„In der Erinnerung gibt es keine Grenzen; nur im Vergessen liegt eine Kluft, unüberwindlich für eure Stimme und euer Auge.“ So beschrieb der libanesische Dichter Gibran in seinem Werk „Im Garten des Propheten“ den Begriff, um den es hier in dieser Hausarbeit gehen soll. Der Begriff „Oral History“ geht zurück auf die Ethnologie, wo Kulturen, die eine rein mündliche Überlieferung und keine Schriftkultur haben, als „Oral Traditions“ oder „Oral Societies“ bezeichnet werden.
In dieser Hausarbeit soll der Fokus speziell auf dem schulischen Geschichtsunterricht liegen. Insbesondere soll die Frage beantwortet werden, ob es sinnvoll ist, Zeitzeugen in den schulischen Geschichtsunterricht einzuladen oder auch deren Berichte als schriftliches, visuelles oder auditives Quellenmaterial in den Unterricht zu integrieren.
Zunächst soll die Begrifflichkeit „Oral History“ erläutert und der Mensch als lebendige Quelle fokussiert werden. Ferner soll darauf eingegangen werden, welche Bedeutung die Methode „Oral History“ für die moderne Geschichtswissenschaft hat.
Um sich der Kernfrage zu nähern, ist es nach diesem Abschnitt unabdingbar, den Fokus auf den Menschen als „lebendige Quelle“ zu legen. Hierzu soll eine Analyse der Zweckmäßigkeit diverser möglicher Quellen den Einsatz von Zeitzeugen im Geschichtsunterricht be- oder widerlegen. Dazu sollen konkrete Beispiele aus den jeweilig genannten Arten von Zeitzeugenberichten ebenfalls analysiert werden. In erster Linie soll auf die mögliche potenzielle Beeinflussung bei der Entstehung der „Quelle“ eingegangen sowie die daraus resultierende Problematik hierbei beleuchtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist "Oral History"?
2.1 Ursprung und Entwicklung des Begriffs "Oral History"
2.2 Oral History als Methode der Geschichtswissenschaften
3. Erinnerung und Gedächtnis
3.1 Kollektives Gedächtnis
3.2 Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis
4. Warum Zeitzeugenberichte im Geschichtsunterricht?
5. Analyse des Nutzens und eventuell auftretender Probleme
5.1 Videoaufnahmen/Dokumentationen
5.1.1 Nutzen von Videoaufnahmen/Dokumentationen als Zeitzeugenbericht
5.1.2 Probleme beim Einsatz im Unterricht
5.2 Audioaufnahmen
5.2.1 Nutzen von Audioaufnahmen als Zeitzeugenbericht
5.2.2 Probleme beim Einsatz im Unterricht
5.3 Geschriebene Zeitzeugenberichte
5.3.1 Nutzen geschriebener Zeitzeugenberichte
5.3.2 Probleme beim Einsatz im Unterricht
5.4 Ein Zeitzeuge als „lebendige Quelle“ vor einer Schulklasse
5.4.1 Nutzen eines realen Zeitzeugen im Unterricht
5.4.2 Probleme beim Einsatz eines realen Zeitzeugen im Unterricht
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern der Einsatz von Zeitzeugenberichten – sowohl als direkte Begegnung im Unterricht als auch in Form von medialen oder schriftlichen Quellen – sinnvoll für den schulischen Geschichtsunterricht ist und wie diese Methode zur Förderung historischer Kompetenzen beitragen kann.
- Bedeutung der „Oral History“ für die moderne Geschichtswissenschaft
- Analyse der verschiedenen Gedächtnistypen (kollektiv, kommunikativ, kulturell)
- Didaktischer Mehrwert des Einbezugs von Zeitzeugen in den Unterricht
- Kritische Analyse von Quellen (Video, Audio, schriftlich, reale Zeitzeugen)
- Herausforderungen in Bezug auf Subjektivität und historische Authentizität
Auszug aus dem Buch
5.4.2 Probleme beim Einsatz eines realen Zeitzeugen im Unterricht
Grundsätzlich muss in erster Linie ein Vertrauensverhältnis zu dem oder den Zeitzeugen aufgebaut werden. Laut Henke-Bockschatz ist das im schulischen Rahmen kaum praktikabel. Außerdem führen manche „Oral Historians“ Vorgespräche mit ausgewählten Zeitzeugen, was für die meisten Lehrkräfte nur schwer erfüllbar sein dürfte. Diese Vorgespräche bieten aber den Vorteil, dass den Schülern bereits zu Anfang ein erster Eindruck vermittelt wird (vgl. Henke-Bockschatz, 2014).
Ist der Zeitzeuge ausgewählt und eingeladen worden, gilt es etwaige Komplikationen in der Beziehung Zeitzeuge-Schüler zu beleuchten. Angenommen, Kinder oder Jugendliche führen das Gespräch mit dem entsprechenden Zeitzeugen, im Regelfall eine fremde, ältere Person, über dessen Leben, so kann es passieren, dass der Zeitzeuge auf eine „erzieherische“ Art und Weise mit den Interviewern (der Klasse) kommuniziert.
Henke-Bockschatz schreibt zu dieser möglichen Problematik in seinem Buch:
„Der (nach)fragende Schüler wird dann nicht als jemand ernst genommen, der neugierig ist, etwas über das Leben der Menschen in früheren Zeiten herauszufinden und sich ein Urteil darüber bilden möchte; vielmehr wird er nur als Adressat eindeutiger Lehren aus der Geschichte gesehen - ihm fehlen offenbar die ‚Erfahrungen’, die der Zeitzeuge gemacht und aus denen er seine Lebensauffassung (angeblich) abgeleitet hat.“ (ebd.)
Da, laut Henke-Bockschatz, Jugendliche ein feines Gespür für diese Art der Entmündigung haben, sollte eine Lehrkraft – sofern sich eine derartige Konstellation abzeichnet – eher auf das Interview verzichten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Thema der Oral History im schulischen Kontext und skizziert die Fragestellung nach der Sinnhaftigkeit von Zeitzeugenberichten im Unterricht.
2. Was ist "Oral History"?: Dieses Kapitel beleuchtet den Ursprung und die Entwicklung des Begriffs sowie dessen Bedeutung als wissenschaftliche Methode.
3. Erinnerung und Gedächtnis: Es wird theoretisch auf die verschiedenen Arten des Gedächtnisses eingegangen, um das Verständnis für die Erinnerungsleistung bei Zeitzeugenberichten zu vertiefen.
4. Warum Zeitzeugenberichte im Geschichtsunterricht?: Dieses Kapitel begründet den Einsatz von Zeitzeugen als motivierende und authentische Methode zur Förderung geschichtlicher Kompetenzen bei Schülern.
5. Analyse des Nutzens und eventuell auftretender Probleme: Hier findet eine detaillierte Auseinandersetzung mit verschiedenen Quellenarten (Video, Audio, Texte, reale Zeugen) und deren spezifischen Vor- sowie Nachteilen statt.
6. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Analyseergebnisse zusammen und bejaht die Sinnhaftigkeit des Einsatzes von Zeitzeugenberichten im schulischen Geschichtsunterricht unter kritischer Prüfung.
Schlüsselwörter
Oral History, Zeitzeuge, Geschichtsunterricht, Erinnerungskultur, kollektives Gedächtnis, Zeitzeugenbericht, lebendige Quelle, Quellenkritik, historisches Lernen, Authentizität, Geschichtswissenschaft, Subjektivität, Vermittlung, Didaktik, Zeitzeugengespräch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, ob und wie Zeitzeugenberichte sinnvoll in den schulischen Geschichtsunterricht integriert werden können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die theoretischen Grundlagen der Oral History, die Konzepte von Erinnerung und Gedächtnis sowie die praktische Analyse verschiedener Zeitzeugenquellen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob Zeitzeugenberichte im Geschichtsunterricht pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit der Methode der Oral History und eine analytische Bewertung von Quellenarten im schulischen Kontext.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Nutzen und mögliche Probleme beim Einsatz von Videoaufnahmen, Audioaufzeichnungen, schriftlichen Berichten und dem Besuch realer Zeitzeugen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Oral History, Zeitzeuge, authentisches Lernen und Quellenkritik charakterisiert.
Warum ist das "kollektive Gedächtnis" für Zeitzeugen wichtig?
Das kollektive Gedächtnis beeinflusst, wie Gruppen Ereignisse erinnern; dies hilft zu verstehen, warum Zeitzeugenberichte oft eine spezifische, gruppengeprägte Sichtweise widerspiegeln.
Welche Rolle spielen "interviewerfahrene" Zeitzeugen?
Interviewerfahrene Zeitzeugen sind für Schulen besonders wertvoll, da sie den Umgang mit Schülerfragen kennen, jedoch besteht bei ihnen die Gefahr einer "geglätteten" oder bereits rationalisierten Erzählung.
Was ist das Hauptproblem bei Video-Dokumentationen?
Ein zentrales Problem ist die oft suggestive Aufbereitung, die Schüler unkritisch beeinflussen kann, anstatt sie zum hinterfragenden Denken anzuregen.
Warum sollte man laut Autor auf ein Interview verzichten?
Wenn sich abzeichnet, dass der Zeitzeuge eine erzieherische oder bevormundende Haltung einnimmt, die die Schüler als Person nicht ernst nimmt, ist vom Interview abzuraten.
- Citation du texte
- Philipp-Alexander Eilhard (Auteur), 2015, Oral History. Der Zeitzeuge im schulischen Geschichtsunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301592