"Die Wolke". Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur und ihre mediale Umsetzung.


Essay, 2011

8 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Anfangsszene

Der ABC-Alarm und das Chaos

Die Flucht vor der Wolke

Quellen

Einleitung

In der Diskussion um Kinder- und Jugendliteratur und ihre mediale Umsetzung wird häufig kritisiert, dass sich die Handlung in Filmen zu stark von der Handlung im Buch entfernt. Mitunter werden dabei ganze Handlungsstränge verändert, Themenschwerpunkte anders gesetzt oder Probleme zugunsten einer Öffnung für das breite Publikum ausgeblendet oder verharmlost. Ob dieser Prozess – zumindest teilweise – auch auf Gregor Schnitzlers Verfilmung von Gudrun Pausewangs Beststeller ‚Die Wolke‘ zutrifft, soll im folgenden Essay analysiert werden. Dazu werden exemplarisch einige Ausschnitte aus dem Buch Szenen aus dem Film gegenübergestellt, um sie näher zu untersuchen.

Die Anfangsszene

Das erste Kapitel des Buches (S. 9) beginnt mit einer kurzen zeitlichen Einordnung (ein schöner, windiger Freitagmorgen im Mai) und der Erwähnung der Hauptfigur der Geschichte, der 14-jährigen Janna-Berta, die im Film den Namen Hanna trägt. Im Anschluss daran wird direkt das zentrale Geschehnis des Buches, der atomare Zwischenfall im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld, eingeführt („Plötzlich heulten die Sirenen.“ S. 9). Janna-Berta befindet sich zu diesem Zeitpunkt in der Schule, wo sie im Unterricht sitzt.

Ausgelöst durch den Alarm, der zunächst für einen Übung gehalten wird, beginnt das Chaos. Durch den allwissenden Erzähler werden neben dem atomaren Unfall und Janna-Bertas Versuch ihr Zuhause zu erreichen, die familiären Verhältnisse in Janna-Bertas Familie erklärt: Im Buch hat Janna-Berta einen Vater, den seine Mutter zu einem Kongress nach Schweinfurt begleitet, sowie Großeltern (S. 23), die im gleichen Haus wie Janna-Berta wohnen. Die Großeltern und der Vater werden im Film nicht erwähnt. Vielmehr scheint hier im Vergleich zum Buch, das 1987 veröffentlicht wurde, ein moderneres Bild von Familie gezeichnet worden zu sein, indem Hannas Mutter Paula alleinerziehend und berufstätig ist (Min. 15:45). Die Macher des Films verweisen in einem Kommentar auf der DVD explizit darauf, das im Film der Versuch gemacht wurde, die Geschehnisse aus dem Buch, die bei Erscheinung des Films fast 20 Jahre zurücklagen, auf die heutige Zeit zu projizieren, auch um damit deutlich zu machen, dass ein derartiger Super-GAU heute ebenso denkbar ist wie 20 Jahre zuvor.

In der Szene, wo sich Hanna für die Schule fertig macht und die Mutter zu einer Tagung nach Schweinfurt aufbrechen will, bittet sie Hanna sich um Ulli zu kümmern. Hanna zeigt sich jedoch zunächst wenig kooperativ, woraufhin ihre Mutter eben gegen ein tradiertes, autoritäres Eltern- bzw. Mutterbild wettert: „Zwing mich nicht dazu, mich wie eine spießige Mutter aufzuführen!“, worauf Hanna entgegnet, dass es nicht ihr Problem sei, dass Paula sich zwei Kinder hat andrehen lassen und in dem kleinen Ort Schlitz geblieben ist. Sei selbst wolle nicht das Kindermädchen spielen, sondern ihre Privatsphäre haben. Trotz Streitereien funktioniert jedoch die Familie (Min. 17:50) und Hanna kommt dem Wunsch der Mutter nach, sich um ihren kleinen Bruder zu kümmern, solange die Mutter verreist ist.

Dies alles wird im Film im Vergleich zum Buch in einer bis zur Minute 20:40 andauernder Vorgeschichte dargestellt. So beginnt der Film wie ein US-amerikanischer Teenie-Film. Die erste Szene erzeugt einen idyllischen Eindruck, wenn Hanna und ihre Freundin Meike sich an einem schönen Spätsommermorgen (wohl eher nicht Mai wie im Buch) an einem See treffen, baden gehen und sich über ihre Zukunftspläne austauschen. Auch die Szene am Sportplatz (Min. 8:00), bei Elmar zuhause (Min 13:30) und in der Schulklasse (Min. 6:40) erzeugen nicht den Eindruck, als handele es sich bei ‚Die Wolke‘ um einen politischen Katastrophenfilm. Dennoch wird mit diesen drei Anfangskapiteln der Eindruck erweckt, Hanna lebt das Leben einer ganz gewöhnlichen 16-jährigen Jugendlichen. In diese Normalität hinein ereignet sich dann die Katastrophe.

Der wesentliche Unterschied zwischen Buch und Film deutet sich ebenfalls in der Anfangsszene des Films an. Hier wird bereits die Liebesgeschichte zwischen Hanna und Elmar thematisiert, die so im Buch nicht vorkommt – wenn überhaupt könnte man von einer sich anbahnenden Freundschaft zwischen Elmar und Janna-Berta sprechen. Im Film hilft Elmar Hanna, als diese im Unterricht eine Frage des Lehrers nicht beantworten kann (Min. 7:10), die beiden treffen in der Bibliothek zusammen (Min. 9:30), sie unterhalten sich am Pool von Elmars Elternhaus (Min. 13:50) und treffen im Fundus des Theaterraums zusammen, wo sie sich schließlich küssen. In die Kussszene hinein kommt es dann mit dem ABC-Alarm zu einem radikalen Wendepunkt in der Geschichte. Stand zuvor noch das unbeschwerte Teenager-Leben im Vordergrund, versinkt das Leben der Menschen nun im Chaos. Das Verhältnis zwischen Hanna und Elmar hat jedoch im weiteren Verlauf im Sinne einer Nebenhandlung stets eine Bedeutung, sodass die beiden immer wieder aufeinander treffen, sich suchen und schließlich im gleichen Schicksal zueinander finden.

Der ABC-Alarm und das Chaos

An den ABC-Alarm, der sowohl im Buch, als auch im Film zu einem Zeitpunkt eintritt, als sich Janna-Berta bzw. Hanna in der Schule befindet, schließt das Chaos an. Im Film wird diese Situation dramatisch dargestellt, auf den Fluren der Schule herrscht eine panische Stimmung und auf dem Pausenhof versuchen alle Menschen, irgendwie zu entkommen. An dieser Stelle trennen sich zunächst die Wege von Elmar und Hanna (Min. 24:00).

Die folgende Handlung ist in Buch und Film weitgehend identisch, jedoch wird im Buch auf politische und inhaltliche Einzelheiten eingegangen, die dem Super-Gau einen realistischeren Unterton verleihen. Im Film wird zwar in der Szene, in der Hanna mit ein paar älteren Schülern nach Schlitz fährt, auch ein Bezug zur Realität hergestellt (“Reaktor wird schon nicht geschmolzen sein, bei unseren Sicherheitsvorkehrungen.“ Min. 24:40) und Tschernobyl und Harrisburg werden genannt, insgesamt erhält der Leser des Buches allerdings weitaus mehr Informationen, wodurch deutlich wird, dass Pausewang anmahnt, dass bei Eintritt eines solchen Ereignisses nicht gesagt werde kann, es hätte vorher niemand vor einer derartigen Katastrophe gewarnt. Janna-Berta erinnert sich beispielsweise an den Begriff Super-GAU, der auch schon für den Reaktorunfall von Tschernobyl verwendet wurde (S. 11). Ebenfalls macht Pausewang auf die gesellschaftliche Diskussion um die Nutzung der Atomkraft aufmerksam: Oma Berta und Opa Hans-Georg seien der Ansicht gewesen, dass es ohne Atomkraft nicht gehe, diese zum modernen Leben gehöre wie Fernseher und Autos und ein Vorfall wie in Tschernobyl in Deutschland nicht passieren könne. Außerdem seien Demonstrationen gegen Atomkraftwerke sinnlos, diese seien etwas für Träumer. Oma Bertas Ansicht nach hätten ‚Die Grünen‘ keine Manieren (S. 12 ff.).

Ihre Eltern hingegen hätten sich in einer Bürgerinitiative engagiert, die sich jedoch, nachdem Tschernobyl weitgehend vergessen worden war, aufgelöst habe (S. 13).

Die Flucht vor der Wolke

Als Janna-Berta bzw. Hanna dann zuhause bei ihrem kleinen Bruder Ulli ankommt, ist der bereits damit beschäftigt, Essen für beide zuzubereiten. Diese Szene ist in Buch und Film mit kleinen Unterschieden im Detail gleich. Auch die Flucht mit dem Fahrrad wird ähnlich beschrieben. Jedoch erscheint die Beschreibung der Geschehnisse rund um Ulli und Janna-Berta im Buch drastischer, etwa als sich Janna-Berta an eine Demonstration gegen das AKW Biblis erinnert, von der ihr der Slogan ‚Und wenn eines Tages das große Sterben über die Menschen hereinbricht‘ in Erinnerung geblieben war. Hier thematisiert Pausewang erneut die Folgen einer nuklearen Katastrophe für die Menschen, die unter „Haarausfall, Blutungen und Wucherungen, […] Leukämie und unstillbarem Brechreiz“ litten (S. 35f.).

Für ein Buch, das sich vornehmlich an Kinder und Jugendliche richtet, wirkt Ullis Unfall auf den Leser ziemlich drastisch. Pausewang schreibt diesen Abschnitt (S. 39 f.) kurz und schmerzlos. In all dem Chaos spielt das Leben eines Kindes insbesondere für die Familie, die zuerst an der Unfallstelle eintrifft und Janna-Berta zur Vernunft ruft Ulli zurückzulassen und das eigene Leben zu retten, eine weniger große Rolle. Im Film wird dieses Bild ähnlich gezeichnet, der Einschnitt in Hannas Leben durch Ullis Tod wirkt zunächst als schwerwiegender Schock auf sie, schließlich begibt sie sich jedoch wie in Trance in die Hände der Familie und lässt sich mit in Richtung Bad Hersfeld nehmen, wo das scheinbar rettende Ziel der Bahnhof ist.

Dort angekommen wird in Buch und Film weiterhin ein Zustand absoluten Chaos‘ beschrieben, in dem sich die Familie, mit der Janna-Berta bzw. Hanna geflohen war, mit dem Zug absetzen kann. Janna-Berta bzw. Hanna bleibt jedoch zurück. Im Buch geht Janna-Berta zurück in Richtung des Rapsfeldes, in dem sie Ulli vermutet (S. 49), irrt eine Weile über Felder und Wege, findet sich jedoch nicht zurecht. Schließlich wird sie von einem Reisebus aufgelesen, der sie in einem anderen Ort, der weniger stark vom atomaren Unfall belastet ist, absetzt. Eine ältere Frau verwehrt Janna-Berta dort den Zugang zu ihrem Haus. An dieser Stelle fügt Pausewang erneut einen Bezug zur Realität ein, in dem sie einen Vergleich zu den Flüchtlingen Ende des zweiten Weltkrieges herstellt: „Es geht schon los mit den Flüchtlingen. Wie fünfundvierzig.“ (S. 55). Diese Szene endet schließlich damit, dass Janna-Berta sich in diesem Dorf zusammenbricht und zu weinen beginnt. Als sie wieder aufwacht, befindet sie sich in einem Krankenhaus (S. 56).

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
"Die Wolke". Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur und ihre mediale Umsetzung.
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur und ihre mediale Umsetzung
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
8
Katalognummer
V300869
ISBN (eBook)
9783656970101
ISBN (Buch)
9783656970118
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wolke, klassiker, kinder-, jugendliteratur, umsetzung
Arbeit zitieren
Jens Goldschmidt (Autor), 2011, "Die Wolke". Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur und ihre mediale Umsetzung., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300869

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Die Wolke". Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur und ihre mediale Umsetzung.



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden