Am 18. Januar 1871 hat die Gründung des Deutschen Reiches ihren symbolischen Abschluss in der Kaiserproklamation im Versailler Spiegelsaal gefunden. Im Rückblick erscheint die Herausbildung des deutschen Nationalstaats unter preußischer Suprematie infolge dreier geschlagener „Einigungskriege“ 1864, 1866 und 1870/71 als Ausfluss eines in linearen Bahnen verlaufenden, historisch zwangsläufigen und letztlich alternativlosen Unifikationsprozesses, welcher den jahrhundertelang andauernden Zustand territorialer Zersplitterung überwand. Ebenjene an ihrer Eindimensionalität krankende Perspektive läuft indes Gefahr, der tendenziösen „borussographischen“ Historiographie des Deutschen Kaiserreiches anheim zu fallen, welche Jacob Burkhardt zufolge den der Reichsgründung vorausgehenden Entwicklungen unter teleologischen Gesichtspunkten „einen siegesdeutschen Anstrich“ verliehen sowie 1871 als den Kumulationspunkt einer bei Martin Luther anfangenden „Heilsgeschichte“ glorifiziert habe. Auf diese Weise bildete die mit methodologisch fragwürdigen Standards operierende Geschichtsschreibung nach 1871 Teil einer politisch instrumentalisierten Erinnerungskultur.
Eine einseitig endogene Fixierung auf den ökonomischen, militärischen und politischen Aufstieg Preußens unter der Ägide des „weißen Revolutionärs“ Otto v. Bismarck, wird der Komplexität der Materie in keiner Weise gerecht, vermag sie doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Preußen-Deutschland zu Beginn der 1860er-Jahre nur eine von vielen Lösungsmöglichkeiten der „deutschen Frage“ darstellte. Noch gravierender ist die Außerachtlassung der exogenen Rahmenbedingungen für die Reichsgründung, die in der außen- und geopolitischen Konstellation in Europa zu jener Zeit vorzufinden waren. Ein holistisches Bild des deutschen Einigungsprozesses lässt sich schlechterdings nicht losgelöst von dessen Einbettung in das europäische Großmächtesystem nachzeichnen, dessen Funktionsweise respektive Strukturprinzipien notwendigerweise ebenso integrale Bestandteile geschichtswissenschaftlicher Abhandlungen zu dieser Thematik konstituieren.
In Anbetracht des Zäsurcharakters der Reichsgründung von 1870/71 für die europäische Geschichte setzt sich diese Hausarbeit zum Ziel, schwerpunktmäßig den in den internationalen Beziehungen zu verortenden Ursachen für das Zustandekommen der Reichseinigung auf den Grund zu gehen und diese in ihrer komplexen Wechselwirkung zu den innerpreußischen bzw. innerdeutschen Bedingungsfaktoren zu ergründen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Forschungsstand
1.2 Gliederung
2. Das europäische Gleichgewichtssystem im 19. Jahrhundert
2.1 Entstehung und Strukturmerkmale
2.2 Akteure
2.3 Strukturwandel im Zeitraum 1815-1856
3. Die Ausgangslage um 1862/1863
3.1 Die innerdeutsche Situation
3.1.1 Deutsche Nationalbewegung
3.1.2 Preußischer Heeres- und Verfassungskonflikt und die Ernennung Bismarcks zum Ministerpräsident
3.1.3 Deutscher Dualismus
3.2 Die außenpolitische Situation
3.2.1 Französische Außenpolitik
3.2.2 Russische Außenpolitik
3.2.3 Britische Außenpolitik
4. Der Deutsche Krieg 1866
4.1 Von Düppel nach Königsgrätz
4.2 Der Deutsche Krieg und seine Folgen
5. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/1871
5.1 Der deutsch-französische Antagonismus 1866-1868
5.2 Die Hohenzollernkandidatur und der Krieg von 1870/71
6. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Ursachen der deutschen Reichsgründung 1870/1871 im Kontext der internationalen Beziehungen und analysiert dabei deren komplexe Wechselwirkung mit innerdeutschen bzw. innerpreußischen Faktoren.
- Analyse des europäischen Gleichgewichtssystems im 19. Jahrhundert
- Untersuchung der Ausgangslage und Machtkonstellationen um 1862/1863
- Rolle der preußischen Heeresreform und des Verfassungskonflikts
- Einfluss der Außenpolitik der europäischen Großmächte
- Bedeutung der Einigungskriege (1864, 1866, 1870/71) für den Unifikationsprozess
Auszug aus dem Buch
3. Die Ausgangslage um 1862/1863
Nachdem sich Preußen mit seinen Erfurter Unionsplänen 1850 nicht gegen den Widerstand Österreichs und Russland durchsetzen konnte, schien eine deutsche Einigung unter preußischer Ägide in weite Ferne gerückt. Nach der Schmach von Olmütz bekam der Hohenzollernstaat auf dem Pariser Kongress 1856 seine Grenzen ein weiteres Mal schmerzhaft aufgezeigt, als es unter demütigenden Umständen verspätet zu den Friedensverhandlungen zugelassen wurde und de facto seinen Großmachtstatus einbüßte. Nichtsdestotrotz relativiert sich dieses düstere Bild, wenn man die dynamischen Entwicklungen der innerdeutschen und außenpolitischen Verhältnisse im Zeitraum von 1856 bis 1862/1863 einer genaueren Untersuchung unterzieht.
3.1 Die innerdeutsche Situation
3.1.1 Deutsche Nationalbewegung
Nach dem Scheitern der Deutschen Revolution von 1848/49 machte sich Ernüchterung und Ratlosigkeit unter den Anhängern der Nationalbewegung breit. Die sich nach mehr als dreißigjähriger Unterdrückung ergebende Chance zur Bildung eines zentralistisch-liberalen Nationalstaates war ungenutzt geblieben.
Dem Sieg der Konterrevolution folgte ab 1851 eine Reaktionsphase im Deutschen Bund ein, in welcher die revolutionären Errungenschaften auf einzelstaatlicher Ebene getilgt, das Vereins- und Pressewesen eingeschränkt, und führende Märzrevolutionäre zur Flucht gezwungen wurden. Während Österreich zum (Neo-)Absolutismus zurückkehrte, wurde die oktroyierte Preußische Verfassung von 1848 in revidierter Form beibehalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Zäsur der Reichsgründung und stellt die Forschungsfrage nach den internationalen Ursachen sowie der Einbettung Preußens in das europäische Mächtesystem.
2. Das europäische Gleichgewichtssystem im 19. Jahrhundert: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung und die Strukturprinzipien der europäischen Friedensordnung nach 1815 sowie die zentrale Rolle der Pentarchiemächte.
3. Die Ausgangslage um 1862/1863: Der Fokus liegt hier auf den innerdeutschen und außenpolitischen Rahmenbedingungen, insbesondere dem Heereskonflikt und der preußisch-österreichischen Rivalität.
4. Der Deutsche Krieg 1866: Das Kapitel analysiert den Weg zum preußisch-österreichischen Krieg, dessen Verlauf und die daraus resultierenden machtpolitischen Verschiebungen in Mitteleuropa.
5. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/1871: Hier werden die Ursachen des Antagonismus, die diplomatischen Verwicklungen der Hohenzollernkandidatur und der Ausbruch des Krieges dargelegt.
6. Resümee: Das Resümee fasst die Erkenntnisse zusammen und betont, dass der Einigungsprozess kein zwangsläufiger Pfad war, sondern von Akteuren und Imponderabilien geformt wurde.
Schlüsselwörter
Reichsgründung, 1871, Otto von Bismarck, Preußen, Deutsches Kaiserreich, europäisches Mächtegleichgewicht, Einigungskriege, deutscher Dualismus, Außenpolitik, Nationalstaat, Heeresreform, Restauration, Wiener Kongress, Realpolitik, Großmacht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Entstehung des Deutschen Reiches im Zeitraum um 1862 bis 1871 unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Beziehungen und des europäischen Mächtegleichgewichts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Rolle Preußens im 19. Jahrhundert, der preußisch-österreichische Dualismus, der Einfluss der europäischen Großmächte (Großbritannien, Russland, Frankreich, Österreich) sowie die innenpolitischen Entwicklungen Preußens, etwa der Heereskonflikt.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Ursachen der deutschen Einigung nicht nur als innerdeutschen Prozess zu sehen, sondern deren komplexe Wechselwirkung mit den internationalen Bedingungen und diplomatischen Taktiken Bismarcks aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es handelt sich um eine geschichtswissenschaftliche Untersuchung, die primär auf einer Analyse zeitgenössischer Quellen, historischer Sekundärliteratur und einer kritischen Auseinandersetzung mit verschiedenen historiographischen Denkschulen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der europäischen Gleichgewichtsordnung, der Ausgangslage in den 1860er Jahren, den ereignisgeschichtlichen Verlauf des Deutschen Krieges 1866 sowie den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Machtgleichgewicht, preußische Vorherrschaft, Realpolitik, Diplomatiegeschichte, Unifikationsprozess und internationale Großmachtkonstellationen.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Otto von Bismarck?
Bismarck wird nicht als bloßer Vollstrecker eines Masterplans dargestellt, sondern als agierender Realpolitiker, dessen Handeln stark von innenpolitischen Sachzwängen sowie internationalen Imponderabilien und Risiken geprägt war.
Warum kam es nach Ansicht des Autors zu keiner Intervention der europäischen Großmächte gegen Preußen?
Der Autor argumentiert, dass die europäische Ordnung durch das Zerbrechen des Konzertgedankens geschwächt war und die Großmächte aufgrund eigener Interessen oder Fehlkalkulationen nicht einheitlich gegen Preußen vorgingen.
- Citation du texte
- Constantin Wacker (Auteur), 2014, Die deutsche Reichsgründung 1870/1871 und das europäische Mächtegleichgewicht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300799