Prävalenz des pathologischen Internetgebrauchs in sozialen Netzwerken im Jugendalter


Bachelorarbeit, 2015

46 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Zusammenfassung

Abstract

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Darstellung des Untersuchungskontextes
2.1 Pathologischer Internetgebrauch
2.2 Definition und Terminologie des pathologischen Internetgebrauchs
2.3 Klinische Symptomatik
2.4 Formen des pathologischen Internetgebrauchs
2.5 Klassifikation und diagnostische Kriterien
2.5.1 ICD-
2.5.2 DSM-
2.6 Diagnostische Messinstrumente
2.7 Ätiologie
2.8 Komorbidität

3 Methodik
3.1 Auswahlkriterien
3.2 Suchstrategien
3.3 Analyse

4 Beschreibung der ausgewählten Studien
4.1 Studien auf der Basis integrativer Ansätze
4.2 Studien auf der Basis der Spielsuchtkriterien
4.3 Studien auf der Basis der DSM-Kriterien für Abhängigkeitsstörungen
4.4 Diskussion

5 Fazit und Einbettung der Studien in den Gesamtkontext
5.1 Ausblick

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

ZUSAMMENFASSUNG

Der pathologische Internetgebrauch gehört zu einem der neuesten beobachtbaren Phäno- mene des Jugendalters. Der wissenschaftliche Diskurs darüber wird sehr kontrovers geführt. Bisher ist der pathologische Internetgebrauch nicht als ein eigenständiges Störungsbild aner- kannt und hat bislang keinen Einzug in die internationalen Diagnoseklassifikationssysteme der psychischen Störungen gefunden. Ausgehend davon wurden in einer systematischen Lite- ratursammlung internationale Studien aufgearbeitet, in denen die Prävalenzraten des patholo- gischen Internetgebrauchs in sozialen Netzwerken bei Jugendlichen im Alter zwischen 12 bis 18 Jahren betrachtet wurden. Es konnten 24 Studien gefunden werden, die sich in drei Grup- pen einteilen und vergleichen lassen. Abhängig vom diagnostischen Messinstrument und des kulturellen Kontextes schwanken die Prävalenzraten zwischen 0,8% und 28%. Zudem schei- nen weibliche Jugendliche stärker gefährdet zu sein. Die Ergebnisse der Prävalenzraten lassen vermuten, dass es sich bei dem pathologischen Internetgebrauch um ein ernstzunehmendes Störungsbild handelt und die Dringlichkeit besteht, die wissenschaftliche Forschung zu fokus- sieren und voranzutreiben.

ABSTRACT

The pathological use of the internet is one of the newest phenonema observed in adolescence. The scientific community discusses the subject controversially. At present the use of internet has neither been recognized as a medical disorder nor entered the international diagnostic classifications of mental health disorders. Starting from this premise literature of international studies which contemplate the prevalence rates of the pathological internet use in social networks by adolescents between the age of 12 and 18 is observed.

24 studies have been identified, classified into three groups and compared with each other. The prevalence rates vary between 0.8 % and 28 % depending on the diagnostic instruments and the cultural backround. Furthermore female adolescents seem to be at higher risk. The prevalence rates suggest that the pathological use of internet is a serious mental disorder and that it is urgent to focus and promote further scientific research.

TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1. Fragen zur Erfassung der PIG-Kriterien nach Young (1998)

Tabelle 2. Kriterien des PIGs nach Hahn und Jerusalem (2001)

Tabelle 3. Kriterien des PIGs nach Grüsser und Thalemann (2006)

Tabelle 4. Übersichtstabelle der diagnostischen Messinstrumente des PIGs. Geordnet nachltheoretischem Hintergrund

Tabelle 5. Überblick internationaler Prävalenzstudien des PIGs in sozialen Netzwerken im Jugendalter. Chronologische Anordnung in 3 Kategorien

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Arbeit bei Sammelbezeichnungen durchgängig die grammatikalisch männliche Form benutzt, wobei jeweils männliche und weibliche Personen gleichermaßen gemeint sind.

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 EINLEITUNG

In den letzten Jahren haben sich sowohl das Internet als auch die technischen Geräte wie der Computer, das Tablet und das Mobiltelefon für den Anwender von einem eher passiv zu konsumierenden in ein interaktiv genutztes Medium entwickelt, welches „einen polyvalenten, vielseitigen, verstärkerreichen und nie mit natürlicher Terminierung des Gebrauchs (durch Langeweile oder Sättigung) einhergehenden Konsum ermöglicht“ (Bilke-Hentsch, Wölfling, & Batra, 2014). Hierbei ist der kompetente Umgang mit der Informationstechnologie immer mehr Standard als Ausnahme. Die Medienkompetenz wird als eine notwendige Schlüssel- kompetenz beschrieben, der eine bedeutsame Rolle für zukünftigen individuellen und gesell- schaftlichen Erfolg zugeschrieben wird (Feierabend, Karg, & Rathgeb, 2013).

Für die heute heranwachsenden Jugendlichen stellt das Internet einen integralen Bestand- teil ihres Lebens und der modernen Freizeitgestaltung dar. Für sie ist es selbstverständlich, das Internet über den Computer, das Tablet oder das Smartphone zu nutzen und ständig mit Kommunikationsnetzwerken verbunden zu sein. Der Besitz eines Smartphones hat sich bei den Jugendlichen aus den Industrieländern in den letzten zwei Jahren etabliert und steht im täglichen Nutzungsverhalten an erster Stelle. Für 75% der Jugendlichen stellt die Kommuni- kation in sozialen Netzwerken die wichtigste interpersonelle Internetaktivität dar. Die Anzahl von Kontakten innerhalb des persönlichen Netzwerkes besteht bei den in Deutschland leben- den Jugendlichen aus durchschnittlich 290 „Freunden“, mit denen ein kontinuierlicher Kom- munikationsprozess stattfindet (vgl. Feierabend et al., 2013; Willemse, Waller, & Süss, 2014).

Die Heranwachsenden im Alter von 12 bis 18 Jahren sind mit vielen unterschiedlichen Entwicklungsanforderungen konfrontiert, wie dem Streben nach Autonomie, der Übernahme von Verantwortung und der Herausbildung der eigenen Identität (Scheithauer, Hayer, & Nie- bank, 2008). Bei der Bewältigung dieser Anforderungen kann die Nutzung medialer sozialer Netzwerke behilflich sein. Laut Zimmerl, Panosch und Masser (1998) besteht die Attraktivität des Internets in einer gleichzeitigen Befriedigung des Kommunikationsbedürfnisses und der Anonymität als auch des Experimentierens mit der eigenen Identität. Es bietet ebenso die Möglichkeit, sich in einen virtuellen Raum zurückzuziehen und sich dem Gegenüber nach einem Wunschbild zu kreieren und so persönliche Schwierigkeiten bzw. Belastungen zu kompensieren. Bei einem Teil der Jugendlichen zeigt sich dieses Verhalten, einhergehend mit einem auffälligen, exzessiven, bis hin zu einem suchtartigen Internetgebrauch. Es häufen sich die Berichte über Probleme (z.B. Rückzug, Schlaf- und Bewegungsmangel, Leistungsabfall usw.) in Familien, in den Schulen oder in sonstigen sozialen Einrichtungen. Zunehmend su- chen besorgte und überforderte Eltern Beratungsstellen auf.

Der pathologische Internetgebrauch (PIG) gilt als ein neues Störungsbild, welches bereits 1996 Gegenstand einer amerikanischen Studie von Frau Dr. Kimberley Young war. Diese Studie gilt als die Pionierstudie, in der auf die möglichen Gefahren eines exzessiven Internet- nutzungsverhaltens hingewiesen wurde. Internationale Prävalenzen1 schwanken innerhalb der Gesamtbevölkerung zwischen 1% und 18 % (Christakis, 2010). Bislang ungeklärt sind die Fragen der nosologischen Zuordnung und der Risikomerkmale dieses Phänomens. Ebenso fehlt es an einheitlichen und validierten diagnostischen Kriterien, reliablen Untersuchungsme- thoden und einer Definition. Der PIG findet sich weder in der zehnten Ausgabe der Internati- onal Classification of Diseases (ICD-10, Dilling, Mombour, & Schmidt, 1991), noch im Di- agnostic and Statistical Manual of Mental Disorders in seiner fünften Ausgabe (DSM-5) der American Psychiatric Association (APA, 2013). Viele Studien nutzten selektive Teilstichpro- ben (z.B. Studierende), deren Rekrutierung ausschließlich via Internet verlief (Chou & Hsiao, 2000; Lin & Tsai, 2002). Demzufolge sind Studienergebnisse zurückhaltend zu bewerten und zu vergleichen. Auch lassen sich wenig hinreichende Erkenntnisse finden, wie einem exzessi- ven Verhalten vorgebeugt werden kann, wer gefährdet ist und welche individuellen Konse- quenzen damit einhergehen könnten. Für die Entwicklung von Beratungs- und Therapieange- boten sowie Präventionsprogrammen erscheint ein fundierter Kenntnisstand über die empiri- schen Befunde jedoch unerlässlich.

Die vorliegende Bachelorarbeit gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand hinsichtlich der Prävalenz des PIGs bei Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 18 Jahren. Der Schwerpunkt liegt auf den Internetaktivitäten in sozialen Netzwerken. Die folgenden Ka- pitel beinhalten die Darstellung des Untersuchungskontextes (2), das methodische Vorgehen der Literatursammlung (3) und die Beschreibung der ausgewählten Studien (4). Am Ende werden die Ergebnisse der gesichteten Studien in den Gesamtkontext eingebettet (5).

2 DARSTELLUNG DES UNTERSUCHUNGSKONTEXTES

In diesem Kapitel wird der Untersuchungskontext des PIGs dargestellt. Es wird auf die De- finition, die Terminologien, die klinischen Symptome und die Formen des PIGs näher einge- gangen. Danach folgen die Klassifikation und die diagnostischen Kriterien sowie eine Über- sicht der existierenden Messinstrumente. Schließlich werden mögliche ätiologische Erklä- rungsansätze sowie Komorbiditäten dargestellt.

2.1 Pathologischer Internetgebrauch

Die Möglichkeit des entgrenzten Internetkommunizierens kann vor allem bei jungen Men- schen, deren Fähigkeiten zur Verhaltenskontrolle noch nicht ausgereift sind, problematisch werden und bis hin zu schädlichen psychischen als auch körperlichen Beeinträchtigungen führen (vgl. Bilke-Hentsch et al., 2014; Scholz, 2014). Aufgrund der Ähnlichkeit zu den stoffgebundenen Abhängigkeitsstörungen wird von einer Sucht gesprochen, deren Besonder- heit darin besteht, dass dem Körper keine Substanzen von außen zugeführt werden. Die Inter- netnutzung wird zu einem belohnend wirkenden Verhalten, welches für die Betroffenen stressreduzierend und stimmungsaufhellend wirken kann. Es kann zu körpereigenen bioche- mischen Veränderungen kommen. Im Laufe einer Suchtentwicklung rückt dieses exzessive Verhalten zu Lasten von anderen Verhaltensweisen in den Vordergrund. Die Muster der ver- haltensverstärkenden Prozesse werden im sogenannten Suchtgedächtnis abrufbar gemacht. So kann es dazu kommen, dass alternative Stressverarbeitungsprozesse verlernt werden. Kinder und Jugendliche lernen, dass sie mit solchen Verhaltensmustern schnell und effektiv Gefühle im Zusammenhang mit Frustration, Unsicherheit und Ängsten regulieren können. Somit wer- den keine alternativen Verhaltensmuster gelernt und die Entstehung und die Aufrechterhal- tung von Abhängigkeitsstörungen im Jugendalter könnte begünstigt werden (Grüsser & Tha- lemann, 2006).

Der PIG wird als eine stoffungebundene Sucht bezeichnet. Auch neuroanatomische und physiologische Befunde untermauern die Nähe zu drogeninduzierten Süchten, da bei betroffenen Personen unabhängig von einer vorliegenden stoffgebundenen oder stoffungebundenen Sucht die gleichen Hirnareale sensibilisiert werden und es zu einer erhöhten Dopaminausschüttung kommt (vgl. Bilke-Hentsch et al., 2014; Fröhlich & Lehmkuhl, 2012; Lin et al., 2012; Petry, 2006; Thalemann, Wölfling, & Grüsser, 2007).

2.2 Definition und Terminologie des pathologischen Internetgebrauchs

Für die Beschreibung des PIGs existiert bislang weder auf nationaler noch auf internatio- naler wissenschaftlicher Ebene ein begrifflicher Konsens. Im deutschsprachigen Raum lassen sich Bezeichnungen wie Internet-, Online-, Medien- bzw. Computersucht, Medien- bzw. In- ternetabhängigkeit (IAB), pathologische Internetnutzung, pathologischer dysfunktionaler PC- Gebrauch und zwanghafter Internetgebrauch finden. International wird das Phänomen als Internet bzw. Online Addiction, Internet Addiction Disorder (IAD), Pathological Internet Use (PIU), Compulsive Internet Use, Cyberdisorder, Online-alcoholics oder Virtual Addiction beschrieben. Auch fehlt es an einer einheitlichen Definition. Bei den meisten Autoren besteht die Übereinstimmung darin, dass die reine Nutzungsdauer als ein nicht belastbares Kriterium des PIGs zu bewerten ist. Young (1998) übertrug die Definitionsmerkmale des pathologischen Spielens aus der DSM-IV (APA, 1998) auf den PIG, die in der nachstehenden Tabelle aufgelistet sind. Es wurden hierbei acht Kriterien zur Erfassung des PIGs beschrieben, von denen fünf erfüllt sein müssen, um von einer Störung zu sprechen.

Tabelle 1. Fragen zur Erfassung der PIG-Kriterien nach Young (1998).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im deutschsprachigen Raum wurde der PIG im Jahre 2001 durch Hahn und Jerusalem als eine moderne Verhaltensstörung und eskalierte Normalverhaltensweise beschrieben, deren Austragungsort das Internet ist. Dabei orientierten sich die Autoren ebenfalls an den Kriterien der Substanzabhängigkeitsstörungen, die sie in fünf Suchtkriterien (vgl. Tab. 2) für die Internetabhängigkeit aufgliedern.

Tabelle 2. Kriterien des PIGs nach Hahn und Jerusalem (2001).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grüsser und Thalemann (2006) erweiterten diese Definition und fügten die Punkte der Re gulation negativer Gefühlszustände und die Gefahr eines Rückfalls nach Abstinenz oder kontrolliertem Umgang hinzu (vgl. Tab. 3).

Tabelle 3. Kriterien des PIGs nach Gr ü sser und Thalemann (2006).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3 Klinische Symptomatik

In der klinischen Praxis kann sich bei Betroffenen ein normatives Verhalten zu einem pa- thologischen ausweiten und es lassen sich klassische Bilder einer Suchterkrankung erkennen (te Wildt, 2012). Die betroffenen Personen berichten von zunehmender Zeit, die im Internet verbracht wird (Toleranzentwicklung), sowie den Zeitmangel für andere Tätigkeiten. Dies geht einher mit dem Verlust, die Internetnutzungsdauer kontrollieren zu können (Kontrollver- lust). Bei längeren Unterbrechungen der Internetnutzung kann es zu Entzugserscheinungen kommen, die sich in Form von psychischen Beeinträchtigungen (z.B. Ruhelosigkeit, Gereizt- heit, Aggressivität etc.) als auch in physischen Reaktionen (z.B. Schlafstörungen, erhöhter Puls etc.) zeigen können. Es kann ein starkes Bestreben danach geben, diesem Verhalten nachgehen zu müssen (Craving), auch wenn sich daraus Nachteile entwickeln (z.B. gesund- heitliche Probleme, Leistungsabfall in der Schule oder Arbeit, soziale Schwierigkeiten). Dies kann die Entstehung eines „Teufelskreises“ begünstigen, denn durch die zunehmenden Kon- flikte und negativen Gefühle wird das Internet wiederum zur Flucht und Ablenkung genutzt. Gedanklich beschäftigen sich die betroffenen Personen viel und lange mit dem Internet, auch wenn sie nicht online sind (Einengung der Kognitionen). Hierbei spielt die Angst, etwas zu verpassen, eine wichtige Rolle. Somatische Symptome können Rückenbeschwerden, ein ge- störter Schlaf-Wach-Rhythmus, Essstörungen, Konzentrations- und Leistungseinbußen sein. Über Jugendliche berichten in der Regel ratsuchende Eltern von einem verringerten Nacht- schlaf, heftigen interfamiliären Emotionsausbrüchen, einem Rückzug des Jugendlichen, einer veränderten Familiendynamik (z.B. keine gemeinsamen Mahlzeiten) und einer neuen Frei- zeitgestaltung (vgl. Bischof, Bischof, Meyer, John, & Rumpf, 2013; Petersen, Weymann, Schelb, Thiel, & Thomasius, 2009; Wölfling, Müller, & Beutel, 2011b).

2.4 Formen des pathologischen Internetgebrauchs

Die Begriffe „exzessive“ bis hin zur „süchtigen Internetnutzung“ sind Sammelbegriffe, die unterschiedliche Internetaktivitäten bezeichnen. Diese können unterschieden werden in Sucht nach Internetpornographie, Online-Beziehungen, monetären Angeboten wie Glücksspiel, Auktions- und Shoppingseiten, einer Informationssammelsucht oder einer exzessiven OnlineKommunikation in sozialen Netzwerken, wie beispielsweise Facebook und WhatsApp (vgl. Bilke-Hentsch et al., 2014; Young, Pistner, O'Mara, & Buchanan, 1999).

2.5 Klassifikation und diagnostische Kriterien

Im Hinblick auf die Klassifikation und die diagnostischen Kriterien des PIGs stehen sich voneinander unabhängige und unterschiedliche Konzepte gegenüber. Hieraus ergeben sich Unklarheiten der Einordnung des Phänomens in die großen Klassifikationssysteme, was wiederum eine Diagnosestellung erschwert (Bilke-Hentsch et al., 2014). In den beiden folgenden Abschnitten sollen die wichtigsten Einordnungen in die zehnte Ausgabe der ICD (1991) und der DSM-5 (APA, 2013) vorgestellt werden.

2.5.1 ICD-10

In der ICD-10 lässt sich der PIG als eine Verhaltensstörung in zwei Kategorien verorten. In Anlehnung an das pathologische Glücksspielverhalten (vgl. Anhang A) findet sich die Zuord- nung zu den Impulskontrollst ö rungen (ICD-10: F63.8, „Sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“), die den Zwangsstörungen nahestehen (vgl. Bilke-Hentsch et al., 2014; Marks, 1990). Für einige Autoren gilt diese Zuordnung als falsch, da mögliche To- leranzentwicklung und Entzugssymptomatik fehlen. Somit würden möglicherweise geeignete Suchttherapieelemente nicht für Internetsuchtabhängige angewandt werden. Zudem basiere der Kontrollverlust eines PIGs auf einem zumindest ursprünglich als Vergnügen erlebten Verhalten und nicht auf einem zwanghaften Beenden eines Spannungszustandes, von dem bei den zwanghaften Störungen ausgegangen wird (vgl. Bilke-Hentsch et al., 2014; Grüsser, Poppelreuter, Heinz, Albrecht, & Saß, 2007).

Eine andere Konzeptualisierung beschreibt den PIG als eine tiefgreifende Störung der Affekt- und Beziehungsregulierung sowie der Selbststeuerung, die am ehesten der Diagnoseklasse der Pers ö nlichkeits- und Verhaltensst ö rungen (F6) zuzuordnen wäre (Schuhler, Vogelgesang, & Petry, 2009).

2.5.2 DSM-5

In der fünften Ausgabe der DSM (2013) werden Missbrauch und Abhängigkeit in einem gemeinsamen Störungsbild der Substanzgebrauchsst ö rung („Substance Use Disorder“) zu- sammengefasst, die anhand von elf Kriterien (vgl. Anhang B) beschrieben wird. Treten in einem Zeitraum von zwölf Monaten mindestens zwei der Merkmale auf, kann von einer Sub- stanzgebrauchsstörung gesprochen werden, deren Schweregrad in moderat (2-3 Kriterien) und schwer (4 oder mehr Kriterien) spezifiziert wird. Zudem werden in der DSM-5 (2013) im Bereich Sucht und zugeh ö rige St ö rungen („Addiction and Related Disorders“) die stoffge- bundenen von den stoffungebundenen Suchtstörungen unterschieden. Das pathologische In- ternetspielen („Internet Gaming Disorder“, vgl. Anhang C) wird erstmalig als stoffungebun- dene Störung, als eine sogenannte Verhaltenssucht, im Bereich der Suchterkrankungen aufge- führt. Für den PIG erfolgte keine Aufnahme in die DSM-5 (2013), er wird lediglich als Diffe- rentialdiagnose und im Anhang erwähnt.

2.6 Diagnostische Messinstrumente

Die uneindeutige Klassifizierung des PIGs hat zur Folge, dass die derzeitigen Messinstru- mente unterschiedliche Herangehensweisen und Konzepte nutzen. Als Konstruktionsgrundla- ge dienen hierbei die diagnostischen Kriterien der Substanzabhängigkeiten, des pathologi- schen Glückspielens oder der Impulskontrollstörungen. Ebenso werden etablierte theoretische Modelle wie das kognitive Verhaltensmodell nach Davis (vgl. Kapitel 2.7) oder Expertenmei- nungen genutzt. Im Folgenden wird ein Überblick über die derzeit angewandten Fragebogen- instrumente zur Erfassung des PIGs gegeben. Abschließend werden diese in einer Über- sichtstabelle mit Angaben des theoretischen Hintergrundes der Skala, der Itemanzahl, der zugrundeliegenden Faktorenstruktur und der psychometrischen Kennwerte sortiert aufgelistet (vgl. Tab. 4).

Auf der Basis der DSM-IV Spielsuchtkriterien (Saß, Wittchen, Zaudig, & Houben, 2003, vgl. Anhang D) orientiert sich der Internet Addiction Test (IAT, vgl. Anhang E) an 20 Items, die mittels einer fünfstufigen Likertskala abgefragt werden (Widyanto & McMurran, 2004; Young, 1998). Die zugrundeliegende Faktorenstruktur besteht aus sechs Faktoren (Salienz, exzessive Nutzung, Vernachlässigen der Arbeit, Antizipieren der nächsten Sitzung, Kontroll- verlust, Vernachlässigung sozialer Aktivitäten). Aussagen über die diagnostischen Kennwerte werden über die interne Konsistenz (Cronbachs =0.54-0.82) getroffen (Steffen, Peukert, Petersen, & Batra, 2012). Der IAT stellt eine Modifikation des ursprünglichen Young Diag- nostic Questionnaire (YDQ, vgl. Anhang F) dar, der aus acht Items besteht. Es werden eine angepasste (0-2 Zustimmungen), eine unangepasste (3-4 Zustimmungen) und eine pathologi- halb einer Zeitdimension von sechs Monaten klassifiziert (Young, 1996). Bei dem Problematic Internet Use Questionnaire (Demetrovics, Szeredi, & Rózsa, 2008) handelt es sich um eine auf zehn Items erweiterte Version des IAT. Mit Hilfe einer Faktorenanalyse konnten drei Skalen (Obsession, Vernachlässigung, Kontroll- störung) extrahiert werden. Es wird von der internen Konsistenz (Cronbachs =0.74-0.87) und einer mittleren bis hohen Test-Retest-Reliabilität (r =0.76-0.90) berichtet. Der China In- ternet Addiction Inventory (Huang, Wang, Qian, Zhong, & Tao, 2007) besteht aus 31 Items und einer Drei-Faktorenstruktur (Konflikte, Stimmungsveränderung, Abhängigkeit). Es wird von der Test-Retest-Reliabilität (r =0.65-0.75; p <.001), der diskriminanten Validität (p =<.001) und einer guten internen Konsistenz (Cronbachs =0.80-0.90) berichtet. Die Chi- nese Internet Addiction Scale (Chen, Weng, Su, Wu, & Yang, 2003), bestehend aus 26 Items (Cronbachs =0.79-0.93), extrahiert folgende fünf Dimensionen: Zwanghafte Nutzung, Ent- zugssymptome, Toleranzentwicklung, interpersonale und gesundheitliche Probleme sowie Zeitmanagementprobleme. Zudem lässt sich noch der Problematic Internet Use Question- naire (Thatcher & Goolam, 2005) mit drei Faktoren (negative Auswirkungen, übermäßige Beschäftigung mit dem Internet, soziale Interaktion), einer hohen internen Konsistenz (Cron- bachs =0.90) und einer Konstruktvalidität (r =0.72; p <.01) dazuzählen.

Auf der Basis der DSM-IV Kriterien der Abhängigkeitsstörungen (1998) nutzt die Skala zum Onlinesuchtverhalten bei Erwachsenen bzw. bei Kindern und Jugendlichen mit 15 Items und einer internen Konsistenz von Cronbachs =0.88 (Wölfling, Müller, & Beutel, 2010, 2011a) . Diese Skalen erfragen auch die Nutzungshäufigkeit von acht verschiedenen Internetanwendungen wie z.B. Social Network, Erotikangebote etc.. Die Internet Addiction Scale (Nichols & Nicki, 2004) mit 31 Items (Cronbachs =0.95) verwendet die gleichen Kategorien. Es werden keine Aussagen über die Faktorenstruktur getroffen.

Auf der Basis von theoretischen Kognitionsmodellen arbeitet die Internetsucht Skala (Hahn & Jerusalem, 2010), mit einer internen Konsistenz von Cronbachs =0.81-0.83. Sie besteht aus fünf Faktoren (Einengung des Denk- und Verhaltensraumes, Kontrollverlust, To- leranzentwicklung, Entzugserscheinungen, negative Konsequenzen im sozialen Bereich und Leistungsbereich). Die Online Cognition Scale (Davis, Flett, & Besser, 2002), die die Fakto- ren geminderte Impulskontrolle, Einsamkeit/Depression, soziale Bequemlichkeit, Ablen- kung/Zerstreuung faktorenanalytisch extrahiert und eine interne Konsistenz von Cronbachs =0.77-0.87 aufweist, kann ebenso hier einsortiert werden, wie die Generalized Problematic Internet Use Scale (Caplan, 2002) mit sieben extrahierten Faktoren (Kompensation negativer Stimmung, sozialer Benefit, negative Folgen, zwanghafte Nutzung, exzessive Nutzungszeiten, Entzugssymptome, soziale Kontrolle) und einer internen Konsistenz von Cronbachs =0.78- 0.85.

Auf der Basis integrativer Ansätze, die sowohl die DSM-IV-Kriterien des pathologischen Glücksspiels als auch die Verhaltensabhängigkeit einbeziehen, findet sich die Compulsive Internet Use Scale (CUIS) von Meerkerk, van den Eijnden, Vermulst und Garrestsen (2009). Sie setzt sich aus 14 Items zusammen und hat ein fünfstufiges Antwortformat (vgl. Anhang G). Ihr wird eine interne Konsistenz von Cronbachs =0.89 zugeschrieben.

Auf der Basis von Expertenmeinungen beruht die Problematic Internet Usage Scale (Gürcan, 2007), die drei Faktoren (negative Konsequenzen durch den Internetkonsum, sozialer Benefit, exzessiver Gebrauch) extrahiert. Es werden folgende psychometrischen Kennwerte berichtet: interne Konsistenz (Cronbachs =0.91), Validität (r =0.61), Retest- (r =0.81) und Split-Half-Reliabilität (r =0.83).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4. Fortsetzung der Ü bersichtstabelle der diagnostischen Messinstrumente des PIGs. Geordnet nach theoretischem Hintergrund.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Definition Prävalenz: „Häufigkeit einer Erkrankung“ (Wittchen & Hoyer, 2011, S. 62.)

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Prävalenz des pathologischen Internetgebrauchs in sozialen Netzwerken im Jugendalter
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
46
Katalognummer
V301921
ISBN (eBook)
9783956876080
ISBN (Buch)
9783668005594
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pathologischer Internetgebrauch, soziale Netzwerke, Jugendalter
Arbeit zitieren
Natalie Samimi (Autor:in), 2015, Prävalenz des pathologischen Internetgebrauchs in sozialen Netzwerken im Jugendalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301921

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