Inwiefern finden sich Flecks Ideen des Denkkollektivs und Denkstils in Kuhns "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" wieder?

Ludwik Fleck & Thomas S. Kuhn


Hausarbeit, 2014
13 Seiten, Note: 2,0
Susan Matz (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Fleck und Kuhn allgemein

2. Fleck: Denkstil und Denkkollektiv

3. Kuhn: Paradigma und Paradigmenwechsel

4. Auswertung des Vergleichs

Literaturverzeichnis

1. Fleck und Kuhn allgemein

Ludwik Fleck war ein polnischer Biologie, Mediziner und Wissenschaftstheoretiker, der von 1896 bis 1961 lebte. Er schrieb die erste soziologische Betrachtung über das Wissen, welche 1935 unter dem Titel „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ erschien. Das Werk ist das einzige dieser Art von Fleck, da er sich vorrangig mit medizinischen Frage-stellungen beschäftigte.

Seine zentralen Begriffe sind das Denkkollektiv und der Denkstil. Ersteres beschreibt die Gemeinschaft derer, die in regelmäßigem Gedankenaustausch stehen und somit zum Träger eines Wissensbestandes, dem Denkstil, werden.[1]

Denkkollektive mit ihren jeweils individuellen Denkstilen müssen vorhanden sein, um wissenschaftliche Tatsachen zu erlangen.

Thomas S. Kuhn war ein amerikanischer Wissenschaftstheoretiker und lebte von 1922 bis 1996. Sein Werk „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ erschien 1962 und beschreibt, wie die Wissenschaft nur durch so genannten ‚Paradigmenwechsel‘ zu Erkenntnissen kommen kann. Dabei wird der bisherige Wissensstand durch einen neueren verändert.

Im Vorwort seines Essays schreibt Kuhn er sei „auf Ludwik Flecks fast un-bekannte Monographie ‚Entstehung und Entwicklung einer wissen-schaftlichen Tatsache‘ (Basel 1935) [ge]stoßen“ und es sei „[…] eine Arbeit, die viele [seiner] eigenen Gedanken vorwegnimmt.“[2] Erst dieser Hinweis auf Fleck, brachte dessen Werk mehr Aufmerksamkeit. Kuhn behauptete sogar, Fleck habe ihn überhaupt erst dazu gebracht, die „Soziologie der wissenschaftlichen Gemeinschaft“[3] genauer zu untersuchen.

In diesem Zusammenhang liegt es nahe, einen Vergleich vorzunehmen und Parallelen herauszuarbeiten. Die vorliegende Hausarbeit stellt zunächst Flecks Anschauungen vor, mit Schwerpunkt auf das Denkkollektiv und den Denkstil. Danach werden Kuhns Denkweisen genauer betrachtet und dann in Beziehung mit Fleck gebracht. Abgeschlossen wird der Vergleich mit einer Gesamt-auswertung, welche beantworten soll, inwiefern sich Flecks Ideen des Denkstils und Denkkollektivs bei Kuhn wiederfinden.

2. Fleck: Denkstil und Denkkollektiv

Für Fleck sind Wissenschaft und daraus erzielte Erkenntnisse soziale Tätig-keiten, die durch Gemeinschaften, also Denkkollektive, entstehen. Diese sind gekennzeichnet durch psychische und soziale Strukturen und können über kurze und lange Zeiträume bestehen. Alle Entscheidungen, die von Menschen getroffen werden, sind bestimmt durch die jeweiligen Denkkollektive, denen sie angehören. Der Ursprung dieser Gemeinschaften liegt in der Kommunikation. Bereits zwei Personen reichen aus, um ein Denkkollektiv zu bilden. Dies ist beispielsweise schon bei einem Gespräch der Fall. Aber auch Parteien, Vereine oder auch Länder bilden Denkkollektive. So gehört ein Mensch immer mehreren Denkkollektiven an. Sollten diese Gemeinschaften „logisch widersprechende Denkelemente“[4] jeweils befürworten, werden diese vom betreffenden Individuum ohne Einfluss aufeinander und getrennt behandelt. So leben die Mitglieder differenter Denkkollektive in einer eigenen Wirklichkeit[5] und können für Einflüsse der Gemeinschaften aufeinander sorgen.[6] Für Fleck spielen vor allem wissenschaftliche Denkkollektive eine bedeutende Rolle. Ist hier eine Gemeinschaft groß, kann das Kollektiv in kleinere differenziert werden. Zudem unterteilt Fleck die Individuen des Denkkollektivs in einen esoterischen Kreis, welchen Forscher, Fachleute und Experten bilden, sowie den exoterischen Kreis, der aus den anderen Mitgliedern besteht. Die Spezialisierung der Fachleute kann sich ändern oder auflösen, wenn zum Beispiel die Forschung zu einem bestimmten Problem beendet ist. Der esoterische Kreis ist immer kleiner als der exoterische und Überschneidungen sind auch möglich. Individuen gehören meistens mehreren exoterischen und eher wenigen oder auch gar keinen esoterischen Kreisen an.[7] Jemand aus einem esoterischen Kreis ist außerhalb seines Fachgebiets im exoterischen Kreis. Beide Kreise sind durch soziale Elemente wie zum Beispiel Vertrauen und gegenseitiger Abhängigkeit miteinander verbunden und bestärken die Gemeinschaft.

Zu jedem Denkkollektiv gehört ein spezifischer Denkstil, welcher eine soziologische Struktur und eine historische Entwicklung besitzt. Wissen-schaftliche Denkkollektive verbinden im Denkstil das gemeinsame Interesse an bestimmten Problemen, konkrete Anschauungen und Urteile sowie die Erkenntnismethoden.[8] Je länger ein Denkstil besteht, umso mehr festigt er sich. Er kann dann allgemein und in die Wissenschaft aufgenommen werden, sobald seine Individualität stark genug ist.[9] Der Denkstil spielt eine wichtige Rolle in Flecks Grundmodell des Erkennens, indem er in Wechselwirkung mit dem Subjekt, dem Objekt und dem Erkennen an sich steht. Zudem beeinflusst zuvor Erkanntes den Erkenntnisvorgang und das neu Erkannte erweitert den bisherigen Wissenstand. Da aber immer der ‚Denkzwang‘ des Denkstils bestimmend ist, kann man nur zu zwangsläufigen Erkenntnissen kommen.[10] Dieser Zwang besteht unbewusst, nimmt aber großen Einfluss auf das Denken der Gemeinschaftsmitglieder. Denn „er bestimmt, >>was nicht anders gedacht werden kann<<“[11]. Neue Erkenntnisse können nachträglich in den Denkzwang gelangen. Da die Mitglieder somit immer nach dem Denkstil beurteilen und denken, wird alles, was mit diesem nicht übereinstimmt, auch nicht angenommen. Dies erfasst Fleck mit dem Begriff ‚Beharrungstendenz‘. Die Individuen beharren also auf ihre Meinung und ihr Wissen, dies kann unterschiedliche Ausprägungen haben.

Nach Fleck gibt es „voraussetzungsloses Betrachten und Beobachten überhaupt gar nicht“[12]. Es wird immer durch den Denkstil beeinflusst. Beim Gewinnen von wissenschaftlichen Erkenntnissen unterscheidet er das ‚unklare anfängliche Schauen‘ und das ‚entwickelte unmittelbare Gestaltsehen‘. Ersteres bedeutet, dass man nicht weiß, worum es sich bei der Beobachtung handelt und sich verschiedene Denkstile überschneiden. Neue Erkenntnisse können nicht erzielt werden, weil das ‚Sehen‘ erst erlernt werden muss.[13] Beim Gestaltsehen hingegen ist bereits eine Vorbildung in diesem Denkgebiet vorhanden, sodass man Wesentliches von Unwesentlichem trennen kann. Jede neue Erkenntnis kann den Denkstil dann somit ergänzen, weiterentwickeln oder umwandeln. Den Kern des Denkstils macht aber überhaupt erst die „Bereitschaft für gerichtetes Wahrnehmen“[14] aus.

Erkenntnisse beruhen aber nicht allein auf empirische Beobachtungen. Eine wichtige Rolle spielen ebenso „in großer zeitlicher Distanz entstandene Vorstellungen, die trotz aller Veränderungen der Denkstile weiterbestanden“[15]. Dies sind die ‚Urideen‘ oder auch ‚Präideen‘. So kann es zu Mutationen des Denkstils kommen, also zu einer Bedeutungsverschiebung.

Das Wissen des Denkkollektivs bezüglich des Denkstils ist immer größer, als das der einzelnen Mitglieder. Wird Wissen zwischen den Individuen weitergegeben, findet immer eine „kleine Verschiebung des Erkenntnisinhalts“[16] statt. So kann es vorkommen, dass im Verlauf der Weitergabe die Informationen gänzlich verändert werden. Das liegt daran, dass der Empfänger die Nachricht nie genau so versteht, wie der Sender sie gemeint hat.[17] So entsteht ein Wissen der Gemeinschaft, welches keinem einzelnen Mitglied zuzuordnen ist. Je fachspezifischer das Wissen ist, desto stärker fühlen sich die Individuen an das Denkkollektiv gebunden.[18]

Denkkollektive sind gekennzeichnet durch formale, inhaltliche und psychische Abgeschlossenheit. Ersteres meint die Institutionalisierung von Denkkollektiven, wie zum Beispiel eine Religionsgemeinschaft oder das Institut für Philosophie, aber auch den Gebrauch von Fachsprachen mit „Stilfärbung“.[19] Für die inhaltliche Abgeschlossenheit eignet man sich beispielsweise eine Fachsprache an. Hier spricht Fleck von einer „Lehrlingszeit“[20], welche in den Denkstil einführt. So kann das Mitglied neue Erkenntnisse erlangen, welche vor der Einweihung nicht möglich gewesen wären. Fleck beschreibt treffend: „[…] bis jetzt Unsichtbares wird ihm sichtbar“[21]. Der Denkstil wird innerhalb des Denkkollektivs von Generation zu Generation weiter gegeben. Die psychische Abgeschlossenheit beschreibt das Abgrenzungsverhalten gegenüber anderen Denkrichtungen. Meist werden diese nämlich nicht akzeptiert, teilweise bis zur Intoleranz. So sind Denkkollektive in dreierlei Hinsicht abgeschlossen.

Wie bereits erwähnt, kommt der Kommunikation als dem Ursprung aller Denkkollektive eine hohe Bedeutung zu. Fleck unterteilt in intrakollektive Kommunikation, bei der sich Autor und Adressat im selben Denkkollektiv befinden und interkollektive Kommunikation, welche zwischen Denkkollektiven bzw. deren Mitgliedern stattfindet. Die intrakollektive Kommunikation bestärkt die Denkgebilde und ist gekennzeichnet von Abhängigkeitsgefühlen.[22] Diese kann zum Beispiel über Gespräche oder schriftlich, aber auch über das Radio erfolgen. Sie verläuft meistens problemlos, da die Kommunikationsteilnehmer ähnlich denken. Die interkollektive Kommunikation gestaltet sich schwierig, wenn eine große Differenz zwischen den jeweiligen Denkstilen besteht. Die Kommunikation gelingt besser, wenn interkollektive Beziehungen und somit gemeinsame Züge vorhanden sind.[23] Sind die Denkstile allerdings unvereinbar, werden die Kommunikationsteilnehmer „aneinander vorbei und nicht zueinander sprechen“[24]. In diesem Sinne spricht Fleck auch von ‚verwandten‘ und ‚entfernten Denkkollektiven‘.

3. Kuhn: Paradigma und Paradigmenwechsel

Kuhn beschreibt in seinem Werk so genannte ‚Paradigmata‘, welche wissenschaftliche Erkenntnisse für eine Gemeinschaft von Forschern sind. Diese Gemeinschaft ist gekennzeichnet von kollektiven Überzeugungen mit zufälligem persönlichem, als auch historischem Charakter.[25] Die Auffassungen werden über einen gewissen Zeitraum von allen Mitgliedern angenommen. Diese sind mit dem Begriff der ‚Paradigmata‘ erfasst. Eine Gemeinschaft beginnt mit der Forschung, sobald alle Mitglieder an der Lösung einer gleichen Fragestellung Interesse haben. Neue Paradigmata werden nur aufgenommen, wenn sie im Vergleich mit den vorherigen in jeder Hinsicht evidenter erscheinen.[26] Eine Gemeinschaft hat entweder ein Paradigma oder mehrere aufeinander bezogene Paradigmata, welche sich nicht mit denen anderer Gemeinschaften gleichen. Wenn sich unterschiedliche wissenschaftliche Gemeinschaften mit denselben Forschungsrichtungen beschäftigen, haben sie zumindest einige gemeinsame Hauptparadigmata.[27]

Die Gemeinschaften erleben ‚wissenschaftliche Revolutionen‘, welche einen Perspektivwechsel nach sich ziehen. Zunächst erfolgen Übergänge von einem Paradigmata zum anderen, dann folgt die Revolution. Bisherige Forschungsstände, an denen bisher lange festgehalten wurde, werden dabei bedeutsam erweitert bzw. ersetzt. Dies erfasst Kuhn mit dem Begriff des ‚Paradigmenwechsels‘. Die Ergebnisse beschreibt er als „traditions-zerstörende[n] Ergänzungen“[28]. Dabei kann es außerdem vorkommen, dass eine Verschiebung wissenschaftlicher Schwerpunkte statt findet, wenn Grundlagen der Wissenschaft eine Revolution erfahren. Die aktuellen Erkenntnisse finden sich in Lehrbüchern wieder, wenn sie in der Forschung allgemein anerkannt werden. Dies ist der Fall, wenn das neue Wissen genügend Befürworter findet und andererseits noch ungelöste Forschungsansätze bietet.[29] Sind diese beiden Aspekte erfüllt, zählen die Erkenntnisse zu den Paradigmata.

Paradigmenwechsel in der Wissenschaft wiederholen sich nicht, sie sind einmalig. Kuhn vergleicht ihn mit einer „Entscheidung eines Präzedenzfalles im Rechtswesen […], ein Objekt für weitere Artikulierung und Spezifizierung unter neuen oder strengeren Voraussetzungen“[30].

Revolutionen können unterschiedliche Ausmaße haben. Einige betreffen mehrere wissenschaftliche Gemeinschaften, andere nur die Mitglieder innerhalb einer Gemeinschaft und wiederum weitere nur einige bestimmte Personen, beispielsweise die Experten einer Gemeinschaft. Auch unerwartete Ergebnisse von Forschungen können bereits revolutionäre Perspektivwechsel nach sich ziehen. Der Bestand einer Gemeinschaft ist stabiler, wenn es zu erfolgreichen Paradigmenwechseln kommt.[31] Kuhn schreibt, nach einer Revolution „[…] arbeitet [doch] der Wissenschaftler in einer anderen Welt“[32]. Denn danach werden konkrete Fragestellungen anders beantwortet als vor dem Paradigmenwechsel. Die meisten Forscher sehen darin jedoch oft keine ‚Revolution‘, sondern eher eine Erweiterung des bisherigen Wissens. Der Ersatz eines Paradigmas durch ein neues ist jedoch nicht mit einer Näherung an die Wahrheit gleichzusetzen.[33]

Möchte jemand in eine wissenschaftliche Gemeinschaft aufgenommen werden, muss er die entsprechenden Paradigmata kennen. Diese werden an alle neuen Mitglieder weiter gegeben. Wird dann bezüglich gemeinsamer Paradigmata geforscht, geschieht dies auf Basis derselben Regeln und Normen.[34] Diese entstehen durch die Paradigmata. Jedoch impliziert das Vorhandensein eines Paradigmas nicht zwangsläufig auch das Vorhandensein von Regeln.[35] Solange es innerhalb der Gemeinschaft keine Meinungsverschiedenheiten über die Untersuchungsmethoden und Auffassungen gibt, ist die gemeinschaftliche Forschung ohne Regeln problemlos möglich. Die neuen Mitglieder haben außerdem die Möglichkeit, nach gewisser Reifung und Entwicklung in einem Fachgebiet, auf esoterischer Ebene zu forschen.

Das Beherrschen der Paradigmata auf dem Gebiet der entsprechenden Gemeinschaft spielt eine wichtige Rolle, denn nur dadurch ist es möglich, Beobachtungen bzw. Untersuchungen richtig zu deuten. Kuhn erklärt: Beim „>>Sehen<< fängt die Interpretation dort an, wo die Wahrnehmung endet“[36]. Mitglieder verschiedener wissenschaftlicher Gemeinschaften würden dasselbe Phänomen sehen, aber unterschiedlich interpretieren.[37] Mit Kenntnis der Paradigmata schwinden unterschiedliche Auffassungen derselben Beobachtungen. Kuhn beschreibt in diesem Zusammenhang anschaulich das ‚Sehen‘ eines Gegenstandes mit Wissen über entsprechende Paradigmata: „[…] ein Sehen durch ein anderes Paradigmata, eines, das aus dem schwingenden Stein etwas anderes macht“[38]. Gemeinschaften können sich zudem auflösen, wenn die Mitglieder zu neuen Paradigmata übergehen.

Das Interesse der Mitglieder am Lösen von konkreten wissenschaftlichen Fragestellungen und Problemen entsteht manchmal erst allein durch die Gemeinschaft. So kann es vorkommen, dass Forschungen betrieben werden, die der Einzelne ohne die Gemeinschaft niemals begonnen hätte. Denn erst durch den Bezug zu bestimmten Paradigmata entstehen Gedanken darüber, was in dem konkreten Forschungsgebiet von Bedeutung sein kann. Dadurch sind es die Gemeinschaften und deren Paradigmata, welche zu neuen wissenschaftlichen Entdeckungen führen. Zu neuen Erkenntnissen kann man allerdings nur gelangen, wenn man sich eingesteht, dass bisherige Methoden nicht effektiv genug sind und die Bereitschaft für andere Vorgehensweisen vorhanden ist. So kann eine neue Theorie die „unmittelbare Antwort auf die Krise [zu] sein“[39]. Ein neues Paradigma wird von einer Gemeinschaft angenommen, wenn es überzeugender als das bisherige ist.

Die Forschergemeinschaften sind unter Anderem dadurch gekennzeichnet, dass die Mitglieder untereinander in einer Fachsprache und unter Voraussetzung von Vorwissen kommunizieren, sodass Außenstehenden keine Kommunikation bezüglich der Forschung möglich ist. So werden beispielsweise Artikel veröffentlicht, die nur für Mitglieder der Forschungsgemeinschaft konzipiert sind, weil Kenntnisse der Paradigmata vorausgesetzt werden.[40] Die Fachsprache wird meistens auch bei einem Paradigmenwechsel beibehalten. Ein esoterisches Vokabular professionalisiert wissenschaftliche Ge-meinschaften und trägt daher zur Weiterentwicklung bei.

Wissenschaftliche Gemeinschaften streben nicht vorrangig danach, gänzlich neue Entdeckungen zu machen. Vielmehr geht es darum, mit neuen Erkenntnissen den bisher vertretenen Wissensstand zu stärken und zu beweisen. Oft werden dabei Beobachtungen, die nicht in deren gemein-schaftlichen Gedankeninhalt passen, außen vor gelassen und Befunde von anderen Gemeinschaften nicht toleriert.

4. Auswertung des Vergleichs

Bei der Gegenüberstellung von Flecks und Kuhns Hauptaspekten ihrer Werke sind deutliche Parallelen festzustellen. Wie Kuhn bereits in seinem Vorwort erklärt, sind Flecks Ideen in seinen Ausführungen ähnlich wiederzufinden. An dieser Stelle sollen die deutlichsten Überschneiden zusammenfassend beschrieben werden.

Für beide Wissenschaftler steht der soziale Faktor für das Erzielen neuer Erkenntnisse im Vordergrund. Bei Fleck sind es die wissenschaftlichen Denkkollektive, bei Kuhn die wissenschaftlichen Gemeinschaften, welche wesentlich zu Fortschritten in der Forschung beitragen. Unterschiedlich sind hier lediglich die Begriffe, aus Forschungsperspektive ist dasselbe gemeint. Beide sprechen sich klar dafür aus, dass neue Erkenntnisse nur durch soziale Tätigkeit möglich sind. Kuhn äußert eindeutig: „[…] Revolutionen sind aber gemeinschaftsbezogene Tätigkeiten.“[41]. Fleck erklärt entsprechend: „Das Erkennen stellt die am stärksten sozialbedingte Tätigkeit des Menschen vor und die Erkenntnis ist das soziale Gebilde katexochen.“[42].

Gemeinsame Überzeugungen der wissenschaftlichen Gemeinschaft benennt Kuhn mit dem Paradigma und Fleck mit dem Denkstil.

Auch die Ausführungen über einzelne Aspekte dieser Kollektive weisen Ähnlichkeiten auf. Bei Kuhn werden neue Mitglieder nur mit Kenntnis der Paradigmata aufgenommen. Dies kann man in Beziehung mit Flecks ‚Lehrlingszeit‘ setzen. Ebenso ist in beiden Darstellungen möglich, dass neue Mitglieder in den esoterischen Kreis gelangen können.

Kuhn beschreibt, wie Beobachtungen nur durch Kenntnis der entsprechenden Paradigmata richtig gedeutet werden können. Fleck ist ebenfalls der Meinung, dass das richtige ‚Sehen‘ erst erlernt werden muss.

Außerdem erklärt Fleck, wie innerhalb eines Denkkollektivs über Fachsprachen mit Stilfärbung kommuniziert wird bezüglich der formalen Abgeschlossenheit. Kuhn führte gleicherweise aus, dass Gemeinschaften mit fachlichem Vokabular interagieren, sodass Außenstehenden das Verständnis nahezu unmöglich ist.

Des Weiteren erfasst Fleck die psychische Abgeschlossenheit unter dem Abgrenzungsverhalten der Denkkollektive gegenüber anderen Denkrichtungen und die Beharrungstendenz mit dem alleinigen Urteilen im Sinne des Denkstils. Dies ist in ähnlicher Form auch bei Kuhn zu finden, wenn er beschreibt, wie die Gemeinschaften Forschungsansätze, die nicht zu deren Paradigmata passen, ignorieren und teilweise sogar überhaupt nicht tolerieren.

Zudem erläutert Kuhn, dass Forschungen des Einzelnen erst durch die Gemeinschaft ausgelöst werden und ohne diese gar nicht erst begonnen werden würden. So entstehen Tätigkeiten, die allein durch die Gemeinschaft bedingt sind. Vergleichbar verhält es sich bei Fleck, wenn er bemerkt, dass jeder der Mitglieder im Denkkollektiv zweier Gesprächspartner „[…] Gedanken äußert, die sie allein oder in anderer Gesellschaft nicht zu produzieren imstande wäre“[43]. Hier ist es ebenfalls so, dass eine Verhaltensweise nur durch das Kollektiv entsteht, welche sonst so nicht zustande kommen würde.

Kuhn knüpft den Paradigmenwechsel an den Begriff ‚Revolution‘. Ein über-einstimmender Gedanke ist auch bei Fleck zu finden: „In den >>Mutationen<< vergleichbaren Denkstilumwandlungen kommt etwas Plötzliches, Revo-lutionäres zum Ausdruck, die so etwas wie abgeschlossene Epochen konstituieren“[44].

Fleck beschreibt, dass Denkkollektive sich auflösen können, wenn Wissenschaften in spezielle Teilgebiete differenziert werden. Dies ist auch bei Kuhn der Fall. Er erklärt den möglichen Zerfall der Gemeinschaften mit dem Wechsel der Mitglieder zu neuen Paradigmata: „Das neue Paradigmata impliziert eine neue und strengere Definition des Gebietes.“[45].

So kann man abschließend feststellen, dass sich viele grundlegende Gedanken bei Fleck und Kuhn ähneln. Die sichtlichen Parallelen konnten anhand vieler Aspekte ausarbeitet und verdeutlicht werden.

Literaturverzeichnis

Fleck, Ludwik, Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse, Berlin 2011.

Fleck, Ludwik, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv, Frankfurt am Main 1994.

Kuhn, Thomas S., Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt am Main 1993.

[...]


[1] vgl. Fleck, Ludwik, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv, Frankfurt am Main 1994, S. 54-55.

[2] Kuhn, Thomas S., Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt am Main 1993, S. 8.

[3] ebd. S. 8.

[4] Fleck, Tatsache, S. 144.

[5] vgl. Fleck, Ludwik, Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse, Berlin 2011, S. 54.

[6] vgl. ebd. S. 289.

[7] vgl. Fleck, Tatsache, S. 138.

[8] vgl. ebd. , S. 130.

[9] vgl. Fleck, Denkstile, S. 57.

[10] vgl. Fleck, Tatsache, S. 56.

[11] ebd. S. 130.

[12] ebd. S.XXV.

[13] Fleck, Denkstile, S. 53.

[14] Fleck, Tatsache, S. 121.

[15] ebd. S. XXXI.

[16] Fleck, Denkstile, S. 52.

[17] vgl. Fleck, Tatsache, S.58.

[18] vg. ebd. S. 109, S. 141.

[19] vgl. Fleck, Denkstile, S.285 f.

[20] Fleck, Tatsache, S. 136.

[21] ebd. S. 137.

[22] vgl. ebd. S. 140.

[23] vgl. ebd. S. 143.

[24] Fleck, Denkstile, S. 263.

[25] Kuhn, Revolutionen, S. 19.

[26] vgl. ebd. S. 32.

[27] vgl. ebd. S.173.

[28] ebd. S. 20.

[29] vgl. ebd. S. 25.

[30] ebd. S. 37.

[31] vgl. ebd. S. 65.

[32] ebd. S. 133.

[33] vgl. ebd. S. 182.

[34] vgl. ebd. S. 26.

[35] vgl. ebd. S. 58.

[36] ebd. S. 209.

[37] vgl. ebd. S. 31., S. 132.

[38] ebd. S. 140.

[39] ebd. S. 87.

[40] vgl. ebd. S. 34.

[41] Kuhn, Revolutionen, S. 191.

[42] Fleck, Tatsache, S. 58.

[43] ebd. , S. 60.

[44] ebd. S. XXXII.

[45] Kuhn, Revolutionen, S. 33.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Inwiefern finden sich Flecks Ideen des Denkkollektivs und Denkstils in Kuhns "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" wieder?
Untertitel
Ludwik Fleck & Thomas S. Kuhn
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Philosophie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V301169
ISBN (eBook)
9783956873928
ISBN (Buch)
9783668004290
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ludwik Fleck, Thomas Kuhn, Denkstil, Denkkollektiv, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Theoretische Philosophie
Arbeit zitieren
Susan Matz (Autor), 2014, Inwiefern finden sich Flecks Ideen des Denkkollektivs und Denkstils in Kuhns "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" wieder?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301169

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