Die Hermeneutik bildet für Gadamer eine Analyse der Bedingungen des Verstehens. Jedes Werk hat eine eigene Struktur, welche den Leser dazu anhält, sich auf sie einzulassen und sie zu verstehen, um dadurch einen anderen Blick auf die Welt und sich selbst zu bekommen. Er zeigt nicht, wie man Texte auslegt, sondern weist vielmehr den Weg zur Auslegung. Damit hegt Gadamers Betrachtung einen universalen Anspruch, welcher für jede Auseinandersetzung mit einem Text gelten möchte.
Leser bringen individuelles Erfahrungswissen mit. Dieses wird mit der Rezeption des literarischen Textes bestätigt oder negiert.
An Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ soll verdeutlicht werden, dass eine hermeneutische Erfahrung möglich ist, wenn der Leser nicht auf den eigenen Vorurteilen beharrt und sich in den vom Werk eröffneten Spielraum hinein begibt. Im Idealfall kommt es dann zur „grundsätzliche[n] Suspension der eigenen Vorurteile.“
Die Vorurteile des Lesers sind bereits durch die Wirkungsgeschichte des Textes geprägt. Jedoch bringt jeder individuelle Voraussetzungen des Verstehens mit, sodass es dem Leser möglich ist, einen Text auf jeweilige historische Situationen zu beziehen und neu zu lesen. In „Die Physiker“ geht es vor allem um Wissenschaft und Verantwortung, wobei der Leser oft gezielt in die Irre geführt wird und die Doppelbödigkeit meist erst im Nachhinein erkennbar ist. Diese anfängliche Verunsicherung weckt jedoch den Ehrgeiz, unterscheiden zu wollen, was Realität und was Illusion darstellt. Denn nur dies macht den Zuschauer frei, sich der Wirklichkeit auszusetzen.
Während der Verstehenshorizont des Textes immer derselbe ist, ist jener des Lesers individuell geprägt. Verschmelzen nun diese Horizonte, wird die Differenz aufgehoben: „In Wahrheit ist es also ein einziger Horizont, der alles umschließt, was das geschichtliche Bewußtsein in sich enthält.“ Werden nun bestimmte Vorurteile nicht bestätigt, kommt es zu einer Veränderung des Verstehenshorizonts und der Leser kann eine hermeneutische Erfahrung machen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wissenschaft und Verantwortung
3. “Die Physiker” nach Gadamers Theorie
3.1. Verwirrspiel Inspektor
3.2. Erster Auftritt Fräulein Doktor
3.3. Familienbesuch und Mord an Monika
3.4. Zweiter Akt: Inspektor Voß
3.5. Zwei große Enthüllungen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Friedrich Dürrenmatts Theaterstück „Die Physiker“ durch die theoretische Linse der philosophischen Hermeneutik von Hans-Georg Gadamer. Dabei wird analysiert, wie der Leser durch die spezifische Struktur des Werkes zu einer hermeneutischen Erfahrung geleitet wird, die den Prozess des Verstehens und der Auslegung in den Mittelpunkt stellt.
- Anwendung hermeneutischer Prinzipien auf ein dramatisches Werk
- Verantwortung der Wissenschaft in einer paradoxen Welt
- Die Rolle von Vorurteilen und Wirkungsgeschichte bei der Textrezeption
- Analyse der narrativen Strategien von Dürrenmatt (Verwirrspiel, Paradoxie)
- Der Prozess der Horizontverschmelzung beim Lesen
Auszug aus dem Buch
Verwirrspiel Inspektor
Schon die Berufe und Namen der Physiker lassen beim Leser Assoziationen aufkommen. Doch Sinn entsteht in der Hermeneutik erst bei der genauen und aktiven Auseinandersetzung mit dem Text. Voraussetzung für eine hermeneutische Erfahrung ist, dass der Leser seine Vorurteile bezüglich des Sachverhalts und der literarischen Gattung sowie seine Erwartungshaltung gegenüber der Handlung zwar einbringt, aber nicht darauf besteht. Gadamer äußerte sich wie folgt: „Es genügt, daß sie ‚ins Offene gestellt‘, d.h. als Hypothesen behandelt werden, die scheitern oder sich bewähren können.“10. Weiterhin führt er aus: „ ‚Vorurteil‘ heißt also durchaus nicht: falsches Urteil, sondern in seinem Begriff liegt, daß es positiv und negativ gewertet werden kann.“11. Man muss sich der Vorurteile bewusst sein. Sonst besteht die Gefahr, dass man beim Verstehen wiederum nur zu eben diesen kommt, die man bereits vor der Lektüre schon hatte. Dies beschreibt Gadamer mit der „Zirkelstruktur des Verstehens“. Er misst dem hohe Bedeutung bei: „Alles Verstehen beruht auf Vorurteilen, […], auf Grund dessen wir überhaupt erst fähig sind, uns für eine Sache zu interessieren.“12.
Schon während des Gesprächs mit Oberschwester Boll ist zu erkennen, wie hilflos der Inspektor ist. In Gesprächen werden seine Ausdrücke „Morde“ als „Unglücksfälle“ und „Mörder“ als „Täter“ beschönigend korrigiert.13 Dies zielt auf eine abmildernde Wirkung ab. Auch das Warten auf Einstein wird zur Geduldsprobe für den Inspektor. Ein Wortspiel deutet an, wie die Szene ihren Lauf nehmen wird, indem Blocher sagt: „Wir wären fertig, Herr Inspektor.“ und dieser antwortet: „Und mich macht man fertig.“14. Man bemerkt schnell, dass ihm diese Umgebung fremd ist und er sich den Gepflogenheiten unterordnet. Er zweifelt sogar an sich selbst: „Bin ich eigentlich verrückt?“15 und gesteht sich ein: „Man kommt ganz durcheinander.“16.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die hermeneutischen Grundlagen nach Gadamer und Darlegung der Zielsetzung, das Werk „Die Physiker“ als hermeneutische Erfahrung zu deuten.
2. Wissenschaft und Verantwortung: Erörterung der moralischen Verantwortung von Wissenschaftlern im Kontext von Dürrenmatts paradoxem Weltbild und Gadamers Forderung nach Expertenverantwortung.
3. “Die Physiker” nach Gadamers Theorie: Detaillierte Analyse der Handlungsschritte unter Anwendung hermeneutischer Konzepte.
3.1. Verwirrspiel Inspektor: Untersuchung der anfänglichen Verwirrung und des Scheiterns herkömmlicher Verstehensmuster beim Inspektor.
3.2. Erster Auftritt Fräulein Doktor: Analyse der gezielten Irreführung des Inspektors durch die Ärztin und die Rolle der Medizin.
3.3. Familienbesuch und Mord an Monika: Beleuchtung der unechten Fassade und der Rolle von Möbius bei der Dekonstruktion der Realität.
3.4. Zweiter Akt: Inspektor Voß: Darstellung des Sinneswandels des Inspektors und seiner veränderten Sichtweise im zweiten Akt.
3.5. Zwei große Enthüllungen: Analyse des Tarnungsverlusts der Physiker und der daraus resultierenden philosophischen Diskussion über Freiheit und Verantwortung.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der hermeneutischen Erfahrung im Werk und Reflexion über die Bedeutung der individuellen Auslegung.
Schlüsselwörter
Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker, Hans-Georg Gadamer, Hermeneutik, Verstehen, Vorurteile, Wissenschaftsethik, Verantwortung, Literaturtheorie, Spiel, Wirkungsgeschichte, Paradoxie, Rezeption, Wirklichkeit, Sinnbildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Theaterstück „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt aus der Perspektive der philosophischen Hermeneutik von Hans-Georg Gadamer.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Verantwortung der Wissenschaft, der Rolle des Lesers bei der Textauslegung und der Bedeutung von Vorurteilen für den Verstehensprozess.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass der Leser bei der Lektüre von „Die Physiker“ eine hermeneutische Erfahrung macht, sofern er bereit ist, sich auf die Struktur des Textes einzulassen und eigene Vorurteile zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die Methode der hermeneutischen Textanalyse angewandt, die primär auf den Theorien von Hans-Georg Gadamer basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise die verschiedenen Akte und Wendepunkte des Stücks, wie das „Verwirrspiel“ des Inspektors, den Familienbesuch von Möbius und die Enthüllungen, um sie mit hermeneutischen Prinzipien in Bezug zu setzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Hermeneutik, Vorurteilsstruktur, wissenschaftliche Verantwortung, Wirkungsgeschichte und das „Spiel“ der Interpretation charakterisieren.
Wie trägt der Begriff des „Spiels“ zum Verständnis des Stücks bei?
Der Begriff des Spiels nach Gadamer beschreibt die Struktur des Werkes, die den Rezipienten zwingt, sich vollkommen auf das Werk einzulassen und Sinnzusammenhänge aktiv durch die Auseinandersetzung mit dem Text zu erschließen.
Warum spielt die Figur der Fräulein Doktor von Zahnd eine so zentrale Rolle?
Sie fungiert als die Gegenspielerin, die durch ihre gezielte Irreführung und ihre Machenschaften nicht nur den Inspektor, sondern auch den Leser herausfordert und das paradoxe Weltbild des Autors verkörpert.
Warum wird Möbius als eine Figur der „Opferbereitschaft“ dargestellt?
Möbius entscheidet sich bewusst für das Leben im Irrenhaus, um seine Entdeckungen vor Machtgierigen zu schützen und ein „noch schrecklicheres Morden“ durch seine wissenschaftlichen Erkenntnisse zu verhindern.
- Citation du texte
- Susan Matz (Auteur), 2013, Dürrenmatts „Die Physiker“ nach der Literaturtheorie von H.-G. Gadamer, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301173