Die Menschen des deutschen Mittelalters bedienten sich stets einer ausgelassenen Mimik und Gestik, die einen großen Teil der höfischen Kommunikation ausmachte und auch die literarischen Werke dieser Zeit entscheidend prägte. Aus heutiger Sicht ist diese oft heftige Gebärdensprache nicht nachvollziehbar und wirkt auf den heutigen Leser möglicherweise entfremdend oder sogar haltlos und unehrenhaft.
Doch im Mittelalter sendeten die Menschen mit bestimmten Gebaren und Zeichen Botschaften an ihren Nächsten aus. Die öffentliche Kommunikation wurde demnach von festgelegten Handlungen bestimmt, die zudem für das Zeremoniell und die Dramatik aufgebauscht wurden und daher für den modernen Leser nur schwer verständlich sind. Für den mittelalterlichen Zuhörer jedoch waren diese Gebärden, ebenso wie die dabei herausbrechenden Emotionen, verständliche Zeichen. Die Emotionen werden hierbei sowohl verbal als auch nonverbal ausgedrückt. Jedoch sind die in der narrativen Literatur dargestellten Gefühle immer auch inszeniert. Hierbei ist vor allem die Trauer eine Emotion, die auf vielschichtige Art und Weise mit der Darstellung des Körpers verknüpft ist.
In der mittelalterlichen Literatur finden sich zahlreiche solcher Klagegebärden, die körperliche Reaktionen der trauernden Personen darstellen und auf diese Weise nicht nur fühlbar sondern auch sichtbar werden. Die komplette Dimension der mittelalterlichen Klagegebärden kann jedoch nur in der Epik gefunden werden, da die Lyrik zwar anschauliche, jedoch nur lückenhafte Einblicke liefert. Die Gesten der Figuren, ihre Mimik und ihr Handeln können nicht in der wörtlichen Rede Ausdruck finden und treten maßgeblich in der mittelalterlichen Epik in Erscheinung.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Klagegebärden der mittelalterlichen Literatur und beschränkt sich hierbei auf die epischen Werke. Anhand einiger Beispiele der höfischen Epik werden die Gebärden der Trauer sowie ihr Hintergrund und ihre Bedeutung für den mittelalterlichen Hörer aufgezeigt. Zudem wird erläutert, welche Hintergründe und Ursachen zu der Trauer der Personen führen und welchen Unterschied es in der Darstellung von männlicher und weiblicher Klage gibt. Darüber hinaus soll anhand einiger beispielhafter Werke aus der epischen Literatur verdeutlicht werden, dass intensives Klageverhalten der Figuren letztendlich auch deren Tod herbeiführen kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Klage in der höfischen Welt des Mittelalters
3. Gründe für die Trauer in der höfischen Literatur
4. Das Trauerverhalten im Mittelalter
5. Trauer- und Klagegebärden in der mittelalterlichen Literatur
5.1 Kopfsenken und Versagen der Sprache
5.2 Selbstverletzung
5.3 Weinen und Schreien
5.4 Händeringen und Krachen des Herzens
5.5 Weitere Klage- und Trauergebärden
6. Beispiele von Trauer- und Klagegebärden in der mittelalterlichen Literatur
6.1 Konrad von Würzburg: Partonopier und Meliur
6.2 Heinrich von Veldeke: Eneasroman
6.3 Das Rolandslied des Pfaffen Konrad
6.4 Gottfried von Straßburg: Tristan
7. Der Tod
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung von Trauer und Klagegebärden in der mittelalterlichen Literatur, um die Bedeutung und Inszenierung dieser emotionalen Ausdrucksformen innerhalb der epischen Werke zu ergründen und die Hintergründe für das spezifische Trauerverhalten der Figuren zu beleuchten.
- Analyse der höfischen Welt und ihrer Einstellung zum Ausdruck von Emotionen.
- Untersuchung der physischen und nonverbalen Klagegebärden als Kommunikationsmittel.
- Gegenüberstellung von männlichen und weiblichen Trauermustern in der Literatur.
- Einordnung von Trauer und Klage als wesentliche Elemente der erzählerischen Dramatik.
- Fallbeispiele aus zentralen Werken der mittelalterlichen Epik wie dem Tristan oder dem Rolandslied.
Auszug aus dem Buch
5.1 Kopfsenken und Versagen der Sprache
Die Traurigkeit der Figuren in der mittelalterlichen Literatur wird häufig durch Seufzen verdeutlicht, zudem kann die Bewegungsfähigkeit durch die Trauer teilweise stark eingeschränkt sein. Dies zeigt sich daran, dass die Charaktere ihren Kopf senken und sich kaum noch bewegen können. Es handelt sich hierbei um einen wortlosen Gefühlsausdruck und zeigt vermutlich das Anliegen der Betroffenen, sich von der Außenwelt abzugrenzen und sich stattdessen ihrem Inneren zuzuwenden. Wenn die Menschen zudem im Moment der Trauer der Sprache nicht mehr mächtig sind, zeigt dies von ihrer tieferen Erschütterung und ihrem Unvermögen, an der Situation etwas ändern zu können. Es handelt sich sich um eine Art Identitätsverlust, die Gefühle können schlichtweg nicht mehr in Worte gefasst werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der klagenden Gebärden in der mittelalterlichen Epik und Darstellung der Zielsetzung der Arbeit.
2. Die Klage in der höfischen Welt des Mittelalters: Erläuterung der höfischen Lebenswelt und wie der Ausdruck von Schmerz mit dem Ideal des hohen Mutes kontrastiert.
3. Gründe für die Trauer in der höfischen Literatur: Untersuchung der Ursachen, die zu einer intensiven Totenklage oder Trauer führen, wie etwa der Verlust geliebter Menschen.
4. Das Trauerverhalten im Mittelalter: Historischer Überblick über die rituellen Aspekte der Trauer, wie Kleidung, Haartracht und soziale Konventionen.
5. Trauer- und Klagegebärden in der mittelalterlichen Literatur: Systematische Kategorisierung der spezifischen körperlichen Ausdrucksformen von Trauer in literarischen Werken.
6. Beispiele von Trauer- und Klagegebärden in der mittelalterlichen Literatur: Konkrete Anwendung der theoretischen Erkenntnisse an Hand von Textstellen aus bedeutenden epischen Werken.
7. Der Tod: Betrachtung der Steigerung von Trauer und Schmerz bis hin zur physischen Selbstaufgabe oder dem Tod der betroffenen Figuren.
8. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Bedeutung der Gebärdensprache für die emotionale Charakterisierung in der mittelalterlichen Literatur.
Schlüsselwörter
Mittelalter, Höfische Literatur, Trauer, Klagegebärden, Epik, Emotionen, Gebärdensprache, Schmerz, Identitätsverlust, Totenklage, Körperlichkeit, Literarische Inszenierung, Mittelalterliche Epik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung, Inszenierung und den Ausdrucksformen von Trauer in der epischen Dichtung des deutschen Mittelalters.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Gebärdensprache der Trauer, der gesellschaftliche Kontext der höfischen Welt und die literarische Darstellung von Schmerz.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin mit dieser Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie mittelalterliche Autoren durch spezifische Klagegebärden die Gefühlszustände ihrer Figuren für das Publikum sichtbar und verständlich machten.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Erschließung verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse von Primärtexten der mittelalterlichen Epik durchgeführt, ergänzt durch historische und kulturwissenschaftliche Sekundärliteratur.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einordnung des Trauerverhaltens und eine detaillierte Analyse von Klagegebärden wie Weinen, Händeringen oder Selbstverletzung anhand ausgewählter Werkbeispiele.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Trauer, Klagegebärden, höfische Literatur, Emotionen und literarische Anthropologie charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Darstellung von Trauer zwischen den Geschlechtern in der höfischen Epik?
Während Frauen ihre Emotionen oft intensiver ausleben, sind Männer häufiger mit der Notwendigkeit konfrontiert, ihre Affekte gemäß der höfischen Mâze (Selbstbeherrschung) zu kontrollieren.
Welche Rolle spielt die Selbstverletzung in der mittelalterlichen Totenklage?
Selbstverletzungen, wie das Raufen von Haaren oder das Zerreißen von Kleidung, dienten als drastische, aber effektive Ausdrucksformen für den extremen Schmerz über einen Todesfall.
Warum ist die Gebärdensprache der Trauer für den modernen Leser schwer nachvollziehbar?
Viele der damaligen körperlichen Zeichen, wie das Krachen des Herzens oder das Sinken in Ohnmacht, basieren auf spezifischen zeitgenössischen kulturellen Codes, die dem modernen Leser heute fremd sind.
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- Rebecca Schwarz (Author), 2012, Emotionen im Mittelalter. Die Trauer- und Klagegebärden der mittelalterlichen Literatur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301754