Empirische Sozialforschung. Darstellung von Wissenschaftstheorie, Forschungsansätzen, Forschungsspraxis und Qualität der Forschung


Fachbuch, 2015
565 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Grundlagen der Wissenschaftstheorie
1.1 Einleitung
1.2 Erkenntnis
1.2.1 Arten der Erkenntnis
1.3 Empirismus
1.3.1 Idealistischer (naiver) Empirismus
1.3.2 Logischer Empirismus (Neopositivismus)
1.3.3 Kritischer Rationalismus
1.3.4 Zusammenfassung
1.4 Die Kritische Theorie
1.4.1 Methodische Konsequenzen
1.5 Der hermeneutische Ansatz der Erkenntnis
1.5.1 Einleitung
1.5.2 Begründung der Hermeneutik (Dilthey)
1.5.3 Methodische Konsequenzen (Hermeneutik)
1.6 Kritische Wissenschaftstheorie
1.6.1 Einleitung
1.6.2 Begründung
1.6.3 Zusammenfassung
1.7 Konstruktivismus
1.7.1 Einleitung
1.7.2 Begründung (Radikaler Konstruktivismus)
1.7.3 Zusammenfassung

2. Verstehende Sozialforschung
2.1 Einleitung
2.2 Hermeneutik und Verstehende Sozialforschung
2.3 Erkenntnisprozess der Sozialforschung
2.3.1 Einleitung
2.3.2 Soziologischer Erkenntnisprozess

3. Exkurs: Erkenntnisprozess der Medizin
3.1 Einleitung
3.2 Erkenntnistheoretischer Diskurs (Medizin)
3.3 Medizinimmanentes Erkenntnisinteresse
3.4 Prognoseanspruch in der Medizin
3.5 Zusammenfassung

4. Theorie
4.1 Einleitung
4.2 Was ist Theorie
4.2.1 Beispiel abweichendes Verhalten
4.2.2 Zusammenfassung
4.3 Hypothesen
4.3.1 Hypothesen vor der Operationalisierung
4.3.2 Operationalisierungen
4.3.3 Statistische Hypothesen
4.3.4 Zusammenfassung

5. Messmethoden der Empirischen Sozialforschung
5.1 Einleitung
5.2 Qualitative Verfahren
5.2.1 Qualitative Erhebungsverfahren
5.2.2 Qualitative Auswertungsverfahren
5.3 Quantitative Verfahren
5.3.1 Einleitung
5.3.2 Ausgewählte Verfahren
5.3.3 Quantitative Auswertungsmethoden
5.4 Zusammenfassung (kurzes Resume)

6. Forschungsansätze
6.1. Einleitung
6.2 Der allgemeine Forschungsansatz
6.2.1 Auftrag, Idee, Problem
6.2.2 Bestandsaufnahme und Problemanalyse
6.2.3 Konzeption
6.2.4 Planung
6.2.5 Implementation
6.2.6 Auswertung und Präsentation
6.2.7 Zusammenfassung
6.3 Allgemeiner Ansatz der qualitativen Forschung
6.3.1 Einleitung
6.3.2 Konzeption
6.3.3 Planung
6.3.4. Implementation
6.3.5 Auswertung
6.3.6 Präsentation der Daten
6.4 Evaluationsforschung
6.4.1 Einleitung
6.4.2 Definitorische Klärung
6.4.3 Prozess der Evaluationsforschung
6.4.4 Zusammenfassung
6.5 Projektmanagement
6.5.1 Einleitung
6.5.2 Handlungslogik des Projektmanagements
6.6 Case-Management
6.6.1 Einleitung
6.6.3 Zusammenfassung
6.7 Der Ansatz der Marketingforschung
6.7.1 Einleitung
6.7.2 Handlungslogik der Marketingforschung
6.7.3 Zusammenfassung

7. Forschungsdesigns
7.1 Einleitung
7.2 Spezielle Forschungsdesigns
7.2.1 Querschnittsstudien
7.2.2 Longitudinalstudien
7.2.3 Panel
7.2.4 Monitoring
7.2.5 Zusammenfassung
7.3 Epidemiologie
7.3.1 Einleitung
7.3.2 Besondere Studienarten
7.3.3 Begriffe der Epidemiologie
7.3.4 Dokumentation
7.3.5 Zusammenfassung
7.4 Evidence based Medicine

8. Qualitative Forschungspraxis
8.1 Einleitung
8.2 Grounded Theory (Glaser und Strauss 1967)
8.3 „Triangulation“ (Flick 2004/08)
8.4 Qualitative Studie
8.4.1 Einleitung
8.4.2 Idee, Problem
8.4.3 Inhaltliche Konzeption
8.5 Methodische Konzeption
8.5.1 Zur Stichprobe:
8.5.2 Planung
8.5.3 Implementation
8.6 Auswertung
8.6.1 Einleitung
8.6.2 Auswertungsbasis
8.6.3 Auswertungsstrategie der narrativen Interviews
8.6.4 Zusammenfassung
8.7 Präsentation der Ergebnisse
8.8 Zusammenfassung

9. Quantitative Forschungspraxis
9.1 Einleitung
9.2 Forschungsansatz
9.2.1 Entdeckungskontext (Quantitative Studie)
9.3 Begründungskontext (Patientenzufriedenheit)
9.3.1 Exploration
9.3.2 Inhaltliche Konzeption
9.3.3 Methodisches Konzeption
9.3.4 Planung
9.3.5 Implementation
9.3.6 Auswertung und Präsentation
9.3.7 Exkurs Faktorenanalyse
9.3.8 Zusammenfassung der Ergebnisse

10. Qualität von Studien
10.1 Einleitung
10.2 Probleme der Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten
10.2.1 Exkurs: Beispiel einer medizinischen „Studie“
10.3 Interpretation von Ergebnissen
10.3.1 Exkurs:
10.2 Die Lehre von der Frage
10.2.1 Einleitung
10.2.2 Probleme bei der Frageformulierung
10.2.4 Die Anordnung der Fragen im Fragebogen
10.3 Zur Zuverlässigkeit (Reliabilität) und Gültigkeit (Validität) von Studien
10.3.1. Einleitung
10.3.2 Zur Reliabilität
10.3.3 Zur Validität
10.3.4 Zusammenfassung
10.4. Gütekriterien der qualitativen Sozialforschung
10.4.1 Einleitung
10.4.2 Gütekriterien
10.4.3 Zusammenfassung
10.5 Ethik der Forschung
10.5.1 Einleitung
10.5.2 Ethik-Kommission und Antrag
10.6 Interessenkonflikte
10.6.1 Einleitung
10.6.2 Die Realität
10.6.3 Zusammenfassung:

Literaturverzeichnis

1.Grundlagen der Wissenschaftstheorie

Definition: „Wissenschaftstheorie ist ein Sammelbegriff für alle metawissenschaftli­chen Er­örterungen über Wissenschaft, zu denen insbesondere die logi­sche Analyse der Be­griffe der Wissenschaft, der wissenschaftlichen Me­thoden sowie der Wissen­schaftsvoraussetzungen gehört“ (Lexikon der So­ziologie).

1.1 Einleitung

Wissenschaftstheorie kann als Metatheorie des kulturspezifischen wissenschaftlichen Erkennt­nisprozesses bezeich­net werden. Sie beschäftigt sich primär mit den begrifflichen und methodischen Grundannahmen und Regeln, nach denen Wissenschaft und Ergebnisse der Wis­senschaft als allgemeingültig anerkannt werden. Wissenschaftstheorie ist anders ausge­drückt ein Problem unterschiedlicher Vorgehensweisen zur Erkenntnisgewin­nung. Die Na­turwissenschaften arbeiten nach anderen Regeln als die Psychologie oder die Soziologie, die Philosophie oder die Jurisprudenz.

Aufgrund ihrer formal-logischen und mathematisch orientierten Regeln unterstellt man den Naturwissen­schaften ein höheres Maß an Objektivität als den Sozialwissenschaften, wobei der Begriff der Objektivität gleichsam zu proble­matisieren wäre (s. Konstruktivismus).

Prinzipiell ist Wissenschaftstheorie aber ein Sprachspiel mit Begriffen und Re­geln, die mehr oder we­niger Konsens bzw. Verbindlichkeit in der scientific commu­nity beanspruchen kön­nen.

Die generelle Problematik der Wissenschaftstheorie ist gekennzeichnet durch:

den Werturteilsstreit der Sozialwissenschaften: Dürfen wissenschaftliche Ergebnisse be­wertet werden?

den Methodenstreit Hermeneutik-Empirismus-Dialektik: Welche Methoden dürfen in der Wissenschaft verwendet werden? Gibt es eine einheitliche wissenschaftliche Methodik.

den Theorie-Realitätsstreit (Rationalismus-Empirismus-Konstruktivismus). Was ist Rea­lität und was ist Theorie?

das Ethikproblem. Wie weit darf die Freiheit von Wissenschaft und Forschung gehen? Wissenschaftsprinzip oder wissenschaftliches Präventionsprinzip.

den Wahrheits- und Unversalisierungsanspruch. Gibt es universelle Wahrheiten und Er­kenntnisse?

und den Prognoseanspruch. Können aus Beobachtungen wahre Aussagen über zukünftige Entwicklun­gen gemacht werden oder ist die Prognose nur eine unbestätigte Hypothese?

In der wissenschaftlichen Forschung lässt sich generell eine Dominanz der logisch-analyti­schen Methoden (Experimente), insbesondere die der Naturwissenschaften, konstatieren. In den Sozialwissenschaften wiederum dominieren die quantitativen Methoden der Positivisten (Comte 1840, Carnap1931/32, Popper1934), die teils eine induktive und teils eine deduktive Denkweise in Anlehnung an die exakten Naturwissenschaften intendieren.

Die hermeneutisch orientierten Wissenschaften (Schleiermacher 1838, Dilthey1960, Gadamer 1960) präferierten die induktive Denkweise und gelten als Gegenpart zu den Positivisten, sind aber mithin dem logisch rationalen Erkenntnisprozess verhaftet. Die Philoso­phen der Frankfurter Schule (Adorno1969, Hork­heimer 1970, Habermas 1973, Mar­kuse1969) hingegen vertreten eine Ge­genposition zu diesen Ansätzen, sie präferieren die Dialektik (bzw. negative Dialektik- Adorno). Insbesondere haben sie auf die Prob­leme einer subjektunabhängigen Formalisierung und die einseitige Subsummtion der Wissenschaft bzw. der Theorie unter die formale Logik hingewiesen sowie auf den Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Mit anderen Worten, Wissenschaft ist kein autopoietisches System, sondern abhängig bzw. Be­standteil gesellschaftlicher und kultureller Tradi­tionen und Rahmenbedingungen. Der Wissen­schaftler selbst lebt in einem spezifischen sozialen Inter­aktionskontext und unterliegt zwangsläufig internalisierten kultur- und wissenschaftsspezifischen Denkweisen und Erkenntnisregeln.

1.2 Erkenntnis

Generell ist Wissenschaft ein Problem der Regeln und Methoden, die zu spezifi­schen Er­kenntnissen (Gesetzen, Kausalitätsmodellen, Theorien, Modellen, Hypothe­sen, Deskriptio­nen) führen und von der scientific community anerkannt werden. Grundsätzlich werden vier Arten der Erkennt­nis differenziert.

1.2.1 Arten der Erkenntnis

Wissenschaftliche Erkenntnis:

Sie sollte – im Gegensatz zur Alltagserkenntnis - allgemeingültig, nachprüfbar, wie­derholbar und konsensfähig sein. Um Transparenz und Verbindlichkeit zu sichern, wird eine stringente Anwendbarkeit der methodischen Regeln gefordert. In den Na­turwissenschaften gilt fast ausschließlich die logisch-analytische Methode, d.h. For­malisierung und Mathematisierung des Erkenntnisgegenstands durch Anwendung von Experiment, Logik und Statistik.

In den Geistes- und Sozialwissenschaften spielt neben der Formalisierung und Ma­thematisie­rung auch die Hermeneutik, Dialektik und Phäno­menologie eine große Rolle, wobei die Heuristik (Modell der Erkenntnisge­winnung) wiederum ver­nachläs­sigt wurde.

Meditative Erkenntnis (ganzheitliche Erkenntnis):

Im hinduistischen und im buddhistischen Kulturkreis sind Methoden der Me­ditation (Atem­technik, Körperbeherrschung, Konzentration, mentale Kon­trolle) dominierend und akzeptiert, so dass diese Erkenntnisart all­gemein anerkannt, nachprüfbar und in­tersubjektiv gültig ist. Ziel der Medita­tion ist als letzte Stufe der Erkenntnis die Er­leuchtung. Die Erkenntnis ist hier zu­nächst eine genuin subjektive Kategorie, in deren Verlauf differenzierte Bewußtseinstufen erreicht werden, um zum Nichts (Nir­wana) zu gelangen. Erst auf dieser Stufe ist eine offene, völlig unvoreingenommene Sichtweise des Selbst und der Welt möglich. Dadurch, dass die tradier­ten internalisierten Denk­weisen reduziert werden, gelangt man zur kosmischen Er­kenntnis.

Spirituelle Offenbarung:

Sie gilt als eine genuin subjektive Art der Erkenntnis, die auf dem Glauben an eine höhere Macht beruht. Sie ist das Resultat ri­tualisierter spiritueller Handlungen, quasi "göttliche Einge­bung". Aber auch das ist nicht ganz korrekt, sondern durch Methoden wie Trance, Ritu­ale der Bewusstseinsveränderung – Musik, Drogen, Tanz, Hypnose, As­kese – werden subjek­tive Zustände initiiert, die eine bewusste Hand­lungskontrolle ausschalten und so Bewußtsein bzw. Denkkontrollen durchlässiger machen.

Intuitive Erkenntnis:

Vorbewusste und unbewusste psychische Repräsentanzen können sich mit­tels Assozi­ationen quasi verselbständigen und so neue mentale Verbindun­gen herstellen, die in bewußte Repräsentanzen transformiert werden und Er­kenntnisse produzieren (Hypo­thesen, Ideen, Theorien, Modellen). Re­präsentanzen unter­schiedlicher Bewusstsein­s­ebenen konstituieren sich ohne bewusste (ohne kontrollierte) Einflussnahme zu neuen Reprä­sentanzen. (Sympathie, Antipathie, Geistesblitz, spon­tane Eingebung) Die Intui­tive Er­kenntnis zeigt eine enge Affinität zur spirituellen Offenbarung aber ohne Ein­fluss einer exorbitanten Macht.

Die Differenzierung der Arten der Erkenntnis zeigt offensichtlich, dass meditative, intuitive Erkenntnis und spirituelle Offenbarung genuin subjektive Kategorien sind bzw. nach abend­ländischer Tradition werden sie als irrationale Erkenntnisarten definiert. Die Begriffe formale Logik, Formalisie­rung, Mathematisierung, Objektivität, Rationalität, Wahrheit sowie Univer­salisie­rungs- oder Prognoseanspruch spielen dabei – wenn überhaupt – nur eine marginale Rolle, d.h. das Begriffssystem ist nicht vergleichbar mit dem des abendländischen Verständ­nisses der Erkenntnis. Zudem wird keine Trennung zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und allgemeiner Erkenntnis (Alltagserkenntnis) konstruiert, sondern diese Erkennt­nisarten beanspruchen Allge­meingültigkeit, d.h. der Disput der Erkenntnisbewertungen ist nicht fest­stellbar.

Erkenntnis im abendländischen Kultur­kreis ist gleichbedeutend mit dem ‚deduktiv-nomologi­schen Modell‘ der kausalen Erklärung, also mit dem Rationalitätsprinzip. Dieser wis­sen­schaftliche Er­kenntnispro­zess ist in der neueren Geschichte erstmals von Karl Popper, in "Lo­gik der Forschung" (1934) for­muliert worden - Theorie (Hypothese, Idee) – Datenerhe­bung - Auswertung – Bestäti­gung der Hypothese (Theorie) durch das Falsifikationsprinzip.

Das sogenannte nomologisch-analytischen, quasi dem Rationalitätsprinzip folgenden Erkennt­nismodell ist insofern zu bezweifeln, als seine Anwendung eine normative Impli­ka­tion ent­hält. Der Formalisierung sind latente subjektive Wertungen immanent, die auf einem tradier­ten unreflektierten Wertesys­tem und Weltbild beruhen, insbesondere weil der Entdeckungs­kontext der Diskussion entzogen wird, anders ausgedrückt: Hypothesen sind ohne wissen­schaftliches Vorverständnis bzw. wissenschaftspezifisches Problembewußtsein nicht möglich, wiewohl der For­scher selbst kein neutraler Beobachter sein kann, sondern in einen ganz spezi­fischen sozialen Interaktionskontext eingebunden ist, der seine Denkweise und somit auch seine Daten­analyse und Interpretationen bestimmt.

Außerdem ist die unreflektierte Präsup­position einer Reduzierung des Men­schen auf ein Ob­jekt, das durch formalisierte Parameter vollstän­dig beschrieben und kontrolliert werden kann, eine unerreichbare Idealvorstellung, wenngleich für die Methode notwendig, da Subjekte in ihr keine Rolle (durch den Kunstgriff der Abs­trak­tion, Operationalsierung und Repräsentati­vität von subjektiven Informationen – S-O-R - wird quasi Objekti­vität impliziert) spie­len dürfen. Ein Proband, der auf einen vom Forscher definierten Reiz reagieren muss, ist als Per­son irrelevant, er wird ausschließlich auf eine Reaktion reduziert, gleichgültig ob dieser Reiz für die Person von Interesse ist oder nicht, d.h ob er ihn überhaupt jemals wahrgenommen hat oder ganz anders reagieren möchte als erwartet wird.

Die Ergebnisse dieser simplen Reiz-Reaktions-Modelle werden dann aber als wissenschaftlich valide Erkenntnisse kommuniziert. Durch die Vermittlung dieser Ergebnisse in die Öffentlich­keit intervenieren Wissenschaftler aber in sogenannte objektive Struktu­ren (Strukturen der sozialen Wirk­lichkeit) als handelnde Akteure, nicht als neutrale Beobachter quasi-naturge­setzlicher Pro­zesse. Sie interpretieren nicht nur die erhobenen Daten, sondern sie transportie­ren - zumindest auf einer latenten Ebene -, Meinungen, Verhaltennormen und Handlungricht­linien bzw. Regeln, Naturgesetze, Wahrheit oder Universalien, und zwar aufgrund ihrer se­lektiven, nur auf einen Objektbereich (bzw. einen Sachverhalt) reduzierten Forschungsinten­tionen. Diese restriktive Forschung wird ganz selten in dem relevanten gesellschaftlichen Interaktionskontext diskutiert. Mögliche negative oder positive Folgen dieser Forschung wer­den aus der Diskussion ausgeblendet, d.h Forschung als subjektive Kategorie, nicht als gesell­schaftliche Leistung oder zum Wohle der Menschen. In der Moderne haben wir zwei für die Wissenschafttheorie evidente Ansätze, die einen präferieren das sogenannte Wissenschafts­prinzip (Freiheit von Wissenschaft und Forschung), d.h. die Folgen von Forschungsergebnis­sen werden erst dann diskutiert, wenn in der Realität Probleme oder negative Folgen konsta­tiert werden, die anderen präferieren das sogenannte Präventionsprinzip (Übernahme der Ver­antwortung für Forschungsergebnisse), das besagt, dass Probleme und negative Folgen von Forschung erst eruiert werden müssen, bevor Ergebnisse veröffentlicht werden.

Dass Erkenntnisgewinnung restriktiv normativen und logischen Regeln folgen muss, die für alle Beteiligten der scientific community Verbindlichkeit beanspruchen, ist eine Erfindung der Wis­senschaftstheoretiker. Wir brauchen nur in die Philosophiegeschichte zurückgehen, um uns eines Besseren belehren zu lassen. Beispielsweise war für Spinoza (1632-1677) die intui­tive Erkenntnis die höchste Gattung der Erkenntnis, was wiederum mit den fernöstlichen Philosophien (Buddhismus) korrespon­diert. Der Nihilismus Niet­sches ist nichts anderes als ein Erkenntnisprozess, der Bestehendes verwirft, um neue Aspekte und Probleme aus diesem quasi „Nicht-Wissen“ zu eruieren und dadurch zu neuen, möglicherweise ganz anderen Er­kenntnissen zu gelangen. Nicht umsonst wurden gerade die Schriften Nietsches ideologisch missbraucht, weil sie Demagogen eine Anzahl von möglichen Interpretationen bieten.

Die sogenannte westliche bzw. abendländische Erkenntnistheorie basiert auf einer Ver­nunftlehre, die dem Glauben verhaftet ist, dass alle beobachtbaren (naturwissenschaftliche, soziologische, psychologische, ökonomische) Phänomene spezifischen Gesetzen ge­horchen und mittels Kausal­prinzip erklärt werden können. Ihre Implikationen müssen aber relativiert werden, denn menschliches Verhalten und Handeln, ge­sellschaftliche Strukturen und Inter­aktionskontexte unterliegen keinen unveränderbaren (universellen) Gesetzmäßig­keiten – auch wenn einige Sozialforscher (wie beispielsweise Oevermann 1979) glauben, ‘universelle Strukturen’ der sozialen Konstituierung des Sub­jektes rekonstruieren zu können‘ -, sondern sie unter­liegen permanenten Modifikationen, sie sind dynamisch und nicht statisch angelegt.

Das Erkenntnisproblem der abendländischen scientific community besteht in dem Dilemma, dass lo­gische Sprachspiele und Wissenschaft gleichgesetzt werden, dass Erkenntnis sich in einem Be­griffsdisput (Empirismus-Hermeneutik) er­schöpft und sprachliche bzw. mathema­tisch-logische Symbole (Gedankenexperi­mente) die einzig wahre Form der Erkenntnis dar­stellen. Dieses Dilemma hat dazu ge­führt, dass die scientific community sich permanent in einen Ideologiediskurs im Hinblick auf die bessere Methodik verstrickt. Sie scheint immer noch dem Glauben ver­haftet, dass durch ihre Erkenntnismethoden die Welt beherrschbar und alles machbar ist, was denkbar ist. Sie im­pliziert, dass der Mensch, insbesondere aber sie selbst wertfrei, objektiv und vernunftgemäß ar­gu­mentieren, handeln, forschen und sich auch so verhalten. Die Forschungsrealität wi­derlegt diesen idealistischen Standpunkt – se­lektive Forschung (nur ökonomisch verwertbare Forschung), Auftragsforschung (Abhängig­keit und Beeinflussung durch Auftraggeber), Fälschung von Ergebnissen, Unwissenheit, ideologisch gefärbte Interpretationen von Daten oder sogar Datenmanipulationen usw.

1.3 Empirismus

Die folgende historische Chronologie beruht primär auf der Zuordnung von Holzkamp 1971, (vgl. auch Stegmüller 1968, Stangl-Zugriff 2012- und Stigler 2001 –Zugriff 2011-).

Definition: Empirismus

Philosophische Strömung, die bereits mit dem Ausgang des Mittelalters einsetzt und die nicht Vernunft, sondern in der Erfahrung die Quelle allen Wissens sieht. Im Ge­gensatz zum klassi­schen Rationalismus will der E. von der unmittelbar gegebenen Wahrnehmung her durch in­duktive Schlüsse die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten er­schließen. Neue Formen des E. lassen Erfahrung nicht mehr als Erkenntnisquelle, son­dern nur mehr als Bestätigungsinstanz für Aus­sagen gelten (Lexikon zur Sozio­logie).

1.3.1 Idealistischer (naiver) Empirismus

Der naive oder idealistische Empirismus – der im weiteren noch differenziert wird in Sensua­lismus, materialistischen und idealistischen Positivismus - wurde insbesondere von R. Bacon (1561-1626), Locke (1632-1704) Berkeley (1684-1753) und D. Hume (1711-1776) beein­flusst und erreichte im 17. und 18. Jahrhundert seinen Hö­hepunkt. Seine Vertreter lehnten die Vernunft als Grundlage der Er­kenntnis ab und postulierten dagegen eine angeborene Leere des menschlichen Ver­stan­des. Die menschliche Ausstattung supponiert nur Denken und Emp­findungen. Erkenntnis ist eine Transfor­mation von Sinneswahrnehmungen und Erfahrungen in Denkprozesse. Wissenschaft kann nach dieser Auffassung, nur eine rein empi­rische Wis­senschaft sein – nur Empfindungen, Perzeptionen und Erfahrungen können als Basis der Er­kenntnis Validität beanspruchen.

Hobbes beispiels­weise behauptet, dass ein Begriff in Wirklichkeit die Widerspiegelung real existierender Körper im menschli­chen Bewusstsein sei. (vgl. Wörterbuch der Logik 1978: 300).

Empiristen kritisierten die bis dahin geltende philosophische Erkenntnistradition, im besonde­ren die präsupponierten unbegrenzten Fähigkeiten der menschlichen Vernunft, das sogenannte apriorische Wissen, d.h. Wissen, das allein durch Denken ent­steht und keiner Erfahrung oder Beobachtung bedarf und deshalb auch nicht bestätigt werden muss.

Die Ausgangsposition des naiven Empirismus besagt, dass alles, was wir wissen und erken­nen kön­nen, durch sammeln von Daten aus Beobachtung der Natur und Experiment– man könnte auch sagen der Realität - durch induktive Denkweise generalisierbar ist. Erkenntnis beruhe auf Perzeptionen, die zunächst in Form von Bildern mental repräsen­tiert sind, die Welt bildet sich durch sinnliche Wahrnehmung als psychische Repräsentanz direkt ab, der Wahr­nehmende hat einen, - zwar gelegentlich durch Phanta­sie und Aber­glauben verstellten - aber doch prinzipiell affektiv-wahrheitsgemäßen Zugang zur realen Welt (vgl. hierzu auch Oever­mann 1979). Erkenntnis wird in diesem Kontext mit Denken gleichgesetzt, Empfindungen und Wahrnehmungen werden mittels Sprache in Begriffe und adäquate Zusammenhänge transformiert. Der frühe Empirismus wird auch Sensualismus genannt (Locke 1689, Hob­bes 1588-1679, Hume 1711-1776 u.a.) - und beinhaltet zwei Grundgedanken, die in der Historie der Wissenschaftstheorie immer mal wieder diskutiert werden:

a) Man kann die Welt, will man sie unverfälscht perzipieren und internalisieren (affektiv wahrheitsgemäß), nur durch Bilder, quasi als Spiegel der Realität erleben und interpretie­ren.

Wissenschaftstheoretisch sehr viel bedeutsamer ist aber der zweite Ansatzpunkt, der später bei Feyerabend wieder neu entfaltet wird:

a) Es gibt kein irrelevantes Wissen und keine irrelevante Wis­senschaft, sofern sie nur empi­risch begründet sind. Jedes Einzelproblem hat grundsätzlich die gleiche Relevanz, denn es kann zu einer Erweiterung des Wis­sensbestandes führen bzw. das Wissen um ein neues Detail bereichern.

Die naiven Empiristen beobachten die Realität. Sinneseindrücke und Erfahrungen erwecken das Interesse, motivieren zu wissenschaftlicher Forschung und damit zur Lösung wissen­schaftlicher Probleme. Spezifische Einzelphä­nomene werden in sprachliche Symbole trans­formiert und durch Beobachtung bzw. Experimente werden Beziehungen hergestellt, um aus präzisen Analysen von Einzelobjekten durch induktiv-logische Verfahren Allgemeingültig­keit abzuleiten, bzw. aus erkannten regelhaften Abläufen, die bei Einzelobjekten beobachtbar bzw. experimentell belegbar sind, können – nach dieser Aufas­sung – durch Analogien und logische Schlüsse allgemeingültige Kausalzusammenhänge abgeleitet werden.

Holzkamp (1971:26) fasst den naiven Empirismus folgendermaßen zusammen:

"Im naiven Empirismus, der auf die Sensualisten und frühen Positivisten zurückgeht und heute die unbefragte Grundlage des Wissenschaftsverständnisses des unreflektiert empirisch Forschenden dar­stellt, wird Wissenschaft als eine Institution zur Gewinnung von wahren Er­kenntnissen über die Natur betrachtet, wobei man den Wissenschaftsprozess als eindeutig durch die Empirie geleitet und auf die Erforschung eines vorgegebenen Kosmos von Naturge­setzen gerichtet ansieht.“

Dieser Ansatz wurde von A. Comte (1798-1857), der als Begründer des Positi­vismus in der So­ziologie gilt, weiterentwickelt. Comte supponiert eine Erkenntnis, die vom Realen, vom tat­sächlich Bestehenden, vom "Positiven", ausgeht und lehnte metaphysische Diskussionen ab. Er hinterfragt nicht die soziale Realität, sondern stellt fest, dass die soziale Realität existiert. Seiner Meinung nach verläuft der Erkenntnisprozess der Wissenschaft, aber auch des Indivi­duums, in drei Stadien:

a) das theologische, das zu Beginn im Kindesalter der Entwicklung des Denkens der Men­schen vor­herrschte und sich dadurch auszeichnet, dass theologische oder fiktive Denk- und Erklärungsmus­ter verwendet wurden. Erscheinungen und Phänomene in Natur und Gesellschaft werden als Folge von Einflüssen über­natürlicher Kräfte und Wesen ge­deutet. Naturkatastrophen oder soziale Anoma­lien z.B. wurden dabei als direkte Interven­tion von übernatürlichen Kräften inter­pretiert.
b) Das metaphysische, in das die Menschheit im Zuge eines geistigen Reifungs­prozesses gelangte. Die bewegenden Ursachen des Weltgeschehens wurden dabei nicht mehr über­natürlichen Wesen, sondern abstrakten und innerweltli­chen Kräften und Prinzipien zuge­schrieben.
c) Das Positive, das auf das theologische und metaphysische Stadium folgt und das im Gegen­satz zur fiktiven Denkweise in den Zustand des "positiven Geistes" führen sollte. Positiv meint hier eine sachgerechte, realistische und differenzierte Denkhaltung gegen­über der Welt und ihren Proble­men. (vgl. Kiss 1977: 241-244)

„Mit der Positivierung der Wissenschaften im allgemeinen und der Soziologie im Besonderen wurde der Anspruch erhoben, für alle Wissenschaften einheitlich gültige Verfahrensregeln aufzustellen und das Wissen über soziale Phänomene nach den sich bewährenden Vorbild der exakten Naturwissen­schaften zu organisieren.“ (Kiss 1977:244) Comte unterstellt eine un­mittelbar erfahrbare Realität, die vermittels Systematisierung und Analyse von Detailbe­obachtungen grundlegende Gesetze der sozialen Bewegung generiert, er präferierte ebenfalls die induktive Er­kenntnis.

Generell ist der naive Empirismus durch eine Denkweise geprägt, die Natur und Denkfähig­keit als Realität postuliert, die nicht weiter hinterfragt werden müssen. Der Wissenschaftler wird als neutraler objektiver Beobachter der Realität idealisiert, d.h. die Beobachtung der Natur führt automatisch zu Fragen, die beantwortet werden müssen. Mit Hilfe wissenschaftli­cher Methoden (Beobachtung und Experi­ment) können adäquate Erkenntnissen produziert werden. Für den naiven Empiristen gibt es keine irrelevante wissenschaftliche Frage­stellung, sondern jede Erkenntnis erweitert das Wissen um neue Details und ist letztendlich auf das Ziel einer universellen Erkenntnis der Natur und ihrer Ge­setzmäßigkeiten gerichtet. Der empi­rische Forscher ist neutraler objektiver Beobachter, der die Wahr­heit sucht und sich nicht durch Vorurteile und subjektive Interes­sen beeinflussen lässt. Diesen Ansatz der Universali­tät, absoluten Wahrheitsfindung, Wertneutralität und Objektivität des Forschers könnte man als den idealistischen Anspruch bezeichnen, der nicht eingelöst werden kann.

1.3.2 Logischer Empirismus (Neopositivismus)

Die Grundlagen des Logischen Empirismus werden historisch dem Wiener Kreis zugeordnet, einer Gruppe von Philosophen und philosophisch interessier­ten Naturwissenschaftlern, zu der u.a. E. Mach (1838-1916), O. Neurath (1882-1945) und insbesondere R. Carnap (1891-1970) gehörten. Sie entwi­ckelten den Positivismus Comtes zum soge­nannten Neopositivismus bzw. logischen Empirismus, in­dem auf der Basis der Comte’schen Metho­dologie eine eng an den Naturwissenschaften an­gelehnte Methodik für die wissen­schaftliche Erkenntnis konzipiert wurde, deren Ziel mit der Entwicklung einer Universalsprache aller Wissenschaften verbun­den ist. Sie wollten eine künst­liche, aber universell gültige Wissenschaftsspra­che (in Anleh­nung an die Mathematik) entwickeln. Diese Diskussion hinsichtlichlich des Universalisie­rungan­spruchs in seinen unterschiedlichen Ausprägungen (von Universalsprache bis hin zu universellen Gesetzen und Wahrheiten) zieht sich wie ein roter Faden bis heute durch die Wissenschaftstheorie.

Die logischen Empiristen kritisierten, dass allein die Beobachtung der Natur alle Fragen der Wissen­schaft offenbart und die Naturgesetze nur noch durch entsprechende Methoden bewie­sen wer­den müssten, die Erkenntnisse sich quasi dem Beobachter aufdrängen. Gleich­wohl bezweifelten Sie die voraussetzungslose Objektivität des Beobachters; denn Naturge­setze sind nicht einfach zu beobachten, sondern sind sprachliche definierte Annahmen über die Natur. Der Forscher muss wissen, was er erfor­schen will. Er definiert Kriterien, um aus einer unend­lichen Menge realer Objekte bzw. Objektbereiche ein spe­zifisches Problem zu selektieren. Mit anderen Worten, Wissenschaft be­ginnt nicht mit der Erfahrung, sondern mit Forschungs­ideen bzw. selektiver Beobachtung, die zu intentionaler For­schung führt.

Erkenntnis und Wissenserwerb erfolgen nicht un­mittelbar aus der Wahrnehmung: (subjektive) Erfahrung muss immer erst durch Protokollsätze, d.h. sprachlich formuliert und eine Theorie nach spezifischen Sinnkriterien aus Beobachtungssätzen abgeleitet (induziert) wer­den. Der Neopositi­vismus intendiert eine tradierte Verbindung zwischen dem naiven Empirismus und dem Rationalismus; denn Erkenntnis folgt logischen Gesetzen und basiert auf der Erfahrung. Im Mittelpunkt die­ser Denkweise steht die Problemati­sierung von Spra­che (bzw. sprachlichen Symbolen) als Vermittlungsinstanz zwischen Er­kenntnis und Erfahrung (Realität), die gleich­sam als Grundlage für den Anspruch einer Universalwis­senschaft vermittelt wird. Die Ver­treter des Neopositivismus plädierten für eine einheitliche Wissen­schaftssprache (Universali­sierungsanspruch im Sinne mathematischer Symbole). Insbesondere Carnap beschäftigte sich mit die­sem Problem, er intendiert, wissenschaftliche Erkenntnis mit Hilfe intersubjektiv gülti­ger Symbole und Regeln für eine allgemeingültige wissenschaftliche Kommunikation frucht­bar zu machen. Durch Wiederholung von Beobachtungen, die Vergleichbarkeit implizieren, werden wissenschaftliche Erkenntnisse allgemein legitimiert bzw. bewiesen (verifiziert). Die Hauptaufgabe der Wis­senschaft bestehe darin, Hypothesen über die Wirklichkeit zu formulie­ren, die dem empiri­schen Sinnkriterium korrespondieren.

Dieses Kriterium meint, dass theoretische Sätze in der Realität durch Beobachtung und Experiment verifiziert (bestätigt) werden müssen.

Theorien als wissenschaftliche Aussagesysteme sollten dabei folgende Bedin­gungen erfüllen:

a) Sie müssen sich nach den Gesetzen der Logik richten, d.h. sie müssen formal-logisch wahr sein (Widerspruchsfreiheit).
b) Theorien enthalten allgemeingültige Aussagen über einen Realitätsbereich (Anspruch der Allgemein­gültigkeit).
c) Wissenschaftliche Aussagen dürfen nur wertfreie Aussagen enthalten. (Wertneutralität).
e) Jede wissenschaftliche Theorie muss prinzipiell überprüfbar und forschungslogisch wieder­holbar sein. Sie muss in der Realität bestätigt werden (Verifikationsprinzip).

Erfahrung ist eine subjektive Kategorie, die immer eine induktive Denkweise unterstellt. Er­fahrungen, Perzeptionen und soziale Phänomene sind nicht in allge­meiner Form existent, sondern kennzeichnen Ein­zelerfahrungen, individuelle Merkmale bzw. singulare Phäno­mene.

Prinzipiell wird nicht mehr allein aus der Beobachtung von Einzelfällen auf Naturgesetze ge­schlossen (Induktion), sondern der Validitätsanspruch hypo­thetischer Aussagen wird durch Zusam­menfassung und Vergleich vieler Einzelbeobachtungen in der Realität begründet. Es werden formal logische Hypo­thesen formuliert, die durch empirische Methoden "verifi­ziert" werden. Eine Hypothese ist dabei eine wissenschaftlich be­gründete, aber empirisch noch nicht überprüfte, Aussage über einen realen Objektbereich bzw. Sach­verhalt. Eine Hypothese wird erst dann evident, wenn sie als wissenschaftli­che Aussage formuliert und in der Realität überprüft wird. Diese Überprüfung in der Rea­lität unterstellt ein methodisches Regelsystem, das allgemein anerkannt ist.

Die idealistischen Empiristen hatten quasi von einer Beobachtung bzw. einem Experiment auf Allgemeingültigkeit geschlossen, während die Neopositivisten auf mehrere vergleichbare Be­obach­tungen als Basis von Verallgemeinerungen rekurrieren. Die diesbezügliche Entwicklung verein­facht ausgedrückt, besagt nichts anderes, als dass die naiven Empiristen der Auffassung wa­ren, sie könnten voraussetzungslos beobachten (vgl. groundet theory), während die Neopo­siti­visten der Auffassung waren, sie müssen erst die Voraussetzungen für eine wissenschaftli­che Forschung präzisieren. Der zu untersuchende Objektbereich muss ex ante festgelegt und mittels eines Regelsystems für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess fruchtbar gemacht werden, nämlich Formulie­rung einer Hypothese und Bestätigung der Hypothese durch meh­rere wiederholbare und übereinstimmende Einzelbeobach­tungen.

Den Un­versalisierungs- und Wahrheitsanspruch wissenschaftlicher Erkenntnis modifizieren sie dahingehend, dass sie keine universellen Wahrheiten mehr anerkennen, sondern nur noch wahrscheinliche Aussagen ab­leiten. Gleichwohl wird der Universalisierunganspruch in Form einer künstlichen universellen Wissenschaftssprache unter den Primat der formalen Logik beibehalten. Die prognostische Potenz einer Theorie wird ins Zentrum der Betrachtung ge­stellt, wobei gilt, je öfter eine Hy­pothese verifiziert werden kann, desto sicherer der Vorher­sagewert der Theorie.

1.3.3 Kritischer Rationalismus

Definition: Klassischer Rationalismus

Erkenntnistheorie, vertreten u.a. von Descartes, Leibnitz, die auf Annahme von unmittel­bar (a priori) gegebener, "eingeborener" Verstandesbegriffe wie Kausa­li­tät, Substanz etc. beruht. Im Gegensatz zum Empirismus etwa von Hume und Lo­cke werden sie für wahr gehalten, weil sie im Denken und nicht in Sinnes­wahr­nehmungen begründet sind (Lexi­kon der Soziologie).

Definition: kritischer Rationalismus

Umwandlung der Erkenntnistheorie des klassischen R. durch ...

(a) Aufgabe der Vorstellung einer Wahrheitsgarantie durch Rückgriff auf die Er­kennt­nisquelle (Vernunft) zugunsten der ständigen kritischen Überprü­fung von Hypothe­sen und Theorien;
(b) Sicherung der Überprüfungsmöglichkeit. Ersatz des Verifizierbarkeits­kriteri­ums durch das Kriterium der Falsifizierbarkeit (Popper). Der k. R. versteht sich als expli­zite Gegenposition zum logischen Empirismus (Lexi­kon der So­ziologie).

Der kritische Rationalismus wurde 1934/35 von Karl R. Popper in "Logik der For­schung" begründet. Popper hat das Verifikationsprinzip der Neopositivisten quasi umgekehrt und das "Falsifikationsprinzip" vertreten, d.h. nicht die Bestätigung von Hypothesen und Theorien ist evident, sondern durch kontinuierliche kritische Widerlegungsversuche von Theorien bzw. Hypothesen kann unser Wissen sicherer werden. „Der Ehrgeiz Recht zu behalten, verrät ein Mißverständnis: nicht der Besitz von Wissen, von unumstößlichen Wahrheiten macht den Wissenschaftler, sondern das rücksichtslos kritische, das unablässige Suchen nach Wahr­heit.“(Popper 1984: 225)

Den Ausgangspunkt jeder wissenschaftlichen Forschung beschreibt Popper folgendermaßen: „Die Methode der Sozialwissenschaften wie auch die der Naturwissenschaften besteht darin, Lösungsversuche für ihre Pro­bleme – die Probleme von denen Sie ausgeht – auszuprobieren.“ (Popper 1984: 105)

Wissenschaftliche Erkenntnis beginnt mit einem spezifischen Pro­blem, das gelöst werden soll. Nach Popper sind das zunächst theoretische Probleme, die logischen Gesetzen unterlie­gen und auf deduktiven Denkweisen beruhen. Pop­per ist insoweit zuzustimmen als er formu­liert: „die Span­nung zwischen Nichtwissen und Wissen führt zum Problem und zu Lösungs­versuchen. Aber sie wird niemals überwunden. Denn es stellt sich heraus, dass unser Wissen immer nur in vorläufi­gen und ver­suchsweisen Lösungsvorschlägen besteht und daher prinzi­piell die Möglichkeit einschließt, dass es sich als irrtümlich … heraus­stellen wird.“ (Popper 1984: 106) Der Ansatz von Popper im Hinblick auf die Lösung eines Problems ist unzweifel­haft, aber die Implikation dieses Ansatzes scheint frag­würdig, dass wir es primär mit theoreti­schen Problemen zu tun haben, die anschei­nend immer einer deduktiven Argumentation fol­gen. Eine Theorie ist nach Popper ein Gefüge von formal logischen deduktiven Sätzen oder Hypothesen, deren „Axio­men­system den Forderungen der Widerspruchslosigkeit, Unab­hän­gigkeit, Zuläng­lichkeit und Notwendigkeit“ genügen muss. (Popper1984: 136)

„Das zentrale Problem der Erkenntnislehre war immer – und ist es noch immer – das Prob­lem des Wachstums oder des Fortschritts unseres Wissens. Und um das Wachstum unseres Wissens zu studieren, studiert man am besten das Wachstum der Wis­senschaft. Ich glaube nicht, daß das Studium des Wachstums der Wissenschaft durch ein Stu­dium des Sprachge­brauches oder der Sprachsysteme ersetzt werden kann. Ich habe aber be­reits zugegeben, dass es etwas gibt, das man als die Methode der Philosophie bezeichnen kann. Sie ist aber keines­wegs für die Philosophie allein charakteristisch. … Ich meine die Methode, die darin besteht, daß man sein Problem klar for­muliert und die verschiedenen vor­geschlagenen Lösungsversu­che kritisch untersucht. Ich habe hier die Worte ‚rationale Diskus­sion‘ und ‚kritisch‘ hervor­gehoben, um zu betonen, dass ich die rationale und die kritische Einstellung gleichsetze. Wann immer wir nämlich glauben, die Lösung eines Problems gefun­den zu haben, sollten wir unsere Lösung nicht verteidigen, sondern mit allen Mitteln versu­chen sie selbst umzustoßen. Leider handeln nur wenige von uns nach dieser Regel.“ (Popper 1984: XIV/XV)

Der wissenschaftliche Ansatz Poppers kann als Gegensatz zum Neopositivismus interpretiert werden. Während der Neopositivismus sich mit Sprachanalysen und Bestätigung von Theo­rien beschäftigt, prä­feriert Popper eine kritische Haltung zu den eigenen Forschungsergeb­nisse, nicht eine Sprachanalyse oder eine Verifi­zierung von Hypothesen und Theorien sei ent­scheidend, son­dern das Wachstum der wissenschaftli­chen Erkenntnisse und Wachstum an Wissen kann es nur geben, wenn Ergebnisse der Wissen­schaft immer aufs Neue hinterfragt und geprüft wer­den, und zwar im Hinblick darauf, ob Theorien und Hypothe­sen noch zeitge­mäß sind bzw. ob Erkenntnisfortschritte konstatierbar sind. „Sicheres Wissen ist uns versagt. Unser Wissen ist ein kritisches Raten; ein Netz von Hypothesen; ein Gewebe von Vermutun­gen.“ (Popper 1984: XXV) Diese Form der kritischen Selbstreflexion von Wissenschaft wird von kei­ner anderen Erkenntnistheorie vertreten.

Der kritische Rationalismus ist dem Ansatz positivistischer Wissenschaftstheorien zuzuord­nen, kriti­siert aber den Universalisierungsanspruch von Theorien. Gemäß Popper impliziert Wissen­schaft nicht, Theorien und Hypothesen zu belegen (= verifizieren), sondern wissen­schaftliches Handeln intendiert, Theorien mittels Falsifikationsversu­chen kontinuierlich zu überprüfen. Je häufiger eine Theorie einer "Bewährungsprobe", also einem Falsifikations­versuch (Widerlegungsversuch) unterworfen wird und diese Falsifikationsversuche scheitern, desto sicherer wird ihr Realitätsgehalt. Die Falsifi­kation einer Theorie hat aber prinzipiell nichts mit "richtig" oder "wahr" zu tun, son­dern bedeutet, dass sie bei wie­derholter Prüfung der Bewährungsprobe nicht standgehalten bzw. standgehalten hat, womit unser Wissen et­was sicherer wird. Theorien können die Realität nur approximativ (Annäherung an die Wahrheit), aber niemals universell erfas­sen, denn wir können nur selektive Forschung betreiben, wir sind nicht in Lage, universell zu forschen. Forschung in diesem Sinne ist immer restriktiv, auf ein spezifisches zu erforschendes Problem gerichtet.

Nach Popper steht am Anfang jeglicher Wissenschaft die Theorie und jede Beobachtung kann als Theorie formuliert werden: Man gewinnt auf reiner Er­fahrungsgrundlage keine neuen Er­kennt­nisse, sondern nur durch die Konstruktion neuer Theorien bzw. neuer Hypothesen, wo­bei nicht da­nach gefragt wird, woher die Hypothesen kommen, d.h. der Entdeckungs- und Begründungskontext einer Theorie oder Hypothese wird der wissenschaftlichen Diskussion entzogen. Popper präferiert eine deduktive Denkweise, d.h. von der allgemeinen Theo­rie (Hy­pothese) werden Merkmale für die Bobachtung und Überprüfung der Hypo­thesen entwickelt. Diese Hypothesen müssen opera­tionalisiert werden, d.h. die formallogische Hypo­these/Theorie muss in messbare Kriterien transformiert werden, damit sie in der Realität durch Beobachtung, Befragung oder Experiment überprüft werden kann.

In Gegensatz zum materialistischen und idealistischen Empirismus wird beim Kriti­schen Ra­tionalismus die Theorie zur logischen Basis der Forschung. Er bleibt aber der abendländi­schen Philo­sophie verpflichtet, die immer eine Erkenntnis präferierte, die die Perzep­tion der Sinne und Systematisierung des Verstandes als Grundausstattung des Menschen kennzeich­net, die nicht weiter hinterfragt werden muss.

In dieser Diskussion wurde auf die Bedeutung der Sprache verwiesen. Alle Wirklich­keit ist sprachlich erfassbar und kann mittels Spra­che strukturiert und interpretiert werden, aber wir erfassen die Wirklichkeit nie in ihrer Ganzheit bzw. so wie sie wirklich ist, sondern nur als selektive Abstraktion vermittels sprachlicher Symbole und der sie bestimmenden Re­geln (se­mantisch, grammatika­lisch, pragmatisch).

Die wissenschaftliche Erkenntnisselektion ist danach Produkt der Erfahrung eines spezifi­schen Problembewusstseins. Erkenntnis im Sinne des Kritischen Ratio­nalismus basiert nicht auf realen Phä­nomenen, sondern auf problembezogenen hypothetischen Vermutungen über reale Phänomene, die in der sozialen Wirklichkeit gemessen werden müssen. Nach Popper sind Theorien Netze, die ausgeworfen werden, um Welt, Wirklichkeit, Tatsachen, Realität ... einzufangen, um sie zu erklären und zu beherrschen. (vgl. hierzu Sozio­logische Erkenntnis)

Eine Theorie ist immer auf einen spezifischen Objektbereich bezogen, die entweder eine Er­klärung anbietet oder Vorhersagen für zukünftige Entwicklungen intendiert. Um diesen Ge­gen­stands­bereich ganz oder teilweise zu untersuchen, d.h. eine Erklärung zu finden oder über seine Zukunft etwas aussagen (Prog­nose) zu können, werden Hypothesen ent­wickelt. Sie müssen Grund für die Annahme bieten, dass eine generelle oder partielle Gültigkeit in der Realität nachweisbar ist. Eine Theorie wird dabei als Summe eines logisch kon­sistenten Hy­pothesengefüges zu einem untersuchten Objektbereich definiert. (vgl. Popper 1984, dazu Kutz 2004)

1.3.4 Zusammenfassung

Generell ist der naive Empirismus durch eine Denkweise geprägt, die Natur und Denkfähig­keit unhinterfagt voraussetzt. Der Wissenschaftler ist quasi ein neutraler objektiver Be­obachter der Realität, d.h. die Beobachtung der Natur vermittelt unmittelbare Erkenntnis­probleme, die gelöst werden müssen. Die Anwendung wissenschaftlicher Methoden (Be­obachtung und Experi­ment) führt dann zu adäquaten Erkenntnissen. Für den naiven Empiris­ten gibt es keine irrelevante wissenschaftliche Frage­stellung, sondern jede Erkenntnis ermög­licht einen weite­ren Schritt zur universellen Erkenntnis der Natur und ihrer Gesetzmäßigkei­ten. Der empiri­sche Forscher ist neutraler objektiver Beobachter, der die Wahrheit sucht und sich nicht durch Ressentiments und subjektive Interessen beeinflussen lässt. Die­sen Ansatz der absoluten Wahr­heitsfindung, Wertneutralität und Objektivität könnte man als den ide­alis­tischen Anspruch bezeichnen, weil er nicht erfüllbar ist.

Die Neopositivisten hingegen vertreten die Auffassung, dass Erkenntnis und Wissenserwerb nicht unmittelbar aus der Wahrnehmung erfolgt: Erfahrungen müssen immer erst präzise protokolliert (Protokollsätze, d.h. sprachlich formuliert) werden. Aus diesen Beobachtungss­ätzen kann dann eine Theorie nach festzule­genden Sinn­kriterien induktiv abgeleitet wer­den. Die Ne­opositivisten selektieren den zu untersuchenden Objektbereich und konstruieren ein Regelsystem, das als wissenschaftlicher Er­kenntnisprozess Validität beanspruchen kann, und zwar mittels der Formulierung einer Forschungsidee, Hypothese und Bestätigung dieser Hy­pothese durch viele übereinstimmende Einzelbeobachtungen. Gleichwohl haben sie den Unversalisierungs- und Wahrheitsanspruch nicht vollständig aufgegeben. Beide sowohl die nai­ven Empiristen als auch die Neopositivisten präferieren den induk­tiven Erkenntnisprozess.

In Gegensatz zum materialistischen und idealistischen Empirismus räumt der Kriti­sche Ratio­nalismus der Theorie den forschungssystematischen Vorrang ein. Der kritische Ratio­nalismus ist dem Ansatz positivistischer Wissen­schaftstheorien verpflichtet, kritisiert aber den Univer­salisierungsanspruch von Theorien. Demnach impliziert Wissen­schaft nicht, Theorien und Hypothe­sen zu belegen (Verifikationsprinzip), sondern wissenschaftliches Handeln intendiert, Theorien mittels Falsi­fikationsversu­chen kontinuierlich zu überprüfen. Wird eine Theorie häufiger einer "Bewährungs­probe", also ei­nem Falsifikationsversuch (Widerlegungsversuch) unterworfen und scheitern diese Fal­sifika­tionsversuche, könne sie als bewährt betrachtet wer­den. Die Falsifi­kation einer Theorie hat aber prinzipiell nichts mit absoluter Wahrheit zu tun, son­dern bedeutet, dass eine Theorie bzw. eine Hy­pothese bei wie­derholter Prüfung der Be­währungsprobe nicht standhalten bzw. standhalten konnte. Theorien können die Realität nur approximativ (Annäherung an die Wahrheit), aber niemals universell erfassen.

Wissenschaftstheorie beschäftigt sich generell mit Erkenntnis, d.h. wie und auf welche Weise angeb­lich objektives bzw. wahres Wissen über die Realität erlangt werden kann. Wissen­schaftliche Erkenntnis wäre dann ein Prozess, der Natur und die soziale Lebensbedingungen zu erklären versucht, damit wir die Welt ver­stehen und beeinflussen können. Das Idealbild der Wissen­schaft besteht in dem Anspruch, die Welt auf rationale und logische Aspekte zu redu­zieren, indem durch Beobachtungen (durch eine reglemen­tierte Vorgehensweise) Wissen an­gehäuft wird, dass allen Falsifikationsversuchen widerstanden hat bzw. das verifiziert worden ist. Diese Art der wissenschaftlichen Erkenntnis entspricht der Denkweise der sogenannten abendländischen Kultur, Erkenntnismodelle nicht abendlän­discher Kulturen spielen in diesem logisch-rationalen System keine Rolle – sie werden ausgeblendet.

Der nomologisch-analytische Erkenntnisprozess, der jeden Forschungsbereich durch formale Para­meter und Kausalzusammenhänge zu objektivieren vorgibt, nennt man, weil hier primär quantitative Verfahren eingesetzt werden, Empirismus/Positivismus. Die Regeln des Erkenntnisprozesses wurden maß­geblich von Popper formuliert und haben bis heute nicht an Validität verloren. Dabei wird zunächst von einem Problem ausgegangen – von einer Forschungsidee -, das Problem wird als Hypothese (als ein formal logischer Satz) formuliert und mit Hilfe spezifi­scher Merkmale operationalisiert, d.h. eine allgemeine abstrakte Hypothese wird durch Ein­zelmerkmalen in messbare Kriterien transformiert. Mit Hilfe dieser Krite­rien wird der zu un­tersuchende Ob­jektbereich beobachtet (Datenerhebung). Die Datenerhebung (Fest­legung ei­ner spezifischen Methode wie etwa Befragung, Beobachtung oder Experiment) erfolgt an In­dividuen bzw. durch Einzelversuche, die bei repräsentativer Anzahl mittels differenzierter Auswertungsverfahren generalisiert werden. Um die Hypothese zu prüfen, sind statistische Verfahren notwendig, die aber vor der Untersuchung festgelegt werden müssen.

Durch eine repräsentative Quantifizierung von Einzeldaten kann die allgemeine Hypothese falsifiziert bzw. verifiziert werden, wobei eine Einzelhypothese (keine Theorie) oder ein Satz von Hypothesen (Theorie) präsupponiert wird. Eine Hypothese dient dazu, in der Realität zu prüfen, ob das, was man denkt, den realen Bedingungen des Untersu­chungsbereiches korres­pondiert. Vor diesem Hintergrund wird der Ansatz von Popper verständ­lich, dann, wenn es um ein neues Problem geht, dann ist ‚trial and error‘ eine Vorgehens­weise, die durch die Transparenz der Methodik nachvollziehbar und wiederholbar ist. Gemäß Popper soll diese Hypothese aber nicht verifi­ziert (bewiesen) werden, sondern der Ansatz von Popper unter­stellt eine Vorgehensweise, die besagt, dass die Hypothese falsch ist. Wird diese falsche Hy­pothese widerlegt, dann ist die Hypothese bestä­tigt, d.h. dass, was ich denke, wird durch die Beobachtung der Realität bestätigt und hat sich als objek­tives (d.h. die Idee des For­schers wird durch Beobachtung in der Realität bestätigt) Wissen bewährt, und zwar solange, bis es durch eine andere Untersuchung widerlegt wird. Insofern existiert kein uni­verselles Wissen, sondern nur eine wahrscheinliches Wissen, d.h. ein relatives Wissen, dass immer auch eine Irrtumswahrscheinlichkeit impliziert.

Der formalisierten Vorgehensweise der Empiristen – wobei unstreitig ist, dass Forschung durch ex ante explizierte Regeln legitimiert werden muss -, ist entgegenzuhalten, dass For­schung, insbesondere im sozialen, ökonomischen, ökologischen und psychologischen Be­reich, intervenierende Variablen nicht hinreichend kontrollieren kann, teilweise unterschlägt man einfach die das Ergebnis beeinflus­senden Variablen, die nicht kontrolliert werden oder man impliziert durch eine entsprechende Auswahl von Probanden (zumeist Zufallsstichpro­ben), dass die intervenierenden Variablen bei allen Probanden gleich sind und damit kontrol­liert werden. Gleichwohl kann das Individuum, das als Datenliefe­rant dient, nicht auf logische und formali­sierte Parameter reduziert werden.

Eine quantitative Aussage ist – solange man sich nicht auf vollständige Daten berufen kann – immer eine Wahrscheinlichkeits­aussage, die mithin eine Irrtumswahrscheinlichkeit unterstellt, wobei einschränkend gilt: je größer die Stichprobe, desto kleiner die Irrtumswahrscheinlichkeit, was aber wiederum nichts mit Wahrheit oder Realität zu tun hat, sondern mit den kritischen Werten, die ein Signifikanzniveau bestimmen; denn je größer die Stich­probe, desto kleiner der kritische Wert zur Bestätigung bzw. Falsifi­zierung der Hypothese (s. weiter Konstruktivismus).

Generell hat die quantitative Forschung der Empiristen selbstverständlich ihre Berechtigung und so­lange Forscher diese Regeln bezeichnen, begründen, akzeptieren und einhalten, sie gleichsam Er­gebnisse als Wahrscheinlich­keitsaussagen kommunizieren, die nur für einen be­stimmten Zeit­raum Validität beanspruchen können und Prognosen als Hypothesen und nicht als Wahrheit verkaufen, kann Wissenschaftlichkeit als gewährleistet betrachtet werden.

1.4 Die Kritische Theorie

Definition: „Die kritische Theorie stellt eine Art Metatheorie dar, die einmal in ideolo­giekritischer Absicht, andere theoretische Ansätze kritisiert, aber auch zugleich be­stehende gesellschaftliche Verhältnisse verändern will. Sie ist also Metatheorie, weil sie die Gründe und Begründungen ande­rer Theorien in einem gesellschaftlich-histo­rischen Kontext zu erklären versucht. Bei der Absicht zur Veränderung geht sie nicht von wissenschaftlichen Hypothesen aus, sondern von gesellschaftli­chen Widersprü­chen, will diese keineswegs aber nur erklären sondern auch verändern. Als Motor dieser Veränderung dient die Kraft der kritischen Analyse und Reflexion. Ansatz­punkt dieses Re­flexionsprozesses stellt die Analyse des eigenen Tuns der Wissen­schaft dar. Der Klärung der Frage z.B.: Warum Wissenschaft als Vermittlerin von Wissen nicht mehr Aufklärung und Befrei­ung bewirkt, sondern auch Abhängigkeit und Einengung des Menschen unter Sachzwang und Sachgesetzlichkeit.“

(http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/)

Die Entwicklung der kritischen Theorie in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts war eng assoziiert mit der Gründung des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main - die soge­nannte Frankfurter Schule (vgl. Horckheimer: Gesammelte Schriften Bd. 8: 337/38). Das Institut verstand sich als eine interdisziplinäre Einrichtung zur Erforschung von Gesellschaft und ihrer Entwicklung, in der Philoso­phen, Pädago­gen, Psychologen und Ökonomen koope­rierten. Die Kritische Theorie wurde in der ersten Generation maßgeblich von Max Horkhei­mer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und Erich Fromm geprägt, in der zweiten Gene­ration von Jürgen Ha­bermas, Klaus Offe u.a. Horkheimer definiert die Kritische Theorie folgendermaßen: „Die kritische Theorie der Ge­sellschaft hat dagegen die Menschen als die Produzenten ihrer gesamten historischen Lebens­formen zum Gegenstand. Die Verhältnisse der Wirklichkeit, von denen die Wissenschaft aus­geht, erscheinen ihr nicht als Gegebenheiten, die bloß festzustellen und nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit vorauszuberechnen wären. Was jeweils gegeben ist, hängt nicht allein von der Natur ab, sondern auch davon, was der Mensch über sie vermag.“ (M.Horkheimer: Ge­sammelte Schriften Bd. 4:217; 1988, Frankfurt a/m Fischer Verlag)„ … sie ist nicht irgend­eine Forschungshypothese, die im herrschenden Betrieb ihren Nutzen erweist, sondern ein unablösbares Moment der historischen Anstrengung, eine Welt zu schaffen, die den Bedürf­nissen und Kräften des Menschen genügt.“ (S.219)

Die Ausgangsposition der KritischenTheorie besagt, Gesellschaft ist Realität, und zwar eine Realität, die die Interessen und Fähigkeiten des Individuums einschränkt, aber auch eine Rea­lität, die konstruktive Elemente enthält. Grundsätzlich geht es um das Verhältnis von Indivi­duum und Gesellschaft, speziell um das Verhältnis individueller Selbstbestimmung in einer als abstrakt erlebten nicht mehr transparenten Gesellschaft. Aus dieser Hilflosigkeit bzw. Ohnmacht des Indivuums gegenüber Verhältnissen, die aus individueller Sicht als nicht beein­flussbar bzw. veränderbar wahrgenommen werden, entsteht ein Paradoxon, dass die Depri­vierten sich nicht gegen die Gesellschaft auflehnen, sondern sich diesen Verhältnissen anpas­sen. Dabei ist sowohl die Angst vor diesem Moloch Gesellschaft zu berücksichtigen als auch die Angst nicht in diese Welt integriert zu sein sowie die Angst vor zukünftigen Entwicklun­gen, die durch den Einzelnen als nicht mehr beeinflussbar perzipiert werden, deren Modifikationen die individuellen Bedürfnisse überhaupt nicht mehr berücksichtigt. Hier greift die kritische Theorie ein, die diese unverständlichen und abstrakt erscheinenden Mechanismen transparent zu machen versucht, um das Individuum in Lage zu versetzen, seine Potenziale auszuschöpfen.

Dabei darf man nur nicht vergessen, dass Gesellschaft permanenten Modifikationen (techni­scher, ökonomischer ökologischer Fortschritt) unterworfen ist, die neben positiven Elementen auch neue Probleme schaffen. Insofern analysiert sie gesamtgesellschaftliche Zusammen­hänge kritisch, denn nur eine kritische Analyse deckt inhumane, unflexible und rigide Struk­turen und Verhältnisse auf, aber eben auch flexible, konstruktive und bedürfnisorientierte. Davon ist die Wissenschaft nicht ausgenommen. Wissen­schaft ist Teil der ge­sellschaftlichen Arbeit, ist selbst gesellschaftliches Geschehen. K ritische Theorie analysiert die Funktion der Wissenschaft in der Gesellschaft, mithin auch im Rahmen der Ent­wick­lung wissenschaftlicher Tätigkeit und Er­kenntnis, insbesondere die Verantwortung der Wissenschaft bzw. des Wissenschaftlers für die gesellschaftliche Entwicklung stehen im Mittelpunkt der Diskussionen, die den Sinn und Zweck von Wissenschaft überhaupt einschließt.

Wissenschaft und Forschung seien stets integraler Bestandteil der Gesellschaft und können sich nicht außerhalb oder über die Gesellschaft stel­len. Forscher selbst müssen ihre Stellung zur und innerhalb der Gesellschaft, Forschung und Wissenschaft ­reflektieren. Gleiches gilt für wissenschaftliche Theorien, sie entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern sie sind abhängig von historischen und gesell­schaftlichen Bedingungen. Theorie sei deshalb auch kein Produkt willkürlicher Konstruktion von Individuen, sondern "die Beziehung von Hypothesen auf Tat­sachen vollzieht sich schließlich nicht im Kopf von Gelehrten, sondern in der Industrie" (Horkheimer 1988:170).

Die kritische Theorie beruft sich soziologisch und ökonomisch primär auf den Marxismus (der aber auch kritisiert wurde), wobei gleichsam philosophische (Horkheimer, Adormo), historische und psychoanalytische (Marcuse, Fromm) Interpretationen die kritische Analyse der Gesellschaft bestimmten. Der Einfluss der nationalsozialistischen Epoche hatte zur Folge, dass die Vertreter der kritischen Theorie emigrieren mussten und Kritk – in welcher Form auch immer – wurde im Nationalsozialismus restriktiv bzw. repressiv sanktioniert. Deshalb fand erst in den 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland eine intensive wissen­schaftstheoretische Diskussion zwischen Vertretern der kritischen Theorie (Frankfurter Schule) und Vertretern des Kritischen Rationalismus/Neopositivismus statt­, die im soge­nannten Positivismusstreit ihren Höhepunkt hatte.

Die Vertreter der Frank­furter Schule vertraten die Auffassung, dass jeder Theoriebildung im­mer schon ein Erkennt­nisinteresse vorausgeht, d.h. Theorien rekurrieren immer auf fachspezi­fisches selektives Vorwissen, sind aber gleichwohl von Herrschaftsinter­essen (im Sinne ge­sellschaftlicher Macht- und Einflussmöglichkeiten) geprägt.

Kriti­sche Theorie unterscheidet sich nach Horkheimer von tra­ditioneller Theorie grundsätz­lich da­durch, dass sie den Entstehungs- und Begründungskontext von wissenschaftlichen Entwicklungen und Ergebnissen reflektiert. „Die kritische Theorie der Gesellschaft beginnt also mit einer durch relativ allge­meine Begriffe bestimmten Idee des einfachen Warentausch, unter Voraussetzung des gesamten ver­fügbaren Wissens, der Aufnahme des aus fremden und eigenen Forschung angeeigneten Stoffes wird dann gezeigt, wie die Tauschwirtschaft bei der gegebenen und sich freilich unter ihrem Ein­fluss ver­ändernden Beschaffenheit von Menschen und Dingen, ohne daß ihre eigenen, von der fachlichen Nati­onalökonomie dargestellten Prin­zipien durchbrochen, notwendig zur Verschär­fung der gesellschaftli­chen Gegensätze führen muss, die in der gegenwärtigen geschichtlichen Epoche zu Kriegen und Re­volutionen trieb. “ (Hork­heimer 1992:243 Gesammelte Schriften).

Im Unterschied zur traditionellen Theorie, fordert die Kriti­sche Theorie gleichwohl die Parti­zipation und Antizipation des Verwertungskontextes, d.h. eine Theorie, die Verwertungsas­pekte einschließt, impliziert eine pragmatische Intention, nämlich durch Aufklärung über den ge­sellschaftlichen Ent­stehungszusammenhang von Lebensbedin­gungen zu einer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse beizutragen. Ziel dieser Aufklärung ist die Emanzipation, die Befreiung des Menschen von überflüssi­gen gesellschaftlichen Zwängen und Partizipation an gesellschaftspolitischer Entwicklung und Veränderung, die Selbstbestimmungsrechte der Mitglieder einer Gesellschaft sollen gestärkt werden.

Ziel Kritischer Theorie ist es, durch Aufklärung über gesellschaftliche Entwicklungskontexte soziale Tatsachen und gesellschaftli­che Verhältnisse transparent zu machen und zu modifi­zieren. Im Unter­schied zur traditio­nellen Theorie, die soziale Realität lediglich in der Regel­haftigkeit ihres Auftretens (Positivismus) erfasst, geht es in der kritischen Theorie darum, soziale Tatsachen aus ihrem ge­sellschaftlich historischen Kontext heraus kritisch zu reflektie­ren, zu erklären und zu verändern, um eine gerechte Verteilung der Ressourcen und men­schenwürdige Verhältnisse zu etablieren. Dazu sind Regeln, Prozesse, Mecha­nismen und historische Bewegungen zu untersuchen, durch die in einer Gesellschaft soziale Realität kon­stitutiert wird. Gesellschaft ist nicht einfach gegeben, wie bei den Positivisten und man bräuchte nur gegenwärtige Probleme erforschen, sondern Gesellschaft unterliegt einer histori­schen Entwicklung, durch die gegenwärtige Probleme beeinflusst worden sind. Somit ist Wissen­schaft verpflichtet, den historischen Entdeckungskontext zu explizieren, um gegenwärtige Probleme begründen zu können. Der Wissenschaft obliegt es, gesellschaftliche Verhältnisse transparent zu machen und zum Nutzen der Menschen zu verändern, Wissenschaft ist kein Selbstzweck oder narzistisches Reputationssprungbrett, aber sie muss sich vor Instrumental­sierungsintentionen schützen, obwohl häufig das Gegenteil konstatierbar ist. Einerseits wird das in der Wissenschaft geltende Rationalitätsprinzip instrumentalisiert, indem es als einzig wahre Art des Denkens und Handelns kommuniziert wird und andererseits wird Wissenschaft selbst instrumenlisiert, indem Erkenntnisse für die jeweils geltende Ideologie ausgenutzt bzw. nur solche Erkenntnisinteressen gefördert werden, die die jeweils geltende Ideologie stützen. Wissenschaft trägt somit einen ambivalenten Charakter. Sie hat eine partielle Unabhängigkeit des Menschen von der Natur er­möglicht, aber gleichsam auchTechnologien entwickelt, die einen arbeitsteiligen Produktions­pro­zess forcierten und mithin neue Abhängigkeiten etablier­ten. Adorno und Horkheimer nen­nen die­sen doppeldeutigen Prozess "Dialektik der Aufklä­rung" und meinen damit die grund­sätzli­che Interdependenz von Emanzipations­prozes­sen in Abhängig­keitsverhält­nisse. So schlägt z.B. Emanzipation um in Abhängigkeit und Partzipa­tion in Ausgrenzung.

1.4.1 Methodische Konsequenzen

Methodologische Grundlage der Kritischen Theorie ist "objektives Sinnverstehen". Objektive Hermeneutik ist darauf ausgerichtet, soziale Tatsachen von ihrem gesell­schaftli­chen Entste­hungszusammenhang her zu verstehen. Objektives Verstehen meint in diesem Sinne, die sozi­alen, kulturellen, ökonomischen und politischen Hin­tergründe zu erfassen, die das Subjekt selbst teilweise nicht erfassen oder verste­hen kann. Im Unterschied zum Verste­hen im Sinne von Dilthey (s. weiter unten) geht es also nicht darum, die Subjekte so zu ver­stehen, wie sie sich selbst verstehen, sondern die Regeln und Strukturen zu eruieren, durch die ihre je spezifi­schen Deutungsmuster und Handlungsweisen konstituiert werden, d.h. die kritische Theorie geht im Rahmen ihrer Analysen noch einen Schritt hinter die Hermeneutik Dilthey‘s zurück, sie intendiert nicht nur die bewußtseinsfähigen Interpretationen zu verstehen, sondern fragt vielmehr nach den gesellschaftsspezifischen Mechnismen, die diese Deutungsmuster von In­dividuen konstitutieren, und dies sind Regeln und Strukturen, insbesondere Herrschaftsstruk­turen.

Horkheimer und Adorno scheinen der Auffassung zu sein, dass quasi die Wissenschaft die Denkarbeit für die unterdrückte Bevölkerung übernehmen muss und in der Dialektik sehen sie die Methode, die die Entwicklung einer humanen, sozialen und gerechten Gesellschaft er­möglicht.

Die positivistische Vorstellung von Sozialforschung impliziert Theorie bzw. Hypothese, Ope­rationalisierung der Hypothese und durch Messung begründete Falisifizierung bzw. Verifizie­rung. Habermas betrachtet beispielsweise den Vorgang der Operationalisierung als einen re­lativ willkürlichen Zuordnungs­prozess, der nicht einfach nur deduktiv abgeleitet werden kann, sondern der entsprechende Begrün­dungszusammenhang erst kann eine – wenn man so will – Adäquatheit zwischen Sätzen und Methode herstellen. Die abgestuften sprachlichen Trans­formationen müssen mit dem Untersuchungsgegenstand koinzidieren und dies sei nicht mög­lich, ohne entsprechende Vorkenntnisse des Untersuchungsberei­ches, d.h. „… nur in An­knüpfung an die natürliche Hermeneutik der sozialen Lebenswelten ..“ (Ha­bermas in Adorno e.al.1979:158)

Die dialektische Theorie der Gesellschaft verzichtet auf Hy­pothe­senbildung: „anstelle des hypothetisch-deduktiven Zusammenhanges von Sätzen tritt die hermeneuti­sche Explikation von Sinn“, weil sie Zusammenhänge aus einer gesellschaftlich-historischen Perspek­tive ana­lysiert. Eine dialektische Theorie der Gesellschaft (kritische The­orie ist Gesellschaftstheorie, keine Teil- oder Individualtheorie) ist hermeneutisch, für sie ist das Sinnverständnis kostitu­tiv. „Sie gewinnt ja ihre Kategorien zunächst aus dem Situations­bewusstsein der handelnden Individuen selber, im objektiven Geist einer sozialen Lebenswelt artikuliert sich der Sinn, an den die soziologische Deu­tung anknüpft, und zwar identifizierend und kritisch zugleich. Dia­lektisches Denken scheidet die Dogmatik der gelebten Situation nicht einfach durch Formali­sierung aus, freilich überholt es den subjektiv vermeinten Sinn gleichsam im Gang durch die geltenden Traditionen hin­durch und bricht ihn auf. Denn die Abhängig­keit dieser Idee und Interpretation von den Inte­ressenanlagen eines objektiven Zusammenhanges der gesellschaft­lichen Reproduktion, ver­bietet es, bei einer subjektiv sinnverstehenden Hermeneutik zu ver­harren; eine objektiv sinn­verstehende Theorie muss auch von jenem Moment der Verdingli­chung Rechenschaft geben, das die objektivierenden Verfahren ausschließlich im Auge ha­ben.“ (Habermas in Adorno et.al.1979: 164)

Simplifizierend ausgedrückt wird eine Methodik konzipiert, die nicht Hypothesen oder indi­viduelle Merkmalen als Ausgangspunkt von Forschung supponiert, sondern es geht um eine interpretative Dialektik, die durch kritische Reflexion nach dem Sinn und dem Ziel von Funktionen, Regeln, Mechnanismen, Interdependenzen und Strukturen fragt, die das Leben innerhalb einer Gesellschaft determinieren, d.h. die Individualität beeinflussen. Wenn man unterstellt, dass gesellschaftliches Leben immer auch Restriktion der individellen Freiheit bedeutet, dann benötigt man eine Methodik, die den gesamtgesellschaftlichen Kontext im Blick hat, die quasi die Grenzlienie zwischen indvideller Freiheit und sozialer Anpassung gewährleistet, die den Gleichgewichtszustand zwischen Förderung der individuellen Potenzi­ale und gesellschaftlich notwendigen Anforderungen herzustellen versucht.

1.5 Der hermeneutische Ansatz der Erkenntnis

Definition:

Lehre von der Auslegung von Texten sowie nicht-sprachlicher Kulturäußerungen. Unter vielen Spielarten der H. lassen sich zwei Gruppen bilden: H. als Kunstlehre, als Ausle­gungsmethode in den Geisteswissenschaften und andererseits die philosophi­sche H. In unterschiedlichem Maße werden dabei u.a. die folgenden Punkte als Auf­gabe von H. gesehen:

a) interpretative Klärung von Grundbegriffen;
b) Verstehen eines Textes und seiner Bedeutung aus seiner Zeit heraus, unter Be­rück­sichti­gung von Situation, Motivation und Intension seines Verfassers ...
c) Offenlegung des Sinns, den ein Text für den Interpreten und seine Zeit hat. (Lexi­kon der Soziologie).

1.5.1 Einleitung

Innerhalb der hermeneutischen Begründung der Sozialwissenschaft lassen sich verschiedene Ansätze unterscheiden:

- Der Weber‘sche Ansatz der verstehenden Soziologie
- die Begründung der Hermeneutik durch Wilhelm Dilthey zu Ende des 19. bzw. zu Beginn des 20.Jahrhunderts,
- die Kritische Theorie, die sich selbst in Gegensatz zur geisteswissenschaftlichen Soziolo­gie sah, aber in ihrem forschungsmethodischen Kern eine hermeneuti­sche Disziplin bleibt, (vgl. Horckheimer, Adorno, Habermas 1973,1980, Lorenzer 1975, Marcuse 1955, Fromm 1960)
- Die Ethnomethodologie, die danach fragt, wie soziale Wirklichkeit konstituiert wird, wie wir Verstehen herstellen, wie wir in unseren Interaktionen unsere Handlungen als geord­nete, vernünf­tig geplante und damit verstehbare wechsel­seitig verfügbar machen (Wein­garten 1985, Garfinkel 1976, Cicourel1975)
- die Hermeneutik in der Soziologie (Schütz 1975, Lorenzer 1975, Öevermann 1979, Söff­ner 1988, Mayring 2001, Reichertz 2001)
- und schließlich die Phase der Qualitativen Forschung, wie sie sich seit den 80er Jahren etabliert hat (Glaser/Strauss 1979, Jüttemann 1985, Söffner 1988, Mei­nefeld 1995, Rei­chertz 1991, May­ring 1985 usw.)

Interessanterweise, sofern die verstehende Soziologie im Mittelpunkt der Betrachtung steht, wird eine Grundlegung der Prinzipien eher mit Max Weber in Verbindung gebracht, Dilthey beispielsweise spielt eine untergeordnete Rolle, obwohl er die wissenschaftstheoreti­schen Gundprinzipien der Hermeutik im Rahmen seiner Differenzierung von Natur- und Geisteswissenschaften formuliert hat. Für die verstehende Soziologie mag die marginale Dis­kussion um Dilthey deshalb eine Rolle spielen, weil er die Soziologie nicht als eigenständige Wissenschaft anerkannt und insbesondere die Ansätze der englischen und französischen Schulen kritisiert hat (vgl. Dilthey, Band I, 1959:420ff.). Sein Bezugspunkt ist die grundsätz­lich vorherrschende Präferierung der Naturwissenschaften, die aber nicht die historisch-ge­sellschaftlichen Veränderungen erfassen können. „Die Wissenschaften, welche die geschichtlich gesellschaftliche Wirklichkeit zu ihrem Gegenstand haben, suchen angestrengter als je zuvor ihren Zusammenhang untereinander und ihre Begründung. Ursachen, die in dem Zu­stande der einzelnen positiven Wissenschaften liegen, wirken in dieser Richtung zusammen mit dem mächtigen Antrieben, die aus den Erschütterungen der Gesellschaft sei der franzö­sichen Revolution entspringen. Die Erkenntnis der Kräfte, die in einer Gesellschaft walten, der Ursache, welche ihre Erschütterung hervorgebracht haben, der Hilfsmittel eines gesunden Fortschritts, die in ihr vorhanden sind, ist zu einer Lebensfrage für unsere Zivilisation gewor­den. Daher wächst die Bedeutung der Wissenschaft der Gesellschaft gegenüber denen der Natur; …“ (Dilthey, Band I, 1959: 4). Die Wissenschaft, die diese Leistung vollbringen kann, fasst er unter dem Begriff der Geisteswissenschaften zusammen, obwohl die Betonung - im Gegensatz zu Diltey’s weiteren Ausführungen - eher auf soziologische denn auf geisteswis­senschaftliche Aspekte gerichtet ist.

Dass in diesem Kontext die Erkenntnisquelle das Individuum (im Sinne von Textgrundlagen, Erleben, Denken, Verstehen usw.) ist, dessen geistige Welt viele Aspekte der historisch-ge­sellschaftlichen Wirklichkeit enthält, ist eine Annahme, die auch nicht durch Argumente al­lein an Validität gewinnt, für die Dilthey’sche Hermeneutik aber entscheidend. „Das Material dieser Wissenschaften bildet die geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit, soweit sie als geschichtliche Kunde im Bewußtsein der Menschheit sich erhalten hat, als gesellschaftliche, über den gegenwärtigen Zustand sich erstreckende Kunde der Wissenschaft zugänglich ge­macht worden ist. So unermesslich dieses Material ist, so ist doch seine Unvollkommenheit augenscheinlich.“ (Dilthey, Band I, 1959:24) Daraus schließt er aber nicht, dass familiale, gruppen- und Organisationsstrukturen unabhängig vom subjektiven Sinn analysiert werden können, sondern sein Schluss lautet: “Die Analysis findet in den Lebenseinheiten, den pyscho­physischen Individuis die Elemente, aus welchen Gesellschaft und Geschichte sich aufbauen, und das Studium dieser Lebenseinheiten bildet die am meisten fundamentale Gruppe des Geistes.“ (Dilthey, Band I, 1959:28)

Der Psychologismus Dilthey’s ist aber evident für die Entwicklung der Hermeneutik in der empirischen Sozialforschung – auch wenn mancher Soziologe das vielleicht nicht akzeptieren will - . Um den Sinn, die Bedeutungen von Lebenswelten, Lebensereignissen, Lebensbedin­gungen und Lebenszusammenhängen erfassen und interpretieren zu können, ist es notwendig, die Individuen in ihrem spezifischen Interaktionskontext zu analysieren sowie die Interpreta­tionen der betroffenen Subjekte zu erfassen, ob das nun ein historischer Kontext ist, der als historischer Text vorliegt, oder ob es ein gegenwärtiger Kontext ist, der durch aktuelle Inter­views, Beobachtungen oder Texte analysierbar ist oder ob es sich um Kunstwerke handelt, die als Bild oder Skulptur interpretiert werden können, ist dabei ziemlich belanglos, wichtig ist ein Rückgriff auf eine relativ sichere Erkenntnisquelle wie Individuen bzw. Bewußtseinsin­halte von Individuen, da – im Sinne Dilthey’s – ohne Individuen, die Basis für eine Gesell­schaft wegfallen würde.

Vor diesem Hintergrund ist Dilthey mehr Soziologe als er vielleicht wahrhaben wollte, und für die neuere Soziologie geht es im Rahmen der Methoden der empirischen Sozialforschung vielmehr darum, die Argumentation Dilthey‘s für die qualitative Sozialforschung fruchtbar zu machen und eher bei Dilthey als bei Weber die grundsätzlichen hermeneutischen Positionen zu suchen. Die Position Dilthey‘s zur Hermeneutik ist dabei wesentlich eindeutiger als die Position Webers.

Abweichend von den oben genannten Ansätzen des sinndeutenden, verstehenden und inter­pretativen Paradigmas, das primär in der Sinnhaftigkeit von Handeln seine methodologischen Grundlagen findet, weicht die Ethnomethodologie insofern ab, als sie nicht den Sinn von Phä­nomenen, Gegenständen bzw. Sachverhalten zu ergründen sucht, sondern die Intention der Etnomethodologie geht dahin, nur das tatsächliche beobachtbare Handeln und Verhalten der Akteure, den tatsächlichen Handlungsvollzug zu analysieren: “…, was Handelnde tun, der tatsächliche Handlungsvollzug, (wird) als die der Analyse einzig zugängliche Erscheinungs­weise der Interpretation begriffen: das (beobachtbare) Handeln selbst ist die Interpretation.“ (Keller 2012: 244) Es geht schlicht darum, das Handeln und Verhalten von Individuen in spe­zifischen Situationen zu beschreiben, d.h. was tun Individuen wirklich, wenn sie spezifischen Situationen ausgesetzt sind. Es geht nicht um die Frage, warum sie etwas tun oder ob die Handlung sinnvoll oder weniger sinnvoll sind, sondern darum, wie sie etwas tun, die fak­tisch beobachtbare Handlung bzw. das faktisch beobachtbare Verhalten, z.B in Gerichtsver­handlungen, ob Geschworene rein nach der Beweislage bzw. Indizienlage ihr Urteil verkün­den oder ob Meinungen und Ressentiments für die Beurteilung ausschlaggebend sind oder Beobachtung des Verhaltens von Lehrern: existieren vergleichbare Kriterien bei der Beurtei­lung eines Aufsatzes und werden diese auch angewendet oder beeinflussen Sympathie und Antipathie die Bewertung. Mit anderen Worten, der Interpretationsspielraum der Ethnome­thologen ist erheblich eingeschränkt oder besser, es existiert kein Interpretationsspielraum, die Beschreibungen der Handlungen sind die Interpretationen.

Andererseits ist bei jeder Auswertung eines qualitativen Verfahrens eine Beschreibung der faktisch vorliegenden Daten notwendig, um eine sinn- bzw. verstehensorientierte Interpreta­tion durchführen zu können, d.h. wenn beispielsweise Copingstrategien untersucht werden, dann muss man, um den Sinn dieser Copingstrategien interpretieren zu können, wissen, wel­che Strategien überhaupt angewendet werden und in welchen Situationen welche Strategie präferiert wird, die Sinninterpretation wäre der Zweite Schritt der Analyse (s. Kap. 10). Damit bleibt die Ethnomethologie im Rahmen der Auswertung einen Schritt hinter der verstehenden Sozialforschung zurück.

1.5.2 Begründung der Hermeneutik (Dilthey)

Während die bislang diskutierten Erkenntnisansätze sich mit formaler Logik, Kausalität, Ver­nunft usw. beschäftigen, geht es Dilthey um eine geisteswissenschaftliche Erkenntnis, um einen Erkenntnis­prozess, der ... “objektive Erkenntnis der Verkettung menschlicher Erlebnisse in der menschlich-ge­schichtlichen-gesellschaftlichen Welt zu gewinnen strebt.“ (Dilthey 1960: Gesammelte Schriften Band VII:3) Die reale Welt bzw. die gegenständliche Welt ist nicht in Form eines Abbildes der Realität im Geist repräsentiert, sondern das Erkennen bleibt an seine Mittel des Beobachtens, Verstehens und be­grifflichen Denkens gebunden. Die Geis­teswissenschaft intendiert Entdeckung von Einmaligkeiten, Zufäl­ligem und Gegenwärtigem im geschichtlichen und gesellschaftlichem Erleben der Akteure, der Sinn­zusammenhang des Erlebens im sozialen Interaktionskontext wird als primäres Erkenntnisziel formuliert.

„Das Leben selber, die Lebendigkeit, hinter die ich nicht zurückgehen kann, enthält Zuam­menhänge, an welchen dann alles Erfahren und Denken expliziert. Und hier liegt nun der für die ganze Möglichkeit des Erkennens entscheidende Punkt. Nur weil im Leben und Erfahren der ganze Zusammenhang enthalten ist, der in den Formen, Prinzipien und Kategorien des Denkens auftritt, nur weil er im Leben und Erfahren analytisch aufgezeigt werden kann, gibt es ein Erkennen der Wirklichkeit.“ (Dilthey1964, Gesammelte Schriften, Band V: 83)

Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Auffassungen Dilthey’s ist die Differenzierung zwi­schen Natur- und Geisteswissenschaften, wobei die Geisteswissenschaften sehr weit gefasst sind – von der Psychologie über Geschichte und Ästethik bis hin zur Soziologie -.

„Das Ideal der naturwissenschaften Konstruktion ist die Begreiflichkeit, deren Prinzip die Äquivalenz von Ursache und Wirkung ist, diese muss auf die absolute Vergleichbarkeit von Größen eingeschränkt sein, und ihr vollkommenster Ausdruck ist das Begreifen in Gleichun­gen. Das Ideal der Geisteswissenschaften ist das Verständnis der ganzen menschlich-ge­schichtlichen Individuation aus dem Zuammenhang und der Gemeinsamkeit in allem Seelen­leben. „ (Dilthey, Band V, 1964:265) Während die Bedeutung der Naturwissenschaften im Nachweis von Kausalzusammenhängen, Gesetzmäßigkeiten, Mechanismen, Funktionen, Messungen und mathematisch Berechnungen bestehen, die primär mittels Experimenten nachgewiesen werden können, liegt die Bedeutung der Geisteswissenschaften in der Erfas­sung und Interpretation von Erleben, Ausdruck und Verstehen. „Hier erreichen wir ein ganz klares Merkmal, durch welches die Abgrenzung der Geisteswissenschaften definitiv vollzo­gen werden kann. Eine Wissenschaft gehört nur dann zu den Geisteswissenschaften, wenn ihr Gegenstand uns durch das Verhalten zugänglich wird, das im Zusammenhang von Leben, Ausdruck und Verstehen fundiert ist.“ (Dilthey, Band V, 1964:256) Erleben ist immer Realität und diese Realität ist beeinflusst von Historischem, Gegenwärtigem und Zukünftigem, Erle­ben ist keine Abstraktion der Realität oder Spiegelbild der Realität im Bewußtsein, sondern ist für das Individuum eine Realität, in der sich Traddition, Individualismus und Alltruismus wi­derspiegeln. Darüber hinaus ist Erleben immer mit Bewertungen und Wertungen behaftet, „…, weil Wertung und Zweckzusammenhang schon im Tatsachensystem enthalten ist. Denn dieses Tatsachensystem ist schließlich überall in der Struktur des Seelenlebens (Freud: Ich, Über-Ich, Ich-Ideal, Es) begründet, und diese enthält die Richtung auf Erzeugung der Le­benswerte in sich.“ (Dilthey, Band V, 1964 265)

Die Geisteswissenschaft, die Dilthey als Gegenpart bzw. als Ergänzung zu den Naturwissen­schaften darstellt, ist eine Wissenschaft, die nicht auf Gesetzmä­ßigkeiten, sondern primär auf historische Einmaligkeit gerichtet ist. „ Das Ideal der Erklärung aller Erscheinungen durch den Inbegriff genereller Wahrheiten ist nicht erreichbar“ (Diltey, Band V, 1964: 272). Dilthey gibt den Universalisierungsanspruch der Wissenschaft auf. Die Geisteswissenschaften gehen von der Annahme aus, dass menschliche Handlungen nicht notwendigerweise in einem Ursa­che-Wirkungs-Zusammen­hang stehen und des­halb auch dem naturwissen­schaftlichen Erklä­ren nicht zugänglich sind, sondern nur dem geisteswissen­schaftli­chen Verstehen . Dilthey be­zweifelte die tradierte Denkweise der Rationalisten und Positivisten.

„In den Adern des erkennenden Sub­jektes, das Kant, Locke und Hume konstruierten, rinnt nicht wirkliches Blut, son­dern der verdünnte Saft von Vernunft als reiner Denktätigkeit. Eine Philosophie, die nur von der ratio­nalen Erkenntnis allein ausgeht, übersieht den ganzen Men­schen in der Fülle seiner Bezüge, den denkenden, wollenden, fühlenden und handelnden Men­schen. Fühlen, Wollen und Han­deln werden nicht nur aus der ratio gespeist. Der Grundsatz meiner Philosophie be­steht darin, dass bisher noch niemals der ganze Mensch und das ganze Leben, mithin noch niemals die ganze und volle Erfahrung zum Ausgangspunkt des Philoso­phierens gemacht worden sind.“ (Dilthey, Band I, 1959: XVIII)

Nach Dilthey leben wir nicht mit oder in der Gesellschaft, sondern wir erleben Gesellschaft, Situa­tionen oder Konflikte. Erkenntnis bedarf einer Abstraktion des Erlebens mit Hilfe sprachlicher Sym­bole, die Bezeichnung des Gegenständlich bzw. der Erlebnisse, und erst durch eine Verknüpfung von Begriffen in sinnvollen Sätzen, d.h. mit Hilfe syntaktischer, grammatikalischer, semantischer und pragmatischer Regeln, wird ein Sinnzusammenhang konstituiert und je detaillierter und präziser dieser Sinnzusammenhang formuliert werden kann, desto größer ist unsere Erkenntnis, desto größer unser Verstehen der subjektiven Le­benswelten bzw. Einmaligkeiten, das die Grundlage für das Verstehen von Interaktions- und gesamtgesellschaftlichen Kontexten bildet. Das Erleben selbst ist ein Alltagsphänomen, evi­dent für die geisteswissenschaftliche Erkenntnis sei die subjektive Interpretation in einem ge­schichtlichen und gesellschaftlichen Interaktionskontext, und je präziser diese Sinnzusam­menhänge erfasst werden können, desto eher Verstehen wir das Erleben, d.h. wir verfügen dadurch auf Dauer über immer mehr Wissen eines inneren Erlebnis- bzw. eines äußeren Ge­genstandsbereiches und das beinhaltet Wissen über die Wirklichkeit, die Werteorientierung, die Zweckbestim­mung und die Re­geln, die im jeweiligen Erlebnisbereich angewendet und in einen Gesamtzu­sammenhang eingeordnet werden. Diesen Sinnkontext könnte man auch als Bewusstseinsstu­fen auffassen:

- das naive oder All­tagsbewusstsein repräsentiert nur ein oberflächliches oder unspezifi­sches Wissen der Erlebniswelten,
- während das wissenschaftliche Bewusstsein darüber hinausgeht und eine Beschreibung der Sinnkon­texte zu konsentieren inten­diert,

d.h. je mehr Wissen über einen bestimmten Erlebnisbereich analysierbar ist, desto präziser können die Sinnzusammenhänge formulieren und desto bewusster können Erlebnisse in einen Gesamtkontext eingeordnet werden, und das ist Erkenntnis.

„Hiernach entsteht das folgende Verhältnis zwischen psychologischer Deskription und Theo­rie des Wissens. Die Abstraktionen der Theorie des Wissens beziehen sich zurück auf die Er­lebnisse, in denen das Wissen in zwiefacher Form durch verschiedene Stufen hindurch sich ausbildet. Sie setzen die Ein­sicht in die Prozesse voraus, durch welche der Grund der Wahr­nehmungen Namen gegeben, Begriffe und Urteile gebildet werden, und so das Denken all­mählich vom Einzelnen, Zufälligen, Subjektiven, Relativen und darum mit Irrtümer, versetz­ten zum objektiv Gültigem fortschreitet.“ (Dilthey, Band VII: 1960:9-10)

Anders ausdrückt, für Dilthey ist der Entdeckungs- und Begründungskontext von Theorien von ent­scheidender Bedeutung, erst die ausformulierte Entwicklung (Deskription: „Es wird in der Deskription nur ausgesprochen, was im Prozess der Hervorbringung von Wissen enthalten ist. Wie ohne diese Beziehung die Theorie, die doch aus diesen Erlebnissen und deren ver­hältniszueinander abstrahiert ist, gar nicht zu verstehen ist ….“ (Dilthey, Band VII, 1960:10) von Erleben (Erleben ist für das Subjekt immer Realität) kann letztlich durch weitere Abs­traktionen zu einer Theorie führen, was im Gegensatz zum kritischen Rationalismus steht, der die Theorie als Forschungsbasis präferiert, ohne den Entdeckungs- und den Begründungs­kontext von Hypothesen oder Theo­rien zu problematisieren bzw. zu explizieren.

Der Verlauf des Lebens zeigt eine Entwicklung. Unterschiedliche Erlebnisse werden in den gesamten Lebenskontext des Individuums einbezogen, so dass die erworbenen Lebenskon­texte jede weitere psychische Aktivität beeinflussen. Dieser erworbene Lebenskontext “…bedingt das Auftreten und die Richtung der Aufmerksamkeit, die Apperzeptionen hängen von ihm ab, und die Reproduktion der Vorstellungen ist bestimmt von ihm.“ (Dilthey, Band VII, 1960:14)

Wenn man diese Ausführungen ernst nimmt, dann ist auch der Wissenschaftler davon nicht ausge­schlossen, auch er ist abhängig von seinem erworbenen Lebenskontext, also nicht frei von Vorkennt­nissen, Vorurteilen oder gesellschaftlichem Interaktionskontexten bzw. seinem Status. Der Einfluss seiner privaten und beruflichen Sozialisation bestimmen seine Denkweise und For­schungspräferenzen; er kann sich davon nicht befreien und – wie einige Vertreter der qualitativen Sozialforschung vermitteln möchten - unvoreingenommen und offen, ohne Rück­griff auf seine er­worbenen Denk- und Hand­lungsmuster (Erlebniskontext) einen Objektbe­reich erforschen.

1.5.3 Methodische Konsequenzen (Hermeneutik)

Die wissenschaftliche Intention von Dilthey zielt auf eine Erkenntnis, die alle Facetten des Lebens zu erfas­sen in der Lage ist. Mit Begriffen und Definitionen, wie es die her­kömmliche Philoso­phie versucht habe, können Probleme nicht gelöst werden - oder im Sinne Spino­zas, mit jeder Definition werden Merkmale eines Objektbereiches bestimmt, aber gleichzeitig auch ausgeschlossen -, das Erleben in einem Lebenskontext nicht erfasst werden. Es bleibe immer wieder ein unauflösbarer Gegensatz zwischen Begriff und der mit dem Beg­riff ge­kennzeichneten Realität. Vor diesem Hintergrund strebte Dilthey eine methodologi­sche Stra­tegie an, die nicht die Erklärung von Phänomenen präferiert, sondern das Verstehen von Erle­ben bzw. von Phänomenen, und die Lösung dieses Problems glaubte er in einer hermeneuti­schen Methodologie gefunden zu haben. Diese wollte er zu einer wissenschaftlich fun­dierten Technik entwickeln, wobei er an Schleiermacher (1768-1834 – Hermeneutischer Zirkel) an­knüpfte, der die Kunst der Hermeneutik bei der Textauslegung ent­wickelt hatte, als eine the­ologische bzw. philosophi­sche Methode. Herme­neutik als Auslegung (Deutung, Verständnis, Interpretation) meint primär die Auslegung von geschriebenen Texten, im Weiteren die Inter­pretation menschlichen Erlebens im gesellschaftshistorischen Kontext, im weitesten Sinn Er­leben in der gesellschaftlichen Totalität.

Für die Geisteswissenschaften sind die naturwissenschaftlichen Vorgehensweisen ungeeignet, sie be­dürfen daher einer eigenen wissenschaftstheoretischen Grundle­gung. Der Grund liegt für Dilthey da­rin, dass bei einer naturwissenschaftlichen Vor­gehensweise verloren geht, was für menschliche Le­bensäußerungen zentral ist: das menschliche Erleben, die Bedeutungshaf­tigkeit von Lebensäußerun­gen, die Sinn­immanenz menschlichen Handelns.

Während es Aufgabe der Naturwissenschaft ist, Phänomene zu erklären, geht es in den Geis­teswissen­schaften darum, innere Zustände in ihrer Bedeutung zu verste­hen. Dies ist in der Tradition der herme­neutischen Wissenschaften die zentrale Un­terscheidung: Während die Naturwissenschaften auf Basis von Gesetzmäßigkeiten Erklärungen liefern wollen, ist es Auf­gabe von Geisteswissenschaften individuelles Erleben im gesellschaftlichen Gesamtkontext zu verstehen. In diesem Sinne ist es Aufgabe der Sozialwissenschaften soziale Verhältnisse, soziale Lebensbedingungen und soziale Systeme zu verstehen, die ein Regelsystem bzw. eine Struktur des Zusammenlebens un­ter Aspekten der Verteilung der Ressourcen transparent ma­chen und somit auch Zukunftsperspektiven einschließen können. (vgl. Dilthey, Band V,1964: 318 ff.)

Die Eigenständigkeit der Geisteswissenschaften erfordert eigene, hermeneuti­sche Metho­den. Verstehen ist kein naturwissenschaftlicher Vorgang, sondern impliziert Interesse am realen Leben. Verstehen als Methode der Hermeneutik bildet jenen Vorgang, "in welchem wir aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben sind, ein Inneres erkennen" (Dilthey, Band V, 1964: 318). Verstehen ist aber an Aufmerksamkeitsintensität gebunden, am Interesse, das den Er­scheinungen entgegengebracht wird, so dass ein intensives wissenschaftliches Interesse dem Verstehen wollen subsumiert werden kann. Verstehen ist in diesem Sinne die Interpretation eines Ausdrucks, der die Bedeutung einer Interaktion oder eines Textes zu erfassen sucht und da­mit die Aneignung des im Sprachausdruck enthaltenen Inhalts.

Allerdings ist es als Be­standteil des eigentlichen Lebens häufig auch unzuverlässig: Man kann sich irren, wenn man die Bedeutung einer Handlung oder den Sinn eines Textes zu erfassen sucht. Hier beginnt die Aufgabe der Hermeneutik (als Lehre vom Verstehen). Sie ist für Dilthey die Methode der Geisteswissenschaften insgesamt; Hermeneu­tik ist die wis­senschaft­liche Methode zur Erfassung von Bedeutungen. Sie wird durch partielle Identifikation mit anderen aufgrund ähnlicher Erlebnisse möglich, der Text spiegelt quasi die eigene Erfahrung rsp. die eigene Lebenswelt wider. Diese Möglichkeit der Identifikation ergibt sich daraus, dass es bei aller Unterschiedlichkeit zwischen Menschen zumindest strukturelle Ge­mein­sam­keiten in der biologischen Ausstattung, in den Grunderfahrungen und –erlebnissen gibt, die es erlauben, mittels Empathie, Mit- und Nacherleben, Vermutungen darüber anzustellen (bzw. Analogien herzustellen), welche Bedeutungen durch bestimmte Situa­tionen, Ereignisse und Handlungen konstitutiert werden. Die Bedeutung des Spiels für ein Kind erfas­sen wir des­halb, weil wir als Kinder selbst ge­spielt haben. Allgemein formu­liert, sind Handlungen und so­ziale Tatsachen in ihrer Bedeutung erschließbar, weil wir uns in sie hineinversetzen (Em­pathie), sie nacherleben oder nachempfinden können, wenn auch möglicherweise mit diffe­renzierten in­haltlichen Ausprägung, aber die strukturellen Konvergenzen sind nicht zu leug­nen.

Problematisch an dieser Auffassung ist, dass die Interpretation eines Textes durch einen Inter­preten eine genuin subjektive Kategorie ist, insofern wäre sie wie die Metaphysik ein reines Gedankenspiel, ohne Bezug zur Realität. Eine partielle Validität kann erst beansprucht wer­den, wenn ein interaktiver Konsens dieser Intepretation gewährleistet ist. In der sozialwissen­schaften Forschung ist ein anderes Merkmal kennzeichnend, nämlich der intersubjektive Kon­sens bzw. die Rückkoppelung zum Textproduzenten (z.B. beim Interview), also die Rückver­sicherung, dass die Interpretation die Bedeutungen des Textproduzenten erfasst hat (s. objek­tive Hermeneutik und Validität qualitativer Sozialforschung). Vor diesem Hintergrund ist Hermeneutik nicht als „Kunst“ zu bewerten, sondern als wissenschaftliche Methode, die auf­grund regelgeleiteter Interpretationen, die Sinnzusammenhänge von Handlungen, Ereignissen, sozialen und gesellschaftlichen Interaktionskontexten erst ermöglicht.

1.6 Kritische Wissenschaftstheorie

1.6.1 Einleitung

Während die bislang dargestellten Ansätze der Wissenschaftstheorie sich generell mit Regeln des Er­kenntnisprozesses (Methoden, Hypothesen, Theorien) beschäftigen oder eine spezifi­sche Art und Weise des Denkens (Vernunft, Logik, Konstruktion) diskutieren, ändert sich das bei Paul Feyerabend (1924-1994. Er hat Philosophie, Astronomie und Physik studiert und war zu Beginn seiner Karriere kritischer Rationalist. Er betont in seinem Vorwort: „Nocheinmal betone ich, dass die im Buch vor­getragenen Auffassungen nicht neu sind – für Physiker wie Mach, Boltzmann, Einstein, Bohr waren sie eine Selbstverständlichkeit. Aber die Ideen dieser großen Denker wurde von den Nagetieren des Wiener Kreises und den sie benagenden kri­tisch-rationalistischen Nagetieren bis zur Unkenntlichkeit entstellt.“ (Feyerabend 1983) Fey­erabend bezeichnet sich als erkenntnistheoretischen Anarchisten, aber nicht mit einer negati­ven Konnotation, sondern im wahren Sinne des Wortes, sich mit Regeln, Dogmen, Ideologien oder aufgezwungenen Normen oder Ettiketten kritisch auseinanderzusetzen – er vertritt eher die Auffas­sung von der freien Entfaltung des Individuums (des Wissenschaftlers), aber mit der Ein­schränkung, dass Wissenschaft gesellschaftlich moralischen Regeln verpflichtet sei.

1.6.2 Begründung

Feyerabend ist der erste Wissenschaftstheoretiker, der zunächst die wissenschaftliche Ausbil­dung zur Basis seiner Argumentation macht, d.h. die akademische Sozialisation bzw. die Pro­fessionalisierung des Denkens. Seiner Auffassung nach simplifiziert die Ausbildung Wissen­schaft und ihre Akteure durch Spezialisierung der Fachgebiete und der aus ihr folgenden je­weils eigenen Logik und Methodik. Die Ausbildung führt zur Vereinheitlichung von Hand­lungen, etabliert rigide Vorgehensweisen und erhält somit ein System aufrecht, dass nur von Insidern verstanden wird. „Jemandes Religion etwa, oder seine Metaphysik, oder sein Humor dürfen mit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit nicht das ge­ringste zu tun haben. Die Einbil­dungskraft wird eingeschränkt, selbst die Sprache eines Menschen ist nicht mehr seine eigene. Das wiederum spiegelt sich in der Eigenart, daß wissenschaftliche Tatsachen als unabhängig von Meinung, Glauben und kulturellen Bedingungen empfunden werden.“ (Feyer­abend 1983:16)

Die akademische Sozialisation verhindert aufgrund ihrer Rigidität jede Art von kreativer Ent­faltung der Wissenschaftler. Der Wissenschaftler kann nur dann Wissenschaft betreiben, wenn er sich den Regeln und der Sprache der Institution Wissenschaft unterordnet. Nach Fey­er­abend zeigt aber die Ge­schichte der Wissenschaft, dass diese sogenannten allgemeingülti­gen Regeln und Denkvariationen im Laufe der Ge­schichte verletzt wurden und das teilweise gerade diese Verlet­zung von Regeln zu neuen Erkenntnissen führte, deshalb plädiert er für einen theoretischen Anarchismus. „Es ist also klar, daß der Gedanke einer festgelegten Me­thode oder einer fest­stehenden Theorie der Vernünftigkeit auf einer allzu naiven Anschauung vom Menschen und seinen sozialen Verhältnissen beruht. Wer sich dem reichen, von der Ge­schichte gelieferten Material zuwendet und es nicht darauf abgesehen hat, es zu verdünnen, um seine niedrigen Instinkte zu befriedigen, nämlich die Sucht nach geistiger Sicherheit in­form von Klar­heit, Präzision, Objektivität, Wahrheit, der wird einsehen, daß es nur einen Grundsatz gibt, der sich unter allen Umständen und in allen Stadien der menschlichen Ent­wicklung vertreten läßt. Es ist der Grundsatz: Anything goes.“ (Feyerabend 1983: 32)

Der von Feyerabend benutzte Begriff der theoretischen Anarchie scheint angesichts seiner dezidierten und kenntnisreichen Darstellung sowie entsprechender Beispiele aus der Physik, Astromie, Poilitik, Medizin eher einen ironischen Zug zum modernen Wissenschaftsbetrieb zu vermitteln als eine Anar­chie der Wissenschaft. Sein Anliegen geht eher in Richtung alter­native Vorstellungen, Argumente und Theorien bei der wissenschaftlichen Arbeit zu berück­sichtigen, um nicht in das Dilemma zu geraten, Ideologie statt Wissenschaft zu diskutieren.

Wissenschaftliche Regeln und Theorien müssen immer mal wieder durch Gegensätze (z. B. Kontrainduktion) in Frage gestellt werden, um einen Fortschritt an Erkenntnissen zu ermögli­chen und dabei ist es vollkommen gleichgültig, ob diese Gegensätze oder neuen Ansätze auf der Basis historischen Wissens, Dialektik, Naturalismus, Rationalismus oder Kon­struktivis­mus entwickelt werden. Die Geschichte der Wissenschaft zeigt teilweise eine einseitige, an Dogmen, orientierte Forschung. Er argumentiert, man könne sich des Eindrucks nicht erweh­ren, „… daß empi­rische Theorien in ihren späteren Entwicklungsstadien nicht mehr von zweitrangigen Mythen zu unter­scheiden sind“ (Feyerabend, 1983: 51) und um das zu verhin­dern, ist es not­wendig anzuerkennen: „kein Gedanke ist so alt oder absurd, daß er nicht unser Wissen ver­bessern könnte. Die gesamte Geisteswissenschaft wird in die Wissenschaft einbe­zogen und zur Verbesserung jeder einzelnen Theorie verwendet. Auch politische Einflüsse werden nicht abgelehnt. Sie sind notwendig, um den wissen­schaftlichen Chauvinismus zu überwinden, der sich oft der Einführung von Alternativen, zum Status quo widersetzt. Den Alternativen muß es erlaubt sein, sich zu vollständigen Subkulturen zu entwi­ckeln, die nicht mehr auf Wissen­schaft und Rationalismus beruhen.“( Feyerabend 1985: 55)

Um diese Thesen zu stützen, greift Feyerabend auf das Beispiel China zurück, insbesondere auf die chinesische Medizin, die durch den Glauben an die abendländisch bürgerlich geprägte Wissenschaft und deren angebli­che in­tellektuelle Überlegenheit diskrediert und jahrelang ver­drängt wurde. Erst Ende der 50iger Jahre des letzten Jahrhunderts konnte die traditionelle chinesische Medizin (Kräuter, Akupunktur usw.) wieder ohne Ressentiments, sogar durch Entwicklung von Lehrstühlen an den Universitäten, praktiziert wer­den. Zwischenzeitlich ist es soweit, dass die Akupunktur und Kräuterkunde auch in der abendländi­schen Medizin ihren Platz gefunden hat, wenn auch einen Nischenplatz.

Die naturwissenschaftlich orientierte Schulmedizin grenzt diese Ansätze weiterhin aus. Sie wehrt sich bis heute, die Wirksamkeit dieser sogenannten Alternativmedizin anzuerkennen. Im Sinne Feyerabends deshalb, weil sie über keine Messmethoden verfügt bzw. die Zusam­menhänge der Diagnoseverfahren und die Wir­kung von Therapien nicht erklären kann. Die naturwissenschaftlich orientierte Medizin bleibt ihrer tradierten Ideologie treu, weil der na­turwissenschaftliche Ansatz allein Gültigkeitsanspruch besitzt und alle anderen Methoden, die dem naturwissenschaftlichen Dogma nicht subsumiert werden können, d.h. nach ihren Regeln nicht überprüfbar sind, werden aus dem Erkenntnisprozess und der Forschung ausgeblendet. (vgl. Feyerabend 1983: 65ff.)

Kreativität, Spontaneität oder Intuition haben keinen Platz in einer elitären Wissenschaftsin­stitution, die glaubt, unabhängig von gesellschaftlichen Verhältnissen, der restlichen Welt vorschreiben zu dürfen, was Wissen oder Wissenschaft ist. Wissenschaft ist Bestandteil einer Gesellschaft, ist selbst (wie Luhmann es ausdrückt) gesellschaftliches Geschehen, insofern ist sie kein geschlossenes System, sondern ist in hohem Maße abhängig von gesellschaftlichen Verhältnissen und zeitgemäßen Forschungsprioritäten, d.h. sie ist auch abhängig von ökono­mischen Bedingungen und technischem Fortschritt, denn finanzi­elle Mittel für Forschung müssen be­reitgestellt werden, aber begrenzte Mittel dürfen nicht zur Folge haben, dass nur noch Forschungen gefördert werden, die ökonomische Verwertbarkeit implizieren.

Der Forscher selbst ist auch nicht unabhängig von seiner eigenen Geschichte, seinem Vorwis­sen und seinem gesellschaftlichen Status. In der Wissenschaft geht es um Vermehrung von Wissen. Dieser Wissenszuwachs wird konter­kariert, wenn der Wissenschaftler nicht offen ist für andere Denkweisen und Theorien. Die Reflexion der eigenen Stellung im Wissenschafts­betrieb und Gesellschaft ist genauso wichtig, wie die Reflexion über Theorie, Vernunft und Logik. Die Pluralität der Wissenschaft ist wichtiger als ein rigides Fest­halten an tradierten Regeln, Theorien und Methoden (vgl. auch Kuhn Paradigmenwechsel). Wissen­schaft muss flexibel sein, Ideen entstehen nicht aus dem Nichts, sondern aus der Betrachtung eines Prob­lems aus unterschiedlichen Perspektiven, d.h. aus interdisziplinärem Wissen. Deshalb wendet sich Feyerabend gegen eine spezifische Fachausbildung, da sie Vereinheitlichung des Den­kens fördert und starre Verhaltensmuster etabliert, die den Erkenntnisfortschritt behindern. Dabei befürwortet er auch die historische Perspektive, einen Rückgriff auf Theorien, die als überholt gelten; denn auch diese können Aspekte enthalten, die zu neuen Forschungen anre­gen.

„Eine einheitliche Meinung mag das Richtige sein für eine Kirche, für die eingeschüchterten oder gierigen Opfer eines (alten oder neuen) Mythos oder für die schwachen und willfährigen Untertanen eines Tyrannen. Für die objektive Erkenntnis brauchen wir viele Ideen. Und eine Methode, die die Vielfalt fördert, ist auch als einzige mit einer humanistischen Auffassung vereinbar.“(Feyerabend, 1983: 54)

Wissenschaft wird nach Feyerabend oftmals von Kirche und Politik und manchmal auch von der Wis­senschaft selbst instrumentalisiert, d.h. die Verbreitung wissenschaftlicher Erkennt­nisse wird von Kir­che, Wissenschaft und Politik verhindert, weil sie dem ideologischen Welt­bild widersprechen oder wis­senschaftliche Erkenntnisse werden so interpretiert, dass sie eine spezifische Ideologie zu stützen scheinen. (vgl. Feyerabend 1983: 215 ff.)

1.6.3 Zusammenfassung

Man kann Feyerabend als Skeptiker, als Anarchisten oder als Menschenfreund einstufen, gleichgültig wie, seine Thesen und Begründungen zur Wissenschaftstheorie entbehren gewiss nicht einer bedenkenswerten Plausibilität, und Jeder, der sich mit der Wissenschafts­theorie beschäftigt, sollte ihn einmal gelesen haben, er wird wahrscheinlich daran erinnert, dass seine Ausbildung gar nicht so weit von der Kritik Feyerabends entfernt ist. Die Ver­schulung des Studiums (insbesondere durch Bachelor und Masters) lässt keinen Raum für die Beschäfti­gung mit anderen Disziplinen, die Autorität des Professors ist unantastbar, das selektive Wis­sen, dass vermittelt wird, muss nur noch re­petiert werden, Kreativität und Spontaneität, Hu­mor und Kritik sind in dieser Konformismus fordernden Institution unerwünschte Verhal­tensweisen, die den Lehrbetrieb stören und darum auch häufig negativ sanktioniert werden.

Für Feyerabend ist das Wissen entscheidend, die Pluralität von Theorien, Methoden und Mo­dellen, die kognitive Flexibilität, die der „Induktion eine Kontrainduktion, der Vernunft eine Unvernunft oder dem Bewussten ein Unbewusstes“ entgegen setzen kann, die konkurrieren­den wissen­schaftlichen Schulen unterliegen der kritischen Reflexion, sowohl intern als auch extern. Die großen Erkenntnisse der Wissenschaft sind - aus seiner Sicht - nicht durch Kon­formismus entstanden, sondern weil sich diese Wissenschaftler nicht von den „… Gesetzen der Vernunft, Grundsätzen der Rationalität oder unveränderbarern Naturgesetzen“ haben bluf­fen lassen, sondern ihre eigenen Wege gegangen sind. (vgl. Feyerabend 1985: 249ff.)

Das bedeutet natürlich nicht, dass die gegenwärtig geltenden Ansichten nicht zu lernen sind, sondern vielmehr, das gerade durch die Kenntnis der tradierten Ansätze Probleme erkannt werden können, aber nur wenn eine Konkurrenz und eine offene Diskussion möglich ist. Wo­gegen sich Feyerabend an­scheinend vehement wendet, ist eine einseitige Entwicklung, die Fixierung nur auf die Gegenwart, die Gleichmacherei, der Universalisierungsanspruch, die Unterordnung unter Prinzipien der formalen Logik und der absolute Wahrheitsanspruch. Diese starren Muster und Schemata möchte er aufgelöst sehen. Dass er die Wissenschafts­sprache und die formale Logik beherrscht, zeigen seine historischen und aktuellen Beispiele aus Physik, Astronomie und Wis­senschaftstheorie.

1.7 Konstruktivismus

Definition:

"In der gegenwärtigen Erkenntnistheorie behauptet der "Radikale Konstruktivismus", daß Kog­nitionen (Wahrnehmungen, Aufmerksamkeit, Erinnern, Urteilen, Vorstellen, Antizipieren, Pla­nen, Entscheiden, Problemlösen, Ideen. usw.) die Wirklichkeit nicht ab­bilden. Das die Sinnes­empfindungen verarbeitende Gehirn repräsentiere nicht die äußere Realität, vielmehr konstru­iere sie" (Lexikon der Soziologie)

„Der so genannte Radikale Konstruktivismus ist eine philosophische Theorie der Wahr­nehmung und der Erkenntnis. Er verabschiedet den Glauben an eine beobachterunab­hängige, objektive Realität. Alle Erkenntnis sei zurückzuführen auf die Ordnung und Organisation von Erfahrun­gen in der Welt unseres Erlebens. Daraus ergibt sich die Un­möglichkeit eines Abbildes oder ei­ner Beschreibung einer absoluten Wirklichkeit. Die Bezeichnung „Radikaler Konstruktivismus” und die explizite Formulierung als erkennt­nistheoretisches Modell gehen auf von Glasersfeld zurück.

Radikal meint dabei, dass es keine Möglichkeit gibt, festzustellen, ob eine solche be­obachterun­abhängige, objektive Realität überhaupt existiert. Der (radikale) Konstrukti­vismus stellt keine streng einheitliche Theorie dar, sondern entspricht eher einem inter­disziplinärem Diskurs einer Erkenntnistheorie zum Paradigma „selbst organisierender Prozesse”. Er möchte als eine Art Metadisziplin anderen wissenschaftlichen Disziplinen ein erkenntnistheoretisches Fundament liefern.“

(http://www.wu.ac.at/pmg/fs/ans/ansatz.pdf)

1.7.1 Einleitung

Der Konstruktivismus ist ein Erkenntnisansatz, der sich gegen tradierte Denk- und Erkennt­nisan­sätze richtet. Er geht davon aus, dass Wahrheit und Objektivität Begriffe sind, die dem Erkenntnispro­zess nicht hinreichend widerspiegeln. Die Vertreter des Konstruktivismus präfe­rieren eine Erkenntnis, die im Gegensatz zu den Empirikern und kritischen Rationalisten von einer sogenannten selbstreferen­ziellen und autopoietischen Funktionalität des menschlichen Gehirns (sie berufen sich dabei auf biolo­gische Erkenntnisse) ausgeht, was so viel heißt wie, das Gehirn organisiert und reproduziert sich selbst bzw. der Prozess der Reproduktion kann zwar durch äußere Reize angeregt werden, aber grundsätzlich ist der Mensch ein geschlosse­nes autopoietisches System. Luhmann unterscheidet bei­spielsweise zwischen System Körper und dem System Bewusstsein, der Körper besitzt eigene Regula­tionsmechanismen (chemi­sche, physikalische) und die Psyche (Bewusstsein) ebenfalls (Denken, Füh­len). Die Offenheit der Systeme zeigt sich daran, dass Reize von innen bzw. von außen sich dem Be­wusstsein aufdrängen, Systeme haben einen hochselektiven Kontakt zu anderen Systemen, der über Kommunikation vermittelt wird. Das Bewusstsein übernimmt dabei die Interpretation dieser Reize und vergleicht sie mit den internalisierten Erfahrungen, d.h. das Bewusstsein konstru­iert selbständig die Bedeutung dieser Reize.

Der Radikale Konstruktivismus deutet Erkenntnis als einen Prozess der Wahrnehmungen, als Kon­struktion unseres Gehirns, nicht mehr die Objektivität, sondern die Subjektivität wird in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt. Die sogenannte Objektivität ist nichts anderes als eine selbstkon­struierte Wirklichkeit des Individuums, insofern wird alle Erkenntnis als sub­jektive Konstruktion be­trachtet, die durch konsensfähige rsp. konsensunfähige Kommunika­tion mit anderen Individuen an­scheinend zur Realität wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 565 Seiten

Details

Titel
Empirische Sozialforschung. Darstellung von Wissenschaftstheorie, Forschungsansätzen, Forschungsspraxis und Qualität der Forschung
Autor
Jahr
2015
Seiten
565
Katalognummer
V301992
ISBN (eBook)
9783668011342
ISBN (Buch)
9783668011359
Dateigröße
10341 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hierbei geht es nicht nur um die Systematik der empirischen Sozialforschung, sondern vielmehr um die wissenschaftstheoretischen Grundlagen, die Probleme und die Qualität der Forschung.
Schlagworte
Empirische Sozialforschung, Wissenschaftstheorie, Forschungspraxis, Qualität der Sozialforschung, Probleme der empirischen Sozialforschung, kritische Forschung, Forschungsansätze, qualitative Sozialforschung, quantitative Sozialforschung
Arbeit zitieren
Dr. phil. Rudolf Kutz (Autor), 2015, Empirische Sozialforschung. Darstellung von Wissenschaftstheorie, Forschungsansätzen, Forschungsspraxis und Qualität der Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301992

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