Eine kritische Betrachtung der utilitaristischen Moraltheorie und des Glücksprinzips von John Stuart Mill


Hausarbeit, 2012

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was heißt Utilitarismus?
2.1. Das Glücksprinzip
2.2. Das Moralprinzip

3. Einwände gegen die Glückstheorie - Das Überforderungsproblem
3.1. Mills Ansprüche an die Menschen
3.2. Die Unparteilichkeit als Problem

4. Einwand gegen Mills Moralsprinzip - Die Integrität der Individuen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

John Stuart Mill war ein bedeutender Vertreter des Utilitarismus1. In seinem Werk "Der Utilitarismus" erläutert er seine Auffassung der utilitaristischen Moraltheorie, verteidigt sie gegenüber Kritikern und versucht ihren Beweis darzustellen. In dieser Arbeit möchte ich Bezug auf sein zweites Kapitel "Was heißt Utilitarismus?" nehmen. Der Utilitarismus hat die Nutzenmaximierung zum Ziel. Mill ist nicht Neubegründer dieser philosophischen Richtung. Er folgt damit seinem direkten Vorreiter Bentham2. Er verteidigt die utilitaristische Grundidee gegenüber Einwänden und entwirft neue Aspekte, die bedeutsam für die heutige Auffassung der utilitaristischen Moraltheorie sind. Mill stellt im zweiten Kapitel von "Der Utilitarismus" seine Moraltheorie dar und bezieht Stellung zu bereits voran gegangener Kritik. Die Moraltheorie und ihr auf Glück basierendes Prinzip sind eng miteinander verknüpft und die Abgrenzung daher nicht immer deutlich zu ziehen. Jedoch halte ich diese Abgrenzung für wichtig, da beide in ihrer Funktion unterschiedlich zu bewerten sind.

Um den Inhalt Mills utilitaristischer Theorie zu verdeutlichen möchte ich demnach zunächst das Glücksprinzip versuchen darzustellen, das den Kern seiner Moraltheorie bildet um anschließend mit einer Darstellung der Moraltheorie fortzufahren. Während dieser Darstellungen möchte ich problematische Stellen bereits kritisch betrachten, da sie Probleme aufwerfen und Fragen hinterlassen. Im den Kapiteln 3 und 4 möchte ich spezielle Punkte aufgreifen, die im Rahmen dieser Arbeit noch einmal ausführlicher behandelt werden sollen. Diese Kritikpunkte drehen sich zunächst um das Erreichen der Nutzenmaximierung, bei der Probleme der Klassifizierung des Glücks und ihrer Umsetzung deutlich werden. Mill stellt mit seiner Moral hohe Ansprüche an die Menschen, von denen vor allem die Bewertung der Art des Glücks und der Anspruch einer unparteiischen Bewertung behandelt werden. Diese im Glücksprinzip auftretenden Probleme stehen im Zusammenhang mit der Frage nach der Integrität der Individuen, was im Anschluss diskutiert wird. Abschließend möchte ich mich kritisch, in Anbetracht der hier diskutierten Probleme, zu Mills Utilitarismus und seiner Umsetzbarkeit äußern.

Die folgenden von Mill stammenden Zitate werden in der deutschen Übersetzung von Dieter Birnbacher wieder gegeben. Es ist hierbei zu beachten, dass die Begriffe "Nutzen", "Lust" und "Glück" von mir, wie auch im englischen Original von Mill selbst, synonym benutzt werden.

2. Was heißt Utilitarismus?

2.1. Das Glücksprinzip

Glück ist ein sehr vielschichtiger Begriff, der im Allgemeinen häufig zum Beispiel als die Erfüllung von Wünschen oder einer günstigen Fügung des Schicksals verstanden wird. Es ist allerdings zu beachten, dass "Glück" hier ein "Terminus technicus ist und keine exakte Paraphrasierung unseres alltagssprachlichen Glücksbegriffs"3 ist und deshalb einer besonderen Beleuchtung bedarf. Im Verlauf des zweiten Kapitels erläutert Mill die Begriffe "Glück" und "Unglück: "Unter 'Glück' ist dabei Lust und das Freisein von Unlust, unter 'Unglück' Unlust und das Fehlen von Lust verstanden."4

Folgt man der von Mill vorgegebenen Lebensauffassung sollen die Handlungen der Menschen an sich Lust erzeugen oder zur Beförderung von Lust dienen. Lust und das Freisein von Unlust seien als "Endzweck"5 wünschenswert. Bemerkenswert ist hier, dass Mills Anspruch nicht nur auf das Erlangen von Lust hinzielt, sondern, dass auch bereits das Fernhalten von Unlust dem Moralprinzip genügt, was später noch näher beleuchtet wird.

Dass die Lust im Zentrum von Mills Glücksprinzip und damit seiner Moral steht, führt zu der Kritik seiner Gegner, dass diese Moralphilosophie nur für Schweine würdig wäre. Mill entgegnet diesem Vorwurf mit der gleichen Antwort, wie es nach seinen eigenen Aussagen schon die Epikureer getan hätten und er erwidert, dass dies bedeuten würde: "dass Menschen keiner anderen Lust fähig sind als der, deren auch Schweine fähig sind."6 Wäre dies der Fall, dürfte man dies nicht als Beleidigung empfinden und da tierische Empfindungen denen der Menschen nicht gerecht würden, wäre der Vorwurf der Kritiker hinfällig. Zu diesen höheren Empfindungen zählt Mill die "Freuden des Verstandes, der Empfindung und Vorstellungskraft sowie des sittlichen Gefühls"7 und stellt diese über die bloß sinnlichen Empfindungen. Diese Abgrenzung zwischen sinnlichen und geistigen Freuden ist problematisch, da geistige Freuden, wie zum Beispiel der Besuch einer Oper mit sinnlichen Freuden, in diesem Fall dem Hören, einhergehen. "Bei der Unterscheidung zwischen bloß sinnlichen und bloß geistigen Lüsten handelt es sich um künstliche Abstraktion."8 Hier lässt sich eine Abgrenzung zu seinem Vorreiter Bentham erkennen, auf die er zwar aufbaut, sie aber auch scharf kritisiert.9

Anschließend räumt er selbst ein, dass sich die vorigen Autoren, die den Utilitarismus vertreten haben, diese höheren Freuden zwar nicht außer Acht gelassen, sie aber nicht ihren qualitativen Wert berücksichtigt hätten.

Mill unterscheidet deutlich, dass es einen Unterschied zwischen qualitativ hochwertigen und lediglich quantitativ hochwertigen Freuden gibt, wobei die qualitativen zu bevorzugen sind. "Von zwei Freuden ist diejenige wünschenswerter, die von allen oder nahezu allen, die beide erfahren haben - ungeachtet des Gefühls, eine von beiden aus moralischen Gründen vorziehen zu müssen -, entschieden bevorzugt wird."10 In diesem Zitat finden wir verschiedene Bedingungen, die erfüllt sein müssen, um ein zuverlässiges Urteil darüber abgeben zu können, welcher Freude man, möchte man eine unter Zweien auswählen, den Vorzug geben sollte. Die erste Bedingung erfordert, dass man sich der Meinung der Gesamtheit oder, wenn es diese nicht gibt, der Mehrheit anschließen sollte. Die zweite Bedingung besagt, dass die, im späteren Verlauf genannten "Richter", beide Freuden erfahren haben müssen. Die dritte Bedingung fordert, dass die Entscheidung der Richter nicht unter Berücksichtigung moralischer Aspekte getroffen werden darf. Würde diese Wahl immer noch getroffen werden, wenn man durch sie sogar größere Unzufriedenheit auf uns nehmen müssten, so hätte man, unter Berücksichtigung der oben genannten Bedingungen, die qualitativ hochwertigere und somit richtige Wahl im Sinne Mills getroffen.

Mill stellt es im Folgenden als "unbestreitbare Tatsache"11 dar, dass die Richter, die beide Freuden kennen, sich immer für die entscheiden müssten, an der auch die höheren Fähigkeiten des Menschen beteiligt sind, es sei denn, sie befinden sich im größten Unglück, bei dem sie sich ein anderes Schicksal wünschen würden. Als Gründe für diese Wahl nennt er den Stolz des Menschen, seine Freiheitsliebe und Streben nach Unabhängigkeit und, als die am ausschlaggebendste Eigenschaft, das Gefühl der Würde, welches in ungefähren Verhältnis zu den höheren Fähigkeiten ausgeprägt sei.

Um die Bevorzugung der höheren Fähigkeiten nicht als Opfer der niederen Anlagen und damit des Glücks wirken zu lassen, unterscheidet Mill zwischen Glück und Zufriedenheit. Er erläutert, dass Wesen mit geringeren Fähigkeiten zwar bessere Aussichten haben zufrieden gestellt zu sein, dass sie aber nicht von den Wesen mit höheren Fähigkeiten nicht beneidet werden würden, da sie auch den höheren Freuden zugänglich seien. Mills Ansicht nach ist es "besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr"12 zu sein.

Er teilt hier die Menschen in zwei verschiedene Klassen. Die Wesen mit niedrigeren und höheren Fähigkeiten, wobei nur die zweite Klasse überhaupt einen Zugang zu Mills Moralphilosophie finden kann, da nur sie dem wahren Glück nach streben bräuchten, denn nur sie können sich die Vollkommenheiten vorstellen. Diese Fähigkeiten soll man nach Mill pflegen, denn durch, wenn auch unbewusste, Charakterschwäche, durch mangelnde Zeit und Gelegenheit können diese absterben: "Die Fähigkeit, edlere Gefühle zu empfinden, ist ein den meisten Naturen eine äußerst zarte Pflanze, die nicht nur an widrigen Einflüssen, sondern schon an mangelnder Pflege zugrunde gehen kann;"13

Es ist darauf hinzuweisen, dass Mill während seinen Erläuterungen häufig zwischen zwei Glücksoder Nutzenbegriffen schwankt, die sich auf einen "engen" Glücksbegriff, der psychische Lust beinhaltet und einen "weiten" Glücksbegriff, der über die psychischen Wünsche hinausgeht.14 Diese Unterscheidung sollte berücksichtigt werden, um die Tragweite des Begriffs zu verdeutlichen und Missverständnisse zu vermeiden.

2.2. Das Moralprinzip

Zu Beginn des zweiten Kapitels "Was heißt Utilitarismus?" stellt Mill das Prinzip des größten Glücks auf, welches die Grundlage seiner utilitaristischen Moral darstellt. Dieses Prinzip bezieht sich auf die menschlichen Handlungen, die grundlegend für seine Moraltheorie sind, welches besagt, "dass Handlungen insoweit und in dem Maße moralisch richtig sind, als sie die Tendenz haben, Glück zu befördern, und insoweit moralisch falsch, als sie die Tendenz haben, das Gegenteil von Glück zu bewirken.15

Bei diesem Prinzip fällt auf, dass es auf zwei Ebenen wirken soll. Zunächst stellt Mill dar, welche Handlungen nach seinem Utilitarismus richtig und falsch sind. Auf dem zweiten Blick handelt es sich auch um ein Proportionalitätsprinzip, da das Maß der Glücksbeförderung ausschlaggebend für den moralischen Wert ist.16

Mill geht im großen Umfang auf die Art des Glücks ein, die nach dem Utilitarismus erstrebt werden soll. Hier unterscheidet er die niedrigeren von höheren Fähigkeiten der Menschen, wobei sie den letzteren der beiden nachgehen sollen. Dies fördert zunächst nur das Glück einzelner Individuen.

Doch "die Norm des Utilitarismus ist nicht das größte Glück des Handelnden selbst, sondern das größte Glück insgesamt;"17 Obwohl er einen großen Teil des zweiten Kapitels der Glücksbeförderung des Einzelnen widmet, erklärt Mill, dass auch wenn der Einzelne kein Glück erfährt, die anderen Menschen Glück durch seinen edlen Charakter erfahren können und er wiederum durch den Edelmut anderer einen Vorteil erlangen kann. Deshalb fordert Mill, "die allgemeine Ausbildung und Pflege eines edlen Charakters..."18, welche notwendig für die Umsetzung seines Utilitarismus seien.

Aus seinen vorigen Bedingungen, die zum Utilitarismus führen sollen stellt Mill dann die Norm der Moral auf, die er definiert, "als die Gesamtheit der Handlungsregeln und Handlungsvorschriften, durch deren Befolgung ein Leben der angegebenen Art für die gesamte Menschheit im größtmöglichen Umfang erreichbar ist; und nicht nur für sie, sondern soweit es die Umstände erlauben, für die gesamte fühlende Natur."19

Mill versucht im weiteren Verlauf mögliche Kritik an seiner Moraltheorie zu zerschlagen, indem er noch einmal erwähnt, dass seine Moraltheorie nicht nur darauf abziele Glück zu befördern, sondern auch Leid zu vermeiden und dass deshalb der Einspruch nicht stichhaltig sei, dass Menschen kein Recht auf Glück hätten und auch nicht, dass man ohne Glück auskommen könne. Denn Glück, welches fortwährend andauert ist auch aus Mills Sicht unerreichbar. Glück aus Mills utilitaristischer Sicht soll bloß "einzelne Augenblicke des Überschwangs"20 verstanden werden. Folglich gibt Mill die Hauptbestandteile an, die so simpel klingen, wie sie für Mill notwendig sind. Ein Wechselspiel zwischen "Ruhe und Erregung"21, die immer den Wunsch nach dem anderen wecken, sollen laut Mill ein befriedigendes Leben herbeiführen, wobei Ruhe nicht in ein Laster und Erregung nicht in krankhafter Weise ausarten dürfen. Es wird nicht genau klar, inwieweit Mill dies auf die Beförderung von Glück bezieht. An früherer Stelle unterscheidet Mill noch klar zwischen Zufriedenheit und Glück und nun scheint er zu beschreiben, wie man ein zufriedenes Leben führen könne und scheint dabei doch Glück zu meinen.

Auch im weiteren Verlauf spricht Mill nicht von einem unglücklichen, sondern einem unbefriedigenden Leben und gibt Gründe dafür an, die zur Beförderung des Glücks notwendig wären. Zum einen nennt er hier "Egoismus" zum anderen "Mangel an geistiger Bildung"22

[...]


1 Lat. utilitas, Nutzen

2 Jeremy Bentham (1748 - 1832), englischer Philosoph und Freund des Vaters

3 Gesang, Eine Verteidigung des Utilitarismus, 2003, S. 27.

4 Ebd., S.25.

5 Ebd., S.25.

6 Ebd., S.25.

7 Ebd., S.27.

8 Wolf, John Stuart Mills "Utilitarismus", 1992, S.56.

9 Vgl. Garcia Pazos, Die Moralphilosophie John Stuart Mills. Utilitarismus, 2001, S.65 ff.

10 Mill, Der Utilitarismus, 2006, S.29

11 Ebd., S.29.

12 Ebd., S. 33

13 Ebd., S. 33 ff.

14 Vgl. Gesang, Eine Verteidigung des Utilitarismus, 2003, S. 32 f.

15 Mill, Der Utilitarismus, 2006, S.23.

16 Vgl. Wolf, John Stuart Mills "Utilitarismus" 1992, S. 46.

17 Mill, Der Utilitarismus, 2006, S. 37.

18 Ebd., S. 37.

19 Ebd., S. 39.

20 Ebd., S. 41.

21 Ebd., S. 43.

22 Ebd., S. 54 f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Eine kritische Betrachtung der utilitaristischen Moraltheorie und des Glücksprinzips von John Stuart Mill
Hochschule
Universität Kassel  (Philosophie)
Veranstaltung
Moraltheorien
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V300768
ISBN (eBook)
9783656970644
ISBN (Buch)
9783656970651
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Utilitarismus, Moral, Mill, Nützlichkeitsprinzip, Glück
Arbeit zitieren
Jana Schmidt (Autor), 2012, Eine kritische Betrachtung der utilitaristischen Moraltheorie und des Glücksprinzips von John Stuart Mill, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300768

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