"Iwein" und die Frauen. Die Rolle der weiblichen Protagonisten in der Doppelwegstruktur


Hausarbeit, 2015

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Analyse
2.1 Die Beziehung zu Laudine und ihre Entwicklung
2.2 Anklägerin und Verbündete Lunete
2.3 Iweins Abenteuer

3.Fazit

4.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema meiner Hausarbeit sind die weiblichen Protagonisten des ‚Iwein‘ Hartmanns von Aue. Der Titel verspricht zunächst eine Untersuchung über ein viel diskutiertes Thema, das ich jedoch näher fokussieren möchte. Karl Weinhold behandelte bereits die Frauenthematik (Die deutschen Frauen in dem Mittelalter1 ), Otto Kump beschränkt sich in seiner Arbeit Frauengestalten mittelhochdeutscher Epen des 12. und 13. Jahrhunderts2 bereits auf die weiblichen Figuren Hartmanns. Und Anna Köhn schildert in Anlehnung an Kump Das weibliche Schönheitsideal der ritterlichen Dichtung3. In meiner Analyse über die von Kuhn so genannte Doppelwegstruktur des ‚Iwein‘ Älassen sich durch die Sicht auf das weibliche Personal der Dichtung, blinde Flecken in der bestehenden Forschung ausfindig machen und neue Deutungen erschließen.“4

Wie für die Artusromane charakteristisch, findet sich auch im ‚Iwein‘ die Doppelwegstruktur des epischen Helden; im ersten Kursus der Erzählung findet der tapfere Ritter ‚Iwein‘ Ehre, Liebe und Landesherrschaft aufgrund seiner erfolgreichen âventiure - in unserem Fall durch den Sieg über Askalon und die Minne zu Laudine. Dann kommt es zum Schuldfall und nach einer andauernden Krise mit anschließender Selbstfindung, erkennt der Held im zweiten Kursus schließlich seine wahre Bestimmung und erlangt Ruhm und Buhle zurück. Hier findet sich also der klassische Verlauf eines mittelhochdeutschen Artusromans.

Was sich hier aber von anderen Werken unterscheidet, sind die Märchenelemente, die in den Iweinstoff5 eingebunden sind. Der Schutz einer verwunschenen Quelle, die gleichzeitig Schutz für Land und seine Herrscherin bietet, kennzeichnet die ungewöhnlichen Naturgesetze, die in dieser Anderswelt herrschen: es ist beispielsweise nicht erklärbar, warum plötzliche Unwetter hereinbrechen, wenn Felsen mit Wasser begossen werden. Riesen leben in dieser Anderswelt, Löwen können sprechen und Salben heilen von geistiger Verwirrung. Diese Feenerzählung kommt nicht umhin den Frauen in diesem Brunnenland die wichtigsten Funktionen zuzuteilen. So spielt Laudine die Rolle der Brunnenfee, die erst durch eine Freierprobe von Iwein erobert werden kann. Ihre Vetraute Lunete scheint ebenfalls besondere Fähigkeiten zu haben. So ist sie dazu in der Lage durch geschickte Schachzüge Iwein und ihre Herrin zusammenzuführen oder zu entzweien. Ginover, die Königin am Artushof, bringt in gewisser Weise die Handlung in Bewegung, weil sie dafür sorgt, dass Kalogrenants Geschichte erzählt wird. ÄDer doppelte Konflikt, nämlich zwischen Iwein und Laudine einerseits und den zwei Sphären andererseits, bildet das Movens der Erzählung.“6 Um das Geschlechterverhältnis (Gender studies) und damit einhergehende Wandlungen in der Erzählung zu analysieren, werde ich zunächst die Beziehungen Iweins zu den zwei wichtigsten Frauen - Laudine und Lunete - eingehen. Später sollen die Funktionen der Abenteuer auf seiner âventiure geklärt werden.

2. Analyse

2.1 Die Beziehung zu Laudine und ihre Entwicklung

ÄIn keinem anderen höfischen Roman werden an derart exponierter Stelle, nämlich an der weiblichen Hauptgestalt, die politischen Zwänge, denen verwitwete Damen des Hochadels ausgesetzt waren, so realitätsnah vorgeführt wie im ‚Iwein‘ des Hartmanns von Aue.“7 Laudine, die weibliche Hauptfigur des Romans, tritt zu dem Artusritter Iwein durch ihr ambivalentes Verhalten in Konkurrenz. Sie nutzt Situationen, Äum eine Hierarchie innerhalb der Ehe zu gestalten, die sie als nützlich versteht.“8 Ihr Handeln ist geprägt von Trauer über ihren verstorben und offensichtlich geliebten Mann, gleichsam von der Zwangssituation für sich und ihr Land einen neuen Herrscher beschaffen zu müssen, um sich vor Überfällen zu schützen. Laudines wahnsinniges Haareraufen am Grab von Askalon zeichnet ein unbeherrschtes Bild von ihr. Sie wirkt, ganz im Gegenteil zu anderen Frauenkonzeptionen Hartmanns, überlegen, berechnend und autoritär. Die zweite Hochzeit, acht Tage nach dem Tod ihrer ersten Mannes, war im Mittelalter keine Seltenheit, so Carne. Der Eheentschluss hat für sie allerdings politische Gründe, während Iwein aus Liebe und Leidenschaft den Bund der Ehe mit ihr eingeht und dabei seine Standeserhöhung durch die Königin völlig vergisst. si gedâhte ‚mit mînem lîbe / mac ich den brunnen niht erwern: / mich muoz ein biderbe man nern, / ode ich bin benamen verlorn‘.9

Im Gegensatz zu ihrem Mann ist sich Laudine der politischen Macht und Verantwortung bewusst. Bei der Beerdigung ihres toten Gatten beklagt sie neben der verlorenen Liebe ebenso den fehlenden männlichen Schutz10: waz sol ich, swenne ich dîn enbir? / waz sol mit guot unde lîp? / waz sol ich unsælic wîp?11

Vorausschauend nimmt sie den Ritter zum Manne, der ihre Quelle (Laudines Schwachstelle) verteidigen und in ihrem Land für ungestörten Frieden sorgen kann. Neben dem geschickten Schachzug sich abzusichern, flammt in ihr gleichzeitig die Hoffnung auf, den schmerzlichen Tod ihres ersten Mannes Askalon durch den Beistand des starken Iwein verarbeiten zu können.

sô muoz er mich mit triuwen / ergetzen mîner riuwen12

ÄMit triuwe ist hier wohl kaum eine personale Treue in einer Liebesbindung gemeint, sondern soziale Treue in einer politischen Ehe“.13 Dies macht sie Ihrem Verehrer deutlich: ich will iuch gerne: welt ir mich?14

Sie hält es nicht für nötig den Ritter anzulügen und gesteht ihm, dass sie einwilligen werde, wenn es ihm doch so wichtig ist und gewinnt so die Situation für sich. Hier wird deutlich, dass die jetzige, wie auch spätere Konfliktsituationen, auf fehlerhafte Kommunikation zurück zu führen sind. Nach dem Konsensgespräch mit Iwein fragt sie: ouwî, mîn her Îwein, / wer hât under uns zwein / gevüeget diese minne?‘15

Nach Mertens ist auch hier mit minne nicht die Liebe gemeint, die Cramer übersetzt hat. Im Sinne von minne und reht gilt es hier eher als ÄVersöhnung“ oder ÄVertrauen und Verstehen“ zu fassen.16 Das sieht sich bestätigt als Laudine nach Iweins Sieg über seinen Ritterkollegen Keie an der verwunschenen Quelle einen ersten Beweis dafür erhält, gut verheiratet zu sein: von schulden vreute sî sich: / wan sî was unz an die zît / niuwan nâch wâne wol gehît: / nu enwas dehein wân dar an: / alrêst liebet ir der man.17

Damit hat sie ihr erhofftes Ziel erreicht: durch den Besuch des Königs kam sie zu gesellschaftlicher Anerkennung und ihr Land wurde erfolgreich verteidigt. Mit geselle und herre bedankt sie sich erstmals bei ihrem neuen Gatten und deutet an, Ädaß sein Wunsch in Erfüllung gegangen ist.“18 Eine Entwicklung Laudines wird dadurch deutlich, dass sich ihr Bild von Iwein deutlich gewandelt hat: vom tapferen Ritter, der Askalon getötet hat und in der Lage ist, sie vor Überfällen zu schützen, zum ehrenhaften Ehemann, der ihr sein Herz schenkt. Auch sie symbolisiert jetzt nicht mehr ausschließlich eine strenge Gebieterin, sondern ebenso eine zugeneigte Lebensgefährtin.

[...]


1 3. Ausg., 2 Bände (Wien, 1897).

2 (Diss. Masch., Graz, 1934).

3 (Form und Geist. Arbeiten zur germanischen Philologie. Band 14. Leipzig, 1930).

4 Breulmann, Julia: Erzählstruktur und Hofkultur. Weibliches Agieren in den europäischen IweinstoffBearbeitungen des 12. - 14. Jahrhunderts. (Studien und Texte zum Mittelalter und zur Frühen Neuzeit Bd.13) Münster 2009, S. 15.

5 Ebd., S.16.

6 Ebd., S. 16.

7 Kellermann-Haaf, Petra: Frau und Politik im Mittelalter. Untersuchungen zur politischen Rolle der Frau in den höfischen Romanen des 12., 13. und 14 Jahrhunderts. Göppingen 1986, S. 42.

8 Wohlgemuth, Ralf: ÄDer Tod des Königs“ - weibliche Herrschaftsinszenierung durch kompetatives Sprechverhalten in Hartmanns ÄIwein“. In: Mauerschau. Grenzüberschreitungen. Duisburg, 2008, S. 65.

9 Hartmann von Aue: Iwein. V. 2058 - 2061.

10 Wohlgemuth, Ralf: ÄDer Tod des Königs“, S. 61.

11 Hartmann von Aue: Iwein. V. 1466 - 1468.

12 Hartmann von Aue: Iwein. V. 2069 - 2070.

13 Mertens, Volker: Laudine. Soziale Problematik im Iwein Hartmanns von Aue. (Beihefte zu Zeitschrift für deutsche Philologie) Berlin 1978, S. 15.

14 Hartmann von Aue: Iwein. V. 2333.

15 Hartmann von Aue: Iwein. V. 2341 - 2343.

16 Mertens, Volker: Laudine. S. 16.

17 Hartmann von Aue: Iwein. V. 2670 - 2674.

18 Mertens, Volker: Laudine. S. 18. Gemeint ist ihre minne zu ihm.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
"Iwein" und die Frauen. Die Rolle der weiblichen Protagonisten in der Doppelwegstruktur
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
11
Katalognummer
V301564
ISBN (eBook)
9783956872334
ISBN (Buch)
9783668003590
Dateigröße
702 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
iwein, frauen, rolle, protagonisten, doppelwegstruktur
Arbeit zitieren
Cathrin Utesch (Autor), 2015, "Iwein" und die Frauen. Die Rolle der weiblichen Protagonisten in der Doppelwegstruktur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301564

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Iwein" und die Frauen. Die Rolle der weiblichen Protagonisten in der Doppelwegstruktur



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden