Die Geschichte und besondere Lebensweise der hutterischen Kommunen


Hausarbeit, 2012

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entstehung der Hutterergemeinde

3. Grundsätze der Täufer und der Hutterer

4. Alltags- und Gemeindeleben

5. Güter- und Produktionsgemeinschaft

6. Erziehungs- und Bildungswesen

7. Die Hutterer in Nordamerika

8. Resümee

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zur Zeit der Reformation entstanden auch die deutlich radikaleren Täuferbewegungen. Für kurze Zeit konnten sie sogar ein eigenes Reich, nämlich das Täuferreich von Münster, ihr eigen nennen. Eine dieser Täuferbewegungen waren die Hutterer, die vornehmlich aus der Schweiz und Tirol kamen und sich in Mähren niederließen. Für fast hundert Jahre stellten sie dort einen gewichtigen Wirtschaftsfaktor dar, auf den kein Landesherr gerne verzichten wollte. Obwohl sie ein Teil der Täuferbewegung waren und damit religiösen Ursprungs, verfügten sie über ausgeprägte soziale, wirtschaftliche und politische Aspekte. So stellte das Leben der Hutterer in der Gütergemeinschaft für viele verarmte Angehörige des Handwerker- und Bauernstandes, unabhängig ihrer religiösen Überzeugung, eine willkommene soziale Anlaufstelle dar. Auch aus diesem Grund wurden ebendiese weltlichen Aspekte zu den zentralen Inhalten. Daher soll die folgende Arbeit zeigen, dass die Gemeinschaft der Hutterer in erster Linie eine weltlich-soziale und erst in zweiter Linie eine religiöse Bewegung darstellte.

Zu diesem Zweck wird zunächst der historische Hintergrund erläutert. Die beiden ersten Kapitel gehen auf die Entstehung der Gemeinde der Hutterer sowie die theologischen und gesellschaftlichen Grundsätze dieser und der Täuferbewegung ein. Nur vor diesem Hintergrund sind die Erläuterungen der darauf folgenden Kapitel nachvollziehbar. In diesen wird jeweils die besondere Lebensweise der Hutterer in den unterschiedlichen Bereichen dargestellt. Das Leben in den Siedlungen zeichnete sich durch eine besonders konsequent umgesetzte Rückbesinnung auf die christliche Urgemeinde in Form einer allumfassenden Lebensgemeinschaft aus.

Das Prinzip einer umfassenden Lebensgemeinschaft schien so fest im Denken und Leben der Hutterer verankert zu sein, dass sie ihre besondere Lebensweise bis heute erhalten konnten und das trotz einer nahezu fünfhundertjährigen Entwicklung. Um das zu verdeutlichen, ist dieser Arbeit ein Kapitel hinzugefügt, welches einen Überblick über das heutige Leben der Hutterer bietet.

2. Die Entstehung der Hutterergemeinde

Zu Beginn der 1520er Jahre bildeten sich in Abgrenzung zu katholischer und lutherischer Kirche viele verschiedene Täuferbewegungen, besonders in der Schweiz, in Mittel- und Oberdeutschland, sowie im niederdeutschen Sprachraum. Diese bildeten sehr verschiedene theologische und soziale Profile aus und waren nicht immer von langer Dauer.[1] Das Gros ihrer Anhänger rekrutierte sich aus Bauern und Handwerkern. Was allerdings die meisten Täufer einte, war die Ablehnung des Klerus. Dieser sorgte unter anderem aufgrund seines weltlichen Lebensstils sowie seiner Machtfülle für Unruhe.[2]

Eine dieser Bewegungen unter Balthasar Hubmaier war vor der Verfolgung aus Tirol nach Nikolsburg (heute Mikulov) in Mähren geflohen. Der dortige Landesherr, Leonhard von Liechtenstein, hatte sich selbst der Wiedertaufe unterzogen.[3] Hubmaier und seine Anhänger, die „Schwertler“, vertraten die Ansicht, dass Kriege zur Verteidigung legitim seien. Im Gegensatz hierzu spaltete sich eine wenige hundert Menschen umfassende Gruppe, die „Stäbler“, unter Führung Jakob Wiedemanns ab. Sie verurteilten rigoros jegliche Gewaltanwendung. Im Frühjahr 1528 wurden die „Stäbler“ gezwungen, Nikolsburg zu verlassen und nach Austerlitz (heute Slavkov u Brna) umzuziehen. Der dortige Grundherr, Ulrich von Kaunitz, hatte die „Stäbler“ von Kriegsdienst und Türkensteuer befreit.[4] Diese Gruppe folgte spätestens seit diesem Zeitpunkt dem Prinzip der Gütergemeinschaft. In den nächsten beiden Jahren entstanden in der Region zwei weitere kommunitäre Gemeinschaften in der Region. Zwischen ihnen bestanden freundschaftliche Beziehungen und bald entwickelte sich ein Netzwerk gleichgesinnter Gemeinden heraus.

Im Jahre 1529 übernahm Jacob Hutter, ein Hutmacher aus Bruneck in Tirol, die Führung über die Tiroler Täufer. Bald darauf organisierte er mit den Glaubensbrüdern in Mähren die Auswanderung der Tiroler Täufer dorthin. Unter der Führung Hutters schritt der Vereinigungsprozess der täuferischen Gemeinden in Mähren in den Jahren 1531 bis 1533 auf Basis der Gütergemeinschaft dutlich voran. Nach dem Zusammenbruch des Täuferreiches von Münster setzte eine neue Verfolgungswelle gegen die Täufer ein. Auch die Hutterer waren schwer davon betroffen und mussten sich zwischenzeitlich in Wälder und Höhlen zurückziehen. 1536 wurde Hutter in Tirol gefangen genommen und in Innsbruck verbrannt.[5]

Hierauf übernahm Peter Riedemann, ein Schuster, die Führung über die Hutterer. Unter seiner Ägide konnte sich das Prinzip der Gütergemeinschaft nun voll entfalten und entwickelte sich weiter, zu einer allumfassenden Lebensgemeinschaft. In dieser Zeit wurden allerlei Verordnungen und Gebote geschaffen, die das tägliche Leben in fast allen Bereichen regelte.[6] Die Gütergemeinschaft entwickelte bei besonders verarmten und besitzlosen Menschen eine starke Anziehungskraft. Dies hatte einen starken Zustrom an Zuwanderern zur Folge. Allerdings bedeutete dies zugleich, dass Viele nicht aus religiöser Überzeugung, sondern vielmehr aus wirtschaftlicher und sozialer Not zu den Hutterern stießen. Bis zum Jahr 1548 waren ungefähr dreißig solcher kommunitären Siedlungen, die Bruderhöfe, entstanden.

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten konnten sich die Hutterergemeinden einen gewissen Wohlstand und eine sichere Stellung bei den mährischen Adeligen erarbeiten. Die wesentlichen Gründe hierfür waren die effiziente Produktionsorganisation und der permanente Zustrom auswärtiger Handwerker und damit auch neuer Produktionstechnologien. Im Wirtschaftsleben Mährens wurden sie somit geradezu unentbehrlich.[7] So wird der Zeitraum zwischen 1554 und 1565 als gute Zeit und die darauffolgenden 27 Jahre gar als goldene Zeit bezeichnet.

Erst 1622, nach dem Zusammenbruch des böhmischen Ständeaufstandes und dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges, wurden die Hutterer endgültig aus Mähren vertrieben. Nach langen Jahren des Umherwanderns mit Zwischenstationen in Ungarn und Russland wurden sie erst 1874 in Nordamerika wieder dauerhaft sesshaft und existieren dort bis heute.[8]

3. Grundsätze der Täufer und der Hutterer

Ein weiterer Unterschied bestand in der Sicht auf den Klerus. Schon vor der Reformationszeit wurde der Klerus dahingehend kritisiert, dass er den Menschen nicht mehr diene sondern Macht über sie ausübe. Zudem übte er weltliche Herrschaft aus, verlangte für kirchliche Dienstleistungen Geld und verstieß gegen das christliche Armutsgebot. Sexuelle Ausschweifungen der Kirchenväter waren nicht selten und wurden auf das Strengste von den Hutterern verurteilt. Die einzige Alternative bestand für die Täufer im Priestertum aller Gläubigen. Aus ihrer Sicht stand dieser Erneuerung des Priestertums nur der Klerus im Wege, woraus sich eine Beseitigung dieses Standes ergab und eine Beendigung der Herrschaft herbeigeführt werden musste. Auch die Praxis der Predigt wurde als autoritär kritisiert und sollte durch eine einfache Lesung der Heiligen Schrift ersetzt werden. So wurde der Antiklerikalismus zum zentralen Prinzip der Täuferbewegung.

Weitere Unterschiede lagen im Zelebrieren des Abendmahles sowie dem grundsätzlichen Gewaltverzicht und der Ablehnung aller öffentlichen Ämter und Gerichtsbarkeiten und der Ablehnung der Kindstaufe.[9] Außerdem lehnten sie jegliche Berufstätigkeiten ab, in welchen man sich nicht durch eigener Hände Arbeit versorgen konnte, sondern sich an der Arbeit Anderer bereicherte. So wurde z.B. der Beruf des Kaufmannes und jede Art von Wucher oder Zinswirtschaft geächtet. Die Hutterer gingen noch viel weiter und lehnten jeglichen Privatbesitz ab. Sie forderten die Rückbesinnung auf die christliche Urgemeinde, woraus das Leben in der Gütergemeinschaft folgte. Dies ergibt sich aus folgenden Versen der Apostelgeschichte: „Alle aber, die gläubig waren worden, waren beieinander, und hielten alle Dinge gemein.

[...]


[1] Vgl. Goertz, Hans-Jürgen: Radikalität der Reformation, Göttingen 2007, S. 344

[2] Vgl. Von Schlachta, Astrid: Gefahr oder Segen. Die Täufer in der politischen Kommunikation (= De Benedictis, Angela [et al]: Schriften zur politischen Kommunikation. Reihe des Internationalen Graduiertenkollegs "Politische Kommunikation von der Antike bis in das 20. Jahrhundert", Band 5), Göttingen 2009, S. 32ff..

[3] Vgl. Gross, Leonard: Jacob Huter. Ein christlicher Kommunist, in: Goertz, Hans-Jürgen (Hg.): Radikale Reformatoren. 21 biographische Skizzen von Thomas Müntzer bis Paracelsus, München 1978, S.137-146, S. 138.

[4] Vgl. Goertz 2007: Radikalität der Reformation, 347ff..

[5] Vgl. Gross 1978: Jacob Huter, S. 139ff..

[6] Vgl. Wurm, Shalom: Das Leben in historischen Kommunen, Köln 1977, S.15ff..

[7] Vgl. Goertz 2007: Radikalität der Reformation, 348f..

[8] Vgl. Seibt, Ferdinand: Die mährischen Hutterer im Rahmen der Reformation in Mitteleuropa, in: Bauer, Ingolf (Hg.): Die Hutterischen Täufer. Geschichtlicher Hintergrund und handwerkliche Leistung, Bolanden 1985, S.17-25, S.18.

[9] Vgl. Lutterbach, Hubertus: Der Weg in das Täuferreich von Münster. Ein Ringen um die heilige Stadt (= Angenendt, Arnold (Hg.): Geschichte des Bistums Münster, Band 3), Münster 2006, S.189ff..

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Geschichte und besondere Lebensweise der hutterischen Kommunen
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Veranstaltung
Das Martyrium in der frühen Neuzeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V300992
ISBN (eBook)
9783656978091
ISBN (Buch)
9783656978107
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschichte, lebensweise, kommunen
Arbeit zitieren
Sidney Sauer (Autor:in), 2012, Die Geschichte und besondere Lebensweise der hutterischen Kommunen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300992

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