschichtlichen und fiktionalen Diskursen
- Erzähltextanalytische Untersuchung der Romanstruktur und Erzählerperspektive
- Interpretation des Romans als retrofuturistische Fantasie
Auszug aus dem Buch
3. Utopische Elemente im Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“
Im Sonnenschein-Roman wird dem namenlosen Protagonisten die Hauptrolle zugeschrieben, während die Nebenfiguren, abgesehen von Branzhinsky, kaum mehr als eine Szene bekommen und für den Handlungsverlauf eher unwichtige, aber trotzdem extreme Persönlichkeiten darstellen. Die drei wichtigsten Nebenrollen sind, wie zuvor erwähnt, der Arzt und Gemischtwarenhändler Branzhinsky, zudem seine Frau, die Offizierin Favre, und der Einsiedler Uriel.
Die große Bedeutung der Figur Branzhinsky lässt sich früh erkennen, denn schon zu Beginn des Romans sagt der Protagonist: „Heute war Branzhinskys Tag“ (IW 11). Im weiteren Verlauf der Geschichte erfährt man, dass der Protagonist, der im Folgenden als Parteikommissär bezeichnet wird (vgl. IW 12), die Aufgabe bekommen hat, den Oberst Branzhinsky zu finden und ihn zu verhaften. Aus diesem Grund zieht sich der Name Branzhinsky durch den ganzen Roman, obwohl die Figur selbst erst am Ende der Geschichte direkt auftritt.
Nach einer langen Reise findet der Parteikommissär Branzhinsky im Alpen-Reduit auf und erkennt ihn sofort (vgl. IW 105). Er möchte seinen Auftrag ausführen und den Oberst festnehmen, aber
Branzhinsky öffnete den Mund, und [er] erhielt einen gewaltigen Stoss versetzt, sein Wille drückte erst [ihm] die Waffe aus der Hand, dann der Pionierin und dem welschen Soldaten. Die Revolver fielen mit laut-schepperndem Getöse auf den steinernen Boden, und Branzhinsky schloss den Mund. […] [Er] bewegte sich aus der Schall-Umklammerung heraus, versuchte aber nicht, [seine] Pistole aufzuheben. (IW 108)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der utopischen Literatur ein und stellt die Forschungsfrage nach den Formen und Funktionen utopischer und dystopischer Elemente in Krachts Roman.
2. Utopie – kurze Begriffs- und Literaturgeschichte: Dieses Kapitel liefert die theoretischen Grundlagen durch eine Definition der Begriffe Utopie und Dystopie sowie einen kurzen Abriss zur Gattungsgeschichte.
3. Utopische Elemente im Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“: Der Hauptteil analysiert spezifische Figuren, fiktionale und reale Utopieprojekte sowie intertextuelle Anspielungen auf dystopische Fiktionen innerhalb des Romans.
4. Erzähltextanalyse: Hier werden die formale Gliederung, der Handlungsort sowie die Erzählweise nach Martinez/Scheffel untersucht, um die narrative Einbettung der Thematik zu verstehen.
5. Formen und Funktionen des utopischen und dystopischen Diskurses im Roman – Zusammenfassung der Ergebnisse: Das Fazit fasst die Analyseergebnisse zusammen und deutet die Wirkung des Romans als komplexe, fesselnde und verstörende retrofuturistische Fantasie.
Schlüsselwörter
Utopie, Dystopie, Christian Kracht, Sonnenschein-Roman, Literaturgeschichte, Science-Fiction, Erzähltextanalyse, Kontrafaktische Geschichte, Posthumanismus, Schweizer Sowjetrepublik, Rauchsprache, Intertextualität, Literaturwissenschaft, Moderne, Gesellschaftskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Gestaltung und Wirkung utopischer und dystopischer Elemente in Christian Krachts Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Begriffsgeschichte der Utopie, die Analyse literarischer Utopieentwürfe, der Einfluss von Krieg auf die Gesellschaft sowie die erzähltechnische Umsetzung in einem kontrafaktischen Setting.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die unterschiedlichen utopischen Elemente im Roman in ihrer Form zu erläutern und ihre Funktion sowie ihre Wirkung im Hinblick auf das Spannungsfeld zwischen Utopie und Dystopie herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert literaturwissenschaftliche Begriffsanalysen mit einer detaillierten Erzähltextanalyse nach dem Modell von Martinez/Scheffel.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung utopischer Figuren, fiktionaler und realer Utopieprojekte, dystopischer Fiktionen sowie in eine formal-analytische Untersuchung des Romans.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Utopie, Dystopie, Kontrafaktische Geschichte, Erzähltechnik und der spezifische literarische Stil Christian Krachts.
Welche Rolle spielt die „Rauchsprache“ im Roman?
Die Rauchsprache wird als ein fiktionales utopisches Projekt analysiert, das als „Sprache der Weisen“ direkt aus dem Inneren des Menschen kommt und im Kontext der Kriegsthematik eine zentrale Rolle spielt.
Wie verändert sich die Erzählerperspektive im Verlauf des Buches?
Die Arbeit stellt fest, dass die interne Fokalisierung des namenlosen Ich-Erzählers im 13. Kapitel in eine auktoriale, nullfokalisierte Perspektive wechselt, um einen bewussten erzählerischen Bruch zu markieren.
Warum wird der Roman als „retrofuturistische Fantasie“ bezeichnet?
Der Begriff bezieht sich auf die Mischung aus historischen Elementen, alternativer Geschichtsschreibung und technologischen Zukunftsvisionen, die Kracht in seinem Roman zu einer verstörenden Weltvorstellung verknüpft.
- Citar trabajo
- Julia Löwe (Autor), 2014, Formen und Funktionen des utopischen und dystopischen Diskurses in Christian Krachts Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300738