"Denk nicht, sondern schau". Eine Analyse der Philosophiekonzeption Wittgensteins


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
34 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gibt es einen frühen und einen späten Wittgenstein?
2.1. Die Sprachkonzeption
2.2. Zusammenhang von Sprache und Philosophie
2.3. Veränderung der Denkweise?
2.4. Die strenge Lesart
2.5. Das Ziel der Philosophie
2.6. Sprache als Spiel

3. Realismus und Empirismus in der Philosophie
3.1. Empirismus
3.2. Realismus

4. Wittgenstein: Empirist, Verifikationist oder Antirealist?
4.1. Umsetzung der eigenen Konzeption

5. Realismus gleich Realismus?
5.1. Realismus in der Literatur
5.2. Verwendung des Begriffs „Realismus“ bei Wittgenstein
5.3. Wittgensteins Kritik an Ramsey

6. Die realistische Position
6.1. Die philosophische Brille
6.2. Kritik an Ramseys Regelbegriff

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

Primärwerke

Sekundärwerke

Sammelbände

Lexika

Internetquellen

1. Einleitung

Spricht man über Wittgenstein und seine Philosophie, so geht man oft davon auf, dass es in seinem Denken einen Bruch gab. Der „frühe Wittgenstein“ und der „späte Wittgenstein“ vertraten – so scheint es - zwei unterschiedliche Auffassungen dessen, was Philosophie ist und wie sie betrieben werden sollte. Neben den offensichtlichen stilistischen Differenzen, vor allem zwischen seinen Hauptwerken dem Tractatus logicus-philosophicus und den Philosophischen Untersuchungen, wird auch eine Differenz in der Denkweise des Autors behauptet und scheint auf den ersten Blick auch plausibel. In dieser Arbeit soll auf diese weitläufige Interpretation Wittgensteins eingegangen und dabei die These vertreten werden, dass es im Frühwerk und im Spätwerk weitaus mehr Kohärenz in Wittgensteins Denken gab, als man zunächst vermuten möchte. Dabei soll betrachtet werden inwieweit vor allem der letzte Satz des Tractatus wörtlich genommen werden kann und wie aus unterschiedlichen Interpretationen dieses letzten Satzes unterschiedliche Interpretation der gesamten Philosophie Wittgensteins folgen.

Gilt Ludwig Wittgenstein gemeinhin als Sprachphilosoph, so ist es Aufgabe dieser Arbeit ihn im gesamtphilosophischen Kontext darzustellen und dabei zu zeigen, dass eine Darstellung als reinen Sprachphilosophen den Arbeiten Wittgensteins nicht gerecht werden. Ausgehend von seiner Konzeption von Sprache, lässt sich eine Konzeption von Philosophie im allgemeinen entwerfen. Interessant dabei ist, dass immer wieder versucht wurde Wittgenstein einer philosophischen Tradition oder Denkrichtung zuzuordnen. Ich möchte allerdings die These vertreten, dass es gerade sein Verdienst ist, dass eine solche Zuordnung nicht möglich ist, da es sein Anliegen war, sich von bestimmten Denkrichtungen frei zu machen um die Dinge unverschleiert betrachten zu können. Für das Gelingen dieses Unterfangen sollen verschiedene Ansätze der Interpretation Wittgensteins dargestellt und auf Plausibilität untersucht werden. Zu Beginn soll die Frage stehen, ob es überhaupt einen frühen und einen späten Wittgenstein gab, um dies anhand seiner Sprach- und Philosophiekonzeption zu analysieren. Bevor der Interpretationsansatz Cora Diamonds genauer betrachtet werden soll, sollen die Begrifflichkeiten des Realismus und Empirismus als philosophische Strömungen dargestellt werden, um die Grundlage für Wittgensteins Kritik an Ramsey zu schaffen, in welcher Wittgenstein einem seiner wichtigsten Diskussionspartner einen falschen Ansatz bei der Analyse von Sprache vorwirft. Ausgehen von diesem Vorwurf soll Wittgensteins Ansicht zum Realismus und Empirismus in Orientierung an Cora Diamond betrachtet werden und dabei soll sich zeigen, dass seine Vorstellung von Philosophie in der Ablehnung ebensolcher Denkrichtungen liegt.

2. Gibt es einen frühen und einen späten Wittgenstein?

2.1. Die Sprachkonzeption

Oftmals wird in Bezug auf Wittgenstein von einem Wandel der Konzeption von Sprache und somit auch der Konzeption von Philosophie gesprochen. Während Wittgenstein in seiner alten Denkweise, die im Tractatus evident wird noch ein einheitliches Wesen der Sprache annimmt, welches unter der Erscheinungsoberfläche natürlicher Sprachen verborgen liegt, hat diese in seiner neueren Denkweise die Sprache kein einheitliches Wesen mehr.[1] Das Sprachmuster aufzudecken, so die Annahme vieler Interpreten, ist Aufgabe der Philosophie. Dies legt der Tractatus nahe. In den Philosophischen Untersuchungen heißt es dann:

„Wir erkennen, daß, was wir 'Satz', 'Sprache' nennen, nicht die formelle Einheit ist, die ich mir vorstelle, sondern die Familie mehr oder weniger mit einander verwandter Gebilde. [...]“[2]

Es geht ihm jetzt also nicht mehr um das Aufdecken von etwas, was hinter der Sprache vermeintlich verborgen liegt, sondern vielmehr um eine deskriptive Überprüfung und Übersicht der Sprache, wie sie im Alltag angewandt wird.[3] Dabei geht Wittgenstein in seinem späteren Werk auch explizit auf Gedanken aus seinem früheren Werk ein. Im Tractatus schreibt er:

„Wir benützen das sinnlich wahrnehmbare Zeichen (Laut- oder Schriftzeichen etc.) des Satzes als Projektion der möglichen Sachlage.

Die Projektionsmethode ist das Denken des Satz-Sinnes“[4]

Während Wittgenstein im Tractatus also noch dafür argumentiert, dass Sprecher und Hörer im Denken der Satzsinne, Äußerungen von der normalen Sprache quasi in in ihre „logische Analyse im Kalkül der Wahrheitsfunktionen“ übersetzen[5], zeigt sich in den Philosophischen Untersuchungen eine veränderte Auffassung von 'verstehen', welches noch im Tractatus vor allem als operativer Begriff verwendet wird, im Spätwerk allerdings thematische Bedeutung erlangt.[6]

„Wenn man über die Begriffe des Verstehens, Meinens und Denkens größere Klarheit gewonnen hat, […] wird es auch klar werden, was uns dazu verleiten kann (und mich auch verleitet hat) zu denken, daß, wer einen Satz ausspricht und ihn meint oder versteht, damit ein Kalkül betreibt nach bestimmten Regeln.“[7]

Während im, von Wittgenstein als unbewusst gedachten, Übersetzungsprozess, welcher im Tractatus angesprochen wird, Hörer und Sprecher den Sinn eines Satzes gleichermaßen übersetzen und somit verstehen, wird in der Konzeption der Philosophischen Untersuchungen durch die thematische Setzung der Begriffe des „Meinens“ und „Verstehens“ der Differenz zwischen Hörer- und Sprecherperspektive Rechnung getragen.[8] Dabei wird auch mit der Idee gebrochen, die das Frühwerk nahelegt, dass Sprache immer auf „ eine Weise funktioniere“[9]. Stattdessen geht der späte Wittgenstein davon aus, dass die Bedeutung von Sprache im Sprachspiel eingeübt werde und immer kontextabhängig sei. Dabei stellt er zwei Annahmen seines Frühwerks selbst in Frage: die Annahme, dass für das Funktionieren der Sprache eine absolute Bestimmtheit des Sinns erforderlich sei und, dass dem äußeren Gebrauch der Sprache stets ein innerer geistiger Vorgang zugrunde liege.[10]

Diese unterschiedlichen Auffassungen der Sprache führen dann auch, so die Annahme dieser Interpretation, zu unterschiedlichen Philosophiekonzeptionen und unterschiedlichen Formen des Philosophierens beim frühen und beim späten Wittgenstein.

2.2. Zusammenhang von Sprache und Philosophie

Mit der Veränderung der Betrachtung der Sprache geht auch ein veränderte Konzeption der Philosophie einher. Sowohl im Tracatus als auch in den Philosophischen Untersuchungen geht es Wittgenstein erst einmal darum philosophische Probleme aufzulösen.[11] Im Tractatus führt er die philosophischen Probleme auf ein „Mißverständnis der Logik unserer Sprache“ zurück.[12] Philosophie bedeutet für Wittgenstein hier „das Unsagbare bedeuten“, „indem sie das Sagbare klar darstellt“[13], weshalb eine Einschränkung des Sagbaren auf die Sätze der Naturwissenschaft notwendig sei.[14] Aber die Philosophie selbst ist keine Naturwissenschaft und soll „das Denkbare abgrenzen und damit das Undenkbare.“[15] Und davor heißt es explizit:

„Der Zweck der Philosophie ist die logische Klärung der Gedanken.

Die Philosophie ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit. Ein philosophisches Werk besteht wesentlich aus Erläuterungen. Das Resultat der Philosophie sind nicht „philosophische Sätze“, sondern das Klarwerden von Sätzen. [...]“[16]

Die Auffassung von Philosophie als Tätigkeit hat Wittgenstein auch in den Philosophischen Untersuchungen beibehalten und hier vielleicht sogar am konsequentesten beachtet und durchgeführt. Vor allem methodisch schlägt sich diese Auffassung nieder. Es gibt aber auch eine Veränderung der Auffassung: dem späten Wittgenstein geht um die Ausdehnung des sinnvollen Sprechens auf den Bereich der Lebenspraxis.[17] Dabei steht das Verstehen von Sprachspielen jetzt im Vordergrund und nicht mehr das Verstehen der Logik hinter den einzelnen Sätzen. Zwar wird auch hinter den Sprachspielen eine Praxis gesehen, die einer gewissen Logik nicht entbehrt, es geht jedoch hier vor allem um die Logik des Verstehens dieser intersubjektiven und kontextabhängigen Sprachpraxis. Dahinter steht die Annahme, dass Philosophie nicht nur der Nachweis eines Missverständnisses in der Sprachlogik sei, sondern darüber hinausgehe.[18] Durch die Einbettung in die Sprachpraxis sollte die Philosophie jetzt in der „Verzahnung von Logik und Leben“ stattfinden.[19] Ganz wichtig dabei ist es Sprache als Gegenstand der Philosophie immer im Kontext einer ganzen Kultur oder wie Wittgenstein es nennt, einer Lebensform zu betrachten.[20] Die Funktionsweise der Sprache und das Verstehen ebendieser findet bei dieser Konzeption von Philosophie in der natürlichen Umgebung der Sprache, also im Betrachten der Umgangs- oder Alltagssprache statt. Aus dieser Konzeption heraus entsteht auch der Begriff der „Sprachspiele“. Wichtig dabei ist, dass diesen Sprachspielen keine einheitliche Logik zugrunde liegt, sondern sozusagen fallweise verschiedene „Logiken“, welche durch das Betrachten der Alltagssprache geordnet werden sollen.[21] So äußert Wittgenstein in seinen Vorlesungen: „Was wir in der Philosophie herausfinden ist trivial; sie lehrt uns keine neuen Fakten – das tut die Wissenschaft. Doch der richtige Überblick über diese Trivialitäten ist enorm schwierig und ungeheuer wichtig.“[22] Die Tätigkeit der Betrachtung dieser Trivialität ist aber selbst nicht trivial, denn zu oft wird dabei der Kontext übersehen, was dazu führt, dass die Objekte der eigenen Kultur isoliert betrachtet werden.[23] Für Wittgenstein liegt also in der Sprache schon die Philosophie inbegriffen, wenn man nur richtig hinschaut. Dies erklärt auch die Betonung des Freimachens von philosophischer Voreingenommenheit, auf die im Verlauf dieser Arbeit noch ausführlich zu sprechen kommen sein wird. Während es bei Friedrich Nietzsche noch heißt, dass „eine philosophische Mythologie in der Sprache versteckt liegt“[24] und dies eher eine Idee bleibt, wird es bei Wittgenstein, versteht man „Mythologie der Sprache“ als die Betrachtung der Sprache als Alltagssprache, zur Haupttätigkeit des Philosophierens, diese Sprache zu ordnen.[25] Philosophie ist für Wittgenstein dreierlei: „1. Philosophie als okkasionelle Sprachanalyse im Dienst der Befreiung von typisch philosophischen Chimären. 2. Philosophie als Dauertherapie konfusionsanfälliger Sprachspiele und Georaphie der Sprachlandschaft und 3. Philosophie als Mobilisierung der Sehweise und Sensorium für tiefer Probleme“.[26] So bezeichnet Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen die Resultate traditionellen Philosophierens dann auch als „Täuschungen“, „Chimären“, „Krankheiten“ und dergleichen und so sagt er:

„Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen - „Wissen“, „Sein“, „Gegenstand“, „Ich“, „Satz“, „Name“ - und das Wesen des Dings zu erfassen trachten, muß man sich immer fragen: Wir denn dieses Wort in der Sprache, in der es seine Heimat hat, je tatsächlich gebraucht? Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück.“[27]

Nicht ein hinter den Worten stehender Sinn, nicht ein Verweis auf eine bestimmte festgelegte Bedeutung soll im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, sonder die Verwendung der Wörter im Sprachgebrauch, die Sprachspiele. Diese sind Dreh- und Angelpunkt der Betrachtung, denn sie sind „das Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist.“[28] Dies scheint die Auffassung welche im Tractatus nahe gelegt wird, als komplett verworfen darzustellen. Dort nimmt Wittgenstein an, die Sprache verkleide den Gedanken dadurch, dass in alltagssprachlichen Äußerungen die gleichen Wörter auf verschiedene Arten bezeichnen aber äußerlich der Eindruck entstünde, dass sie auf genau die gleiche Art und Weise angewandt würden, wodurch in der Umgangssprache fundamentale Verwechslungen entstünden.[29] Die Sprachspiele allerdings verkleiden nichts, sie legen im Gegenteil, bei genauer Betrachtung, sogar die Struktur des Gebrauchs sprachlicher Äußerungen offen und genau diese zu erkennen, ist Aufgabe der Philosophie.[30] Nimmt man aber das Postulat der Philosophie als Tätigkeit genauer unter die Lupe, ergibt sich eine andere mögliche Lesart der frühen Philosophie Wittgensteins, welche im Gegensatz zur oben erläuterten Auffassung des frühen Wittgensteins steht.

2.3. Veränderung der Denkweise?

Die Differenzen in der Interpretation vor allem Wittgensteins Frühwerk, des Tractatus, ergeben sich vor allem aus den Differenzen der Interpretation des letzten Satzes des Werks.

„Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.“[31]

Die Frage bei der Differenz des frühen und späten Wittgensteins ist, wie dieses Zitat aus dem Tractatus zu verstehen ist. Der Autor des Werkes, fordert uns als Leser*in dazu auf, nicht seine Sätze, sondern ihn zu verstehen. Es geht ihm also um eine andere Aussage, als allein die, die über seine Sätze übermittelt wurden. Es gibt verschiedene Lesarten dieses letzten Satzes des Tractatus, welche sich gegensätzlich gegenüberstehen. Versteht man den Satz so, dass man Wittgensteins Theorie aus dem Hauptteil des Werkes erfassen und dann auf das Werk anwenden solle, so wird man zu dem Ergebnis kommen, dass das Denken des frühen und des späten Wittgensteins Gegensätzliches postuliert. Denn im Hauptteil des Werkes steht eine Theorie, welche die Bedingungen angibt, unter denen Sätze einen Sinn haben und solche unter denen sie keinen Sinn haben, also ein logisches Fundament der Sprache, welches Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen aufgibt.[32] Liest man den Tractatus nach dieser Lesart, so gibt er eine hinreichende Menge an Kriterien nach denen Sätze Sinn machen oder nicht und der Autor hat sodann auch das Sagbare dargestellt.[33] Wendet man die Theorie nun aber in Anbetracht des abschließenden Satzes des Tractatus wieder auf die Sätze des Werks selbst an, so kommt man zu dem Urteil, dass die Sätze ihre eigenen Kriterien nicht erfüllen und somit unsinnig sind.[34]

2.4. Die strenge Lesart

Es bietet sich allerdings auch an den letzten Satz des Tractatus so zu lesen wie oben schon angedeutet, nämlich, dass der Autor des Werkes damit intendiert ihn zu verstehen und nicht die Sätze des Tractatus. Diese Lesart hätte bedeutend andere Folgen für die Philosophiekonzeption des frühen Wittgensteins (das Sprechen vom frühen und späten Wittgenstein ist dann eine Trennung die dann konsequenterweise auch aufgehoben werden muss). Insofern Wittgenstein selbst betont, dass Philosophie keine Lehre, sondern eine Tätigkeit ist[35] liegt es nahe, das Lesen des Werkes auch als Tätigkeit des Philosophierens zu betrachten und somit den Weg Wittgensteins mitzugehen, um am Ende zu der Erkenntnis zu kommen, dass die Sätze des Werkes unsinnig sind. Dies kann aber erst am Ende erkannt werden, da man die Möglichkeit des Wegwerfens der Leiter erst dadurch erkennt, dass man den Weg bis dahin mit geht. Oder in anderen Worten: wenn man begriffen hat, worum es geht, kann man den Weg hinter sich lassen. Diese Auffassung lässt sich dann auch mit dem Vergleichen, was Wittgenstein später in den Philosophischen Untersuchungen zum Ausdruck bringt: Philosophie bedeutet nicht von vorneherein eine Position einzunehmen, von vorneherein einen vorgeschriebenen Weg zu gehen, sondern diesen erst im Moment der Lösung des Problems hinter sich zu lassen. Liest man den letzten Satz als Aufforderung zur Anwendung der vermeintlichen Haupttheorie des Werkes, so trägt man der Auffassung Wittgensteins von Philosophie als Tätigkeit zu wenig Rechnung. Eine strenge Lesart[36] versucht zu vermeiden, sich von einer paradoxen Idee des Tractatus zu trennen, welche die gewöhnliche Lesart nahelegt, nämlich, dass „der Autor will, dass sein Leser die Sätze des Buches aus prinzipiellen Gründen als Unsinn zurückweisen; aber in dem Moment, wo die Leser sie zurückweisen, sollen sie immer noch Zugriff auf diese Gründe haben, indem sie weiterhin das erkennen, begreifen und glauben, was diese Sätze sagen würden.“[37] Während die gewöhnliche Lesart dieses Paradox als Anleitung dafür hält, wie man die metaphorische Leiter wegwirft, ist diese paradoxe Idee innerhalb der strengen Lesart selbst noch Teil der Leiter.[38] Daraus folgt: „wir sollen als Leser des Werkes in TLP 6.54 zu der Erkenntnis aufgefordert werden, dass die Zwischenstufen, in denen wir uns als Leser zu befinden scheinen (wenn es uns so vorkommt, als könnten wir das erkennen, begreifen und glauben, was diese Sätze vermitteln wollen), Aspekte der Illusion sind, die das Buch als Ganzes zum Einsturz bringen will – dass sie selbst noch Sprossen der Leiter sind, die wir hinaufsteigen und wegwerfen.[39]

2.5. Das Ziel der Philosophie

Passend zur Leiter-Metaphorik findet sich in den Philosophischen Untersuchungen dann der explizite Hinweis auf das Ziel der Philosophie:

„Was ist dein Ziel in der Philosophie? Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“[40]

Dieses Zitat ist kohärent mit dem letzten Satz des Tractatus. Auch hier findet sich wieder der Hinweis auf die Philosophie als Tätigkeit. Die Fliege wird nicht aus dem Fliegenglas befreit, sondern ihr wird der Ausweg gezeigt, sie wird mitgenommen auf dem Weg nach draußen und sie kann diesen Ausweg im Idealfall nachvollziehen. Warum aber formuliert Wittgenstein in der Fliegenglas-Metapher das Ziel der Philosophie metaphorisch und hält es so allgemein? Denn ein Befreien aus einem Fliegenglas kann auf vielen verschiedenen Wegen und Art und Weisen passieren. Genau das ist die Erklärung für die allgemein gehaltene Formulierung. Wittgenstein will sich loslösen von jeder Art Dogmatismus in der Philosophie. An dieser Stelle besteht ein tatsächlicher Unterschied zwischen dem frühen und dem späten Wittgenstein. Finden sich im Tractatus noch einige Momente „philosophischer Überhöhung“, indem Ausdrücke wie „alle“ „jeder“ „vollkommen“ und weitere mehr kursiv geschrieben sind und wird dadurch gezeigt mit welchem Grundgedanke der Autor an das Werk gegangen ist, so wird in den Philosophischen Untersuchungen das undogmatische Vorgehen zu einem der Dreh- und Angelpunkte des Werkes.[41] Er formuliert das Ziel der Philosophie so offen, weil es für ihn das Ziel nicht mehr gibt. Und auch die Stelle im Werk, an welcher das Ziel der Philosophie angesprochen wird ist von Bedeutung. Nicht nämlich, wie man vermuten könnte, zu Beginn des Werkes, als These, auf welche dann aufgebaut wird, sondern in der Mitte kommt Wittgenstein auf das Ziel der Philosophie zu sprechen, was zeigt, dass die Bewusstwerdung über das Ziel der Philosophie genauso einen Prozess, eine Tätigkeit darstellt, wie die Philosophie selbst.[42] Die Philosophieauffassung Wittgensteins bekommt hier eine pluralistische Dimension: es gibt nicht das eine Ziel, sondern es gibt Ziele und damit einhergehend gibt es auch nicht die eine richtige Methode, sondern Methoden. Diese „Ziele und Methoden bilden nicht mehr dadurch eine Einheit, dass sie Aspekte eines einzigen großen Problems sind, sondern dadurch, dass sie einer Familie angehören, deren Einheit sich aus der miteinander verwandten Familie von Problemen ergibt, die sie behandeln – eine Art der Einheit, zu der die Möglichkeit gehört, dass immer wieder bisher unbekannte Familienmitglieder auf die Bühne platzen, die jeweils von Neuem eine Stufe echter Innovation sowohl beim Ziel als auch bei der Methode verlangen.“[43] Hier wird abermals deutlich, wie eng Wittgensteins Konzeption von Philosophie mit seinem Denken zum Wesen der Sprache zusammenhängt.

2.6. Sprache als Spiel

Mit einer seiner entscheidenden Thesen zur Sprache in den Philosophischen Untersuchungen schlägt Wittgenstein eine analoge Richtung ein. Sprache wird verstanden durch das Einüben verschiedener Sprachspiele innerhalb bestimmter Lebensformen. Der Vergleich mit Spielen zeigt, dass es nicht das eine Spiel gibt, sondern ein „kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen.“[44]

„Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir „Spiele“ nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele u.s.w Was ist allen diesen gemeinsam? - Sag nicht: 'Es muss ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht 'Spiele' – sondern schau, ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. - denn, wenn du sie anschaust, wirst du zwar nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften sehen, und zwar eine ganze Reihe. […].“[45]

Der Umfang des Spielbegriffs ist also offen und dieser Vergleich soll uns von jeder statischen und dogmatischen Betrachtung der Sprache befreien,[46] was Wittgenstein zusammenfasst in seiner Maxime: „Denk nicht, sondern schau“[47] Genau, wie bei jeglicher Art von Spiel, ist die Sprache nicht überall von Regeln beschränkt, sondern hat auch Freiheiten. Das macht ein Spiel aus, auch wenn man dies auf den ersten Blick nicht als „vollkommenes Spiel“ bezeichnen wird[48], jedoch nur weil „wir vom Ideal geblendet [sind] und daher nicht deutlich die wirkliche Anwendung des Wortes 'Spiel' [sehen]“[49] Und genau wie das Spiel Freiheiten hat, hat auch die Sprache Freiheiten und ist nur über diese Freiheiten und durch den Zusammenhang mit dem ganzen Zeichensystem zu verstehen.[50] Dies zu sehen ist Aufgabe der Philosophie und kann nicht auf dogmatischem Weg passieren, da uns sonst die Sicht versperrt wird durch das was wir von vorneherein annehmen.

Diese Einstellung zur Philosophie schlägt sich auch in dem Zitat nieder, das Wittgenstein an Frank Plumpton Ramsey, einen seiner wichtigsten Diskussionspartner, richtete.

[...]


[1] Vgl.: Lange, Ernst Michael: Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen, Paderborn 1998, S.28.

[2] Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen, §108

[3] Vgl.: Lange, S.28.

[4] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus-logicus-philosophicus, 3.11

[5] Lange, S.24.

[6] Vgl.: ebd.

[7] PU, §81

[8] Vgl.: Lange, S.24.

[9] Vgl.: PU, §304

[10] Vgl.: Lange, S.26.

[11] Vgl.: ebd, S.29.

[12] Tractatus, Vorwort.

[13] Ebd., 4.115

[14] Vgl.: Wiggershausen, Rolf: Wittgenstein und Adorno. Zwei Spielarten modernen Philosophieren, Essen 2000, S.36.

[15] Tractatus, 4.114

[16] Tractatus, 4.112

[17] Vgl.: Wiggershausen, S.36.

[18] Vgl.: ebd., S.37.

[19] Ebd., S.39.

[20] Vgl.: ebd., S.40

[21] Vgl.: ebd. S.41f.

[22] Vgl.: ebd., S.47. Zitiert nach: Wittgenstein, Ludwig: Vorlesungen 1930 – 35.

[23] Vgl.: ebd. S.40.

[24] Nietzsche, Freidrich: Menschliches, Allzumenschliches, in: Schlechta, Karl (Hg.): Werke in drei Bänden, München 1966.

[25] Vgl.: Wiggershausen, S.43.

[26] Ich folge in der Darstellung dieser dreiteiligen Tätigkeit Wiggershausen, S.44.

[27] PU, §116.

[28] PU, §7.

[29] Vgl.: Wiggershausen, S.48.

[30] Vgl. ebd. S.49.

[31] Tractatus, 6.54.

[32] Vgl.: Conant, James: Wittgensteins spätere Kritik des Tractatus, in: Stekeler-Weithofer, Pirmin (Hg.): Deutsches Jahrbuch Philsophie, Band 3: Wittgenstein: Zu Philosophie und Wissenschaft, Hamburg 2012, S.39.

[33] Vgl.: ebd.

[34] Vgl.: ebd.

[35] Vgl.: Tractatus, 4.112

[36] Als „strenge Lesart“ soll von hier an jene Lesart bezeichnet werden, die den letzten Satz des Tractatus so auffasst, als dass dem Leser/der Leserin hier nahe gelegt wird, dass man solle den Autor selbst verstehen und nicht sein Sätze, also eine Lesart, die annimmt, der Autor sehe Philosophie als eine Tätigkeit. Und zwar als eine Tätigkeit des Erläuterns und nicht als eine Lehre. Den Begriff der „strengen Lesart“ benutze ich in Anlehnung an James Conant und Cora Diamond, welche im Englischen den Begriff „resolute reading“ verwendet.

[37] Conant, S.41. Vergleiche auch Diamond, Cora: The realistic spirit, Cambridge 1991, S.181f.

[38] Vgl.: ebd.

[39] Ebd. S.41f.

[40] PU, §309.

[41] Vgl.: Conant, S.58f.

[42] Vgl.: ebd. S.59.

[43] Ebd.

[44] PU, §66

[45] Ebd.

[46] Vgl.:Bezzel, Chris: Wittgenstein zur Einführung, Hamburg 1988, S.16.

[47] PU, §66

[48] PU, §100.

[49] Ebd.

[50] Vgl.: Bezzel, S.17.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
"Denk nicht, sondern schau". Eine Analyse der Philosophiekonzeption Wittgensteins
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
34
Katalognummer
V301154
ISBN (eBook)
9783656974444
ISBN (Buch)
9783656974451
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wittgenstein, Sprache, Philosophie, Philosophiekonzeption, Realismus, Empirismus, Ramsey, Cora Diamond, Philosophische Untersuchungen
Arbeit zitieren
Fabian Fitz (Autor), 2014, "Denk nicht, sondern schau". Eine Analyse der Philosophiekonzeption Wittgensteins, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301154

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