Der homo oeconomicus und ehrenamtliche Tätigkeit. Motive und Werte von Vor-Ort-Ausbildern im Bereich der Büroberufe


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

53 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ziele der Arbeit
1.2 Vorgehensweise

2 Berufsausbildung
2.1 Berufsausbildung im „dualen System“
2.2 Stellenwert der Berufsausbildung für die Gesellschaft
2.3 Vor-Ort-Ausbilder im Bereich der Büroberufe und ihre Aufgaben

3 Das ökonomische Verhaltensmodell und seine Grenzen
3.1 Die Verhaltensannahmen des homo oeconomicus
3.2 Die Grenzen des ökonomischen Standardmodells
3.3 Typische Verhaltensweisen des homo reciprocans

4 Ehrenamtliches Engagement
4.1 Definition und Einordnung der Vor-Ort-Ausbilder
4.2 Stellenwert ehrenamtlicher Tätigkeit für die Gesellschaft
4.3 Motive für ehrenamtliche Tätigkeit
4.4 Neues und altes Ehrenamt

5 Empirischer Teil
5.1 Hypothesen und Vorgehensweise
5.2 Motive und Werte der Vor-Ort-Ausbilderinnen
5.3 Der homo oeconomicus und die Vor-Ort-Ausbilderinnen

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

8 Anhänge

1 Einleitung

„Ist doch Ehrensache!“ – so das Motto der Themenwoche zum ehrenamtlichen Engagement, die vom 10. - 16. Mai 2009 durchgeführt wurde. Mit vielen Filmen, Diskussionsrunden, Dokumentationen und Reportagen im Fernseh- und Radioprogramm wurde ausführlich über die zahlreichen Arbeitsgebiete freiwillig Engagierter berichtet. Ziel der Aktion war es, ganz generell auf das Thema aufmerksam zu machen und so die Bedeutsamkeit der Freiwilligenarbeit für die Gesellschaft zu verdeutlichen.

Doch warum ist gerade dieses Thema für mich so interessant? Ein Grund ist, dass auch ich bereits seit 2004 ehrenamtlich tätig bin, und zwar als Ausbilderin für Kaufleute für Bürokommunikation. Erstaunlicherweise wurden diese jedoch weder im Rahmen der Themenwoche angesprochen noch werden sie in der Literatur gesondert erwähnt. Überraschend ist das insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass es sehr viele Fachkräfte gibt, die am Arbeitsplatz ausbilden. Schließlich müssen pro Auszubildenden jeweils ein bis zwei Betreuer zur Verfügung stehen.[1] Schon allein für den Bereich der Verwaltungs- und Büroberufe, in dem im vergangenen Ausbildungsjahr 84.324 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden,[2] gibt es also eine mindestens ebenso hohe Anzahl an Ausbildern. Um einerseits diesem Engagement Rechnung zu tragen und andererseits ein bisher nur wenig betrachtetes Gebiet zu untersuchen, stehen bei dieser Hausarbeit die Vor-Ort-Ausbilder im Mittelpunkt.

1.1 Ziele der Arbeit

Ziel der Arbeit ist es, die Motive für das ehrenamtliche Engagement von Vor‑Ort-Ausbildern im Bereich der Büroberufe zu ermitteln und zu klären, inwieweit diese sich mit den in der Literatur zu findenden Beweggründen decken. Insbesondere der Unterschied zwischen „neuem und alten Ehrenamt“ soll dabei betrachtet werden, um anschließend zu prüfen, ob auch bei den befragten Fachkräften von einem Motivwandel die Rede sein kann. Handeln Ausbilder aus selbstlosem Pflichtgefühl heraus oder steht bei ihrer Tätigkeit eher Selbstverwirklichung im Mittelpunkt? Darüber hinaus soll auch beurteilt werden, ob und in welchem Umfang sich die Verhaltensannahmen des homo oeconomicus im Fall der ehrenamtlichen Tätigkeit von Vor-Ort-Ausbildern halten lassen.

1.2 Vorgehensweise

Zur Klärung dieser Fragen wird zunächst die einschlägige Fachliteratur zu den Themen Berufsausbildung, ökonomische Verhaltensannahmen und ehrenamtliche Tätigkeit gesichtet, um einen Überblick über den aktuellen Wissensstand zu erhalten. Auf dieser Grundlage basiert der Interviewleitfaden, der für den empirischen Teil dieser Arbeit genutzt wird. Die anschließende Auswertung der qualitativen Leitfadeninterviews erfolgt mittels einer Inhaltsanalyse, wobei die Aussagen der Ausbilder systematisch aufbereitet werden. Doch was sind eigentlich Vor-Ort-Ausbilder und welche Bedeutung kommt der Berufsausbildung heutzutage überhaupt zu?

2 Berufsausbildung

Sowohl in der Literatur als auch in den Medien wird häufig auf den besonderen Stellenwert einer fundierten Ausbildung hingewiesen. Damit ist auch die Ausbildung im dualen System gemeint. Aber was genau versteht man darunter?

2.1 Berufsausbildung im „dualen System“

In Deutschland ist die Berufsausbildung in Form des „dualen Systems“ organisiert. Dahinter steckt die Idee, dass einerseits im Ausbildungsbetrieb praktische Fertigkeiten und Kenntnisse vermittelt werden und andererseits die Berufsschule den Jugendlichen die theoretischen Inhalte des Ausbildungsstoffes vermittelt. Diese Organisationsform bringt zahlreiche Vorteile mit sich, insbesondere die Vereinigung von praktischer Ausbildung am Arbeitsplatz mit der Vermittlung der Theorie in der Berufsschule. Darüber hinaus ist durch die Nähe zum Arbeitsplatz eine ständige Aktualisierung der Ausbildungsinhalte gewährleistet und die Auszubildenden können sich schon in dieser Zeit für einen späteren Arbeitsplatz qualifizieren. Außerdem wird den Jugendlichen der Übergang von der Schule in den Beruf erleichtert, denn sie werden schon von Ausbildungsbeginn an im Betrieb sozialisiert und so mit der Unternehmenskultur vertraut gemacht. Genau diese Nähe schafft auch ein Verantwortungsbewusstsein seitens der Mitarbeiter, die sich mit dem „eigenen“ Nachwuchs stärker verbunden fühlen als beispielsweise mit Praktikanten.[3],[4]

Doch am dualen System wird auch Kritik geübt, wie beispielsweise die häufig zu eng auf spezielle betriebliche Belange ausgerichtete Ausbildung oder der hohe Anteil an ausbildungsfremden Tätigkeiten, wie zum Beispiel Kaffee kochen oder private Botendienste erledigen etc. Auch die Starrheit des Systems gegenüber neuen Entwicklungen oder die fehlende Verzahnung mit der Weiterbildung haben sich als nachteilig herauskristallisiert, denn die Berufsausbildung vermittelt zwar Grundfertigkeiten, berücksichtigt aber nicht die ständige Aktualisierungs- und Ergänzungsnotwendigkeit des Berufslebens.[5] Ein weiteres Manko ist die unzureichende Abstimmung zwischen Berufsschule und Betrieb, aber auch die unterschiedliche Ausbildungsqualität in den Betrieben selbst.[6] Doch trotz aller Kritik hat sich das System in Deutschland über Jahre hinweg etabliert und erheblich dazu beigetragen, dass die Berufsausbildung ein hohes Ansehen hat.

2.2 Stellenwert der Berufsausbildung für die Gesellschaft

Gerade in einem rohstoffarmen Land wie Deutschland ist Bildung ein Kernthema, insbesondere wenn es um die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit auf den globalen Märkten geht.[7] Nur mit gut ausgebildeten Fachkräften ist es unter diesen Umständen möglich, konkurrenzfähig zu bleiben.[8] Darüber hinaus haben Jugendliche ohne eine Ausbildung nur eingeschränkte berufliche Perspektiven, was auch für die Gesellschaft und den Staat mit erheblichen Folgekosten verbunden ist. Gerade daher spielt die Berufsausbildung in Deutschland eine wichtige Rolle, denn mit einer qualifizierten Ausbildung wird jungen Menschen der Einstieg in die Arbeitswelt erleichtert und gewährleistet, dass sie den Anforderungen des Berufslebens gerecht werden und mit Veränderungsprozessen Schritt halten können.[9] Genau dazu tragen unter anderem die Ausbilder in den Betrieben bei. Doch was macht einen Vor-Ort-Ausbilder eigentlich aus und wie gestaltet sich die Arbeit der Fachkräfte, insbesondere im Bereich der Büroberufe?

2.3 Vor-Ort-Ausbilder im Bereich der Büroberufe und ihre Aufgaben

Damit ein Betrieb zur Ausbildung berechtigt ist, müssen unter anderem genügend Ausbilder zur Verfügung stehen, also pro Auszubildenden jeweils ein bis zwei Fachkräfte.[10] Für die Ausbildung am Arbeitsplatz müssen diese Fachkräfte wiederum selbst über eine abgeschlossene Berufsausbildung in dem Ausbildungsberuf oder einer ähnlichen Fachrichtung verfügen. Doch auch Personen, die mindestens das Doppelte der Zeit, die als Ausbildungszeit für den Beruf vorgeschrieben ist, diese Tätigkeit ausgeübt haben, eignen sich als Ausbilder.[11] Über diese fachliche Eignung hinaus muss ebenfalls die persönliche Eignung des Ausbildungspersonals vorliegen. Dass heißt, dass sie nicht gegen das Berufsbildungsgesetz und damit zusammenhängende Bestimmungen verstoßen haben dürfen, wie zum Beispiel das Jugendarbeitsschutzgesetz.[12]

Die Arbeit der Fachkräfte zeichnet sich dadurch aus, dass sie im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit stattfindet und in die täglichen betrieblichen Abläufe integriert werden muss.[13] Als Experten für ihren Ausbildungsberuf und dessen Inhalt stehen sie dabei den Auszubildenden als Ansprechpartner zur Verfügung und sind gleichzeitig direkter Vorgesetzter am Arbeitsplatz.[14] Im Gegensatz zum Ausbildenden, also dem Betrieb, übernehmen die Fachkräfte allerdings kaum administrative Aufgaben, wie beispielsweise das Abschließen des Berufsausbildungsvertrages oder das Anmelden der Auszubildenden zu Prüfungen.[15] Vor-Ort-Ausbilder orientieren sich bei ihren Unterweisungen an der Ausbildungsordnung, die für jeden staatlich anerkannten Ausbildungsberuf erlassen wird und deutschlandweit gilt, was auch die bundesweite Einheitlichkeit der Berufsausbildung gewährleistet.[16]

Alle Ausbildungsordnungen beinhalten unter anderem einen Ausbildungsrahmenplan, der die sachliche und zeitliche Gliederung der zu vermittelnden Kenntnisse und Fertigkeiten für den jeweiligen Beruf ganz detailliert festlegt.[17] Laut der Verordnung über die Berufsausbildung für Kaufleute für Bürokommunikation, sind den Auszubildenden beispielsweise folgende Fertigkeiten und Kenntnisse zu vermitteln: Datenerfassung und -bearbeitung, Terminplanung, Geräte fachgerecht handhaben, Texte bzw. Briefe mithilfe von Nachschlagewerken formulieren und gestalten, Tabellen erstellen sowie Dienstreiseorganisation, Postbearbeitung und vieles mehr.[18]

Um den Jugendlichen diese Fertigkeiten und Kenntnisse zu vermitteln, ist es erforderlich, die Unterweisungen vorab vorzubereiten und darauf zu achten, dass die Auszubildenden nicht unter- oder überfordert werden. Das Ziel dabei ist das selbstständige Arbeiten und somit die Handlungskompetenz der Auszubildenden zu fördern.[19] Darüber hinaus muss das Ausbildungspersonal aber die Arbeit der Auszubildenden auch kontrollieren, also Lernerfolgskontrollen durchführen, und beurteilen, also den Auszubildenden den Leistungsstand mitteilen.[20] Zweifelsfrei bringt die Tätigkeit als Ausbilder viele zusätzliche Aufgaben mit sich und somit auch mehr Verantwortung. Fraglich ist daher, warum sich die Fachkräfte überhaupt freiwillig engagieren, wenn damit ein so hoher Zeitaufwand verbunden ist. Handeln sie vielleicht aus reinem Eigeninteresse, wie die Verhaltensannahmen des homo oeconomicus vermuten lassen, oder stecken andere Motive hinter ihrem Engagement?

3 Das ökonomische Verhaltensmodell und seine Grenzen

Das Konzept des homo oeconomicus ist eines der wenigen, über die in den modernen Wirtschaftswissenschaften weitgehend Akzeptanz und Einigkeit herrscht.[21] Doch was genau macht den homo oeconomicus aus und wo hat das Modell seine Grenzen?

3.1 Die Verhaltensannahmen des homo oeconomicus

Beim ökonomischen Standardmodell steht das einzelne Individuum im Mittelpunkt der Betrachtung, der homo oeconomicus. Er handelt stets rational und ist bestrebt, den eigenen Nutzen zu maximieren. Allerdings unterliegt er, aufgrund der Knappheit seiner Mittel/Güter, auch Restriktionen und ist demzufolge gezwungen, Entscheidungen zu treffen. Ausgehend davon, dass der homo oeconomicus konstante Präferenzen hat und über vollständige Informationen verfügt, wird er bei all diesen Entscheidungen ausschließlich die eigenen Interessen verfolgen und die der anderen außen vor lassen (Eigennutzenaxiom).[22],[23] Der homo oeconomicus reagiert demzufolge systematisch, also vorhersagbar und eindeutig, auch auf Anreize, wie beispielsweise Veränderungen seiner Restriktionen. Steigen zum Beispiel die Kosten einer Aktivität im Vergleich zu anderen, mindert er die jeweilige Aktivität.[24]

Eine Besonderheit ist, dass sich Individuen gemäß diesem Modell auch dann egoistisch verhalten, wenn theoretisch ein anderes Verhalten durchaus möglich gewesen wäre. Teilweise werden die eigenen Interessen sogar mithilfe von List verfolgt, was auch als opportunistisches Verhalten bezeichnet wird.[25] In jedem Fall ist der homo oeconomicus aber vollkommen autonom. Er handelt rational und ohne jegliche Emotionen, indem er die erwarteten Kosten gegenüber dem Nutzen seiner Handlungsalternativen abwägt (Kosten-Nutzen-Überlegung). Die Entscheidung fällt dann stets für die Variante, die ihm selbst den größtmöglichen Vorteil verschafft.[26] Doch Kritiker des Standardmodells behaupten, dass der homo oeconomicus eigentlich gar nicht so eindeutig, rational und autonom ist. Aber was ist damit gemeint?

3.2 Die Grenzen des ökonomischen Standardmodells

Zum einen geht das Standardmodell davon aus, dass der homo oeconomicus über vollständige Informationen verfügt. Doch erstens kann es passieren, dass Informationen nur mit Geld zu erwerben sind und zweitens ist die Beschaffung zeitaufwändig und daher mit Opportunitätskosten verbunden. Wenn Individuen nun aus Zeit- bzw. Geldgründen, oder schlichtweg aus Bequemlichkeit, nicht alle Informationen einholen (wollen), dann kann auch von Rationalität nicht die Rede sein, da somit auch auf den optimalen Gewinn verzichtet wird. Zum anderen ist auch die Annahme konstanter Präferenzen fraglich, denn de facto sind diese nicht stets gleich bleibend. Ganz im Gegenteil: In der Realität können sich die Rahmenbedingungen jederzeit ändern, was sich auch auf das Verhalten der Individuen auswirkt.

Des Weiteren wird beim homo oeconomicus davon ausgegangen, dass er rational und eindeutig handelt. Aber ist das überhaupt möglich, wenn doch jedes Individuum kognitiven Beschränkungen unterliegt? Schon allein daher kommt es, beim Versuch den eigenen Nutzen zu maximieren, systematisch zu suboptimalen Entscheidungen.[27],[28] Individuen verhalten sich häufig nicht wie der homo oeconomicus: Sie neigen beispielsweise dazu weiter zu investieren, auch wenn die ursprüngliche Investition, objektiv gesehen, unrentabel war und daher eigentlich beendet werden müsste (versunkene Kosten).[29] Da jedoch genau das nicht gemacht wird, liegt auch keine uneingeschränkte Gewinnorientierung mehr vor, sondern eine beschränkte Rationalität, bei der auch Emotionen eine Rolle spielen.

Gerade Emotionen und Selbstkontrollprobleme bleiben aber bei der ökonomischen Theorie unberücksichtigt. Das Individuum müsste demnach sogar über eine unbeschränkte Willenskraft verfügen, keinerlei soziale Präferenzen haben und den Nutzen anderer vollkommen außen vor lassen. Genau diese Annahmen sind jedoch der Kernpunkt der Kritik, denn die Ökonomie skizziert mit dem homo oeconomicus ein Modell, welches psychologische Faktoren so gut wie gar nicht berücksichtigt.[30] Zu Recht wird die Theorie daher kritisiert, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass mithilfe von Experimenten bereits bewiesen wurde, dass sich viele Menschen nicht gemäß den Annahmen des homo oeconomicus verhalten, sondern reziprok.[31]

3.3 Typische Verhaltensweisen des homo reciprocans

Unter dem Begriff „reziprok“ wird die Belohnung von freundlichem bzw. kooperativem Verhalten und die Bestrafung von unkooperativem bzw. unfreundlichem Verhalten subsumiert. Im Gegensatz zum ökonomischen Standardmodell handelt es sich hier um bedingtes Verhalten, denn Erwartungen über das Handeln anderer Individuen spielen bei den Entscheidungen des homo reciprocans eine wichtige Rolle.[32],[33] Das reziproke Individuum belohnt beispielsweise faires Verhalten und bestraft unfaires, selbst wenn das mit materiellen Kosten verbunden ist. Nicht so der eigennützige homo oeconomicus, der weder belohnt noch bestraft, da dieser Aufwand seinen Gewinn reduziert. Trotzdem verhält sich die Mehrheit der Individuen reziprok.[34]

Darüber hinaus berücksichtigt der homo reciprocans bei der Belohnung bzw. Bestrafung auch, ob der andere für sein Handeln verantwortlich ist (prozedurale Gerechtigkeit). Ist der Gegenüber ohne Grund unfair und hätte auch anders handeln können, so wird er dieses Verhalten bestrafen. Kann derjenige seine Entscheidung jedoch nicht beeinflussen, ist eine Bestrafung aus Sicht des homo reciprocans nicht erforderlich. Das reziproke Individuum beurteilt Fairness also nicht nur anhand der möglichen Konsequenzen einer Handlung, sondern auch anhand der Intentionen seines Gegenübers. Ein typisch reziprokes Verhalten zeigt sich bei der Mehrheit der Individuen auch in Situationen sozialer Dilemmata, in denen sie sich bedingt kooperativ Verhalten. Nur wenn der andere zur Kooperation bereit ist, werden auch sie kooperieren, ansonsten kommt es schlichtweg nicht zur Zusammenarbeit.[35] Beachtenswert ist dabei, dass sich unkooperatives Verhalten für die Gruppe insgesamt deutlich schlechter auswirkt (Gefangenen-Dilemma). Dem einzelnen Individuum bringt jedoch unkooperatives Verhalten den größten Vorteil.[36]

Ob sich die Individuen in Gruppen letztlich reziprok oder egoistisch verhalten, hängt allerdings auch vom institutionellen Umfeld ab. In der Regel setzt sich eigennütziges Verhalten nämlich immer dann durch, wenn es keine Bestrafungsmechanismen gibt. Können die Egoisten jedoch durch reziproke Gruppenmitglieder freiwillig, mittels (informeller) Sanktionen, diszipliniert werden, wird sich auch ein kooperatives Verhalten einstellen. Dabei spielt auch die Ausbeutungsaversion reziproker Individuen eine große Rolle: Diese tragen zwar anfangs noch recht viel bei, doch weil die Egoisten sich nicht beteiligen, reduzieren auch sie ihre Beiträge nach und nach. Diese Entwicklung ist ohne institutionelle Sanktionsmöglichkeiten kaum zu durchbrechen, denn nur unter Strafbedingungen kommt es zu hohen Kooperationsraten, da dann auch eigennutzorientierte Individuen ihren Anteil leisten.[37]

Durch den Nachweis reziproken Verhaltens in Studien und Experimenten wurde vor allem bewiesen, dass Individuen sehr wohl soziale Präferenzen haben und Fairness und Reziprozität bei ihren Entscheidungen eine wichtige Rolle spielen. Die Menschen sind auch nicht vollkommen autonom, wie der homo oeconomicus, sondern sie sind Gruppenwesen, deren Verhalten nicht stets eindeutig und rational ist. Eher widerspricht es häufig den Verhaltensannahmen des ökonomischen Standardmodells. Doch wie hängen diese Erkenntnisse mit ehrenamtlicher Tätigkeit zusammen? Um das zu klären, muss zunächst betrachtet werden, was man unter „Ehrenamt“ versteht.

4 Ehrenamtliches Engagement

Laut des Freiwilligensurveys des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahre 2004 engagieren sich 36 % aller deutschen Bundesbürger ab 14 Jahren, also mehr als 23,4 Millionen Menschen, freiwillig.[38] Aber was haben diese Bürger aufgrund ihres Engagements gemeinsam?

4.1 Definition und Einordnung der Vor-Ort-Ausbilder

Typischerweise üben alle Ehrenamtler ihre Aufgaben und Funktionen längerfristig aus und übernehmen dabei zusätzliche Verantwortung. Vor allem handelt es sich bei bürgerschaftlichem Engagement jedoch um eine freiwillige Tätigkeit, die nicht auf materiellen Gewinn gerichtet ist, sondern dem Gemeinwohl dient. Kennzeichnend ist auch, dass es sich um gemeinschaftliche Aktivitäten handelt, die auf gegenseitiger Kooperation basieren und öffentlich sind bzw. im öffentlichen Raum stattfinden.[39]

Gemäß des Freiwilligensurveys aus dem Jahre 2004 haben insgesamt 23 % aller freiwilligen Aktivitäten etwas mit der Berufstätigkeit zu tun[40] und genau hier sind die Vor-Ort-Ausbilder einzuordnen, da sie ihre Arbeit ebenfalls im Rahmen ihrer beruflichen Beschäftigung ausüben. Aus diesem Grund könnte man allerdings auch hinterfragen, ob es sich tatsächlich um ein Ehrenamt handelt, da die Ausbildung innerhalb der Arbeitszeit stattfindet und somit „indirekt“ bezahlt ist. Doch eine Grundvoraussetzung für die Berufsausbildung ist ja, dass die praktischen Ausbildungsinhalte anhand von Beispielen direkt im Betrieb vermittelt werden. Von einer Gewinnorientierung kann in diesem Fall auch nicht die Rede sein, da das Ausbildungspersonal für diese freiwillige Tätigkeit in der Regel keine gesonderten tariflichen Zulagen erhält.[41] Im Übrigen erfüllen die Vor‑Ort-Ausbilder aber sämtliche Kriterien des freiwilligen Engagements. Welchen Stellenwert jedoch ehrenamtliche Tätigkeit ganz allgemein hat, soll im Folgenden verdeutlicht werden.

4.2 Stellenwert ehrenamtlicher Tätigkeit für die Gesellschaft

„Bürgerschaftliches Engagement in seiner ganzen Vielfalt hält unsere Gesellschaft zusammen, macht sie lebendig und lebenswert.“[42] So fasste der Vorsitzende der Enquete-Kommission zur „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ die Bedeutung ehrenamtlicher Tätigkeit sehr treffend zusammen. In ähnlicher Weise wird die Wichtigkeit der Freiwilligenarbeit auch immer wieder in der einschlägigen Literatur sowie in den Medien hervorgehoben. Die Tätigkeiten der Ehrenamtler sind dabei vielseitig: vom Jugendtrainer, über Feuerwehrleute bis hin zu engagierten Eltern in Schulen. Sie alle bereichern die Gesellschaft durch ihr Engagement und ohne ihre freiwillige Mitarbeit könnten einige Bereiche des öffentlichen Lebens gar nicht aufrechterhalten werden.[43]

Erfreulich ist daher die Tatsache, dass die Freiwilligenarbeit in der Zeit von 1999 bis 2004 stark zugenommen hat, gerade im sozialen Bereich, zu dem ebenfalls die Jugend- und Bildungsarbeit zählt.[44] Diesem Bereich gehören auch die Vor-Ort-Ausbilder an, die mit ihrem Engagement junge Menschen fördern und somit auch zum Wohle der Gesellschaft beitragen. Dass ehrenamtliche Tätigkeit in unserer Gesellschaft einen sehr hohen Stellenwert hat, steht also außer Frage. Wenn man allerdings vom ökonomischen Verhaltensmodell ausgeht, dürfte es ein „Phänomen“ wie ehrenamtliches Engagement gar nicht geben. Umso interessanter ist es zu hinterfragen, welche Beweggründe die freiwilligen Helfer für ihre Tätigkeit haben.

4.3 Motive für ehrenamtliche Tätigkeit

Viele Freiwillige wollen mit ihrer Arbeit Fähigkeiten und Kenntnisse erhalten oder erweitern und tatsächlich können sich Ehrenamtler im Rahmen ihres Engagements nicht nur Fachwissen aneignen, sondern auch soziale und organisatorische Kompetenzen erwerben. Aus diesem Grund wird freiwilliges Engagement auch als „informelles“ Lernfeld bezeichnet.[45] Ein Ehrenamt ermöglicht es nämlich auch Kontakte zu knüpfen und Informationen zu erhalten, die für den Berufseinstieg sowie den beruflichen Erfolg wichtig sein können.[46],[47] Eine finanzielle Vergütung ist für Ehrenamtler hingegen von geringer Bedeutung.[48] Allerdings kann das Ehrenamt als Möglichkeit für eine spätere bezahlte Tätigkeit betrachtet werden, zumindest stellt es eine Chance der Integration dar.[49] Häufig suchen freiwillig Engagierte sogar ausschließlich nach sozialer Einbindung. Sie wollen nicht nur mit anderen Engagierten etwas bewegen, vielmehr steht das Gefühl der Zugehörigkeit im Mittelpunkt.[50]

Darüber hinaus zählt aber auch die gesellschaftliche und politische Mitgestaltung zu den Motiven für freiwilliges Engagement.[51] Hier stehen unter anderem Selbstverwirklichungsmotive im Vordergrund, da viele Ehrenamtler mit ihrer Tätigkeit eigenen Neigungen nachgehen und ihre Vorstellungen verwirklichen wollen.[52] Auch die Hoffnung, das eigene Selbstbewusstsein durch positive Erfahrungen zu steigern, spielt bei ehrenamtlicher Tätigkeit eine wichtige Rolle.[53]

Freiwilligenarbeit bedarf jedoch auch einer hohen Belastbarkeit, eines gewissen Organisationstalents sowie sozialer Kompetenzen und zunehmend auch Fachwissen. Allerdings steht diesen Anforderungen auch ein Nutzen gegenüber, nämlich der Spaß an der Tätigkeit, der ein wesentliches Motiv für ehrenamtliches Engagement ist.[54] Gerade die bewusste Entscheidung für die Freiwilligenarbeit führt dazu, dass Ehrenamtler besondere Freude an der Arbeit haben und das Gefühl, eine sinnvolle und verantwortungsvolle Tätigkeit auszuüben, resultiert in einem großen Wohlbehagen.[55] Zur Zufriedenheit trägt auch die Anerkennung bei, die sich viele Ehrenamtliche durch ihr Engagement erhoffen. Teilweise verfolgen sie mit ihrer Tätigkeit auch das Ziel, sich überhaupt erst Respekt und ein gutes Image zu verschaffen.[56] Einige Freiwillige sehen in ihrer Tätigkeit zwar nur eine Möglichkeit freie Zeit sinnvoll zu nutzen, allerdings handeln sie auch aus Pflichtgefühl heraus, denn sie wollen einen guten Zweck erfüllen. Anderen helfen, etwas zurückzugeben und zum Wohle der Gesellschaft beizutragen, sind sogar sehr wichtige Motive für Freiwilligenarbeit.[57]

Die Beweggründe für ehrenamtliche Tätigkeit sind also vielfältig, was aktuelle Studien belegen. Diese kommen ebenfalls zu dem Schluss, dass gemeinwohlorientierte Motive zwar eine sehr große Rolle spielen, dass jedoch mit der Freiwilligenarbeit immer häufiger auch eigene Interessen verfolgt werden.[58] Diese Entwicklung ist gemeint, wenn im Zusammenhang mit ehrenamtlicher Tätigkeit vom Wertewandel bzw. dem „alten und neuen Ehrenamt“ gesprochen wird. Aber was genau ist dafür kennzeichnend?

4.4 Neues und altes Ehrenamt

Der Motivwandel beim ehrenamtlichen Engagement steht im engen Zusammenhang mit einem umfassenden gesellschaftlichen Wertewandel. Demnach verlieren typische „traditionelle“ Werte, wie beispielsweise Pflichtbewusstsein und Moral, zu Gunsten von Spaß und Selbstverwirklichung an Bedeutung.[59],[60]

Typisch für das „alte bzw. traditionelle Ehrenamt“ sind altruistische Motive, wie beispielsweise Dienst- und Pflichterfüllung. Sie sind bei älteren Generationen, ab 65 Jahren, stärker ausgeprägt als bei den jüngeren.[61],[62] Im Vordergrund stehen dabei moralische Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber und die Verwirklichung kultureller Werte, wie Solidarität, Gemeinsinn und Hilfsbereitschaft. Ältere Menschen handeln demnach vollkommen selbstlos aus sozialem Pflichtgefühl heraus.[63] Sie sind bereit Opfer zu bringen und Verzicht zu üben, um zum Gemeinwohl beizutragen und anderen Menschen zu helfen.[64]

Die traditionellen Tugenden des Stillhaltens und Ausharrens, die Selbstbescheidung und die Autoritätsakzeptanz sind jedoch mit dem Wertewandel in den Hintergrund gerückt.[65] Junge Leute sehen in ihrer Tätigkeit mehr als nur eine Bürgerpflicht, sie wollen vor allem Spaß an ihrer Arbeit haben.[66] Für sie spielt aber auch der Ausbau beruflicher Qualifikationen und Kompetenzen eine wichtige Rolle.[67] Typisch für das „neue Ehrenamt“ ist auch, dass die Freiwilligen mit sympathischen Menschen zusammenkommen wollen und sich durch ihr Engagement Anerkennung erhoffen. Insbesondere haben aber Eigenverantwortung und Eigeninitiative mit dem Wertewandel an Bedeutung gewonnen. Mehr Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume zu haben, mehr Verantwortung zu übernehmen und dabei sowohl gesellschaftliche als auch persönliche Interessen zu vertreten, das steht heutzutage im Mittelpunkt.[68]

Dass aber auch die „neuen Ehrenamtler“ mit ihrem freiwilligen Engagement zum Gemeinwohl beitragen wollen[69] verdeutlicht, dass sich die Entwicklung von altruistischen Motiven hin zu instrumentellen Gründen keineswegs widersprechen muss. Gemeinwohlorientierung und das Interesse an Selbstentfaltung sind keine konkurrierenden Werte, sondern Motivbündel für Engagement. Selbstverwirklichung ist daher auch nicht zwangsläufig mit Egoismus gleichzusetzen, denn gemeinsam mit anderen etwas für andere und für sich selbst zu tun, ist vielmehr ein weiterer Grund, sich überhaupt freiwillig zu engagieren.[70] Deutlich wird, dass nicht nur die Motive für freiwilliges Engagement vielfältig sind, sondern dass sie auch dafür stehen, welche Werte Ehrenamtler haben. Wie genau die Motive und Werte jedoch bei Vor-Ort-Ausbildern ausgeprägt sind und inwiefern diese dem ökonomischen Standardmodell entsprechen, muss im Rahmen einer empirischen Untersuchung geklärt werden.

5 Empirischer Teil

Zur Untersuchung von Motiven und Werten eignet sich eine qualitative Untersuchung besonders gut. Diese ermöglicht es nämlich die Informationsbereitschaft der Befragten voll auszunutzen, was bei quantitativen Untersuchungen häufig, durch bereits vorformulierte Antworten, stark eingeschränkt ist.[71] Doch welche Vermutungen sollen im Rahmen dieser empirischen Untersuchung genau überprüft werden?

5.1 Hypothesen und Vorgehensweise

Vor Beginn der Untersuchung wurden folgende Hypothesen aufgestellt:

Hypothese 1: Im Rahmen der freiwilligen Tätigkeit als Ausbilder gibt es keine Motivverschiebung von der selbstlosen Pflicht zur Selbstverwirklichung.

Hypothese 2: Die Verhaltensannahmen des homo oeconomicus lassen sich im Fall der ehrenamtlichen Tätigkeit von Vor-Ort-Ausbildern nicht halten.

Diese Hypothesen ergänzen sich gegenseitig, denn wenn sich die Ausbilder tatsächlich nicht gemäß dem ökonomischen Standardmodell verhalten, liegt die Vermutung nahe, dass sie ihre ehrenamtliche Tätigkeit aus reinem Pflichtgefühl heraus wahrnehmen und sich durch die Ausbildung keinen Vorteil verschaffen wollen. Ob dieser Zusammenhang tatsächlich besteht, wird die empirische Untersuchung klären. Anzumerken ist außerdem, dass es sich bei der ersten Hypothese eher um eine Gegenthese handelt, denn die Literaturrecherche hat ergeben, dass gemeinwohlorientierte Motive für Ehrenamtler zwar sehr wichtig sind, dass jedoch zunehmend eigene Interessen verfolgt werden.[72]

Die theoretischen Vermutungen sollen in diesem Fall mithilfe qualitativer Interviews, genau genommen mittels Tiefeninterviews, überprüft werden. Der Vorteil an solchen Gesprächen ist die Offenheit, die damit verbunden ist. So kann nicht nur die Frage nach dem Warum geklärt werden, man erhält teilweise sogar Informationen, die dem Befragten selber nicht einmal bewusst sind. Darüber hinaus kommt das Tiefeninterview der Alltagskommunikation sehr nahe.[73] Das nimmt wiederum auch den Befragten die Scheu, denn schließlich werden die Gespräche aufgezeichnet, was sich durchaus hemmend auf die Kommunikation auswirken kann.

Trotz der grundsätzlichen Offenheit soziologischer Interviews ist es hilfreich, einen Interviewleitfaden zu erstellen, um die Hypothesen zielgerichtet überprüfen zu können. Diese Strukturierung ermöglicht anschießend auch eine schnellere Auswertung der Ergebnisse. Eine wichtige Voraussetzung für die Erstellung eines Fragenkataloges und die Interviews ist allerdings, dass sich der Interviewer auf dem zu untersuchenden Gebiet gut auskennt und so gegebenenfalls auf Aussagen der Interviewpartner reagieren kann.[74] Daher ist es erforderlich, sich vorab eingehend mit dem Thema zu beschäftigen und erst anschließend einen Interviewleitfaden, auf Basis der Erkenntnisse aus der Fachliteratur, zu erstellen (siehe Anhang 1). Bevor die eigentlichen Gespräche stattfinden, sind außerdem Pretests durchzuführen, die es ermöglichen, die Verständlichkeit der Fragen zu erproben[75] und ein Gefühl für das Interview an sich zu bekommen. Im Rahmen dieser empirischen Untersuchung erfolgten drei Pretests, wobei der Interviewleitfaden anschließend nur leicht modifiziert wurde.

Parallel zur Entwicklung des Leitfadens wurden auch die vier Ausbilderinnen ausgewählt und zum Interview eingeladen. Anzumerken ist, dass es sich hier ausschließlich um Frauen handelt, weil es im Bereich der Büroberufe nur einen sehr geringen Anteil männlicher Ausbilder gibt und somit die Befragung der weiblichen Fachkräfte ein durchaus aussagekräftiges Ergebnis darstellt. Darüber hinaus gehören alle Ausbilderinnen dem gleichen Betrieb an, wobei beide Einschränkungen auch eine bessere Vergleichbarkeit der Ergebnisse ermöglichen. Um Indizien für den zu untersuchenden Wertewandel zu sammeln, wurden bei den Interviews einerseits noch recht junge Ausbilderinnen befragt, die circa drei bis fünf Jahre Ausbildungserfahrung haben, andererseits Ausbilderinnen, die bereits über zehn bzw. zwanzig Jahre Erfahrung verfügen.[76]

Nach den Interviews, die mit einem Diktiergerät aufgezeichnet wurden, erfolgten deren Transkription und eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring. Die Zusammenfassung läuft demzufolge schematisch ab, indem zunächst eine Paraphrasierung sowie eine Generalisierung erfolgt (siehe Anhänge 2 bis 5) und anschließend eine Reduktion sowie die thematische Zusammenfassung (siehe Anhang 6).[77] Doch welche Ergebnisse hat die Untersuchung ergeben? Lassen sich die Hypothesen bestätigen oder müssen sie verworfen werden?

5.2 Motive und Werte der Vor-Ort-Ausbilderinnen

Um die erste Hypothese zu überprüfen, müssen vor allem die Motive für die ehrenamtliche Tätigkeit der Fachkräfte genauer betrachtet werden, da diese eine Kategorisierung nach altem bzw. neuem Ehrenamt ermöglichen. Nur so kann geklärt werden, ob es bei den Vor-Ort-Ausbilderinnen eine Motivverschiebung von der Pflicht zur Selbstverwirklichung gibt oder nicht.

Die empirische Untersuchung hat ergeben, dass traditionelle Werte, wie Opferbereitschaft und Pflichtbewusstsein, bei den Fachkräften eine große Rolle spielen, auch wenn sie das selbst nicht so einschätzen.[78] Dennoch wird es an Aussagen klar wie beispielsweise: „Das ist der Punkt, wo ich … sage, es muss ja ausgebildet werden.“[79] Die moralische Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft ist den Ausbilderinnen sehr wichtig und mit ihrem Engagement unterstützen sie auch kulturelle Werte, wie Solidarität und Gemeinsinn. „Stell dir mal vor, es macht keiner!“[80] – so die Einstellung der Fachkräfte. Dass die Ausbilderinnen außerdem die mit der Ausbildung verbundene Mehrarbeit auf sich nehmen, spricht auch für ihre Opferbereitschaft. Bestätigt wird das durch Feststellungen wie: „Es kommt … eine Menge Arbeit auf dich zu.“[81] Interessant ist, dass sich alle Fachkräfte zwar darüber einig sind, dass die Ausbildung mit zusätzlichem Aufwand verbunden ist, dass sie selbst aber in diesem Zusammenhang nicht von Opferbereitschaft sprechen würden.[82]

Allerdings geben alle Vor-Ort-Ausbilderinnen an, dass ihr Engagement auf Hilfsbereitschaft basiert, was dadurch bestätigt wird, dass sie den Auszubildenden vor allem möglichst viel beibringen wollen. Sie sehen die Jugendlichen nicht nur als billige Arbeitskraft an,[83] sondern sie wollen ihnen „irgendetwas mit auf den Weg geben.“[84] Insbesondere erhoffen sich die Fachkräfte auch, dass sie den Auszubildenden durch eine fundierte Ausbildung „den Einstieg … ins Berufsleben“[85] ermöglichen können. Sie wollen „junge Menschen … fördern“[86] und so nicht nur zum Wohle der Gesellschaft beitragen, sondern auch einen guten Zweck erfüllen, was typisch für das alte Ehrenamt ist.

[...]


[1] Vgl. Freytag et al., a.a.O., S. B 13

[2] Vgl. Bundesinstitut für Berufsbildung, a.a.O., S. 1

[3] Vgl. Seyd et al., a.a.O., S. 26 f.

[4] Vgl. Freytag et al., a.a.O., S. A 12

[5] Vgl. Seyd et al., a.a.O., S. 27

[6] Vgl. Freytag et al., a.a.O., S. A 12

[7] Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung, a.a.O., S. 31

[8] Vgl. Reinberg/Hummel, a.a.O., S. 3

[9] Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung, a.a.O., S. 13

[10] Vgl. Freytag et al., a.a.O., S. B 13

[11] Vgl. Seyd et al., a.a.O., S. 60

[12] Vgl. Freytag et al., a.a.O., S. B 13

[13] Vgl. ebd., S. D 7 f.

[14] Vgl. Seyd et al., a.a.O., S. 46

[15] Vgl. Freytag et al., a.a.O., S. H 14 ff.

[16] Vgl. Seyd et al., a.a.O., S. 35

[17] Vgl. ebd., S. 33 ff.

[18] Vgl. Verordnung über die Berufsausbildung, a.a.O., S. 9 ff.

[19] Vgl. Seyd et al., a.a.O., S. 111 ff.

[20] Vgl. ebd., S. 148 ff.

[21] Vgl. Falk, a.a.O., S. 1

[22] Vgl. Kirchgässner , a.a.O., S. 12 ff.

[23] Vgl. Rabin, a.a.O., S. 11

[24] Vgl. Frey/Benz, a.a.O., S. 2

[25] Vgl. Kirchgässner, a.a.O., S. 47 ff.

[26] Vgl. Frey/Benz, a.a.O., S. 2

[27] Vgl. Rabin, a.a.O., S. 21

[28] Vgl. Frey/Benz, a.a.O., S. 2

[29] Vgl. Kirchgässner, a.a.O., S. 208 f.

[30] Vgl. Frey/Benz, a.a.O., S. 2

[31] Vgl. Falk, a.a.O., S. 1

[32] Vgl. ebd., S. 1 ff.

[33] Vgl. Rabin, a.a.O., S. 21

[34] Vgl. Falk, a.a.O., S. 3 f.

[35] Vgl. ebd., S. 4 ff.

[36] Vgl. Kirchgässner, a.a.O., S. 48 f.

[37] Vgl. Falk, a.a.O., S. 10 f.

[38] Vgl. Gensicke et al., a.a.O., S. 15

[39] Vgl. ebd., S. 17

[40] Vgl. ebd., S. 34

[41] Vgl. Seyd et al., a.a.O., S. 112

[42] Bürsch, a.a.O., S. 7

[43] Vgl. Gensicke et al., a.a.O., S. 5 f.

[44] Vgl. ebd., S. 26

[45] Vgl. ebd., S. 23 ff.

[46] Vgl. Priller/Zimmer, a.a.O., S. 24

[47] Vgl. Prouteau/Wolff, a.a.O., S. 317

[48] Vgl. Gensicke, a.a.O., S. 16

[49] Vgl. Priller/Zimmer, a.a.O., S. 21 f.

[50] Vgl. Gensicke et al, a.a.O., S. 23 ff.

[51] Vgl. ebd., S. 23

[52] Vgl. Priller/Zimmer, a.a.O., S. 21

[53] Vgl. Prouteau/Wolff, a.a.O., S. 318

[54] Vgl. Gensicke et al., a.a.O., S. 27

[55] Vgl. Priller/Zimmer, a.a.O., S. 22 f.

[56] Vgl. Prouteau/Wolff, a.a.O., S. 317 ff.

[57] Vgl. ebd.

[58] Vgl. Gensicke et al., a.a.O., S. 16

[59] Vgl. Enquete-Kommission, a.a.O., S. 52

[60] Vgl. Hacket/Mutz, a.a.O., S. 43

[61] Vgl. Enquete-Kommission, a.a.O., S. 52

[62] Vgl. Gensicke et al., a.a.O., S. 98

[63] Vgl. Gensicke, a.a.O., S. 14

[64] Vgl. Klages, a.a.O., S. 307

[65] Vgl. ebd., S. 304

[66] Vgl. Enquete-Kommission, a.a.O., S. 53

[67] Vgl. Priller/Zimmer, a.a.O., S. 21

[68] Vgl. Klages, a.a.O., S. 303 ff.

[69] Vgl. Gensicke, a.a.O., S. 14

[70] Vgl. Enquete-Kommission, a.a.O., S. 52

[71] Vgl. Lamnek, a.a.O., S. 21

[72] Vgl. Gensicke et al., a.a.O., S. 16

[73] Vgl. Lamnek, a.a.O., S. 21 ff.

[74] Vgl. ebd., S. 202 ff.

[75] Vgl. ebd., S. 731

[76] Vgl. Zusammenfassung, Anhang 6, Punkt 1

[77] Vgl. Lamnek, a.a.O., S. 517 ff.

[78] Vgl. Zusammenfassung, a.a.O., Punkt 18 und Punkt 19

[79] Interview 1, Anhang 2, Frage 2

[80] Interview 3, Anhang 4, Frage 13

[81] Interview 2, Anhang 3, Frage 11

[82] Vgl. Zusammenfassung, a.a.O., Punkt 23

[83] Vgl. ebd., Punkt 10 und Punkt 23

[84] Interview 1, , a.a.O., Frage 31

[85] Interview 3, a.a.O., Frage 12

[86] Interview 4, Anhang 5, Frage 8

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Der homo oeconomicus und ehrenamtliche Tätigkeit. Motive und Werte von Vor-Ort-Ausbildern im Bereich der Büroberufe
Hochschule
Fachhochschule für Wirtschaft Berlin
Veranstaltung
Themenfeld Behavioral Economics
Note
1,2
Autor
Jahr
2009
Seiten
53
Katalognummer
V301825
ISBN (eBook)
9783956876868
ISBN (Buch)
9783668005365
Dateigröße
758 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ehrenamt, Ausbildung, homo oeconomicus, Berufsausbildung Duale Ausbildung, Berufsausbildung
Arbeit zitieren
Dana Ziegel (Autor), 2009, Der homo oeconomicus und ehrenamtliche Tätigkeit. Motive und Werte von Vor-Ort-Ausbildern im Bereich der Büroberufe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301825

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