Skandalisierung in den Medien. Eine Analyse der EHEC-Epidemie von 2011


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Was ist ein Skandal?
2.2 Entstehung und Ablauf eines Medienskandals
2.3 Wer sind die beteiligten Personen im Skandal?
2.4 Welche Funktionen und Wirkungen hat ein Skandal?

3 Eine Analyse der EHEC-Epidemie von 2011 in Deutschland
3.1 Was ist EHEC?
3.2 Verlauf der Epidemie
3.3 Wer sind die Beteiligten und die Nutznießer des Skandals?

4 Fazit

5 Bibliographie:

1 Einleitung

Durch die Verbreitung der Massenmedien in jüngster Vergangenheit tritt das Gefühl auf, dass ein Skandal nach dem anderen auftaucht.

Wenn man „Lebensmittelskandal in Deutschland“ in die Suchmaschine Google eingibt, werden eine halbe Million Einträge in weniger als einer Sekunde aufgezeigt. Diese Einträge reichen von Nachrichtenmeldungen zu aktuellen Skandalen im Lebensmittelbereich bis zu Zeitskalen, die die Fülle an Lebensmittelskandalen in den letzten Jahrzehnten aufdecken. Hierbei sind es überwiegend Skandale mit verunreinigtem oder abgelaufenem Fleisch, das zum Verzehr verkauft wurde oder mit Pestiziden bzw. Dioxin verunreinigte Eier, die immer wieder in den Medien auftauchen und für neue Schlagzeilen sorgen. Doch wie kommt es, dass diese Fülle an Skandalen erst in den letzten 20 Jahren auftaucht?

Viele Journalisten machen Skandale zu dem Hauptpunkt ihrer Berichterstattung. Sie fokussieren sich auf die Schlagzeilen, die sie durch die Skandalisierung machen können – hierbei gibt es nicht wenige, die sich im Lebensmittelsektor finden lassen. Doch es gibt auch viele, die sich auf andere gesellschaftliche Bereiche spezialisiert haben, wie z.B. Spezialisten für Prominente und deren „Skandalauftritte“. Somit kommt es häufig vor, dass es mehr als nur eine Sicht auf einen Skandal gibt – handelt es sich um Lebensmittelskandale werden Journalisten eine Skandalisierung vornehmen. Andere Beteiligte können einen Skandal jedoch ebenfalls erheblich beeinflussen – wie ich in Kapitel 2.3 darstellen werde.

In dieser Hausarbeit soll anhand des Beispiels des EHEC-Skandals aus dem Jahr 2011 geklärt werden, was genau einen Skandal in den Medien ausmacht und wie dieser EHEC-Skandal verstanden werden kann.

Dabei wird zunächst auf theoretische Grundlagen eingegangen: was ist ein Skandal? Wie entsteht ein Skandal im Allgemeinen und wie kann der Skandalablauf bestimmt werden? Danach wird darauf eingegangen, welche Personen und welche Kommunikationsmittel im Skandal gewählt werden um letztlich auf die Wirkungen und die Funktionen eines Skandals zu kommen.

In einem weiteren Schritt wird genauer auf den EHEC-Skandal eingegangen: Was genau ist EHEC eigentlich? Wie war der Ablauf der Epidemie 2011 und was ist an EHEC skandalös? Es soll die Frage geklärt werden, was genau den Skandal ausgelöst hat und welche Personen, Organisationen oder Institutionen aus diesem Skandal einen Nutzen ziehen konnten, um Profit zu machen.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Was ist ein Skandal?

Unter einem Skandal versteht man in der heutigen Zeit allgemein ein Ärgernis oder ein schockierendes Ereignis, welches an die Öffentlichkeit gelangt und dort in jeglicher Form diskutiert wird. Es handelt sich um illegitime Verstöße gegen den „Common Sense“ (vgl. Orlamünder; 2008).

Sobald Personen beginnen sich über den neuesten Skandal zu unterhalten, gehen alle beteiligten Personen davon aus, dass von demjenigen Skandal gesprochen wird, über den in den Medien groß berichtet wird. Zumindest scheint dies eine Annahme zu sein, die nicht so leicht zu widerlegen ist.

Allerdings wird dabei vergessen, dass es unterschiedliche Arten von Skandalen gibt und diese unterschiedliche Charakteristiken aufweisen. Nach Steffen Burkhardt (Burkhardt; 2011) werden in der Skandalforschung die Typologien Skandal, medialisierter Skandal und Medienskandal unterschieden. Im Folgenden soll eine kurze Übersicht gegeben werden, welche Charakteristika die Typologien (nach Burkhardt) auszeichnen.

Skandal:

In der Skandalforschung versteht man unter dem Begriff „Skandal“ einen ‘einfachen‘ Skandal, der durch Mundpropaganda breite Aufmerksamkeit erregt ohne, dass Medien über diesen berichten. Hierbei kann es sich z.B. um einen internen Skandal innerhalb eines Dorfes oder zwischen mehreren Personen handeln, die sich streiten bzw. über etwas gemeinsam aufregen.

Medialisierter Skandal:

Ein medialisierter Skandal kann allgemein als eine Berichterstattung in den Medien über einen Skandal bezeichnet werden. Üblich ist hierbei, dass die Medien nicht skandalisieren, sondern lediglich über einen Skandal (z.B. in einem anderen Land) berichten, weil dieser kaum Empörung auslöst.

Medienskandal:

Der Medienskandal hat die komplexeste Eigenschaft unter diesen drei Typologien: Unter einem Medienskandal wird eine Skandalisierung durch die Medien verstanden. Dies bedeutet, dass die Medien diejenigen sind, die den Skandal hervorrufen: „Hier wird öffentliche Empörung ausgelöst, weil Medien einen angeblichen Normverstoß enthüllen. […] Entscheidend für das Ausmaß des Skandals ist die Reaktion des Publikums“ (Interview mit Burkhardt; 2010). Es kann vorkommen, dass bei großen Medienskandalen nach und nach Informationen ans Licht kommen, die weitere Medienskandale entstehen lassen. Üblich dabei ist auch, dass die Medien ihre Verkaufszahlen (Zeitungen, Zeitschriften) und ihre Einschaltquoten (Nachrichtensendungen, Doku-mentationen, Online-Magazine) steigern, indem sie ausgewählte Informationen an die Öffentlichkeit tragen und somit die Präsenz des Skandals verlängern.

Zunächst erscheint eine solche Unterscheidung der Skandaltypologien sinnvoll und einleuchtend. Denn es ist wichtig zu verstehen, wie ein Skandal zustande kommt und welche Personen an diesem Skandal beteiligt sind. Problematisch jedoch ist, dass es oft schwierig ist eine Unterscheidung zwischen den Skandaltypen zu treffen – so kann z.B. aus einem zunächst medialisierten Skandal schnell ein Medienskandal entstehen und die Grenzen zwischen den Typologien verschwimmen.

Da diese Hausarbeit einen Versuch anstellen wird zu klären, in welche dieser Kategorien der EHEC-Skandal von 2011 fällt, werde ich meinen Fokus auf medialisierte und Medienskandale richten. Der ‘einfache‘ Skandal wird nicht weiter behandelt und dient lediglich der Vollständigkeit der Typologien.

2.2 Entstehung und Ablauf eines Medienskandals

Ein Skandal entsteht durch drei Grundelemente: Zunächst gibt es eine (schuldhafte) illegitime Handlung, die einen Missstand auslöst. Diese Handlung kann als „ moralische Verfehlung “ (vgl. Orlamünder; 2008) gesehen werden. Diese wird sodann öffentlich gemacht und die Enthüllung dieses Missstandes zieht eine kollektive Entrüstung nach sich. Obwohl es viele moralische Verfehlungen geben kann, bleiben die meisten von ihnen jedoch im Dunkeln und werden nicht enthüllt, oftmals weil sie nicht „gut genug“ sind. Dies bedeutet, dass die Verfehlungen kein bzw. ein schlechtes Skandalpotenzial besitzen.

Dadurch, dass sich die Skandaltypen in ihrem Ablauf unterscheiden, soll im Folgenden ein typischer Ablaufplan für einen Medienskandal dargelegt werden. Dieser Ablauf bezieht sich aufgrund der hohen Medieneinwirkung nicht auf „einfache“ Skandale und medialisierte Skandale. Im Laufe dieser Hausarbeit soll anhand des Beispiels EHEC darauf eingegangen werden, wie der Skandal in den Medien verlief. Zunächst aber erst einmal die theoretischen Grundlagen: der Medienskandal beginnt mit einer Latenzphase. Innerhalb dieser Phase werden erste Informationen an das Publikum herangetragen. Diese Informationen können daraus bestehen, welche Personen einen Missstand verursacht haben und welche bereits bekannten Auswirkungen dieser Normverstoß nach sich ziehen kann. In dieser Phase gibt es eine geringe Berichterstattung. In der zweiten Phase – der Aufschwungphase – nimmt die 2Relevanz des Themas in der medialen Berichterstattung zu und mehr Informationen werden preisgegeben. In der dritten Phase – der Etablierungsphase – kommt der Medienskandal zu seinem Höhepunkt der Berichterstattung und es werden erste Versuche angestellt, um eine Lösung für den Missstand zu finden. In der darauf folgenden Abschwungphase nimmt die Berichterstattung ab und die in der dritten Phase gefundene Lösung wird bewertet und im besten Fall durchgesetzt. In der letzten Phase – der Rehabilitationsphase – erscheint der Skandal nur noch marginal in der medialen Berichterstattung. Der Normalzustand innerhalb der Öffentlichkeit wird wiederhergestellt (vgl. Burkhardt; 2011).

2.3 Wer sind die beteiligten Personen im Skandal?

Skandale werden in der Regel als massenmediale Skandale inszeniert. Denn je mehr Aufmerksamkeit ein Skandal erregt, desto dauerhafter manifestiert sich dieser in einem Medienskandal (vgl. Orlamünder; 2008).

Steffen Burkhardt sieht einen Medienskandal als einen gesellschaftlichen Mechanismus, der eine Aktualisierung von Moral nach sich zieht. Denn jede Gesellschaft ist wandelbar und kann sich weiterentwickeln. Ein Medienskandal mit viel Aufmerksamkeitserregung zieht demnach immer die Frage nach sich: was kann als der Norm entsprechend angesehen werden und was nicht?

Ein Medienskandal ist überaus komplex. Aus diesem Grund sind unterschiedliche Akteure an solchen Skandalen beteiligt und können diesen lenken. Eine kurze Übersicht der beteiligten Akteure soll nun folgen.

Nach Kepplinger, Ehmig und Hartung gehören zu den beteiligten Personen zunächst einer oder mehrere Verursacher, die den Missstand bzw. die moralische Verfehlung verursacht haben. Von diesem Missstand können Nutznießer profitieren, ohne ihn selbst herbeigeführt zu haben. Betroffene und Geschädigte leiden unter diesem Missstand, der öffentlich von den Medien bzw. den Skandalierern angeprangert wird. Skandalierte Personen (wie z.B. Verursacher, Nutznießer u.a.) werden angeprangert, auch wenn sie den Missstand nicht herbeigeführt haben. Die Beobachter spielen eine ebenfalls große Rolle, da sie selbst nicht in das Geschehen verstrickt sind, das Problem bzw. den Missstand allerdings aus nächster Nähe kennen.

Letztlich ist auch das Publikum von großem Wert in einem Skandal, denn ohne die Öffentlichkeit, die diesen Missstand und die Skandalisierung rezipiert, gibt es keinen Skandal.

Innerhalb des Skandals können unterschiedliche Personen, Institutionen oder Organisationen in verschiedenen Rollen auftauchen – sowohl gleichzeitig als auch nacheinander. So kann z.B. eine Person aus dem Publikum zu einer Geschädigten werden oder ein Beobachter zu einem Skandalierten, weil er nicht eingeschritten ist, um das Problem zu beheben.

2.4 Welche Funktionen und Wirkungen hat ein Skandal?

In der Regel werden alle Typen von Skandalen als negativ angesehen. Es geht häufig um eine verwerfliche Handlung die eine oder mehrere Personen begangen haben. Die Funktionen und Wirkungen eines solchen Medienskandals sind demnach genauso vielfältig wie der Verlauf. Dennoch gibt es, nach Orlamünder, unterschiedliche Funktionen, die alle Skandale gemeinsam haben. Zunächst deckt jeder Skandal, irgendeinen Missstand auf. Ob dieser nur über die Öffentlichkeit oder auch über die Medien publiziert wird ist dabei zunächst unerheblich. Denn die Enthüllung einer verwerflichen Handlung ist immer der Ausgangspunkt eines Skandals und trägt zu einer öffentlichen Auseinandersetzung mit bestehenden Problemen bei (vgl. Orlamünder; 2008). Skandale können aber auch dazu dienen, dass Gesellschaften sich weiterentwickeln, bzw. nach Burkhardt eine Aktualisierung von Moral (vgl. Burkhardt; 2006) vornehmen. Es ist ein aktiver Lernprozess, an dem alle beteiligten Personen teilnehmen und aus ihm lernen. Hierbei können nicht nur Gesetzesänderungen oder Einführung neuer Regeln als effektive Lösungen dienen. Es kann nämlich durch Skandale auch zu einer Verschiebung von Normen und von Handlungsgrundlagen kommen, die für später auftretende Skandale von enormer Wichtigkeit sein können, wenn es um die Frage der Schwere der Schuld eines Verursachers des Skandals geht.

Je nach Verlauf eines Skandals kann es zu unterschiedlichen Lösungsansätzen kommen – je nachdem, wie weitreichend die Wirkung des Skandals ist. Im Bereich der Lebensmittelskandale können z.B. bei Verstößen gegen die Lebensmittelverordnung Strafen für die Verursacher verhängt werden oder neue Gesetze und Reglementierungen eingeführt werden. Es können durch einmalige Enthüllung eines Problems weitere Enthüllungen ähnlicher Probleme auftauchen, die wiederrum den Medienskandal weiter entfachen und es somit schwieriger wird, einen adäquaten Lösungsansatz zu finden.

Einige Skandale können eine schnelle Abschwungphase nach sich ziehen und damit die Problemlösung einfach und schnell machen.

Es wird deutlich, dass Medienskandale durch ihre zahlreichen Wirkungen immer mehr Einfluss auf die Öffentlichkeit ausüben und es damit immer schwerer wird, sich nicht von diesen Skandalen in seiner Lebensweise beeinflussen zu lassen – gerade dann, wenn es um Lebensmittelskandale geht.

Im folgenden Analyse-Abschnitt soll anhand des EHEC-Skandals von 2011 geklärt werden, welche dieser theoretischen Elemente tatsächlich auf die Epidemie und die Berichterstattung in den Medien übertragbar ist. Dabei wird zunächst der Verlauf der Epidemie geklärt, um daraufhin einen Skandal-Zeitplan zu erstellen. In einem weiteren Schritt soll versucht werden zu ermitteln, um was für einen Skandaltyp es sich bei EHEC handelt und es wird geklärt, warum EHEC so skandalös war: wieso wurde aus dieser Epidemie ein Skandal gemacht? Als letzten Schritt soll eine Analyse vorgenommen werden, wer die beteiligten Personen am Skandal sind und welche Personen ein Vorteil aus ihnen ziehen: wer skandalisiert wen aus welchen Gründen und wer sind die Nutznießer?

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Skandalisierung in den Medien. Eine Analyse der EHEC-Epidemie von 2011
Hochschule
Universität Hamburg  (Soziologie)
Veranstaltung
Food & Crime
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V301210
ISBN (eBook)
9783668001145
ISBN (Buch)
9783668001152
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
EHEC;, Skandal;, Epidemie;, Medien;, Lebensmittelverunreinigung;
Arbeit zitieren
Stephanie Kroll (Autor), 2013, Skandalisierung in den Medien. Eine Analyse der EHEC-Epidemie von 2011, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301210

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