Iraner in Deutschland. Migrationsprozess und Integration


Facharbeit (Schule), 2013
24 Seiten, Note: 15,0 Punkte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die iranische Emigration nach Deutschland im historischen Kontext
2.1 Die iranische politische Exilgemeinde in Deutschland
2.1.1 Persische Exilanten im Kaiserreich, der Weimarer Republik und im 3. Reich
2.1.2 Die iranische politische Exilgemeinde in Deutschland 1945 -
2.1.3 Die iranische politische Exilgemeinde in Deutschland nach 1979
2.2 Die iranische Bildungsmigration nach Deutschland
2.3 Zur Aufstiegsmigration
2.4 Die iranische Minderheitenmigration nach Deutschland
2.5 Kinder-, Frauen- und Familienmigration als neue Migrationstypen

3. Lebenssituation und Integration der Iraner in Deutschland
3.1 Wirtschaftliche Aspekte
3.2 Rechtliche Aspekte
3.3 Kulturelle Aspekte

4. Die Integration iranischer Migranten in Deutschland - ein Erfolg?

5. Bibliographie

1. Einleitung

Seit Jahren sieht sich die Islamische Republik Iran dem Phänomen des sogenannten „brain drain“ in einem extrem hohen Ausmaße ausgesetzt. Dabei handelt es sich um die Auswanderungsrate von Akademikern. Dem Internationalen Währungsfonds zufolge verlassen jährlich ca. 150000 junge, gut ausgebildete Männer und Frauen das Land.1 Damit steht der Iran, was die Abwanderung der akademischen Elite betrifft, an der Spitze der Welt. Die Bundesrepublik Deutschland nimmt hierbei für die iranischen Migranten eine herausragende Stellung als wichtigstes europäisches Migrationsziel ein.2 So lebten im Jahre 2004 ca. 120000 Menschen mit iranischem Migrationshintergrund in Deutschland.3

Trotz der Größe der iranischstämmigen Minderheit bleibt sie in Deutschland unauffällig und findet kaum Beachtung in verschiedenen Integrationsdebatten, obwohl sie historisch wie auch quantitativ zweifellos zu den bedeutendsten Migrationsgruppen in der Bundesrepublik Deutschland gezählt werden muss. So lässt sich die iranische Migration nach Deutschland bis in die Zeit der Weimarer Republik zurückverfolgen.4 Heutzutage wirken bedeutende Persön- lichkeiten mit iranischem Migrationshintergrund in allen Belangen des öffentlichen Lebens der Bundesrepublik Deutschland. Darunter befinden sich u. a. die stellvertretende Parteivor- sitzende der Partei Die Linke, Sahra Wagenknecht, der Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour, der bekannte Neurochirurg Madjid Samii oder auch die erfolgreichen Schriftstel- ler Navid Kermani und Bahman Nirumand.

Die vorliegende Arbeit behandelt die Frage, inwieweit die iranische Migration nach Deutsch- land erfolgreich verlief. Dabei wird zuerst auf die verschiedenen Gruppen eingegangen, die nach Deutschland immigrierten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Veranschau- lichung des historischen Verlaufs der iranischen Migration nach Deutschland und der Ent- wicklung der iranischen Exilgemeinde in Deutschland. Daraufhin wird die Lebenssituation der Iraner in der BRD beleuchtet und zuletzt die Kernfrage der Arbeit, ob ihre Integration gelungen ist, beantwortet.

2. Die iranische Emigration nach Deutschland im historischen Kontext

2.1 Die iranische politische Exilgemeinde in Deutschland

2.1.1 Persische Exilanten im Kaiserreich, der Weimarer Republik und im 3. Reich

Die Flucht und Exilsuche iranischer Intellektueller und Gegner der verschiedenen, seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts herrschenden5 Regime kann auf eine circa 150jährige Geschichte zurückblicken.6 In Deutschland bildete sich im Zuge des sogenannten Tabakaufstandes von 1891, der konstitutionellen Revolution in den Jahren 1905 - 1911 und zehn Jahre später mit dem Beginn der Herrschaft von Shah Reza Pahlavi im Jahre 1921 allmählich eine größere Exilgemeinde. Diese bestand hauptsächlich aus iranischen Intellektuellen, bei denen es sich vorwiegend um Marxisten und Demokraten handelte.7 Die deutlichen Tendenzen dieser aka- demischen Elite zur Emigration ins europäische und amerikanische Ausland erklären sich einerseits mit der Verfolgung durch das monarchistische Regime und andererseits damit, dass die iranischen Intellektuellen, von denen viele durch Auslandsstudien mit fortschrittlichen, westlichen Konzepten in Berührung gekommen waren, eine zu große Distanz zum Volk hat- ten und ihre Vision von einer konstitutionellen Monarchie kaum durchsetzen konnten. Gegen die Geistlichkeit büßten sie so immer mehr an Einfluss ein.8 Die Attraktivität der Weimarer Republik für intellektuelle Exilanten, die ab 1921 aus, nun von Shah Reza Pahlavi regierten, Persien flohen, hatte mehrere Gründe. Zum einen genoss das deutsche Volk in Persien ein hohes Ansehen, das sich unter anderem aus der deutschen Feindschaft zum in Persien zutiefst verhassten British Empire speiste. Zum anderen bot die Weimarer Republik iranischen Exil- anten lange Zeit gute Möglichkeiten zur oppositionellen Arbeit:

„Im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Staaten genossen die Iraner in der jungen Weimarer Demokratie mehr Freiheit und bessere Möglichkeiten, sich politisch zu betätigen als andernorts.“9

Zwar waren schon im Kaiserreich Organisationen wie das „persische Komitee“ im Jahr 1915 gegründet worden.10 Aber erst in der Weimarer Republik bildete sich eine Vielzahl unter schiedlicher Organisationen und Vereine heraus, in denen sich Exiliraner politisch engagier- ten. Die sich immer mehr verbessernden deutsch-persischen Beziehungen, in deren Zuge sich die Weimarer Republik in den 1920ern zu einem der wichtigsten Handelspartner Persiens aufschwang11, bedeuteten jedoch immer schwierigere Verhältnisse für die politische Arbeit der Exiliraner. Der Weimarer Republik war nun an guten Beziehungen gelegen, weshalb sie der oppositionellen Tätigkeit der iranischen Exilgemeinde zunehmend ablehnend gegenüber stand:

„Festzuhalten bleibt …, daß schon in der Weimarer Republik die iranische Exilopposition unter Druck gesetzt wurde, nachdem ein deutschlandfreundlicher Diktator (Shah Reza Pahlavi, Anm. d. Verf.) die Macht ergriffen hatte (…).“12

Beispiele für diese repressive Politik sind die Auflösung des Studentenvereins „Omide- Iran“ und die Einstellung der Zeitschrift „Farangestan“, die Shah Reza Pahlavi kritisch gegenüberstanden.13 Mehrmals ermittelte die deutsche Polizei auch auf Druck der persischen Regierung und großer deutscher Unternehmen wie Krupp-Stahl gegen Organisationen, Verlage und Vereine sowie einzelne bekannte iranische Exiloppositionelle.14

An dieser, für die iranische Exilgemeinde ungünstigen Situation änderte sich auch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland nichts, da auch diese in Persien/Iran einen potentiellen Partner und Verbündeten sahen und großes Interesse an einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit hatten. Im Gegenteil, ab 1933 „wurden alle Aktivitäten, die das deutschiranische Verhältnis belasteten, eingestellt.“15

In der Zeit vor 1945 wurden zweifellos die Grundlagen für die iranische Migration nach Deutschland im 20. und 21. Jahrhundert gelegt. Die Exiloppositionellen errichteten soziale Strukturen, die späteren Generationen von Iranern, die nach Deutschland emigrierten, sehr nützlich sein sollten und ein wichtiger Faktor bei der Integration derselben darstellten. Es sollte zudem festgehalten werden, dass die iranische Exilgemeinde in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beinahe ausschließlich aus der gesellschaftlichen Elite Persiens und größtenteils aus vermögenden Familien stammte sowie eng mit dem Phänomen des Auslandsstudiums (s. Kapitel 2.2) verbunden war.16

2.1.2 Die iranische politische Exilgemeinde in Deutschland 1945 - 1979

Nachdem die alliierten Besatzungsmächte Shah Reza Pahlavi 1941 abgesetzt und sein Sohn, Mohammed Reza Pahlavi als neuer Shah vereidigt wurde, folgten im Iran einige Jahre „relati- ver politischer Freiheit“17. Dies änderte sich schlagartig, nachdem der Shah 1953 durch einen Re- gierungsumsturz, angeführt von Premierminister Mossadegh, beinahe seinen Thron verlor und nur mit Hilfe eines Staatsstreiches, koordiniert durch die CIA, wieder an die Macht ge- langte.18 Daraufhin wurde im Iran ein despotisches Regime errichtet, das im hohen Maße von den USA abhängig war und die Opposition, hauptsächlich die kommunistische Tudeh-Partei, kompromisslos verfolgte. Dies löste eine Flüchtlingswelle in die BRD und DDR aus, deren Angehörige hauptsächlich marxistisch oder demokratisch eingestellt waren. Wiederrum ist die Bedeutung der vielen iranischen Auslandsstudenten in der BRD zu betonen, die zwar auf den ersten Blick dem Phänomen der Bildungsmigration zuzuordnen sind, von denen aber viele wegen ihres politischen Engagements nicht in den Iran zurückkehren konnten und sich de facto im politischen Exil befanden.19 Somit speiste sich die Exilgemeinde in den 60er und 70er Jahren zu großen Teilen aus Bildungs- und Aufstiegsmigranten, die bis in die 60er Jahre hauptsächlich dem wohlhabenden Teil der iranischen Bevölkerung entstammten.20 1963 gründete sich in Deutschland die „Conföderation Iranischer Studenten - National Union“ (CISNU), die sich schnell zu einem Dachverband für zahlreiche iranische Studentenverbände entwickelte und somit bald in das Blickfeld des iranischen Regimes geriet. In der Behandlung der Exiliraner in der BRD sind auffällige Parallelen zur Weimarer Republik zu sehen. Auch die BRD war an sehr guten Beziehungen zu Iran interessiert, und neben der wirtschaftlich bedeutsamen Zusammenarbeit kam es vermutlich auch zu einer Kooperation des BND mit dem Geheimdienst des Shahs (SAVAK).21 So wurden iranische Studenten, die in den Iran zurückkehrten, oftmals eingesperrt oder gefoltert, da sie sich in Deutschland gegen den Shah engagiert hatten:

„Die persischen Behörden stützen sich dabei in zahlreichen bekannten Fällen auf Unterlagen, die sie nur von deutschen Behörden bekommen haben können.“22

Im Zuge dieser Politik kam es auch zu den Unruhen des 2. Juni 1967 als Folge des Shah- Besuchs. Demonstrierende iranischer Oppositionelle und deutsche Studenten wurden von Anhängern des Shahs brutal angegriffen, wobei die Polizei diese noch unterstützte, anstatt einzugreifen.23 Dieses Verhalten kann als beispielhaft für die Haltung der BRD gegenüber den politischen Aktivitäten der Exiliraner gelten.

2.1.3 Die iranische politische Exilgemeinde in Deutschland nach 1979 Die Entwicklung der iranischen Bevölkerung in der BRD:

Anhand der Grafik ist der starke Anstieg der iranischen Bevölkerung zwischen 1978, als ca.24

19.500 Iraner in der BRD lebten, und 1993, als sich die Stärke der iranischen Einwanderungsgruppe in der BRD auf 101.500 belief, gut zu erkennen. Am 31.12.1999 war die Zahl dem statistischen Bundesamt zufolge auf 116446 gestiegen.25 Dieser Anstieg war eng mit der Gründung der islamischen Republik Iran (IRI) verknüpft.

Nachdem der Shah 1979 durch ein breites Bündnis verschiedenster Organisationen und politischer Strömungen gestürzt wurde26, bestand für kurze Zeit die Hoffnung auf eine Demokratisierung des Irans. Diese Hoffnung wurde aber durch die sich formierende politische Führung27 gründlich zerschlagen:

[...]


1 Harrison, http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/6240287.stm.

2 Ghorashi, 2008, S. 646.

3 Hesse-Lehmann, Spellman, 2004, S. 141.

4 Jannat, 2005, S. 257.

5 Von 1779 bis 1925 regierten die absolutistischen Shahs der Quadjaren-Dynastie im heutigen Iran, nur lösten diese bis ca. 1850 keine nennenswerte, nach Deutschland gerichtete politische Emigration aus.

6 Ghaseminia, 1996, S. 84.

7 Jannat, 2005, S. 146.

8 Ghaseminia, 1996, S. 103.

9 Jannat, 2005, S. 148.

10 Ghaseminia, 1996, S. 106.

11 Jannat, 2005, S. 138.

12 Ghaseminia, 1996, S. 107.

13 Jannat, 2005, S. 149.

14 Jannat, 2005, S. 150.

15 Jannat, 2005, S. 138.

16 Ghaseminia, 1996, S. 107.

17 Ghaseminia, 1996, S. 110.

18 Jannat, 2005, S. 48/49.

19 Jannat, 2005, S. 153/154.

20 Ghaseminia, 1996, S. 113.

21 DER SPIEGEL, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42842884.html.

22 Jannat, 2005, S. 156.

23 Diese Gegendemonstranten bestanden vermutlich zum Teil aus iranischen Botschaftsangehörigen und SAVAK-Agenten. Sie wurden unter dem Begriff „Jubel-Perser“ sprichwörtlich.

24 Daneshjoo, 2003, S.30 zitiert nach Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Das Statistische Jahrbuch 2000.

25 Jannat, 2005, S. 159.

26 Die Revolution wurde laut Jannat von beinahe der gesamten iranischen Gesellschaft getragen. Als wichtigste Strömung bezeichnet er das Handelsbürgertum („Basar-Bourgeoisie“) und die unteren Schichten der Arbeiter. (Jannat, 2005, S.55)

27 Diese bestand hauptsächlich aus Vertretern einer theokratischen Staatsform. Ihr Oberhaupt war Ruhollah Chomeini, ein Ayatollah, der schon vor der Revolution aus dem französischen Exil gegen den Shah agiert hatte, und die führende Rolle bei seinem endgültigen Sturz innehatte.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Iraner in Deutschland. Migrationsprozess und Integration
Note
15,0 Punkte
Autor
Jahr
2013
Seiten
24
Katalognummer
V301538
ISBN (eBook)
9783956872211
ISBN (Buch)
9783668003538
Dateigröße
835 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
Iran, Migrationsgeschichte, Migration, Integration, Persien, Asyl, Asylpolitik, Iraner in Deutschland
Arbeit zitieren
David Norali Ghasemi (Autor), 2013, Iraner in Deutschland. Migrationsprozess und Integration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301538

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