Inklusions- und Exklusionsmechanismen in Facebook-Gruppen

Empirische Untersuchung


Hausarbeit, 2015
39 Seiten, Note: 1,0
S. Beier (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Abbildungsverzeichnis

II Tabellenverzeichnis

III Vorbemerkungen
1 Einleitung und Einordnung des Themas
1.1 Themenwahl und Einordnung in die Soziologie
1.2 Forschungsstand, Fragestellungen und Aufbau der Arbeit
2 Inklusion und Exklusion innerhalb virtueller Gruppen
2.1 Soziale Gruppen
2.2 Virtuelle Gruppen
2.3 Inklusion und Exklusion
3 Qualitative Erforschung von Bildertauschgruppen auf Facebook
3.1 Interviews mit Facebook-Freunden über die Funktionen von Facebook-Gruppen
3.2 Beobachtungen von Bildertauschgruppen mit (multi-)nationalen Schwerpunkten bei Facebook
3.3 Interview mit einem Gruppenadministrator bei Facebook
4 Zusammenfassung und Fazit: Inklusions- und Exklusionsmechanismen in Facebook-Gruppen

IV Literaturverzeichnis

V Anhang

I Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Definition von Facebook-Gruppen

Abb. 2: Privatsphäre-Einstellungen in Facebook-Gruppen

Abb. 3: Funktionen von Facebook-Gruppen

Abb. 4: Posting aus Gruppe B vom 10.07.2014 zum Thema Werbung

Abb. 5: Posting aus Gruppe A vom 15.01.2015 zum Thema Werbung

Abb. 6: Posting aus Gruppe B vom 29.01.2015 zum Thema Werbung

Abb. 7: Posting aus Gruppe A vom 29.01.2014 zum Thema Werbung

Abb. 8: Posting aus Gruppe A vom 01.12.2014 zum Thema Urheberrecht

Abb. 9: Posting aus Gruppe A vom 12.03.2015 zum Thema Urheberrecht

Abb. 10: Posting aus Gruppe B vom 31.03.2014 zum Thema Urheberrecht

Abb. 11: Posting aus Gruppe A vom 11.11.2014 zum Thema Urheberrecht

Abb. 12: Posting aus Gruppe A vom 05.02.2015 zum Thema Off-Topic

Abb. 13: Posting aus Gruppe C vom 22.03.2015 zum Thema Off-Topic

Abb. 14: Posting aus Gruppe A vom 30.09.2014 zum Thema Politik und Moral

Abb. 15: Posting aus Gruppe A vom 26.01.2015 zum Thema Inklusion

Abb. 16: Posting aus Gruppe B vom 03.11.2014 zum Thema Inklusion

Abb. 17: Posting aus Gruppe B vom 27.01.2015 zum Thema Inklusion

Abb. 18-31 Anhang: Gesammelte Postings aus den Bildertauschgruppen

II Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Die Spezifik der virtuellen Gruppe im Vergleich zu anderen sozialen Kommunikationssystemen

Tab. 2 Anhang: Problemzentrierte Interviews zur Funktion und Nutzung von Facebook-Gruppen

Tab. 3 Anhang: Narratives Interview mit Marco, Gruppenadministrator einer nationalen Bildertauschgruppe bei Facebook vom 10.03.2015

III Vorbemerkungen

In der Hausarbeit wird bei allgemeinen Personenbezeichnungen (z. B. die Gruppenteilnehmer oder die Administratoren) stets die kürzere männliche Form verwendet, um den Lesefluss nicht zu unterbrechen. Es sind jedoch stets alle Menschen gemeint, egal ob sie sich dem weiblichen, männlichen oder einem anderem Geschlecht zuordnen.

1 Einleitung und Einordnung des Themas

Zunächst erfolgt eine Begründung zur Erforschung des Themas innerhalb der Soziologie. Anschließend wird der Forschungsstand kurz umrissen bzw. werden die Forschungslücken aufgedeckt, die Fragestellungen erläutert sowie der darauf gründende Aufbau der vorliegenden Arbeit beschrieben.

1.1 Themenwahl und Einordnung in die Soziologie

Die vorliegende Arbeit dient als Abschluss des Hauptseminars Wie beforscht man das Internet? Zur Praxis qualitativer Internetsoziologie. Im Seminar sind, neben konkreten plattformspezifischen Gegebenheiten (bspw. zu Twitter oder YouTube), die methodischen Möglichkeiten und Problematiken der Forschung mit dem und im Medium Internet näher untersucht worden. Dabei haben Fragen zur Abgrenzung des Forschungsbereiches ebenso im Vordergrund gestanden, wie der Umgang mit den gewonnenen Daten in Bezug auf Privatheitsschutz und die Unterscheidung in Online-/Offline-Daten (vgl. dazu u. a. Orgad 2009; Sveningsson Elm 2009; Hine 2009; Lange 2008). In der vorliegenden Arbeit finden aufgrund der Thematik und des geringen Umfangs ausschließlich online erhobene Daten Verwendung. Zur Gewährung der Anonymität sind alle Namen und Wohnorte von Personen und Gruppen sowie jegliche Anmerkungen, die einen Hinweis auf die wahre Identität oder den Namen der Gruppe geben können, geändert worden. Darüber hinaus sind Bilder geschwärzt, um das Urheberrecht nicht zu verletzen. Die Teilnahme und Absolvierung des Seminars dient der Profilierung des Autors dieser Arbeit im Fach Soziologie als Ergänzung des Hauptstudienfaches Humangeographie. Die Relevanz des Themas für beide Disziplinen wird anhand der „durch das Internet gegebene[n] Möglichkeit Beziehungen sozial und geographisch auszuweiten“ verdeutlicht (Kneidinger 2010: 47).

Seit der flächendeckenden Ausbreitung des Mediums Internet hat – neben anderen Lebensbereichen – die Kommunikation einen Wandel in ihrer Quantität und in besonderem Maße in ihrer Qualität erfahren, indem zum einen Raum und Zeit, zum anderen aber auch soziale „Hindernisse, beispielsweise von Autoritäts-, Status- und Machtunterschieden“ an Bedeutung verlieren (Dollhausen und Wehner 2003: 68, 73f.; Heintz 2003: 180; Thiedeke 2003b: 30). Dollhausen und Wehner (2003: 68) sprechen von der „Erweiterung, Beschleunigung und Intensivierung des gesellschaftlichen Kommunikationsprozesses“ bis hin zu einer „globalen Kommunikationsgesellschaft“. Ergänzend zu Massen- und Individualmedien bietet die Computer-Mediated Communication (kurz CMC) neue Möglichkeiten der Kommunikation, wie Thiedeke (2003b: 23f.) ausführlich erläutert:

„Anders als bei den Massenmedien (Presse, Rundfunk, Fernsehen) oder den bereits etablierten Individualmedien (Brief, Telefon, Telefax) liegt bei CMC keine strukturelle Einschränkung der Kommunikationskontakte vor. Bei Massenmedien sind die Verbindungsmöglichkeiten der Kommunikationsteilnehmer auf die Kommunikationskonstellation ‚einer an viele‘ festgelegt. Individualmedien hingegen stellen eine ‚einer an einen (oder wenige)‘-Verbindung her. CMC erlaubt jedoch die kommunikative Beziehung von ‚einem an viele‘ (Mailboxen, BBS, Internet Web-Sites) ebenso, wie die Konstellationen ‚einer an einen‘ (E-mail) oder ‚viele an viele‘ (BBS, IRC). Das globale CMC-Medium Internet erscheint demzufolge gleichzeitig als Massen- und als Individualmedium.“

War der Großteil der Gesellschaft vorher den passiven Medien-Konsumenten zugeordnet, so ermöglicht das Internet nun eine aktive Partizipation am medialen Geschehen (Dollhausen und Wehner 2003: 70). Das Soziale kann nicht mehr nur „offline“ betrachtet werden, sondern muss um eine medientechnische Komponente ergänzt werden, die den „online“-Bereich mit einbezieht (Dollhausen und Wehner 2003: 69; Thiedeke 2003a: 10). Soziale Interaktionen im virtuellen Netzmedium entstehen nach Thiedeke (2003b: 24f.) aufgrund der „umfassende[n] Digitalisierung der Kommunikationsinhalte, Personen und Umwelten“ und sind charakterisiert durch „ Anonymität, Selbstentgrenzung, Interaktivität und Optionalität “.

Da die „Wahl der Zugehörigkeit“ zu sozialen Gruppen durch das Internet nun verstärkt beim Individuum liegt und gleichzeitig die Regeln für die Teilnahme und Nichtteilnahme an Gruppen im Netz in sozialen Aushandlungsprozessen zwischen den einzelnen Teilnehmern entstehen, erscheint es aus soziologischer Perspektive sinnvoll, sich mit Inklusions- und Exklusionsmechanismen virtueller Gruppen zu befassen (Thiedeke 2003a: 9; Thiedeke 2003b: 30ff.).

1.2 Forschungsstand, Fragestellungen und Aufbau der Arbeit

In der Literatur lassen sich bereits einige Werke zum Thema Inklusion und Exklusion in virtuellen Gruppen finden, zu nennen ist hier vor allem der Soziologie Udo Thiedeke, auf dessen Werke sich ein Großteil des theoretischen Hintergrunds der vorliegenden Arbeit beziehen wird. Seine Untersuchungen verweisen vor allem auf Chatrooms, Foren und Spieleumgebungen (vgl. Thiedeke 2007; Thiedeke 2003a; Thiedeke 2003b). Im Zuge der Etablierung des Web 2.0 sind jedoch digitale Soziale Netzwerke (Social Network Sites) populär geworden und in das wissenschaftliche Blickfeld gerückt. Es besteht daher Forschungsbedarf zur – nicht nur – soziologischen Untersuchung von Facebook-Gruppen.

Während das Internet eigentlich eine scheinbar unendliche Offenheit symbolisiert und einen Ausweg aus der sozialen Kontrolle in der „realen Welt“ verspricht, so bilden sich insbesondere auf Facebook und speziell in dessen Gruppen Instanzen, die für Inklusion und Exklusion sorgen. Die beiden Fragestellungen, die sich daran anschließen, lauten:

F1: Welche Besonderheiten in Bezug auf Inklusion und Exklusion lassen sich für Gruppen auf Facebook ausmachen?

F2: Inwiefern sind die Inklusions- und Exklusionsmechanismen in Facebook-Gruppen vergleichbar mit denen aus anderen virtuellen Gruppen?

Es erscheint sinnvoll, sich zunächst mit den Logiken virtueller Gruppen zu beschäftigen und sie mit realweltlichen Gruppen zu vergleichen, wobei ein besonderer Blick auf Inklusions- und Exklusionsleistungen der virtuellen Gruppe gelegt wird (vgl. Kap. 2). Auf diesem theoretischen Ideengerüst baut dann der empirische Teil der vorliegenden Arbeit auf, indem anfänglich explorativ der Forschungsraum erkundet wird, anschließend eine Sammlung, Bearbeitung und Ordnung von hauptsächlich qualitativen Daten erfolgt und diese letztlich im Hinblick auf die Theorie ausgewertet werden (vgl. Kap. 3). Eine Herausarbeitung der wichtigsten Erkenntnisse der empirischen Arbeit schärft schlussendlich den Blick zur prägnanten Beantwortung der Forschungsfragen (vgl. Kap. 4).

2 Inklusion und Exklusion innerhalb virtueller Gruppen

Zur Beantwortung der Forschungsfragen ist es zunächst notwendig, sich dem Begriff der Gruppe soziologisch anzunähern. Daraufhin erfolgt ein Übergang von realweltlichen sozialen Gruppen zu virtuellen sozialen Gruppen. Schließlich werden Inklusions- und Exklusionsmechanismen diskutiert, wobei der Schwerpunkt auf virtuellen Gruppen bei Facebook liegt.

2.1 Soziale Gruppen

„Gruppe ist ein Ordnungs- und Klassifikationsbegriff, der die Gemeinsamkeit einer Reihe von gleichen bzw. ähnlichen Elementen hervorhebt“ (Schäfers 1999: 19). Dieser sehr allgemeinen Begriffsbestimmung einer Gruppe ist eine soziologische Definition gegenüberzustellen, um anschließend die Charakteristika sozialer Gruppen näher untersuchen zu können. In einer Einführung in die Gruppensoziologie bemüht Schäfers (1999: 19f.) eine umfassende Definition der sozialen Gruppe:

„Eine soziale Gruppe umfaßt [sic] eine bestimmte Zahl von Mitgliedern (Gruppenmitglieder), die zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels (Gruppenziel) über längere Zeit in einem relativ kontinuierlichen Kommunikations- und Interaktionsprozeß [sic] stehen und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit (Wir-Gefühl) entwickeln. Zur Erreichung des Gruppenziels und zur Stabilisierung der Gruppenidentität ist ein System gemeinsamer Normen und eine Verteilung der Aufgaben über ein gruppenspezifisches Rollendifferential erforderlich.“

Die am Anfang der Definition genannte Zahl der Mitglieder sei zwischen 3 und 25 angelegt, es handle sich also bei sozialen Gruppen stets um Kleingruppen (Schäfers 1999: 20), die sich nach Dollhausen und Wehner (2003: 79) „von anderen, größeren Systemaggregaten wie Organisationen oder Verbänden unterscheiden lassen“. Thiedeke (2003b: 34, 39; 2003a: 7) legt das Minimum einer Gruppe bei zwei Personen fest und das Maximum ergebe sich automatisch, da eine Gruppe ab einer bestimmten Anzahl an Gruppenmitgliedern nicht mehr stabil sei. Die Gruppenmitglieder stabilisieren die soziale Gruppe durch face-to-face-Kontakte, konstante und kontinuierliche Beziehungen sowie Kommunikation (Thiedeke 2003a: 7). Diese „engen, emotionalen Wechselbeziehungen“ führen zur Abgrenzung der Gruppe nach außen und gleichzeitig zur Ausbildung einer Gruppenidentität, dem Wir-Gefühl (Thiedeke 2003b: 36ff.; Thiedeke 2003a: 7). Wichtig ist also die „Selbstwahrnehmung als Gruppe“ sowie darüber hinaus „eigene Traditionen und Gewohnheiten, gruppenspezifische Reaktionen auf andere soziale Gebilde“ und weitere Aspekte, die für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit von untergeordneter Bedeutung sind (für eine ausführlichere Diskussion der sozialen Gruppe vgl. z. B. Thiedeke 2003a: 7f.; Thiedeke 2003b: 33–41; Schäfers 1999: 20).

Der gesellschaftliche Wandel bringt eine Verlagerung „von familial orientierter Gruppierung auf funktions- und interessengeleitete Formierungsprozesse“ (Thiedeke 2003a: 7) mit sich, wodurch eine räumliche „Zwangsinklusion“ – die auf Abstammung und räumlicher Nähe beruht – zugunsten einer freiwilligen Inklusion in Gruppen – anhand von ähnlichen Interessen und Merkmalen – überwunden wird (Thiedeke 2003a: 9; Thiedeke 2003b: 34; Dollhausen und Wehner 2003: 80; Brill 2003: 94). Es kommt zur „De-Lokalisierung von Kommunikation“ (Brill 2003: 97), die durch das sich ausbreitende Medium Internet weiter voran getrieben wird, wodurch virtuelle Gruppen begünstigt werden.

2.2 Virtuelle Gruppen

Bei der Vergemeinschaftung im Netz werden „die Grenzen von Verwandtschaft und räumlicher Nachbarschaft“ überwunden, sodass eine Gruppenbildung hauptsächlich anhand geteilter Hobbies und Interessen erfolgt (Kneidinger 2010: 46). Virtuelle Gruppen werden als Spezialfall sozialer Gruppen mit zum Teil differenten Charakteristika betrachtet (vgl. Tab. 1) und sind in komplexer Weise mit realweltlichen Gruppen verbunden (Thiedeke 2003a: 11, 60; Kneidinger 2010: 47). Virtuelle Gruppen substituieren also nicht die realweltlichen, sondern ergänzen sie (Thiedeke 2003a: 62; Kneidinger 2010: 48).

Tab. 1: Die Spezifik der virtuellen Gruppe im Vergleich zu anderen sozialen Kommunikationssystemen

(Thiedeke 2003b: 60)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Vergleich mit realweltlichen Gruppen erscheinen virtuelle Gruppen informeller, da es oft keine face-to-face-Kontakte und schwache Bindungen zwischen den Mitgliedern und somit weniger Hinweise auf die Identitäten der beteiligten Personen gibt (Thiedeke 2003a: 42, 60) und darüber hinaus die „(Nicht‑)Teilnahme unverbindlicher“ ist (Dollhausen und Wehner 2003: 76). Trotz dieser für Beziehungen im Internet charakteristischen Einschränkungen ist die Bildung virtueller Gruppen zu erwägen, wenn „eine relative Dauer der Interaktionen möglich ist, eine wechselseitige Identifikation der virtuellen Identitäten stattfindet und Regelwerke sozialer Erwartungsstrukturen ausgeformt werden, die nur begrenzt formalisiert sind“ (Thiedeke 2003a: 43). Eine besondere Bedeutung kommt hierbei dem Vertrauen zwischen den Gruppenteilnehmern zu, welches sich in einem Aushandlungsprozess zwischen Vertrauensbeweisen und Vertrauensmissbrauch entwickelt (ebd.: 47).

Dass im Regelfall nicht alle Teilnehmer bzw. nur sehr wenige von ihnen gleichzeitig kommunizieren wird dadurch ausgeglichen, dass es sich um schriftliche Kommunikation handelt, die je nach Plattform unterschiedlich lange gespeichert und für Mitglieder einsehbar ist (Thiedeke 2003a: 52, 61). Neben sozialen Faktoren spielen daher vor allem technische eine wichtige Rolle (ebd.: 62), weswegen nachfolgend die Gegebenheiten auf Facebook und damit die Bedingungen für Facebook-Gruppen näher untersucht werden. Haider (2012: 7) leitet zur Entstehung Facebooks ein: „Entworfen im Jahre 2004 als eine kleine, interne College Website der Universität Harvard, entwickelte sich ‚Facebook‘ zu einer der größten Sozialen Netzwerkseiten weltweit“.

Das Zitat verdeutlicht, dass viele Studien zu virtuellen Gruppen noch vor der Gründung von Facebook entstanden sind (z. B. Thiedeke 2003a; Thiedeke 2003b), bzw. vor 2008 (z. B. Thiedeke 2007), als die Social Network Site mit einer deutschsprachigen Version auch in Deutschland Bekanntheit erlangt (Haider 2012: 20). Daran verdeutlicht sich die Aktualität und Relevanz des gewählten Forschungsthemas. Zwar wird Facebook hauptsächlich für das Aufrechterhalten von Freundschaften und Bekanntschaften genutzt (Haider 2012: 5; Kneidinger 2010: 129), doch erfolgt gleichzeitig eine „(Selbst‑) Präsentation […] über Fotos und/oder den Beitritt zu Gruppen, […] mit oftmals sehr aussagekräftigen Namen“ (Kneidinger 2010: 130). Studien speziell zu Facebook-Gruppen liegen nicht vor (Weissensteiner und Leiner 2011: 16), weswegen nur auf eine Definition von Facebook selbst (vgl. Abb. 1) sowie auf eine Erläuterung aus einem allgemeinen Werk über Facebook zurückgegriffen werden kann:

„Gruppen sind quasi das Urgestein der Treffpunkte in Social Networks. Hier können sich Nutzer mit gemeinsamen Interessen an einer zentralen Stelle treffen und austauschen. Die Mitgliedschaft einer Gruppe wird auch auf dem Profil eines Nutzers angezeigt. Damit wird sie zum Teil der virtuellen Identität. Deshalb treten Nutzer in der Regel nur solchen Gruppen bei, mit denen sie sich tatsächlich identifizieren können“ (Holzapfel und Holzapfel 2012: 53).

Diese Gruppen können entweder öffentlich, geschlossen oder privat sein (vgl. Abb. 2). Bei der vorliegenden Arbeit stehen vor allem geschlossene Gruppen im Vordergrund, da diese für jeden sichtbar sind, jedoch zum Eintreten eine Freischaltung durch einen Administrator notwendig ist (bei manchen Gruppen ist dies auch durch andere Gruppenmitglieder möglich). Aus diesem Grund sind geschlossene Gruppen durch vielfältige Prozesse der Inklusion und Exklusion gekennzeichnet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Definition von Facebook-Gruppen (Facebook 2011)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Privatsphäre-Einstellungen in Facebook-Gruppenl (Facebook 2011)

2.3 Inklusion und Exklusion

Im Gegensatz zu realweltlichen Gruppen, die sich durch vielfältige Inklusions- und Exklusionsmechanismen auszeichnen, werden virtuelle Gruppen manchmal „als Lösung des gesellschaftlichen ‚Primärproblems‘ […] von Inklusion/Exklusion verhandelt: Durch ‚virtual communities‘ soll es endlich möglich werden, dass alle Menschen individuell gesellschaftlich relevant sein können“ (Brill 2003: 89). Dies widerspricht nicht der Tatsache, dass virtuelle Gruppen jeweils für sich spezifische Mechanismen zur In- und Exklusion ausbilden. Jene Mechanismen orientieren sich an der Thematik der einzelnen Gruppen und werden von den Gruppenmitgliedern selbst entwickelt (Thiedeke 2003a: 13). Es bilden sich Regelsysteme und Verhaltenskonventionen (Netiquette) aus, die aufgrund der fehlenden Nähe, der Anonymität bzw. Pseudonymität und des leichten Ein- und Austritts bei vielen Gruppen zunächst schwierig durchsetzbar erscheinen (ebd.: 9, 13, 17).

Insbesondere in Facebook-Gruppen sind jedoch die Gruppenmitglieder eindeutig Profilen zuweisbar, sodass mithilfe von technisch ermöglichten Sanktionen – bis hin zur Exklusion aus der Gruppe – die Einhaltung der Regeln erwirkt werden kann, wodurch eine „kohäsive Gruppenstruktur“ entsteht (Thiedeke 2003a: 12, 16f.). Da bei virtuellen Gruppen die Mitgliederfluktuation sehr stark ist – alte gehen, neue kommen hinzu – bilden sich Institutionen aus, um einer Destabilisierung der Gruppe entgegenzuwirken (ebd.: 16). Diesem Zweck dienen beispielsweise Rollendifferenzierungen (Administratoren, Moderatoren), Cliquenbildung innerhalb der Gruppe oder Informationsbereiche wie Gruppenbeschreibungen, Gruppenregeln oder die sogenannten Frequently Asked Questions, kurz FAQs (ebd.: 16).

Fragen der Zugehörigkeit werden bei realweltlichen Gruppen vor allem durch die „persönliche Kenntnis der Mitglieder sowie eine, an individuell identifizierbaren Personen festgemachte Zurechnung von Eigenschaften und Beiträgen“ beantwortet, finden also insbesondere in der face-to-face-Kommunikation und -Interaktion ihren Ausdruck (Thiedeke 2007: 73). Da face-to-face-Kontakte bei virtuellen Gruppen meist nicht umsetzbar und Beziehungen vor allem indirekter Natur sind (Thiedeke 2003a: 12f.), hat hier zum einen das Mitteilen von Gemeinsamkeiten Relevanz (Dollhausen und Wehner 2003: 75) – seien es nun Merkmale (Geschlecht, Sexualität, Herkunft), Interessen (Hobbies, Politik, Lieblingsländer) oder Probleme (marginalisierte Gruppen, Sucht, Beziehungsprobleme). Zum anderen spielt das Bekunden von Solidarität zu den Gruppenzielen und Vertrauen zu den Gruppenmitgliedern eine wichtige Rolle (Thiedeke 2007: 78). Es findet also eine Verallgemeinerung und Stereotypisierung statt, in der die potentiellen Kandidaten für eine Gruppenmitgliedschaft auf die für die Gruppe wesentlichen Merkmale und Interessen reduziert werden, wodurch das Persönliche in den Hintergrund tritt (ebd.: 78). Es handelt sich daher bei virtuellen Gruppen um imaginäre Gemeinschaften, denn „[a]n die Stelle unmittelbarer Interaktionen von Gemeinschaftsmitgliedern, tritt […] die Imagination einer Homogenität der Merkmale und Erwartungen, aus der sich die gemeinsame Handlungsorientierung ergibt“ (ebd.: 79).

Das bekannteste Beispiel einer imaginären Gruppe ist die Nation, die sich als Vergleichsfigur für virtuelle Gruppen eignet (Thiedeke 2007: 79). Eine Nation manifestiert sich häufig durch die Ausbildung von Grenzen gegenüber den anderen, den „Fremden“, die nicht dazugehören (ebd.: 80ff.). Eine virtuelle Gruppe ist ebenso nach außen hin abgegrenzt, wobei die Grenzen als semipermeabel angesehen werden können: Es kommt zur selektiven Öffnung oder Schließung der Grenzen, indem nur die „passenden“ Bewerber auch tatsächlich von den Administratoren (oder anderen Gruppenmitgliedern) in die Gruppe aufgenommen werden (ebd.: 74). Ohne diese klare Abgrenzung wäre die Durchsetzung von Sanktionen nicht möglich und damit der Zusammenhalt der Gruppe gefährdet (Heintz 2003: 196).

Wie die theoretische Einführung zeigt, sind Phänomene der Inklusion und Exklusion für Facebook-Gruppen nur zu erahnen, da es keine entsprechenden Studien gibt. Ob die für virtuelle Gruppen aufgestellten Theorien sich auch auf Facebook-Gruppen übertragen und sich darüber hinaus spezifische Charakteristika beobachten lassen, wird nachfolgend empirisch untersucht.

3 Qualitative Erforschung von Bildertauschgruppen auf Facebook

Es erfolgt bewusst keine Trennung in jeweils ein methodisches und ein empirisches Kapitel, da die empirischen Ergebnisse eng mit den methodischen Vorgehensweisen verknüpft und vor dem Hintergrund dieser interpretiert werden sollten. Um den Sachverhalt aus möglichst vielen Perspektiven erforschen zu können, ist der Forschungsprozess durch eine Daten- und Methodentriangulation gekennzeichnet. Beginnend mit Interviews von Facebook-Freunden zur Erkundung der Forschungsmöglichkeiten, sind vor und nach der Eingrenzung des Themas Beobachtungen in drei Bildertauschgruppen mit (multi-)nationalem Schwerpunkt getätigt worden. Die gewonnenen Erkenntnisse werden schließlich in einem weiteren Interview, diesmal mit einem Gruppenadministrator, vertieft und erweitert. Da sich im Internet eine „netzspezifische Sprache“ ausgebildet hat (Heintz 2003: 195), wird bei Zitaten kein Vermerk ([sic]) hinter nicht korrekt geschriebene Wörter gesetzt, um ein flüssiges Lesen zu gewährleisten.

3.1 Interviews mit Facebook-Freunden über die Funktionen von Facebook-Gruppen

Zu Beginn des Forschungsprozesses ist es zunächst darum gegangen, das Forschungsfeld zu strukturieren. Dafür ist es von Interesse gewesen, aufzudecken welche Funktionen Facebook-Gruppen erfüllen können beziehungsweise zu welchen Zwecken sie genutzt werden. Neben einer Auseinandersetzung mit den eigenen Gruppenmitgliedschaften (des Verfassers dieser Arbeit) hat es sich als nützlich herausgestellt, einige Facebook-Freunde zu dem Thema zu befragen. Es handelt sich um problemzentrierte Interviews, die vor allem auf die Art der Nutzung von Facebook-Gruppen ausgelegt sind (für die vollständigen Interviews vgl. Tab. 2 Anhang). Aus den genannten Antworten in Kombination mit den Erfahrungen des Verfassers ergeben sich somit fünf Kategorien, die die Funktionen von Facebook-Gruppen zusammenfassen, jedoch nicht als vollständig und keinesfalls isoliert oder überschneidungsfrei betrachtet werden können (vgl. Abb. 3).

Abb. 3 : Funktionen von Facebook-Gruppen

(eigene Darstellung; basierend auf Interviews: vgl. Tab. 2 Anhang)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im nächsten Schritt ergibt sich die Notwendigkeit, eine Eingrenzung der möglichen Themenvielfalt vorzunehmen. Innerhalb der fünf abgebildeten Kategorien stellen Partizipieren und Kommunizieren sinnvolle Komponenten zur näheren Untersuchung dar. Aufgrund einiger Vorbeobachtungen in Gruppen und einer anschließenden Besprechung mit der Kursleitung sind thematisch Inklusions- und Exklusionsprozesse forciert worden. Die genannten Vorbeobachtungen werden durch weitere Beobachtungen erweitert und folgen im Anschluss.

3.2 Beobachtungen von Bildertauschgruppen mit (multi-)nationalen Schwerpunkten bei Facebook

Da es bei qualitativer Forschung laut Hine (2009: 6) darum geht, ohne Vorüberlegungen und Vorannahmen in die zu studierende soziale Situation „einzutauchen“, um zu erleben, wie und nach welchen Gesetzen das Leben dort stattfindet, stellen sich Beobachtungen als optimale Methode für den Einstieg in die Forschungsumgebung dar. Angemerkt werden sollte, dass ein Teil der Beobachtungen bereits vor der Festlegung auf das Thema stattgefunden hat. Nach der Themenfestlegung sind die Beobachtungen gezielter verlaufen – zum Teil mithilfe der Suchfunktion (Suchwörter waren z. B.: löschen, gelöscht, entfernen, entfernt, Gruppe, Regeln) – und von der ursprünglichen Gruppe auf zwei weitere Gruppen ausgeweitet worden. Bald ist aufgefallen, dass die Beiträge in den Gruppen, die relevant für das Thema der vorliegenden Arbeit sind, nicht lange Bestand haben, denn als störend empfundene Posts werden binnen kurzer Zeit – meist gemeinsam mit den Verfassern – aus der Gruppe entfernt. Oft ist es daher nicht möglich gewesen, eine Unterhaltung über längere Zeit zu verfolgen. Trotz allem sind insgesamt einige hilfreiche Beiträge gefunden worden.

Ein Thema, welches zum Ausschluss aus der Gruppe führen kann und in den untersuchten Gruppen unterschiedlich streng geahndet wird, ist das Posten von Werbung, selbst wenn sie sich auf das Land bzw. die Region der Bildertauschgruppe bezieht (vgl. Abb. 5). Die große Bedeutung der Kommunikation wird deutlich, da es prinzipiell Ausnahmefälle von dieser werbefreien Regelung gibt, etwa wenn vorher eine Absprache mit einem Administrator stattgefunden hat (vgl. Abb. 4) oder wenn sich andere Mitglieder trotz Gegenwehr für die Rechtmäßigkeit der Werbung einsetzen (vgl. Abb. 6). Bei einem Regelverstoß ist zu beobachten – sofern die betreffenden Personen nicht sogleich der Gruppe verwiesen werden – dass einige Mitglieder sich direkt für ihren Fehler entschuldigen, um das Vertrauen innerhalb der Gruppe wiederherzustellen (vgl. Abb. 7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Posting aus Gruppe B vom 10.07.2014 zum Thema Werbung (bearbeitet nach Facebook 2015)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Posting aus Gruppe A vom 15.01.2015 zum Thema Werbung (bearbeitet nach Facebook 2015)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Posting aus Gruppe B vom 29.01.2015 zum Thema Werbung (bearbeitet nach Facebook 2015)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Posting aus Gruppe A vom 29.01.2014 zum Thema Werbung (bearbeitet nach Facebook 2015)

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Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Inklusions- und Exklusionsmechanismen in Facebook-Gruppen
Untertitel
Empirische Untersuchung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Wie beforscht man das Internet? Zur Praxis qualitativer Internetsoziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
39
Katalognummer
V301931
ISBN (eBook)
9783956876424
ISBN (Buch)
9783668005655
Dateigröße
5368 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Facebook, Facebook-Gruppen, Gruppen, Inklusion, Exklusion, Soziologie, Mediensoziologie, Medien, Geographie, Humangeographie, Mediengeographie, empirisch, Empirie, Internet, virtuelle Gruppen, Gruppensoziologie, Bildertausch, Urlaubsbilder, Länder, Udo Thiedeke, qualitativ, Interviews, Beobachtungen, Internetsoziologie, Regeln, Sanktionen, Kommunikation, Fotos, Grenzen, Identität
Arbeit zitieren
S. Beier (Autor), 2015, Inklusions- und Exklusionsmechanismen in Facebook-Gruppen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301931

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