Die gesprochene Sprache ist sicherlich das wichtigste Kommunikationsmittel eines jeden Menschen und entscheidet maßgebend über seine Positionierung und Interaktion innerhalb einer sozialen Gruppe gleich welcher Art. Umso schwieriger gestaltet sich diese Aufgabe, wenn dieses Kommunikationsmittel nicht oder zumindest nicht vollumfänglich eingesetzt werden kann. Eine der häufigsten Ursachen dafür ist die Notwendigkeit in einer Fremdsprache zu kommunizieren, zum Beispiel in Folge einer Umsiedlung oder Auswanderung. Bei all den alltäglichen Herausforderungen in einem neuen Land wiegt die fehlende oder nur begrenzte Beherrschung der Sprache besonders schwer.
Diesen Schwierigkeiten sind verständlicherweise auch die Kinder vollumfänglich ausgesetzt, wobei die Problematiken bei ihnen anders gelagert sind. Dies liegt vor allem daran, dass die sprachliche Entwicklung im Kindesalter noch nicht vollständig abgeschlossen ist und Kinder beim Erlernen einer Sprache im Vergleich zu den Erwachsenen ein anderes Lernverhalten haben (Heuer , 2005).
In Deutschland lebten im Jahr 2010 rund 15,7 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund, davon rund 4,3 Mio. in der Alterskategorie bis 19 Jahre (Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2012). Natürlich sind viele darunter, die von der Problematik nicht betroffen sind, weil sie zum Beispiel in einer deutschsprachigen Umgebung aufgewachsen sind und keine Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung aufweisen. Dennoch betrifft das Themengebiet eine sehr breite Bevölkerungsschicht und hat eine entsprechende gesellschaftliche Relevanz.
Studien in Deutschland (Dubowy et al., 2008) haben in den letzten Jahren zutage gebracht, dass die Entwicklung der sprachlichen Fähigkeiten bei Kindern mit Migrationshintergrund deutlich häufiger suboptimal verläuft bzw. von zahlreichen Problemen begleitet wird. Im Rahmen dieser Arbeit soll diese Problematik aufgegriffen und aufbereitet werden. Zunächst soll die normale sprachliche Entwicklung im Kindesalter, insbesondere die einzelnen Phasen und relevanten Entwicklungsfaktoren, kurz skizziert werden.
Den Schwerpunkt der Arbeit bildet der zweite Teil in dem zunächst auf die Besonderheiten und der Sprachentwicklung der Kinder mit Migrationshintergrund eingegangen wird. Ziel ist es, auf Basis der Datenlage, die grundsätzlichen Differenzen und Problemfelder im Vergleich zu der Gesamtgruppe (also aller Kinder in Deutschland) zu identifizieren und zu verdeutlichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklung der Sprache im Kindesalter
2.1 Phasen der Entwicklung im Säuglings- und Kleinkindalter
2.2 Relevante Sprachentwicklungsfaktoren
3. Besonderheiten der Sprachentwicklung bei Kindern mit Migrationshintergrund
3.1 Terminologieabgrenzung
3.2 Sprachliche Situation in Familien mit Migrationshintergrund
3.3 Relevante Sprachentwicklungsfaktoren und mögliche Problemfelder
4. Diagnostik und Sprachförderung der Kinder mit Migrationshintergrund im Elementarbereich
4.1 Diagnostik der kindlichen Sprachentwicklung mit Hilfe von Sprachstandserhebungen
4.2 Ausgewählte Förderkonzepte der kindlichen Sprachentwicklung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Problematik der sprachlichen Entwicklung von Kindern mit Migrationshintergrund im Elementarbereich zu analysieren, um bestehende Defizite und notwendige Fördermaßnahmen in Deutschland kritisch zu beleuchten.
- Sprachentwicklung im Kindesalter
- Sprachliche Situation in Familien mit Migrationshintergrund
- Herausforderungen durch Multilingualität und sozioökonomische Faktoren
- Diagnostikmethoden in Kindertagesstätten
- Förderkonzepte im Elementarbereich
Auszug aus dem Buch
Besonderheiten der Sprachentwicklung bei Kindern mit Migrationshintergrund
Da es zahlreiche Forschungsfelder in den Bereichen Sprache und Migration gibt, soll zunächst zu Beginn des vorliegenden Unterkapitels die entsprechende Terminologie und der Arbeitsfokus eingegrenzt werden. Aufgrund der Tatsache, dass das Thema dieser Arbeit der kindliche Spracherwerb ist, wird ausschließlich der Erwerb der allgemeinen, zur täglichen Kommunikation bestimmten Sprache behandelt. Im Nachfolgenden wird der Begriff Multilingualität verwendet. Dieser schließt im Rahmen der vorliegenden Arbeit nur die Formen der Mehrsprachigkeit oder vielmehr den Bilingualismus ein, bei dem in den Familien mit Migrationshintergrund vorwiegend die Herkunftssprache gesprochen und Deutsch als Zweitsprache oder zumindest nicht als die dominante Erstsprache (Kielhöfer & Jonekeit, 2002) erworben wird. Gemäß Portes und Rumbaut (1996) lassen sich daraus die folgenden vier Hauptkategorien bzw. Sprachkonstellationen hinsichtlich der Beherrschung der deutschen und der Herkunftssprache ableiten:
Kategorie 1: Mehrsprachig: sowohl Deutsch als auch die Herkunftslandsprache werden sehr gut oder gut gesprochen.
Kategorie 2: Deutsch dominant: Deutschkenntnisse sind sehr gut oder gut, Herkunftslandsprache wird mittelmäßig bis gar nicht gesprochen.
Kategorie 3: Herkunftslandsprache dominant: Deutsch wird mittelmäßig bis gar nicht, Herkunftslandsprache sehr gut oder gut gesprochen.
Kategorie 4: Eingeschränkt bilingual: Deutsch wird mittelmäßig bis gar nicht und auch Herkunftslandsprache mittelmäßig bis gar nicht gesprochen.
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit sind vor allem die letzten zwei Kategorien mit mittelmäßigen bis schlechten Kenntnissen der deutschen Sprache besonders relevant.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Bedeutung der Sprache als zentrales Kommunikationsmittel und skizziert die Problematik des suboptimalen Spracherwerbs bei Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland.
2. Entwicklung der Sprache im Kindesalter: Dieses Kapitel stellt die Phasen des Spracherwerbs von der pränatalen Phase bis zum fortgeschrittenen Kindesalter sowie die wesentlichen Einflussfaktoren wie Sprachumgebung und kognitive Kompetenzen dar.
3. Besonderheiten der Sprachentwicklung bei Kindern mit Migrationshintergrund: Hier werden die spezifischen Herausforderungen von Kindern im multilingualen Kontext erörtert, inklusive der sozioökonomischen Einflüsse und der Bedeutung des generationsübergreifenden Sprachniveaus.
4. Diagnostik und Sprachförderung der Kinder mit Migrationshintergrund im Elementarbereich: Das Kapitel analysiert die verschiedenen diagnostischen Instrumente in deutschen Bundesländern und stellt ausgewählte ganzheitliche Förderkonzepte wie Hocus und Lotus sowie das Rucksack-Projekt vor.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Notwendigkeit einer bundesweit einheitlichen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Diagnose- und Fördermethoden sowie die zentrale Bedeutung der Qualifizierung von Erziehungskräften zusammen.
Schlüsselwörter
Sprachentwicklung, Kindesalter, Migrationshintergrund, Elementarbereich, Multilingualität, Bilingualismus, Sprachdiagnostik, Sprachförderung, Sprachstandserhebungen, Hocus und Lotus, Rucksack-Projekt, Bildungschancen, soziokulturelle Faktoren, Erziehungskräfte, Zweitspracherwerb.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die sprachliche Entwicklung von Kindern mit Migrationshintergrund und untersucht, wie diese im Elementarbereich diagnostiziert und gefördert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Grundlagen des Spracherwerbs, die Situation in Familien mit Migrationshintergrund, diagnostische Verfahren in Kindertagesstätten sowie verschiedene Ansätze zur Sprachförderung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Herausforderungen bei der sprachlichen Entwicklung von Kindern mit Migrationshintergrund zu identifizieren und die Effizienz sowie Einheitlichkeit der aktuellen Diagnose- und Förderkonzepte in Deutschland zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und der Aufbereitung empirischer Daten und Studien zum kindlichen Spracherwerb und den Rahmenbedingungen in Deutschland.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der allgemeinen Sprachentwicklung, die Analyse spezifischer Hürden im Migrationskontext sowie eine detaillierte Betrachtung der Diagnostik und der Förderkonzepte im Elementarbereich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sprachentwicklung, Migrationshintergrund, Elementarbereich, Sprachdiagnostik, Sprachförderung und Multilingualität.
Warum spielt der Elementarbereich eine so entscheidende Rolle?
Der Autor argumentiert, dass die wichtigsten sprachlichen Fortschritte in den ersten sechs Lebensjahren stattfinden und der Elementarbereich somit die kritische Phase für eine frühzeitige und wirksame Sprachförderung darstellt.
Was unterscheidet das Rucksack-Projekt von anderen Förderansätzen?
Das Rucksack-Projekt zeichnet sich durch seine ganzheitliche Ausrichtung aus, die explizit die Eltern und den familiären Hintergrund der Kinder in den Förderprozess einbindet, anstatt sich nur auf das Kind in der Kita zu konzentrieren.
Warum gibt es keine einheitlichen Sprachstandserhebungen in Deutschland?
Aufgrund der bildungspolitischen Hoheit der Bundesländer werden Diagnoseverfahren methodisch und verfahrenstechnisch unabhängig voneinander entwickelt, was zu einer großen Vielfalt und Problemen bei der Vergleichbarkeit führt.
- Citation du texte
- Yana Petrosyan (Auteur), 2015, Sprachliche Entwicklung, Diagnostik und Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund im Elementarbereich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301327