Die politische Wahl stellt eine vergleichsweise wenig Engagement erfordernde Legitimation des politischen Systems seitens der Bevölkerung dar. Dennoch wächst der Anteil derjenigen Westeuropäer, die sich ihrer Wahlstimme enthalten. Der Anstieg des Nichtwähleranteils in Westeuropa bietet Anlass zu gezielten Untersuchungen und kritischen Fragen: Befindet sich Westeuropa in einem Stadium der Politikverdrossenheit? Nimmt das Vertrauen der Bürger in das demokratische System an sich ab? Welche Bedeutung wird politischen Institutionen wie dem Parlament in westeuropäischen Demokratien noch beigemessen? Ist die abnehmende Wahlbeteiligung Ausdruck einer allgemeinen Zufriedenheit mit der Funktionsweise des politischen Systems oder das Anzeichen für eine gestörte Beziehung zwischen Wählern und Gewählten?
Zur Beantwortung der vorliegenden Fragen werde ich in folgenden Schritten vorgehen: Im theoretischen Teil dieser Arbeit gilt es zunächst die Begriffe Politikverdrossenheit und Nichtwähler zu definieren. Anschließend werde ich die damit in Verbindung stehende Krisen- und Normalisierungsthese näher erläutern. Nach einer kurzen Analyse der Wahlbeteiligungsentwicklung in elf westeuropäischen Ländern, wird im empirischen Teil dieser Arbeit untersucht, ob Westeuropa sich in einem Stadium der Politikverdrossenheit befindet und welche “Objekte“ den Unmut der Bürger auf sich ziehen. Auf Grundlage des European Value Survey von 1999 werden dabei sowohl die Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zwischen Wählern und Nichtwählern aufgezeigt. Mit den empirisch dargelegten Befunden zum Verhältnis von Demokratie und Nichtwahl, werde ich belegen, dass in Westeuropa von Demokratieverdrossenheit nichts zu verspüren ist und auch keine generelle Politikverdrossenheit vorherrscht, sondern der Unmut der Bürger sich in erster Linie auf Parteien und Politikern bezieht. Zum Ende dieser Arbeit wird es eine kurze Zusammenfassung geben, mit dem Ziel weitere Perspektiven für die zukünftige Forschung aufzuzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Teil
2.1. Definitionen der Begriffe
2.1.1. Politikverdrossenheit
2.1.2. Typologie der Nichtwähler
2.1.3. Normalisierungs- und Krisenthese
3. Empirischer Teil
3.1. Begründung der Fallauswahl
3.3. Empirische Befunde
3.3.1. Die Wahlbeteiligung im westeuropäischen Vergleich
3.3.2. Demokratie- und Politikverdrossenheit im westeuropäischen Vergleich
4. Schlussfolgerungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Phänomen der zunehmenden Nichtwähler in Westeuropa und analysiert, ob diese Entwicklung auf eine tiefgreifende Politikverdrossenheit oder eine Krise der Demokratie hindeutet oder ob andere Erklärungsansätze wie die Normalisierungsthese greifen.
- Analyse der theoretischen Konzepte von Politikverdrossenheit und Nichtwahl
- Empirischer Vergleich der Wahlbeteiligungsentwicklung in elf westeuropäischen Staaten
- Untersuchung der Einstellung der Bürger zum demokratischen System und politischen Institutionen
- Differenzierung der Motive hinter der Wahlenthaltung und Abgrenzung von Staats- bzw. Demokratieverdrossenheit
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Politikverdrossenheit
In der sozialwissenschaftlichen Debatte hat das Wort “Verdrossenheit“ seit Anfang der 90er Jahre eine fast inflationäre Verwendung gefunden. 1992 kürte die Gesellschaft der deutschen Sprache den Ausdruck Politikverdrossenheit sogar zum “Wort des Jahres“. (vgl. Boher 1996: 1) Die Komplexität des Untersuchungsobjektes „Politikverdrossenheit“ ist jedoch Ursache dafür, dass auch heute noch keine allgemein akzeptierte Definition dieses Phänomens existiert. Die Schwierigkeit, den Begriff „politische Verdrossenheit“ eindeutig zu erfassen, lässt sich mit der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen begründen. So kann sich Politikverdrossenheit bei jedem Individuum anders äußern, andere Ursachen haben und zu anderen Konsequenzen führen.
Da das diffuse Unwohlsein hinsichtlich des politischen Geschehens unterschiedliche Wurzeln hat, wird deutlich, dass Politikverdrossenheit nur ein Oberbegriff für eine Reihe spezifischer Verdrossenheitsformen sein kann. (vgl. zu den folgenden Ausführungen ausführlicher Maier 2000: 23-110) Ihre wichtigsten Dimensionen sind Parteien-, Politiker- und Staats- oder Demokratieverdrossenheit. Manfred G. Schmidt ergänzt diese Unterscheidung mit dem Hinweis einer „zunehmenden Unzufriedenheit der Bürger nicht nur mit den Parteien, sondern auch mit einer Vielzahl von Institutionen und den Ergebnissen der Politik im Allgemeinen.“ (Schmidt 1995: 733) Eine konsensfähige Abgrenzung der oben aufgeführten Begriffe gibt es bisher nicht, weshalb sie im alltäglichen Sprachgebrauch teilweise synonym verwendet werden. Diese mangelnde begriffliche Sorgfalt erschwert den Vergleich von Veröffentlichungen zu diesem Thema, da die Begriffe nicht nur unscharf sind sondern oftmals auch unterschiedliche Sachverhalte zu Grunde legen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zum Thema des Nichtwähleranstiegs in Westeuropa und Formulierung der Forschungsfrage nach der Existenz von Politikverdrossenheit.
2. Theoretischer Teil: Definition zentraler Begriffe wie Politikverdrossenheit und Typologisierung der Nichtwähler sowie Vorstellung der Krisen- und Normalisierungsthese.
3. Empirischer Teil: Durchführung eines internationalen Vergleichs anhand des European Value Survey von 1999 zur Untersuchung der Wahlbeteiligung und Einstellungen zu Demokratie und Politik.
4. Schlussfolgerungen: Fazit der Untersuchung, das eine generelle Politikverdrossenheit widerlegt und die Kritik primär auf Parteien und Politiker zurückführt.
Schlüsselwörter
Nichtwähler, Politikverdrossenheit, Westeuropa, Wahlbeteiligung, Demokratiezufriedenheit, Krisenthese, Normalisierungsthese, Parteienverdrossenheit, politische Partizipation, European Value Survey, politisches Vertrauen, Demokratie, empirischer Vergleich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der steigenden Zahl an Nichtwählern in elf westeuropäischen Ländern und der Frage, ob dies als Zeichen einer tiefgreifenden Politikverdrossenheit oder einer Legitimationskrise des demokratischen Systems zu werten ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die theoretische Definition verschiedener Formen der Verdrossenheit, die Typologisierung von Nichtwählern sowie die empirische Analyse von Wahlbeteiligungsdaten und Einstellungen zur Demokratie.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist zu klären, ob sich Westeuropa in einem Stadium der Politikverdrossenheit befindet oder ob der Unmut der Bürger sich gezielter gegen bestimmte Akteure wie Parteien und Politiker richtet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt einen internationalen Vergleich (most similar system design) und analysiert dazu Individualdatensätze des "European Value Survey" von 1999.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt zunächst die theoretische Herleitung der Begriffe und Thesen, gefolgt vom empirischen Teil, in dem Wahlbeteiligungsquoten und Daten zur Systemakzeptanz und zum Vertrauen in Institutionen ausgewertet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Nichtwähler, Politikverdrossenheit, Demokratiezufriedenheit und politische Partizipation geprägt.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Demokratie in Westeuropa?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass das demokratische System als solches in Westeuropa nicht gefährdet ist, da eine breite Zustimmung und ein hohes Vertrauen in demokratische Institutionen bestehen.
Wem gilt laut der Arbeit die Unzufriedenheit der Bürger primär?
Die Unzufriedenheit richtet sich laut den Ergebnissen in erster Linie gegen die politischen Akteure, insbesondere Parteien und Politiker, und deren Handeln, nicht aber gegen das demokratische System an sich.
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- Ariane Peters (Author), 2004, Die schweigende Mehrheit?! Ein empirischer Vergleich zwischen Nichtwählern in Westeuropa, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30172