Die Darstellung der Frau in Juan Rulfos Kurzgeschichten und ihr Bezug zur mexikanischen Realität


Hausarbeit, 2014
14 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Mexiko – geschichtlicher Hintergrund
2.2 Mexicanidad und die Frau Mexikos
2.3 Die Frau in Rulfos Kurzgeschichten

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Juan Rulfo war ein mexikanischer Schriftsteller, der, obwohl er nur wenige Werke veröffentlichte, zu einem der bedeutendsten lateinamerikanischen Schriftsteller weltweit gehört. Sein Roman Pedro Páramo und sein Sammelband mit Kurzgeschichten El llano en llamas wurden in mehrere Sprachen übersetzt und finden bis heute Anklang auf der ganzen Welt. So gehören zu seinen Bewunderern nicht nur südamerikanische Schriftsteller wie Gabriel García Márquez und Carlos Fuentes, sondern auch Europäer wie Günter Grass.

In seinen Werken thematisiert Rulfo das Leben der mexikanischen Landbevölkerung und greift Themen wie Gewalt, Tod und Verbrechen auf. Die Protagonisten der deskriptiven Geschichten seines Sammelbandes sind oft nur Beobachter des Geschehens und agieren nur als Randfigur. Die Erzählung begrenzt sich meist auf die Innensicht der Personen, die in ihrer tristen Welt gefangen sind und die Tragik ihres Lebens als unumgänglich und unveränderlich akzeptieren. Durch die Monologe, die die Geschichten durchziehen, verliert die Erzählung eine klare Raum- und Zeitstruktur und kreiert eine subjektive Sichtweise auf die Welt, in der die Zeit oft still steht und diese wie eine Traumwelt wirken lässt. Rulfos Sprache zeichnet sich durch eine Simplizität aus, die den Alltag der Landbevölkerung widerspiegeln soll.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung der Frau und versucht die Frage zu beantworten, inwieweit ihre Rolle in Rulfos Texten mit dem Stereotyp der Frau der mexikanischen Wirklichkeit übereinstimmt. Als Grundlage hierfür dienen die cuentos „Kurzgeschichten“ Luvina1 und Es que somos muy pobres[1]. Zunächst ist es aber notwendig, sich kurz mit der Geschichte Mexikos zu beschäftigen, um die gesellschaftliche Situation zur Zeit Rulfos verstehen zu können. Dies beinhaltet auch die Analyse des Selbstverständnis der Mexikaner und der Rolle der Frau. Auf dieser Grundlage folgt dann die Interpretation der cuentos.

2. Hauptteil

2.1 Mexiko – geschichtlicher Hintergrund

Um die Welt der mexikanischen Landbevölkerung und damit die Rolle der Frau in El llano en llamas besser verstehen zu können, ist es hilfreich, sich ein wenig mit der Geschichte Mexikos zu befassen. Mexiko wurde seit der Eroberung durch die Spanier im 16. Jahrhundert immer wieder von anderen Ländern dominiert und unterdrückt. Doch dieser Druck von oben kam nicht nur von außen sondern auch im eigenen Land gab es immer wieder Maßnahmen der Regierung zur Unterdrückung des Volkes.

Ein Beispiel war die 30-jährige diktatorische Herrschaft von Porfirio Díaz, die einerseits Mexiko aus dem wirtschaftlichen Ruin holte, andererseits aber die ärmere Landbevölkerung vernachlässigte und die Bauern, die immerhin fast 90% der Gesamtbevölkerung ausmachten zu Gunsten der Großgrundbesitzer enteignete. 1910 begann eine Gruppe um den Revolutionär Francisco Ignacio Madero (1873-1913) für eine Landreform und Demokratie zu kämpfen. Es folgten Jahre der Anarchie mit gewaltsamen Kämpfen und permanenten Unruhen im Land, die bis 1920 anhielten. Gründe hierfür waren die gegensätzlichen Interessen der einzelnen revolutionären Lager um zum Beispiel Carranza oder Zapata. Dies führte dazu, dass die sozialen Reformen nicht umgesetzt werden konnten. Auch die kurze Regierungszeit des Porfirio Díaz Anhängers Huerta warf die Demokratiebestrebungen wieder zurück. Dennoch wurde durch die Revolution die Oligarchie verdrängt, eine neue Führungsschicht etabliert und es wurden neue staatliche Strukturen eingeführt. 1917 wurde eine neue Verfassung verabschiedet. Eine Stabilisierung des Landes konnte aber erst 1930 unter Lázaro Cárdenas erreicht werden, da die Autonomiebestrebungen sozialer Gruppen das Land immer wieder in Unruhe versetzen. Und unter ihm wurde auch die Bodenreform eingeführt, die das Land neu verteilte.

2.2 Mexicanidad und die Frau Mexikos

Durch das Leid und die Ungerechtigkeiten, die die mexikanische Bevölkerung in dieser Zeit ertragen musste hat sich ein Prototyp des Mexikaners entwickelt, den Octavio Paz als Mexicanidad „Mexikanität“ beschreibt. Der Mexikaner verschließt sich vor der Außenwelt und baut eine Mauer um sich, die ihn von der Realität abschirmt. Die Miene und das Lächeln sind eine Maske, die ihn vor den Blicken der anderen schützen soll: „[...] el mexicano se me aparece como un ser que se encierra y se preserva: máscara el rostro y máscara la sonrisa. [...] todo le sirve para defenderse []“[2]. Eine ebenfalls aus der Geschichte Mexikos entstandene Eigenschaft des Mexikaners ist seine Liebe zu Form und Ordnung, „[el] amor a la Forma.“[3], die ihm Stabilität und Ruhe gibt. Seine Sprache ist oft voller Andeutungen aber er spricht seine Gedanken nie klar aus, sondern bevorzugt es, sich zu verstellen: „Aun en la disputa prefiere la expresión velada a la injuria [...]“[4]. Dies erklärt auch das Idealbild eines mexikanischen Mannes; das des „machos“[5]: el ideal de la 'hombría' consiste en no 'rajarse' nunca. Los que se 'abren' son combardes. [...] El mexicano puede doblarse, humillarse, 'agacharse', pero no 'rajarse', esto es, permitir que el mundo exterior penetre en su imitimidad.[6]

Der mexikanische Mann darf sich seiner Außenwelt gegenüber nicht öffnen, denn dann würde er die Distanz zwischen ihm und seinen Mitmenschen verlieren und angreifbar werden. Diese Haltung wird nicht bewusst eingenommen, sondern unbewusst und obwohl sie vermuten lässt, dass der Mexikaner aggressiv und streitlustig ist, ist der macho dennoch defensiv und versucht einem Kampf auszuweichen. Dabei hilft ihm die ihm eigene Gleichgültigkeit und Resignation, was zusammengefasst auch als Stoizismus bezeichnet wird.[7]

Die Frau hingegen ist durch die weiblichen Merkmale ihrer Anatomie abierta „offen“. „Su inferioridad es constitucional y radica en su sexo, en su 'rajada', herida que jamás cicatriza.“[8] Sie verschließt sich der Welt nicht und wird daher als minderwertiges Wesen angesehen. Die Mexikaner beschreiben die Frau als „oscuro, secreto y pasivo“[9]. Die Frau existiert nicht individuell als Person, sondern lediglich in der Rolle, die die Gesellschaft oder der Mann ihr auferlegt: „La feminidad nunca es un fin en sí mismo, como es la hombría.“[10]

Sie steht aber auch für die Weiterführung der Rasse und die Rolle der Mutter wird deshalb vom Mann akzeptiert, da es ohne sie gäbe auch keine Männer gäbe: „[...] el mexicano no condena al mundo natural.“[11] Die individuelle Frau hingegen wird nicht mit Respekt behandelt.

Hinzu kommt, dass die Frau [...] nicht als Person mit Wünschen und Bedürfnissen wahrgenommen [wird], sondern als naturhaftes Wesen, das sich über seine biologischen Bedingungen – Sexualität, Menstruation, Gebären – [bestimmt].[12]

Es kann zwischen zwei verschiedenen Frauentypen unterschieden werden: Der aktiven und der passiven Frau. Beide versuchen, auf jeweils unterschiedliche Art und Weise, sich vor den Gefahren der Außenwelt, denen sie durch ihre Offenheit ausgeliefert sind, zu schützen.

Die passive Frau unterwirft sich dem Mann und ihr einziger Zweck besteht darin, die Wünsche des Mannes zu erfüllen. Sie handelt niemals selbst und aus eigenem Willen, sondern verhält sich passiv: „la mujer no busca, atrae. Y el centro de su atracción es su sexo, oculto, pasivo.“[13] Durch ein aufgesetztes gleichmütiges Lächeln versucht sich die Frau vor der Außenwelt zu schützen: „[el] secreto debe acompanar a la mujer.“[14] Durch ihre anatomisch bedingte Offenheit ist die Frau jedoch allen Gefahren der Welt ausgesetzt: „[...] está expuesta a toda clase de peligros, contra los que nada pueden la moral personal ni la protección masculina.“[15] Diese Verwundbarkeit macht die Frau zum Opfer. Hieraus entsteht der Mythos der „sufrida mujer mexicana“[16]: Dadurch, dass die Frau diese Opferrolle annimmt, wird sie gegenüber dem Leiden unangreifbar und abgehärtet, also immun, und kann so als leidende Frau dem macho gleichkommen und sich vor der Welt schützen.

Auch die aktive Frau, die aber auch als mala mujer[17] „Schlechte Frau“ bezeichnet wird, wird unverwundbar; allerdings auf anderem Wege. „[...] su extrema movilidad la vuelve invulnerable.“[18] Sie verhält sich wie der männliche macho, agiert aktiv und verschließt sich so vor der Umwelt. Diese Diskriminierung der Frau liegt in der mexikanischen Gesellschaft liegt an der damaligen Rollenverteilung der Geschlechter, die die Frau als passive Hausfrau ansah.

Durch diesen „machismo“[19] ist es der Frau fast unmöglich aus ihrer Rolle auszubrechen und sich den Männern zu widersetzen.

Dies zeigt sich auch durch einen erneuten Blick auf die mexikanische Revolution. Die Frauen wurden als auf die Rückkehr ihres Ehemannes wartenden Ehefrauen geschätzt; nicht aber wenn sie sich an der Revolution beteiligten. Auch die vielen revolutionären Lieder handeln von der wartenden Ehefrau.[20] Nur wenige Frauen hatten den Mut, sich aktiv an der Revolution zu beteiligen. Allerdings wurde „[ihr] unermüdlicher Einsatz [...] von den an die Macht gekommenen Revolutionären nicht honoriert.“[21].

[...]


[1] Juan Rulfo: El Llano en llamas. Edición de Carlos Blanco Aguinaga. Madrid 2013.

[2] Octavio Paz: El laberinto de la soledad. Mexiko-Stadt. Colección popular 1997, S.33

[3] Ebenda, S. 36

[4] Ebenda, S. 33

[5] Ebenda, S. 35

[6] Ebenda, S. 34

[7] Ebenda, S. 35-36

[8] Ebenda, S. 34

[9] Ebenda, S. 42

[10] Ebenda S. 41

[11] Ebenda, S. 42

[12] Margrit Klingler-Clavijo: Die Frau in der mexikanischen Literatur der Gegenwart. München. Fink 1987, S. 29

[13] Octavio Paz: El laberinto de la soledad. Mexiko-Stadt. Colección popular 1997, S.43

[14] Ebenda, S.41

[15] Ebenda, S. 44

[16] Ebenda, S. 44

[17] Ebenda, S. 45

[18] Ebenda, S. 45

[19] Margrit Klingler-Clavijo: Die Frau in der mexikanischen Literatur der Gegenwart. München. Fink 1987, S.10

[20] Vgl.Margrit Klingler-Clavijo: Die Frau in der mexikanischen Literatur der Gegenwart. München. Fink 1987, S.22

[21] Ebenda, S.23

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der Frau in Juan Rulfos Kurzgeschichten und ihr Bezug zur mexikanischen Realität
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V301958
ISBN (eBook)
9783956876806
ISBN (Buch)
9783668005754
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, frau, juan, rulfos, kurzgeschichten, bezug, realität
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Die Darstellung der Frau in Juan Rulfos Kurzgeschichten und ihr Bezug zur mexikanischen Realität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301958

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