"Wir mussten sehr hungern." Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Braunlage unter dem Hakenkreuz


Wissenschaftliche Studie, 2015
28 Seiten, Note: keine Benotung

Leseprobe

Wir mussten sehr hungern – Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Braunlage unter dem Hakenkreuz

von

Dr. Friedhart Knolle

Vorbemerkung

In der bis heute oft zitierten Chronik der Stadt Braunlage (Moritz o.J.) findet sich kein Wort zu den Themen Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Braunlage – dabei lehrt schon ein kurzer Blick auf die Friedhöfe der Stadt, dass diese Themen nicht an der Stadt Braunlage vorbeigingen. Solchermaßen sensibilisiert, hat der Autor seit Jahren zum Thema recherchiert.

Beginnender NS-Terror 1933

Schon früh machte Braunlage die Bekanntschaft mit dem NS-Terror. Am 20. März 1933 überfiel ein staatliches Rollkommando Braunlage und sperrte zahlreiche Braunlager in die Vereinsgaststätte der Nazis, die Kurbadeanstalt Birkel, ein. Dort wurden die Festgenommenen gefoltert, in Badezellen gesperrt oder besinnungslos geschlagen (Kuessner 2002).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Titelbild des Veranstaltungsführers der 4. Deutschen Winterkampfspiele

1934 in Braunlage und Schierke (Archiv Spurensuche Harzregion e.V.)

Begeben wir uns auf eine Spurensuche nach den Wunden, die das NS-Regime in Braunlage hinterlassen hat, mit einem besonderen Augenmerk auf die Themen Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit.

Rüstungsproduktion in der NS-Zeit

Im Harz gab es während des sog. Dritten Reichs eine Vielzahl von Rüstungsbetrieben und kriegswichtigen Zulieferbetrieben. Prädestiniert durch seine strategisch-geografisch günstige Lage in der Mitte des Deutschen Reichs ("Mittelraum"), das vor Kriegsbeginn brachliegende industrieerfahrene Arbeitskräftepotential dieser Region und nicht zuletzt die guten Tarnungsmöglichkeiten für die neuen Rüstungsbetriebe, entwickelte sich im Harzgebiet und Harzvorland ein Schwerpunkt der nationalsozialistischen Rüstungsproduktion.

Allein im Bereich der heutigen Landkreise Göttingen, Holzminden, Osterode, Goslar und Northeim arbeiteten während des 2. Weltkriegs über 140 Betriebe an knapp 40 Standorten für die Rüstungsindustrie. Etwa ein Viertel dieser Firmen stellten chemische Vorprodukte oder Sprengstoffe her. Im Harz befanden sich aber nicht nur kriegswichtige Betriebe der Chemie- und der Metallverarbeitungsbranche. Hinzu kamen strategisch wichtige Anlagen wie die Harzer Erzbergwerke oder der Fliegerhorst Goslar. Herausragend kriegswichtige Betriebe waren z.B.:

- Schickert-Werke in Bad Lauterberg (streng geheim gehaltene Produktionsstätte von Wasserstoffsuperoxid als V2-Treibstoff)
- Werk Tanne in Clausthal-Zellerfeld (Sprengstoffproduktion; eines der größten Werke dieser Art im Reich)
- Wifo Langelsheim (Salpetersäureproduktion für das Werk Tanne)
- Hoesch-Munitionswerke der Silberhütte in Sankt Andreasberg
- Chemische Werke Harz-Weser GmbH in Langelsheim (Aktivkohleproduktion, u.a. Gasmaskenfilter)
- Firmen Gebr. Borchers AG und H.C. Starck in Goslar (Arsen, Seltenmetalle, ABC-Forschung, Spezialchemie)
- Erzbergwerk Rammelsberg in Goslar und Unterharzer Berg- und Hüttenwerke GmbH in Oker-Harlingerode (Metall- und Schwefelsäureproduktion)

Hinzu kamen zahlreiche kleinere, weniger bekannte Produktionsstätten.

Den meisten dieser Werke wurden im Krieg Arbeitslager für Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene zugeordnet. Denn in der Kriegswirtschaft, insbesondere im Metall- und Bergbausektor, herrschte kriegsbedingt ein eklatanter Arbeitskräftemangel. Die vielen Millionen Fremdarbeiter, die ab Herbst 1941 nicht mehr nur in der Landwirtschaft, sondern mit der Umstellung auf einen langen Abnutzungskrieg auch in der Industrie zum "Arbeitseinsatz" kamen, lebten in einem System von Lagern und Barackenbehausungen, die zum Bild aller Städte und fast jedes Dorfes in Deutschland gehörten. Nach Schätzungen existierten auf dem Reichsgebiet insgesamt etwa 20.000 Lager dieser Art; nur ein Bruchteil von ihnen ist bis heute namhaft gemacht (Weinmann 1990).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Adolf Hitler-Platz, heute „Platz am Brunnen“ (zeitgenössische Ansichtskarte)

Eine gute Originalquelle für die Lokalisierung der NS-Lager sind immer noch die von Weinmann (1990) kommentiert neu herausgegebenen beiden Lagerkataloge des International Tracing Service (Catalogue of Camps and Prisons in Germany and German-Occupied Territories; CCP); hier sind etwa 7000 Lager und Gefängnisse lokalisiert. Größe und Art der Zwangsarbeitslager für Ausländer, oft in verharmlosender Pauschalierung "Arbeitslager" oder "Zivilarbeiterlager" genannt, wichen nach Weinmann stark voneinander ab. Viele Lager hatten den Charakter streng bewachter Haftstätten. In anderen Fällen waren es umzäunte oder nicht umzäunte Unterkünfte, die auf diese Weise leichter von der Polizei zu kontrollieren waren. Bei Detailforschungen stellte sich jedoch immer wieder heraus, dass der Anteil bewachter, rigide kontrollierter Lager sehr hoch liegt.

Eine weitere wichtige Quelle für unsere Region ist der Band „Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft im Lande Braunschweig 1939 - 1945“ (Fiedler & Ludewig 2003).

Anders als die KZ lagen die Zwangsarbeitslager im Wahrnehmungsfeld der Bevölkerung – auch im Harz. Trotzdem wollen sich nur wenige Zeitzeugen freimütig an diese Lager erinnern, obwohl es auch immer wieder Fälle gab, in denen Deutsche den teilweise unterernährten Ausländern in den Lagern aus Mitleid Nahrungsmittel zukommen ließen. Zur Normalität des Lageralltags konnte gehören, dass die "Fremdvölkischen" am Arbeitsplatz – immerhin zumeist mitten in deutschen Betrieben! – zusammenbrachen, weil ihre Nahrungsmittelrationen unter das Existenzminimum gesenkt worden waren. Zu den normalen Selbstverständlichkeiten gehörte es auch, dass bei Luftangriffen "den Ausländischen" der Zugang zu den Luftschutzkellern verwehrt war – sie waren für die Deutschen reserviert (weitgehend nach Weinmann 1990).

Auf die allermeisten dieser Lager im Harz, in denen sich teilweise grausame Schicksale abgespielt haben, verweisen keine Tafeln oder Gedenksteine. Ihre Geschichte ist bisher nur ansatzweise erforscht und dargestellt und muss zumeist erst noch geschrieben werden – auch in Braunlage.

Todesmärsche durch Braunlage

Das vielleicht bekannteste Denkmal dieser Zeit in der Stadt Braunlage ist die Stele zur Erinnerung an die sog. „Todesmärsche“, von denen zwei in den letzten Tagen des 2. Weltkriegs auch durch die Stadt Braunlage verliefen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Todesmarsch-Stele vor der Trinitatis-Kirche Braunlage (Foto Siegfried Richter)

Baranowski (2013) berichtet, dass der Dessauer Junkers-Konzern auch im KZ-Außenkommando Bad Gandersheim Flugzeugteile produzierte. Zu Kriegsende setzten sich 450 Heinkel-Häftlinge am Vormittag des 4. April 1945 in Richtung Harz in Bewegung. Es war der Beginn eines mehr als dreiwöchigen Evakuierungsmarsches, der auch durch Braunlage führte. Auf dem Gelände des ehemaligen Sägewerks Buchholz, heute Supermarktgelände, über­nach­teten die verbliebenen ca. 430 Mann. Der Marsch ging am 7.4.1945 weiter über die Bodestraße nach Wernigerode zur Ziegelei Heuer und von dort über Quedlinburg, Bitterfeld, Dresden, Aussig und Prag nach Dachau, wo der Transport am 27. April 1945, zwei Tage vor der Befreiung des Lagers, ankam. Es dürften kaum mehr als 200 KZ-Arbeiter des Außenkommandos Gandersheim sein, die dort die Befreiung durch die Amerikaner erlebten oder denen unterwegs die Flucht geglückt war. Ein amerikanischer Bericht vom 26. November 1945 nennt die Zahl von 180 Überlebenden.

Auch der Todesmarsch der III. SS-Baubrigade aus dem Südharz führte durch Braunlage. Diese Brigade war dort im Zusammenhang mit dem KZ Mittelbau-Dora eingesetzt. In der Nacht vom 7. auf den 8. April 1945 wurden im KZ-Stammlager Wieda der III. SS-Bau­brigade zu den 250 vorhandenen noch ca. 900 Häftlinge gepfercht, die aus den drei Außenlagern Mackenrode, Nüxei und Osterhagen anmarschiert waren. Einige der überlas­­teten Bettgestelle brachen, sechs Häftlinge wurden erdrückt. Die Toten wurden am Waldrand hinter dem Lager verscharrt; heute ruhen sie auf dem Wiedaer Friedhof. Gleich hin­ter dem Ort Wieda fielen schon die ersten Schüsse. Eine Gedenkstele markiert hier die Marschroute. Der erste Block von 400 Marschierern geriet auf einer Wiese in Braunlage in den Kampf zwischen alliierten Flugzeugen und Flugabwehr. Dabei wurden einige Häftlinge verletzt. Vor dem Weitermarsch wurden sie von ihren Bewachern erschossen. Von Braunlage kommend wurde bei leichtem Nachtfrost bäuchlings auf einer Wiese vor Elend übernachtet. Einige Häftlinge konnten wegen Erschöpfung oder Erfrieren am Folgetag nicht weiter und sind hier erschossen bzw. liegengelassen worden (Klinger u.a. 2002).

Alle wichtigen Stationen auch dieses Marschs sind mit Gedenkstelen versehen. Die Braunlager Stele wurde am Totensonntag des 26.11.2001 auf dem Gelände der evangelischen Trinitatisgemeinde in Verbindung mit einem Gottesdienst durch die Harzer Spurensuche-Vereinigungen eingeweiht.

Zwangsarbeit in der Kernstadt Braunlage

In Braunlage und Umgebung wurden Kriegsgefangene und Zwangsarbeit in den Forstämtern, in holzverarbeitenden Betrieben und im Granitsteinbruch Wurmberg eingesetzt. Daran erinnert das sowjetische Ehrenmal auf dem Bergfriedhof an der Lauterberger Straße.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sowjetisches Ehrenmal auf dem Bergfriedhof an der Lauterberger Straße

(Foto Siegfried Richter)

Der Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte des Widerstandes 1933 - 1945 wusste 1985 in seinem Heimatgeschichtlichen Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945 für die Regierungsbezirke Braunschweig und Lüneburg vom Bergfriedhof Braunlage zu berichten: „… die vom Gräbergesetz vorgeschriebenen Grabtafeln mit Namen, Lebensdaten und Angabe der Nationalitäten fehlen, ebenso jeder sonstige Hinweis auf die Herkunft der hier Begrabenen. Aufschluß gibt aber ein altes sowjetisches Ehrenmal mit der Inschrift in russischer Sprache; „Ewiges Gedenken den sowjetischen Soldaten, zu Tode gequält in faschistischer Gefangenschaft 1941 - 1945.“ 57 Sowjetbürger, 3 Polen und ein Jugoslawe sind auf dem Friedhof begraben, einige starben in Hohegeiß, die meisten aber in Braunlage. Geschwächt durch Gefangenschaft und Zwangsarbeit starben viele von ihnen noch in den Monaten nach der Befreiung“.

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Details

Titel
"Wir mussten sehr hungern." Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Braunlage unter dem Hakenkreuz
Note
keine Benotung
Autor
Jahr
2015
Seiten
28
Katalognummer
V301421
ISBN (eBook)
9783668000209
ISBN (Buch)
9783668000216
Dateigröße
2026 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rüstungsproduktion, zwangsarbeit, braunlage, hakenkreuz
Arbeit zitieren
Dr. Friedhart Knolle (Autor), 2015, "Wir mussten sehr hungern." Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Braunlage unter dem Hakenkreuz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301421

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