Der karnevaleske Titel "Der gestiefelte Kater" verspricht zunächst, ein Katzenmärchen zu sein, das nahezu jeder kennt. Man vermutet dahinter eine kindgerechte Geschichte, die darstellt, wie ein Kater einem armen Müllerssohn zu Reichtum und Ehre verhalf. Doch sollen hier zwei Versionen der beliebten Katzengeschichte untersucht werden: "Der gestiefelte Kater" von Ludwig Tieck, veröffentlicht 1797, und das gleichnamige Kindermärchen der Brüder Grimm, veröffentlicht im Jahre 1812. Beide Märchen entstanden etwa zur gleichen Zeit, tragen denselben Titel, erzählen dieselbe Geschichte und weisen doch bemerkenswerte Unterschiede auf.
Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen die Fragen: Inwieweit und warum unterscheiden sich diese zwei Werke also teilweise recht eminent voneinander? Was genau macht Tiecks romantische Ironie aus und wie funktioniert sie? Handelt es sich wirklich, wie Karl Pestalozzi sagt, um eine „Demonstration des Scheiterns der Kommunikation zwischen Dichter und Publikum“? Außerdem sollen die Intentionen der unterschiedlichen Ausgestaltungen des "Katerstoffs" betrachtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Analyse
2.1 Genese der Märchen
2.2 Formale Unterschiede
2.3 Inhaltliche Unterschiede
2.4 Romantische Ironie bei Tieck und sein Publikum
2.5 Intentionen der Autoren
3. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht vergleichend die beiden literarischen Fassungen des Märchens "Der gestiefelte Kater" von Ludwig Tieck (1797) und den Brüdern Grimm (1812), um die unterschiedlichen Ausgestaltungen, Gattungsmerkmale und Intentionen der Autoren im Kontext der Aufklärung und Romantik zu analysieren.
- Vergleichende Analyse von Kunst- und Volksmärchen
- Einfluss der Romantischen Ironie bei Ludwig Tieck
- Untersuchung der strukturellen und inhaltlichen Textunterschiede
- Diskussion der Autorenabsichten und gesellschaftskritischen Ansätze
- Rolle des Publikums und der Fiktionsebenen im Werk Tiecks
Auszug aus dem Buch
2.4 Romantische Ironie bei Tieck und sein Publikum
Im Prolog ist der Zuschauerraum (das Parterre) „die einzige Szenerie“ und das Stück „einziger Gegenstand der Szene.“ Hier stellt sich das schon im Personenverzeichnis aufgeführte Publikum selbst als überheblicher und angeblich aufgeklärter Kritiker dar, das den Aberglauben solcher Kindereien durch die Aufklärung überwunden habe und keinerlei Bedürfnis habe, sich auf dieses Stück einzulassen. Die Zuschauer erzeugen die Fiktion eines Publikums, die über den Sinn des Stückes diskutiert, dem Rezipienten das eigene Verhalten aufzeigt und somit die Illusionsbereitschaft beim Leser zerstört.
Die Theaterbühne wird zum Requisit dieser Szene, das Parterre zum Ort des Schauspiels und die Rahmenhandlung selbst zum Thema des Werkes. Der Untertitel deutet bereits darauf hin nun erkennt es auch der Leser: Das Thema des Stückes ist keinesfalls das Katzentheater, sondern der misslungene Theaterabend mit karikierten Zuschauern und der desaströsen Darstellung eines Theaterstücks. So zeigt es auch das erste Erscheinen des Dichters: Ein junger, unerfahren wirkender Mann stellt sich vor sein Publikum und entschuldigt sich schon vor dem Beginn seines eigenen Stückes für die schlechte Qualität.
Außerdem, so sagt er, tröste ihn nur die „Kunst unsrer Schauspieler“ einigermaßen über diese schlechten Eingebungen seiner Muse hinweg. An dieser Stelle hat das Theater bereits begonnen. Das Publikum, als Spielball für den Autor des Stückes, spielt seine Rolle wie erwartet. Die Illusion für sein fiktives Publikum ist perfekt; die Illusion für den Leser des Stückes ist zerstört, wie es die romantische Ironie verlangt. Im Übrigen kann festgehalten werden, dass eben dieses Publikum, das unbewusst die Hauptrolle spielt, alle anderen Rollen beeinflusst oder sogar bestimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik ein und stellt das Ziel der vergleichenden Untersuchung zwischen den Fassungen von Ludwig Tieck und den Brüdern Grimm dar.
2. Analyse: In diesem Hauptteil werden die Genese, formale sowie inhaltliche Unterschiede und die Anwendung der Romantischen Ironie bei Tieck detailliert beleuchtet.
2.1 Genese der Märchen: Dieser Abschnitt beschreibt die Entstehungsgeschichte der Märchen als Phase der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Aufklärung und erläutert die Quellen der Grimms.
2.2 Formale Unterschiede: Hier werden die strukturellen Divergenzen, wie Titelzusätze, Rahmenhandlungen und die unterschiedliche Textlänge, kontrastierend gegenübergestellt.
2.3 Inhaltliche Unterschiede: Dieses Kapitel arbeitet spezifische Unterschiede in der Handlung und den Charakteren der beiden Kater-Versionen heraus und listet diese übersichtlich auf.
2.4 Romantische Ironie bei Tieck und sein Publikum: Der Fokus liegt hier auf der Zerstörung der Theaterillusion und der Etablierung verschiedener Fiktionsebenen im Werk Tiecks.
2.5 Intentionen der Autoren: Diese Sektion analysiert die zugrunde liegenden Absichten von Tieck und den Brüdern Grimm, insbesondere im Hinblick auf Gesellschaftskritik und Identitätsstiftung.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse des Vergleichs zusammen und beantwortet die in der Einleitung aufgeworfenen Forschungsfragen hinsichtlich der Unterschiede und Autorenabsichten.
Schlüsselwörter
Der gestiefelte Kater, Ludwig Tieck, Brüder Grimm, Romantische Ironie, Kunstmärchen, Volksmärchen, Aufklärung, Spiel im Spiel, Fiktionsebenen, Literaturvergleich, Theater, Literaturwissenschaft, Märchenforschung, Kommunikation, Rezeption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht zwei literarische Versionen des Märchens "Der gestiefelte Kater" und untersucht, wie sich Ludwig Tieck und die Brüder Grimm in ihrer Herangehensweise und Intention unterscheiden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Gattungsunterschiede zwischen Kunst- und Volksmärchen, die literarische Technik der Romantischen Ironie sowie der historische Kontext der Aufklärung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel ist es, die Gründe für die signifikanten Unterschiede in den Werken zu ermitteln und zu verstehen, warum die Autoren jeweils spezifische Erzählstrategien gewählt haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Textanalyse, die durch die Einbeziehung zeitgenössischer Sekundärliteratur gestützt wird, um strukturelle und intentionale Unterschiede aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entstehungsgeschichte, den formalen und inhaltlichen Kontrasten der Texte, der spezifischen ironischen Spielweise bei Tieck sowie den unterschiedlichen Zielen der Autoren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Romantische Ironie, Fiktionsebenen, Märchenvergleich, Ludwigs Tieck, Brüder Grimm und das "Spiel im Spiel".
Wie unterscheidet sich Tiecks Darstellung des Publikums von der traditionellen Rolle?
Tieck macht das Publikum zum aktiven, wenngleich unbewussten Teil seiner Handlung, indem er es in eine "Spiel-im-Spiel"-Struktur einbindet und so die Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne aufhebt.
Welche Bedeutung kommt dem Untertitel in Tiecks Werk zu?
Der Untertitel verweist nicht nur auf die Form als "Kindermärchen", sondern dient zugleich als ironischer Vorwurf an ein Publikum, das den Blick für Fantasie und künstlerische Freiheit verloren hat.
- Citar trabajo
- Cathrin Utesch (Autor), 2013, Variationen eines Märchens. Unterschiede in "Der gestiefelte Kater" von Ludwig Tieck und von den Gebrüdern Grimm, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301563